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Literatur
Der Fortsetzungsroman in der NRhZ – Folge 24
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die überarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.
8) Wir sind alle gezeichnet (Fortsetzung)
Bei der Honnefprüfung war ihm Scheffels Stoßseufzer eingefallen: „Römisch Recht, gedenk ich deiner, liegt‘s wie Alpdruck auf dem Herzen, liegt‘s wie Mühlstein mir im Magen, ist der Kopf wie brettvernagelt.“ Im Prinzip gab es keine Zwischenprüfung an der Juristischen Fakultät. Nur für Honnefempfänger gab es im dritten Semester doch eine Zwischenprüfung, eine Honnefprüfung.
Man musste seine Eignung unter Beweis stellen, seine Leistungen vorzeigen, sonst gab‘s kein Geld mehr.
Er hatte bislang mehr Philosophie und Soziologie als Jura studiert und war ziemlich leichtfertig zu dieser Prüfung gegangen.
Sie war ihm egal gewesen, das hatte sich gerächt. „Sie müssen mehr tun, wenn Sie ein ordentliches Examen machen wollen“, sagte der eine Professor bei der Verabschiedung. „Wir haben noch mal ein Auge zugedrückt“, sagte der andere Prüfer. „Erwarten Sie nicht, dass es im juristischen Staatsexamen ebenso human zugeht.“ Als ob Examina human wären, wenn man aus dem Dreck kommt, wenn einem die Zusammenhänge fehlen, wenn man Formulierungsschwierigkeiten und Hemmungen hat, wenn es immer um die Wurst geht, ganz gleich bei welcher Prüfung. Er hatte gebetet, damals, vor der Abiturprüfung. Lieber Gott, lass es mir gelingen, lass mich das Abitur bestehen. Auf dem Flur hatte er gestanden, während sie drinnen berieten. Und er hatte die ganze Zeit gebetet.
Aber mit der Zeit verlernt man das Beten. Er hatte sich vorgenommen, auch in Notlagen nicht mehr zu beten, diesem Selbstbetrug ein Ende zu setzen. Wenn man keinen Atem zum Kämpfen mehr hatte, fing man an zu beten. Zu einem gütigen alten Mann mit weißem Bart oder zu etwas Ähnlichem. Damals glaubte er noch an so etwas, und diese Fragen waren ihm sehr wichtig gewesen. Ob es einen Gott gibt. Ob Gottes Sohn Fleisch und Blut geworden ist und Fleisch und Blut zu Brot und Wein werden.
Alles, was er inzwischen wusste, war, dass er nicht wusste, ob es einen solchen Gott gibt oder nicht. Musste es unbedingt ein solcher Gott sein, der allem Lebenden Sinn verleiht? Was nützte alles Beten, wenn man nicht handelte? Was nützten Vertröstungen und schöne Worte, wenn man in einer unmenschlichen Gesellschaft lebte? „Ich interessiere mich nicht besonders für Jura“, hatte er den Prüfern geantwortet, grinsend vor Verlegenheit. Sie hatten ihn für unverschämt gehalten, das war sicher. „Jura mache ich eigentlich nur so nebenbei“, hatte er gesagt, „man muss ja später mal einen Broterwerb haben.“ Wenn sie das vorher gewusst hätten...
Da saß er vor einem Lehrbuch, das er eigentlich ganz hatte durchlesen wollen, und schaffte nicht einmal zehn Seiten. Wirklich, Jura machte keinen Spaß. Diese Theorien, Definitionen, Grundsatzurteile, Lehrmeinungen, Gesetzestexte, Auslegungen und Kommentare, das war alles so blutleer, so lebensfremd. Es ergab keinen Zusammenhang.
Gewiss, Soziologie, Philosophie oder Germanistik machten erheblich mehr Spaß; wenn man einmal von Statistik, Althochdeutsch oder Dogmatik absah. Aber was sollte man mit solchen Fächern später anfangen? Und wie sollte man mit so einem Fach fertig werden, wenn man erst mit einundzwanzig Jahren zu lesen begonnen hatte? Da fehlten mindestens fünf Jahre, die ihm andere voraus waren.
