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Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

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Kultur und Wissen
Die Literatur kommt zum achten Mal in Köln in (den) Fluss
Trotz blutiger Nase kein Reinfall
Von Michael Recknagel

Auf der A3 Richtung Köln kam etwas vom Himmel herunter, das nicht mehr Regen war und noch nicht ganz herab stürzender Ozean. Die Fahrbahn war nicht mehr zu sehen, die Wagen fuhren bis auf die üblichen Verrückten fünfzig, höchstens sechzig, und ich dachte mir: Das war’s, Rheinlese, wirklich und wahrhaftig das erste Mal in sieben Jahren ganz und gar ins Wasser gefallen, unrettbar abgesoffen. Da wird sich der Veranstalter Walter Waier dieses Mal mit seiner ebenso ungewöhnlichen wie aufwendigen Veranstaltung eine blutige Nase holen.

Tatsächlich, als ich bei der Rheinlese ankomme, hat Walter Waier eine blutige Nase, aber das lag an versunkenen Feuerstellen in Ufernähe: Beim Tauchen, um die Metallgerüste für die Barhocker zu montieren, hatte ihm das durch den Regen trübe Rheinwasser einen Streich gespielt – dabei hätte er gedacht, nach sieben Rheinlesen jeden Stein und jede Wurzel am Rodenkirchener Ufer zu kennen. „Aber da steckt man nicht drin, genauso wie mit dem Wetter“, Waier lacht kopfschüttelnd, reibt sich über den aufgeschürften Nasenrücken und schaut in den Himmel. Die Wolken haben sich inzwischen verzogen, stahlblau spannt sich das Firmament über dem Rhein, die Wiesen in Rodenkirchen – der „Riviera Kölns“ – dampfen. Im Fluss stehen die Barhocker bereit, die Mikrofone sind eingeschaltet und am Zugang zum Flusskilometer 681,9 staut sich das Publikum an der Kasse.

rheinlese 2008 foto: norman liebold partyschiff
„Jedes Jahr zur gleichen Zeit kommt dieses Partyschiff vorbei...", sagte
Mitveranstalterin Andrea Verspohl | Alle Fotos: Norman Liebold

Die Kölner haben sich nicht vom Unwetter ins Bockshorn jagen lassen, etliche kommen seit Jahren zur Rheinlese, die inzwischen zum Rodenkirchener Kulturleben gehört. „Eine tolle Idee“, meint eine Zuschauerin, „die Dichter ins Wasser zu schicken.“ Sie lässt sich bei einem Glas Rotwein das Wortspiel der Initiatoren Verspohl und Waier auf der Zunge zergehen: „Rheinlese wie Weinlese. Und dazu reinen Rheinwein.“ Sie freut sich offensichtlich schon auf die Wortakkrobatiken der Dichter. Am Strand rekeln sich die Zuschauer und warten gespannt, in der Hand je nach Fasson ein Bier oder einen gepflegten Rotwein. Das Publikum ist erstaunlich gemischt, von gespannt schauenden fünfzehnjährigen Mädchen bis hin zum weißhaarig Bebrillten, der entschieden nach Germanistikprofessor aussieht, ist alles vertreten.

rheinlese köln 2008 vollbach
Bernd Vollbach mit handgearbeiter Gitarre     
und Songs (im Hintergrund „Catharina II“)
Wie auf der Bonner Rheinlese, die vor zwei Wochen exakt 33,6 Kilometer weiter den Rhein hinauf stattfand (wir berichteten), krempelt zuerst der „EifelSlider“ Bernd Vollbach seine Hosenbeine hoch, greift sich seine handgearbeitete Resonator-Gitarre und schreitet in den Fluss. Trotz erwähnter Untiefen am Rodenkirchener Ufer kann Vollbach doch sicher seinen Hocker erklimmen und beginnt ebenso versiert zu spielen wie in Bonn. Die kleine Badebucht verwandelt sich in ein Idyll – die tiefhängende Weiden werden von der sinkenden Sonne vergoldet, die glitzernden Wellen lassen an Rheingold denken.

