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Literatur
Der Fortsetzungsroman in der NRhZ – Folge 26
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Der Protagonist Erich Wegner arbeitet nach Abschluss der Schule im Tiefbau, aber in ihm reift allmählich der Entschluss, seine Situation zu verändern. Er holt das Abitur nach, beginnt Jura zu studieren und absolviert erfolgreich eine akademische Laufbahn. Eine verheißungsvolle Zukunft scheint vor ihm zu liegen, doch seine Hoffnungen und Erwartungen erfüllen sich nicht; sie werden durchkreuzt von seinen Vorstellungen von einem humanen und selbstbestimmten Leben in einer sozialen Gesellschaft. Er überlegt, fortzugehen, neu anzufangen. Es bleibt die Frage, ob Wegner jemals eine echte Chance hatte.
der aufsteiger wolfgang bittner horlemann-verlag cover
                                                   
Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die überarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.



9) Ein Bild und eine Liebe (Fortsetzung)

Am späten Nachmittag zog er sich um und fuhr mit dem Auto zum Audimax, um Lina abzuholen, die dort von vier bis fünf in einer Vorlesung über römische Geschichte war. Während er auf sie wartete, fiel ihm ein, dass er ihr noch nie Blumen geschenkt hatte. Schnell lief er zwei Ecken weiter zum nächsten Blumenladen.

Aber als er die Preise sah, reichte es gerade noch für eine einzige Rose.
Erstaunlich, wie sehr Frauen sich über Blumen freuen können.
Lina machte einen ganz glücklichen Eindruck mit ihrer Rose, so wie das Mädchen auf dem Plakat in dem Blumenladen mit dem Slogan „Lasst Blumen sprechen“.

Im Auto machte er ihr den Vorschlag, aus der Stadt herauszufahren und spazieren zu gehen. Sie war unter der Bedingung einverstanden, dass sie das Benzin bezahlte. Also tankte er für fünf Mark auf ihre Kosten, und sie fuhren. Lina hatte die Rose vor sich an die Scheibe gesteckt. Sie erzählte, dass die alten Römer bereits künstliche Gebisse, Narkosemittel, Vivisektionen, Fahrstühle, Hypotheken, Schecks und Wechsel kannten, dass sie Fernheizung, Wasserleitung und Kanalisation besaßen, dass es schon damals Gewerkschaften, Blitzableiter und Parlamentsstenographen gab. Wichtige Nachrichten wurden von Brieftauben oder dressierten Schwalben innerhalb weniger Stunden über Hunderte von Kilometern befördert; ja man wusste sogar, dass die Erde eine Kugel ist, die sich um die Sonne dreht. „Man lebte damals gar nicht so viel schlechter als heute“, sagte sie.

„Man“, erwiderte er, „das waren die oberen Zehntausend. Die überwiegende Bevölkerung vegetierte vor sich hin, genau wie heute.“ „Bloß mit dem Unterschied, dass heute jeder die Chance hat, was aus sich zu machen und weiterzukommen.“ Sie tippte ihm an die Schulter. „Du bist doch das beste Beispiel dafür.“ Er dachte darüber nach. War er wirklich ein Beispiel dafür, dass heute, in dieser Gesellschaft, jeder weiterkommen konnte, der es nur wollte? Dieser Gedankengang erschien ihm irgendwie falsch und verlogen. Als könne man die Chancengleichheit damit belegen, dass sich Flick vom Arbeitersohn zum Milliardär „emporgearbeitet“ hatte.

„Ich bin vielleicht ein Beweis dafür“, sagte er, „dass viele Kleinbürger und auch Arbeiter sich ihr Leben lang krampfhaft darum bemühen, einen oder ein paar Schritte näher an den reich gedeckten Tisch der Privilegierten heranzukommen.“ „Du tust so, als sei das etwas Schlechtes“, meinte sie.

„Ist es auch“, erwiderte er. „Es kaschiert die vorhandenen Klassengegensätze und verhindert eine grundlegende Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Diese Möglichkeit aufzusteigen ist sozusagen die Möhre, die man dem Esel vor die Nase hält, damit er immer weiterläuft und nicht bockt.“ „Manchmal verstehe ich dich nicht“, meinte sie. „Du kannst doch wirklich zufrieden mit dem sein, was du bis jetzt erreicht hast.“ „Wenn ich das ganz individualistisch sehe, muss ich dir Recht geben“, entgegnete er. „Mir geht es von Jahr zu Jahr besser.“ Sie fuhren eine mit Obstbäumen bestandene Landstraße entlang.