In Jura war das anders. Wer am meisten paukte, war der beste Jurist. Diese Chance galt es zu nutzen. Zur Belohnung wurde man dann Richter, Staatsanwalt, Rechtsanwalt, Syndikus, Regierungsrat und so weiter, das ging dann ganz automatisch. Man bekam einen angesehenen, gut dotierten Posten. Er würde Jura zu Ende machen, das hatte er sich vorgenommen. Obwohl Radbruch gesagt hatte, dass der verfehlte Beruf die größte Sünde, recht eigentlich die Sünde wider den Heiligen Geist, den eigenen dadurch verkümmerten, verkrüppelten Geist sei. Um zu verkümmern, musste man erst einmal gesund sein. Studieren war noch kein Beruf, das war vielleicht eine Möglichkeit, gesund zu werden.
Er nahm den Topf mit dem Tauchsieder aus dem Schrank, um sich Kaffee zu kochen. Schon wieder musste er an Lina denken.
Am liebsten wäre er den ganzen Tag mit ihr zusammen gewesen.
Wie sollte das weitergehen? Räumlich von ihr getrennt zu sein, war eine Entbehrung. In ihrer Nähe lebte er mehr. Keine Depressionen, keine Selbstmordgedanken, keine Lebensangst. Wenn sie zusammen waren, fühlte er die Kraft für ein langes, schöpferisches Leben. Alles, was Lina tat oder sagte, brachte ihn auf neue Gedanken. Das war anders, diesmal, als damals mit Karin. Diesmal war alles viel bewusster, sogar die körperliche Liebe, und dadurch viel intensiver. Dennoch gab es keinen Besitzanspruch.
Was will ich eigentlich mehr?, dachte er bei sich. Am liebsten wäre er auf der Stelle zu ihr gegangen. Aber sie saß in einem Proseminar über alte Geschichte.
Auf der Fensterbank lag der Steppenwolf von Hermann Hesse.
„Geh heim, Harry, und schneide dir die Kehle durch! Lang genug hast du damit gewartet.“ Das war kein Ausweg, ein akademisches Examen war besser. Möglichst ein Prädikatsexamen. Dann konnte man promovieren und alle Türen standen einem offen.
Das Lehrbuch ödete ihn an. Er klappte es zu und nahm den Steppenwolf zur Hand. In letzter Zeit hatte er einen richtigen Lesefimmel.
Innerhalb von zehn Tagen war er auf sechs Bücher gekommen.
Zuerst Vater Goriot von Balzac. Der Roman war in einer Soziologievorlesung als eine der besten Darstellungen der französischen Gesellschaft des neunzehnten Jahrhunderts empfohlen worden. Der Professor hatte gemeint, man müsse Schriftsteller wie Balzac, Dickens, Dostojewski, Strindberg, Heinrich und Thomas Mann, Zuckmayer und so weiter einfach mal gelesen haben; das gehöre für einen Soziologen zur Allgemeinbildung.
Dann hatte er sich den Ulysses von James Joyce geholt. Das Buch war seit längerem als besonders gelungene Literatur im Gespräch, aber er hatte es nach den ersten zwanzig Seiten schon wieder beiseite gelegt. So etwas zu kapieren schien nicht jedermanns Sache zu sein, und merkwürdigerweise propagierten es Leute, die es offensichtlich nicht oder nicht zu Ende gelesen hatten.
Stattdessen hatte er Dostojewskis Schuld und Sühne, Kafkas Prozess und Zuckmayers Hauptmann von Köpenick verschlungen.
Warum ist Studieren so schwer? Könnte Studieren nicht ein Spiel sein? Man würde sich über alles unterhalten, in Gruppen zusammenkommen, debattieren, fesselnde Lehrbücher lesen. So hatte er es sich vorgestellt. Aber in Wirklichkeit hieß es Pauken, Scheine machen. Jeweils zwei Scheine im Bürgerlichen Recht, im Strafrecht und im Öffentlichen Recht. Hinzu kam ein weiterer Schein nach freier Wahl im Handelsrecht, Arbeitsrecht oder Zivilprozessrecht.