Zum verträumten Saitenspiel und dem Beifall der etwa 70 Zuschauer stapfen die vier Dichter durch den Sand und gehen ohne innezuhalten ins Wasser. Allen voran Lucien Deprijck, der nicht nur auf der Bonner Rheinlese mit auf dem Hocker im Fluss saß, sondern bereits im zweiten Jahr im Rhein liest. Mit Anke Fuchs und Florian Cieslik folgen zwei erfahrene „Slammer“ durch die Wellen, die bereits bei Fernsehauftritten wie „Slam Tour mit Kuttner“ bei Sat 1 mit dabei gewesen sind. Armin Bings vervollständigt das literarische Quartett, dessen Mitglieder sämtlich in der Kölner Literaturszene beheimatet sind und die, wie Deprijck einführend ausführt, jeder eine eigene Lesereihe in Köln betreut.


Die Dichter schreiten in den Rhein: Lucien Deprijck, Armin Bings, Anke Fuchs und Florian Cieslik (v.l.)

Den Auftakt der Lesung macht Armin Bings mit seiner Geschichte „Eine schöne Zahl“. Der Autor verwebt gänzlich unterschiedliche Episoden des Stadtlebens durch zufällige Berührungen dreier Fremder miteinander: Beginnend mit einem neurotisch auf die Zahl acht fixierten Portier in einem Hotel, schwenkt er mit dessen beobachteten Blick auf einen Reporter über, der für ein Interview mit einer allzu kommerziell gewordenen Punkband ein Panda-Kostüm anziehen muss und schließlich eine wildfremde Frau mit einem frustrierten „Ich mach euch nicht mehr den Panda!“ anranzt.

rheinlese 2008 foto: norman liebold armin bings
Armin Bings – Episoden in einer 
Stadt, verbunden durch eine unend-     
liche Schleife
Die Erzählperspektive wechselt in die Innensicht der irritierten Frau, die gerade einen Seitensprung hinter sich hat und von ihren Gefühlen noch ganz verwirrt ist. Ihren Gefühlen und Erinnerungen folgend wird der Kreis wieder geschlossen: Sie erinnert sich an einen anderen seltsamen Mann: Den Portier von dem Hotel, in dem sie mit dem Fremden geschlafen hatte, und der ihr den Schlüssel zum Zimmer 108 reichend entrückt erklärt hatte, dass die Acht eine ausgesprochen schöne Zahl sei. Bings glänzt hier, ebenso wie in seinen anderen Geschichten und Gedichten, durch schön beobachtete Momente im Leben, durch genaue Beschreibung intensiver oder absurder Empfindungen und durch sauber konstruierte Handlungen.

Lucien Deprijck schließt mit zwei kurzen Geschichten an, die gegensätzlicher nicht sein könnten. In der ersten – „Bei Südwind“ – versucht ein Verlassener, sich seine Liebe und die quälende Sehnsucht mit allen möglichen und unmöglichen Mittel aus dem Leib zu ätzen, um, als sie schließlich verschwindet, nichts anderes zu tun, als ihr hinterher zu eilen. Die zweite beschreibt Boris N., den alle ohne wirklichen Grund – gleichsam nur aufgrund seiner bloßen Existenz – hassen. Einschließlich des Ich-Erzählers, der sich jedoch zwingt, ihm wider Willen zu helfen. Bis er schließlich, sehr zur Überraschung des Publikums, dem Drang endlich nachgibt und ihn ebenfalls einfach schlägt. Etwas, das er, wie er betont, schon viel früher hätte tun sollen.

rheinlese 2008 foto: norman liebold lucien deprijck tsunami-welle
Kein Zweifel: Diese Literatur macht Wellen – Deprijck liest „Das Bankgeheimnis“

Deprijck hält die berechnete Absonderlichkeit seiner Texte durch, die es auf schwer beschreibliche Weise schaffen, eine feine Dissonanz zu erzeugen. Eine Dissonanz, die, wie ich finde, ein schönes Gegengewicht zu den zum Teil recht vorhersehbaren Texten dieser Rheinlese bilden: Sie sind nicht in ihrer Gänze verstehbar, die Bilder stehen jedoch klar und deutlich vor Augen. Wenn der 48jährige Autor seinen modernen Don Quijote dem „Bankgeheimnis“ nachjagen lässt, das er weltfremd für ein Geheimnis hält, das die Banken vor der Welt verborgen halten; und wenn dieser schließlich wegen seines seltsamen Verhaltens für den Mittäter eines Bankraubes gehalten wird, dann dringt neben dem Amüsement über den Trottel zugleich das Gefühl ins Bewusstsein, dass wir selbst in dieser komplexen, seltsamen, neurotischen Welt vieles ebenso wenig durchschauen.