Als er einen Baum mit reifen Zwetschen sah, hielt er an und pflückte schnell eine Handvoll. Während der Weiterfahrt aßen sie die Zwetschen, und zwischendurch sang er „Wenn man die Welt so durchs Champagnerglas betrachtet“ und „Auch ich war einst ein feiner Csárdáskavalier ...“ „Wenn du fröhlich bist, gefällst du mir viel besser“, sagte sie.

Er sang „Heia, heia, in den Bergen ist mein Heimatland ...“ Anschließend fragte er sie: „Und wie gefall ich dir nicht?“ Sie strich über seinen Arm und küsste ihn zart auf die Wange.
„Eigentlich gefällst du mir immer. Du machst nur in letzter Zeit manchmal einen so verbitterten Eindruck.“ Verbittert, dachte er, das ist richtig. Das richtige Wort. Lina fand immer unter zehn möglichen Ausdrücken den passendsten.

Vor ein paar Monaten hatte sie gesagt, wenn er nicht „etwas verhärmt“ aussähe, könnte man ihn durchaus für einen Casanova halten. Das waren Äußerungen, die sich einprägten. Verhärmter Casanova. Verhärmt / Harm / harmlos. Sie fand immer das zutreffende Wort. Gutes Elternhaus, gute Schulbildung, komplexer Wortschatz, feines Differenzierungsvermögen.

„Wie kann man anders als verbittert sein“, fragte er sie, „wenn man klug genug ist, klug genug geworden ist, die Missstände in dieser Gesellschaft und zum Beispiel auch an der Universität zu erkennen, aber zugleich merkt, dass sich da nichts ändern lässt?“ „Ich glaube, du nimmst das alles ein bisschen zu persönlich“, sagte sie nachdenklich.

Wie soll man so etwas nicht persönlich nehmen, dachte er.
Wenn einem die Borniertheit, Verlogenheit, Ungerechtigkeit, Aggressivität der Repräsentanten dieses Systems, wenn einem ihre Demütigungen auf der Haut brennen. Der Professor ist ja nicht nur ein leutseliger Patriarch, der ab und zu mal ein nettes Witzchen erzählt und sich ansonsten mit dem Abhalten mehr oder weniger langweiliger Vorlesungen begnügt. Er ist ja auch Amtsinhaber, er bewertet Klausuren und Hausarbeiten, stellt Leistungsscheine aus, beziehungsweise verweigert sie, er ist Prüfer und entscheidet als solcher über die berufliche Zukunft. Der Honnefbeamte ist ja nicht nur ein mildtätiger Mäzen, er entscheidet über die Höhe der Studienförderung und über einen Antrag auf Bücherbeihilfe.

Er sagt einem, dass man froh sein könne, überhaupt studieren zu dürfen. Er selber habe diese Chance nicht gehabt.
Es sei doch wirklich begrüßenswert, wenn jetzt sogar schon Arbeiterkinder studieren könnten. Und in den Semesterferien auf dem Bau oder in der Fabrik zu arbeiten, täte den Studenten ganz gut, dann lernten sie auch mal die körperliche Arbeit kennen.

Die Studenten. Als ob die Studenten, für deren Persönlichkeitsentwicklung körperliche Arbeit förderlich wäre, es nötig hätten, auf dem Bau oder in der Fabrik zu arbeiten. Die bereiten sich in den Semesterferien schön auf das kommende Semester vor, arbeiten den Lehrstoff des vergangenen Semesters noch einmal durch, machen im Übrigen Urlaub, entspannen sich, sorgen für einen gesunden Wechsel von Anspannung und Entspannung.

Aber sag so etwas mal laut. Dann bist du ein Neidhammel, ein dummer Querulant. Dem müssen sie es mal zeigen. Auch noch renitent werden, wo kommen wir denn da hin? Und prompt fliegst du raus. Und wenn sich deine Aufsässigkeit herumspricht, wirst du abgesägt, spätestens im Examen. Denn die anderen sitzen immer am längeren Hebel. So ein Honnefbeamter ist ein kleiner Fürst, und so ein Professor ist schon fast ein Herrgott.