Drei Jahre bestand das Leben nur noch aus Vorlesungen, Klausuren, Hausarbeiten, Seminaren und Übungen.
Wer am besten auswendig lernen kann, ist obenauf. Eigene Gedanken sind unerwünscht. Das Betreten des Rasens ist strengstens untersagt, die geistigen Höhenflüge finden auf den ausgetrampelten Wegen statt.
Mit einem Repetitorium war das alles kein Problem. Er hatte sich entschlossen, ein Repetitorium zu bestellen. Die Hefte kosteten alles in allem etwa sechshundert Mark, die konnte er in den Semesterferien auf dem Bau verdienen. Da hatte er auf rund viertausend Seiten alles zusammen, was man für so ein Staatsexamen braucht. Und kurz vorher konnte man sich für hundertfünfzig Mark noch eine Sammlung von Prüfungsprotokollen der jeweiligen Prüfer zuschicken lassen. Das war wichtig, weil man wissen musste, was die Prüfer wissen wollten.
Außerdem bestand die Möglichkeit, parallel zum Studium an der Uni einen Kurs bei einem Repetitor zu besuchen. Das war sozusagen eine teure „Privat-Uni“ für die Bessergestellten. Aber es war fast schon die Garantie für ein bestandenes Examen. Natürlich konnte er sich so eine „Quetsche“, so einen Nürnberger Trichter, nicht leisten, das Kompendium würde reichen müssen.
So sah das nämlich aus mit dem wissenschaftlichen Studium.
Das musste man erst mal begriffen haben, dann war das nur noch halb so schlimm.
Lesen Sie in der kommenden Ausgabe die Fortsetzung von Wolfgang Bittners Roman und das neunte Kapitel „Ein Bild und eine Liebe“.
(CH)
© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
Horlemann Verlag, Postfach 1307, 53583 Bad Honnef,
Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
www.horlemann.info
Online-Flyer Nr. 163 vom 10.09.2008
Der Fortsetzungsroman in der NRhZ – Folge 24
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

8) Wir sind alle gezeichnet (Fortsetzung)
Bei der Honnefprüfung war ihm Scheffels Stoßseufzer eingefallen: „Römisch Recht, gedenk ich deiner, liegt‘s wie Alpdruck auf dem Herzen, liegt‘s wie Mühlstein mir im Magen, ist der Kopf wie brettvernagelt.“ Im Prinzip gab es keine Zwischenprüfung an der Juristischen Fakultät. Nur für Honnefempfänger gab es im dritten Semester doch eine Zwischenprüfung, eine Honnefprüfung.
Man musste seine Eignung unter Beweis stellen, seine Leistungen vorzeigen, sonst gab‘s kein Geld mehr.
Er hatte bislang mehr Philosophie und Soziologie als Jura studiert und war ziemlich leichtfertig zu dieser Prüfung gegangen.
Sie war ihm egal gewesen, das hatte sich gerächt. „Sie müssen mehr tun, wenn Sie ein ordentliches Examen machen wollen“, sagte der eine Professor bei der Verabschiedung. „Wir haben noch mal ein Auge zugedrückt“, sagte der andere Prüfer. „Erwarten Sie nicht, dass es im juristischen Staatsexamen ebenso human zugeht.“ Als ob Examina human wären, wenn man aus dem Dreck kommt, wenn einem die Zusammenhänge fehlen, wenn man Formulierungsschwierigkeiten und Hemmungen hat, wenn es immer um die Wurst geht, ganz gleich bei welcher Prüfung. Er hatte gebetet, damals, vor der Abiturprüfung. Lieber Gott, lass es mir gelingen, lass mich das Abitur bestehen. Auf dem Flur hatte er gestanden, während sie drinnen berieten. Und er hatte die ganze Zeit gebetet.