Anke Fuchs und Florian Cieslik warfen sich als die „Slammer“ unter den Autoren regelrecht die poetischen Bälle, indem sie abwechselnd kurze, pointierte und lyrisch durchkomponierte Texte zum Besten gaben.

rheinlese 2008 foto: norman liebold anke fuchs liest
Anke Fuchs slammt ihre Texte frei aus dem Gedächtnis – bei den zum Teil höchst komplexen Wortkaskaden eine echte Meisterleistung.

Wobei sie denkbar verschieden sind: Während Fuchs verspielte Wortkaskaden mit hintersinnigem, feinem, zuweilen hinterhältigem Humor dem Publikum präsentiert, reizt Cieslik die Lachmuskeln mit etwas deftigeren Tönen. So ermordet eine Frau ihren allzu sehr „Titten“ anstarrenden schmerbäuchigen Mann, indem sie ihn am Strand spielerisch eingräbt und dann einen Sonnenschirm durch seinen Leib treibt – ein Unfall natürlich. Oder er rühmt mit „Kurze schlichte Furzgeschichte“ den besonderen Duft der Angebeteten. Das Publikum hat hörbar Spaß, wenn Allgemeinplätze von Frauen und Männern in lyrischer, hie und da provokanter Wortwahl zum Besten gegeben werden, das ganze routiniert und mit passendem, leicht rotzigen Tonfall vorgetragen.

Als Gegengewicht lenkte Anke Fuchs den Blick eher wieder von den Allgemeinplätzen weg und versuchte sie zu enttarnen, indem sie die Idiotie der Werbeversprechen thematisierte oder gefühlvoll in die Seelen der Menschen leuchtete. Am beeindruckendsten hier „Was wisst ihr denn schon davon“, wo in berührender Weise geschildert wird, dass Menschen, ohne sich zu verstehen, aneinander vorüber gehen, obwohl sie sich so viel zu sagen hätten. Gefangen in ihren Vorurteilen entstehen Missverständnisse, die noch nicht einmal ausgesprochen werden und ungeklärt und ohne Auflösung in eine Welt zurücksinken, die um vieles besser sein könnte.

rheinlese 2008 foto: norman liebold  Lucien Deprijck, Armin Bings, Anke Fuchs und Florian Cieslik
Die Literaten im Fluss und ein vorbeirasendes Rheinschiff

Der von Armin Bings zu Anfang der Lesung versprochene Sonnenuntergang war in der Tat wunderschön, die Nacht kam mit unzähligen Sternen, und auch die Rheinlese hielt ein weiteres Mal, was sie versprochen hatte. Ein wenig enttäuscht allein zeigte sich Walter Waier hinter seiner blutigen Nase, dass es weniger Zuschauer waren als im letzten Jahr, allerdings wesentlich mehr, als er nach dem Wolkenbruch erwartet hatte. „Ich hatte mich schon darauf vorbereitet, dass fünf oder zehn Leute unter ihren Regenschirmen hocken“, erklärte er und strahlte dann wieder. Natürlich wird es 2009 – trotz ewiger Rangeleien mit Dutzenden Ämtern um Erlaubnisse – eine weitere Rheinlese in Bonn und Köln geben. Die Veranstaltung ist ein Stück Kultur, und mittlerweile ist sie auch zu einem Stück Köln geworden, auf das sich viele jedes Jahr aufs Neue freuen. Und vielleicht wird es sie nächstes Jahr neben Bonn und Köln dann auch in ein paar Kilometer stromabwärts geben. (CH)

Weitere Informationen
unter www.rheinlese.de

rheinlese 2008 foto: norman liebold füße im rhein
Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Norman Liebold


Online-Flyer Nr. 161  vom 27.08.2008



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