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Globales
Der neue Sonnenkönig auf dem Fest der „Humanité“ in Paris
Spannungen in der PCF nur Zeitungsenten?
Von Franziska Schneider

Von außen sah der junge Franzose unscheinbar aus, wirkte ruhig, zurückhaltend. Doch es stellte sich schnell seine Gesprächs- und Kontaktfreudigkeit heraus. So etwas ereignet sich nicht selten auf der „Fête de l'Humanité“, die vom 12. bis 14. September 2008 in Le Bourget, einem Vorort von Paris, stattfand.


Quelle: www.humanite.fr            
Durch das Gewühl auf den Straßen war es leicht, seine Mitreisenden zu verlieren und plötzlich verlassen unter vielen feiernden Menschen zu stehen. So oder ähnlich muss es auch dem jungen Franzosen gegangen sein, der erst am Stand der sozialistischen Tageszeitung Neues Deutschland seinen Durst zu stillen suchte und anschließend seine Hilfe beim Verkauf des begehrten Berliner Biers anbot. Quer durch die Sprachen der Welt, doch wohl am meisten durch Mimik, Gestik und Gefühl, offenbarte er sein Leid, direkt gegenüber vom Schloss Versailles zu wohnen. Seiner dort durch Prunk und Ordnung verursachten Langeweile setzte er drei Tage lang die Vielfalt und Solidarität aller Völker auf der Fête de l'Humanité entgegen.
 
Die französische Zeitung l'Humanité, ehemaliges Zentralorgan der Kommunistischen Partei Frankreichs (PCF), gehört nur noch zu weniger als 50 Prozent der PCF und wird mittlerweile auch von Großunternehmen finanziert. Doch eines ist sicher, die Menschen, die sich auf dem Fest versammelt hatten, setzten sich hoffnungsvoll für eine andere Zukunft ein. Eine Zukunft, in der nicht Geld und Macht wichtig sind, sondern die Solidarität unter den Völkern. Der Name der seit 1920 existierenden Zeitung bezeichnet die Tugend, die in unserer Welt verloren zu gehen scheint. Zur Menschlichkeit trugen der Austausch, die Kommunikation und das Kontaktknüpfen auf dem Fest bei. Statt des Homo oeconomicus wurde auf dem Fest ein Mensch widergespiegelt, der für Gleichheit und Vielfalt der Kulturen eintritt und die Freiheit von Glaubensvorstellungen, Meinungsbildung und Ideen schützen will.

 
Junge Revolutionäre singen das Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung „Die Internationale“

Ein Teil des Festgeländes war voll mit Ständen aller Pariser Stadtteile und sprühte von Liberté, Égalité, Fraternité, die in der Stadt selbst nur verdeckt in Erscheinung treten. Allen voran das Arbeiterviertel Sant Denis, in welchem sich heute der Redaktionssitz der Zeitung befindet. Von Südamerika über Litauen bis zum Kap der Guten Hoffnung waren Stände auf Straßen wie Avenue Ho Chi Minh, Avenue Che Guevara, Avenue Salvador Allende oder Avenue Rosa Luxemburg vertreten. Letztere setzte sich nicht nur praktisch, sondern auch theoretisch mit dem Sozialismus auseinander und kämpfte für internationale Solidarität innerhalb der Arbeiterbewegung. Krieg, Militarismus, Unterdrückung, Folter, Verstoß gegen Menschenrechte, Kinderarbeit und weiteren Grausamkeiten in der Welt wurden an den länderspezifischen Ständen kritisiert und es wurde zur Gegenwehr aufgerufen.
 
Spaltung der Partei?
 
Von einer Spaltung der Partei, wie vom Klüngel auf dem Fest, vor allem aber – wie man mir erzählte – aus manchen Zeitungen zu erfahren war, ist mir als einer der Sprache nicht Mächtigen, nichts aufgefallen. Der darüber entscheidende Parteitag soll demnächst stattfinden. Wohin die politischen Diskussionen auf den zahlreichen Bühnen und Podien führten, blieb mir ebenfalls verborgen. Aber ich fühlte auf den Straßen des Festgeländes Wärme, Herzlichkeit und Vertrauen. Wie lange diese Stimmung noch zu halten ist, und ob der Moment abgepasst wird, bevor die Stimmung zu kippen beginnt, ist ungewiss. Politische Inhalte dürfen nicht verloren gehen, und Konflikte müssen auf humane Weise ausdiskutiert werden. Das Fest bot jedenfalls Gelegenheit, in den Diskurs mit den Wählern einzusteigen und auch unter den Genossen Probleme anzusprechen. Um Mut und Kampfeswillen zu stärken und eine an die gleichen Ziele glaubende Gemeinschaft zu mobilisieren, ist die alljährlich stattfindende Fête de l'Humanité unabdingbar. Doch die PCF muss auch Perspektiven öffnen, die es neuen Strömungen mit ihren Hoffnungen ermöglichen, sich mit deren Zielen zu vereinen.
 

In was für eine Zukunft werden
diese großen, runden Kinderaugen
blicken?
Laut l'Humanité sollen 500.000 Menschen auf dem Fest gewesen sein. Mir sind viele Genossen begegnet, die sich jedes Jahr regelmäßig am Stand des Neuen Deutschland mit Wurst, Gewürzgurke, Senf und Bier beköstigen lassen und das Gespräch suchen. Auch junge Leute haben gezielt Kontakt gesucht, interessiert an den linken Bewegungen – insbesondere an der LINKEN – in Deutschland, glücklich ihr Deutsch zum Einsatz bringen zu können und ohne Scheu vor dem Schnaps, der im Sortiment war. Tradition und neue Strömungen mischten sich und nicht selten kam es vor, dass Jung und Alt am Stand zusammentrafen und für Stunden dort verweilten.

 
Der oben erwähnte aus der Nähe vom Schloss des absolutistischen Sonnenkönigs Louis XIV stammende Automechaniker verkaufte das Bier in Rekordzeit und übertrug seinen Spaß und seine Freude nahtlos auf die Umgebung. Dass weniger Besitz, Ansehen und Macht, sondern Solidarität der Völker wichtig ist, um glücklich zu sein, war dem an diesem geschichtsträchtigen Ort Wohnenden bewusst. Aus und mit der Geschichte lernen, heißt in die Zukunft blicken und im richtigen Moment anzupacken. Rio Reiser hat einst gesungen: „Alles verändert sich, wenn Du es veränderst, und Du kannst nicht gewinnen, solange du allein bist.“ (PK)

Fotos: Heinz und Franziska Schneider

Online-Flyer Nr. 165  vom 24.09.2008



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