Aber mit der Zeit verlernt man das Beten. Er hatte sich vorgenommen, auch in Notlagen nicht mehr zu beten, diesem Selbstbetrug ein Ende zu setzen. Wenn man keinen Atem zum Kämpfen mehr hatte, fing man an zu beten. Zu einem gütigen alten Mann mit weißem Bart oder zu etwas Ähnlichem. Damals glaubte er noch an so etwas, und diese Fragen waren ihm sehr wichtig gewesen. Ob es einen Gott gibt. Ob Gottes Sohn Fleisch und Blut geworden ist und Fleisch und Blut zu Brot und Wein werden.
Alles, was er inzwischen wusste, war, dass er nicht wusste, ob es einen solchen Gott gibt oder nicht. Musste es unbedingt ein solcher Gott sein, der allem Lebenden Sinn verleiht? Was nützte alles Beten, wenn man nicht handelte? Was nützten Vertröstungen und schöne Worte, wenn man in einer unmenschlichen Gesellschaft lebte? „Ich interessiere mich nicht besonders für Jura“, hatte er den Prüfern geantwortet, grinsend vor Verlegenheit. Sie hatten ihn für unverschämt gehalten, das war sicher. „Jura mache ich eigentlich nur so nebenbei“, hatte er gesagt, „man muss ja später mal einen Broterwerb haben.“ Wenn sie das vorher gewusst hätten...
Da saß er vor einem Lehrbuch, das er eigentlich ganz hatte durchlesen wollen, und schaffte nicht einmal zehn Seiten. Wirklich, Jura machte keinen Spaß. Diese Theorien, Definitionen, Grundsatzurteile, Lehrmeinungen, Gesetzestexte, Auslegungen und Kommentare, das war alles so blutleer, so lebensfremd. Es ergab keinen Zusammenhang.
Gewiss, Soziologie, Philosophie oder Germanistik machten erheblich mehr Spaß; wenn man einmal von Statistik, Althochdeutsch oder Dogmatik absah. Aber was sollte man mit solchen Fächern später anfangen? Und wie sollte man mit so einem Fach fertig werden, wenn man erst mit einundzwanzig Jahren zu lesen begonnen hatte? Da fehlten mindestens fünf Jahre, die ihm andere voraus waren.
In Jura war das anders. Wer am meisten paukte, war der beste Jurist. Diese Chance galt es zu nutzen. Zur Belohnung wurde man dann Richter, Staatsanwalt, Rechtsanwalt, Syndikus, Regierungsrat und so weiter, das ging dann ganz automatisch. Man bekam einen angesehenen, gut dotierten Posten. Er würde Jura zu Ende machen, das hatte er sich vorgenommen. Obwohl Radbruch gesagt hatte, dass der verfehlte Beruf die größte Sünde, recht eigentlich die Sünde wider den Heiligen Geist, den eigenen dadurch verkümmerten, verkrüppelten Geist sei. Um zu verkümmern, musste man erst einmal gesund sein. Studieren war noch kein Beruf, das war vielleicht eine Möglichkeit, gesund zu werden.
Er nahm den Topf mit dem Tauchsieder aus dem Schrank, um sich Kaffee zu kochen. Schon wieder musste er an Lina denken.
Am liebsten wäre er den ganzen Tag mit ihr zusammen gewesen.
Wie sollte das weitergehen? Räumlich von ihr getrennt zu sein, war eine Entbehrung. In ihrer Nähe lebte er mehr. Keine Depressionen, keine Selbstmordgedanken, keine Lebensangst. Wenn sie zusammen waren, fühlte er die Kraft für ein langes, schöpferisches Leben. Alles, was Lina tat oder sagte, brachte ihn auf neue Gedanken. Das war anders, diesmal, als damals mit Karin. Diesmal war alles viel bewusster, sogar die körperliche Liebe, und dadurch viel intensiver. Dennoch gab es keinen Besitzanspruch.
Was will ich eigentlich mehr?, dachte er bei sich. Am liebsten wäre er auf der Stelle zu ihr gegangen. Aber sie saß in einem Proseminar über alte Geschichte.
Auf der Fensterbank lag der Steppenwolf von Hermann Hesse.
„Geh heim, Harry, und schneide dir die Kehle durch! Lang genug hast du damit gewartet.“ Das war kein Ausweg, ein akademisches Examen war besser. Möglichst ein Prädikatsexamen. Dann konnte man promovieren und alle Türen standen einem offen.
Das Lehrbuch ödete ihn an. Er klappte es zu und nahm den Steppenwolf zur Hand. In letzter Zeit hatte er einen richtigen Lesefimmel.
Innerhalb von zehn Tagen war er auf sechs Bücher gekommen.
Zuerst Vater Goriot von Balzac. Der Roman war in einer Soziologievorlesung als eine der besten Darstellungen der französischen Gesellschaft des neunzehnten Jahrhunderts empfohlen worden. Der Professor hatte gemeint, man müsse Schriftsteller wie Balzac, Dickens, Dostojewski, Strindberg, Heinrich und Thomas Mann, Zuckmayer und so weiter einfach mal gelesen haben; das gehöre für einen Soziologen zur Allgemeinbildung.
Dann hatte er sich den Ulysses von James Joyce geholt. Das Buch war seit längerem als besonders gelungene Literatur im Gespräch, aber er hatte es nach den ersten zwanzig Seiten schon wieder beiseite gelegt. So etwas zu kapieren schien nicht jedermanns Sache zu sein, und merkwürdigerweise propagierten es Leute, die es offensichtlich nicht oder nicht zu Ende gelesen hatten.
Stattdessen hatte er Dostojewskis Schuld und Sühne, Kafkas Prozess und Zuckmayers Hauptmann von Köpenick verschlungen.
Warum ist Studieren so schwer? Könnte Studieren nicht ein Spiel sein? Man würde sich über alles unterhalten, in Gruppen zusammenkommen, debattieren, fesselnde Lehrbücher lesen. So hatte er es sich vorgestellt. Aber in Wirklichkeit hieß es Pauken, Scheine machen. Jeweils zwei Scheine im Bürgerlichen Recht, im Strafrecht und im Öffentlichen Recht. Hinzu kam ein weiterer Schein nach freier Wahl im Handelsrecht, Arbeitsrecht oder Zivilprozessrecht.
Drei Jahre bestand das Leben nur noch aus Vorlesungen, Klausuren, Hausarbeiten, Seminaren und Übungen.
Wer am besten auswendig lernen kann, ist obenauf. Eigene Gedanken sind unerwünscht. Das Betreten des Rasens ist strengstens untersagt, die geistigen Höhenflüge finden auf den ausgetrampelten Wegen statt.
Mit einem Repetitorium war das alles kein Problem. Er hatte sich entschlossen, ein Repetitorium zu bestellen. Die Hefte kosteten alles in allem etwa sechshundert Mark, die konnte er in den Semesterferien auf dem Bau verdienen. Da hatte er auf rund viertausend Seiten alles zusammen, was man für so ein Staatsexamen braucht. Und kurz vorher konnte man sich für hundertfünfzig Mark noch eine Sammlung von Prüfungsprotokollen der jeweiligen Prüfer zuschicken lassen. Das war wichtig, weil man wissen musste, was die Prüfer wissen wollten.
Außerdem bestand die Möglichkeit, parallel zum Studium an der Uni einen Kurs bei einem Repetitor zu besuchen. Das war sozusagen eine teure „Privat-Uni“ für die Bessergestellten. Aber es war fast schon die Garantie für ein bestandenes Examen. Natürlich konnte er sich so eine „Quetsche“, so einen Nürnberger Trichter, nicht leisten, das Kompendium würde reichen müssen.
So sah das nämlich aus mit dem wissenschaftlichen Studium.
Das musste man erst mal begriffen haben, dann war das nur noch halb so schlimm.
Lesen Sie in der kommenden Ausgabe die Fortsetzung von Wolfgang Bittners Roman und das neunte Kapitel „Ein Bild und eine Liebe“.
(CH)
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Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
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Online-Flyer Nr. 163 vom 10.09.2008