Man musste vorsichtig sein, sich zurückhalten, sich ducken.
Lina fand die Beamten nicht so borniert, die Professoren nicht so autoritär, die Politiker nicht so korrupt, die Gesellschaft nicht so unsozial, die Lebensbedingungen nicht so inhuman, die Wirtschaft nicht so kapitalistisch. Klar, sie lebte ja auch von Jugend auf in einem sozialen Rechtsstaat. Für sie waren eine gute Schulbildung, soziale Sicherheit, kulturelle Ambitionen, persönliche Freiheit, Geld, gesellschaftliche Beziehungen und so weiter Selbstverständlichkeiten. Sie kannte von Jugend auf Geborgenheit und Zuwendung. Das akademische Studium war für sie eine Möglichkeit zu Kommunikation, Weiterbildung, größerer Selbständigkeit und Emanzipation. Ihr Professor für alte Geschichte hatte ihr schon zu Beginn des Studiums angeboten, sie könne sich später jederzeit wegen einer Doktorarbeit an ihn wenden.

Er war ein früherer Studienkollege und Corpsbruder ihres Vaters.
Lina fand die Situation an den Universitäten, von kleineren Mängeln abgesehen, völlig in Ordnung.
Sie fuhren unterhalb einer Burgruine vorbei, die wie ein Raubvogelnest hoch oben auf den Felsen lag. „Da haben die Ausbeuter mal gesessen und auf Kosten anderer gut gelebt“, sagte er.

„Wenn man sich überlegt, dass die leibeigenen Bauern die Steine mit Pferdewagen aus einem weit entfernten Steinbruch heranschaffen und diesen steilen Berg hinaufkarren mussten, dann weiß man, was das für Sklaventreiber waren. Und nicht nur die da oben. Hier stößt man alle zehn Kilometer auf eine Burg, ein Schloss oder ein Gut.“ Man konnte jetzt die riesigen Quadersteine der Burgmauern und die halbverfallenen Türme und Zinnen sehen.

Lina amüsierte sich. „Sag mal, du kannst wohl an nichts anderes mehr denken als an Unterdrückung, Ausbeutung und Klassenkampf?“ „Und wenn sie Langeweile hatten“, fuhr er unbeirrt fort, „dann haben sie eben einen kleinen Privatkrieg gemacht. Nur so zum Spaß oder aus närrischen Launen heraus oder weil sie scharf auf das Land ihrer Nachbarn waren. Dabei die Bauern, wie beim Schachspiel, immer als Schutzwehr. Das ist eine alte aristokratische Lebensweisheit.“ Sie lachte. „Du bist ja ganz schön böse auf die alten Aristokraten.

Oder bist du sogar eifersüchtig? Komm, sag die Wahrheit.“ „Eifersüchtig worauf?“, fragte er.
„Na, auf dieses lockere Leben, den Wohlstand, das Nichtstun, die rauschenden Feste und lauschigen Nächte.“ „Genau das wird es sein“, sagte er und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Am Anfang eines Waldweges ließen sie das Auto stehen und wanderten querfeldein, ohne sich an Straßen oder Wege zu halten.
Es ging zuerst durch den Hochwald, dann durch eine Tannendickung hindurch auf eine weite Heidefläche hinaus. Von einem Hügel herab hielten sie Ausschau. Kein Haus im Umkreis von mehreren Kilometern, keine Autostraße, kein Fabrikschornstein.

Sie fassten sich bei der Hand und gingen weiter. Linas Haar war zerzaust und voller Tannennadeln. Sie küssten sich.

„Wenn wir im achtzehnten oder neunzehnten Jahrhundert gelebt hätten“, sagte er im Weitergehen, „wären wir bestimmt zusammen ausgewandert und hätten bei den Indianern in Nordamerika gelebt.“ Lina amüsierte sich. „Wir hätten uns ein Zelt aus Büffelhäuten gebaut“, spann sie den Faden weiter, „du wärst den ganzen Tag auf die Jagd gegangen, und ich hätte Felle gegerbt, Fleisch getrocknet, Essen gekocht und Kinder gekriegt.“ „Nein, so natürlich nicht“, fiel er ihr ins Wort. „Die hatten oft mehr Kultur als die weißen Siedler. Wir hätten mitten unter den Indianern gelebt, frei und ungebunden in der urwüchsigen Natur.

So ähnlich wie in der Zigarettenreklame für Camel Filter.
Und wir hätten ihnen beigebracht, wie man sein Land vor habgierigen Kapitalisten und gewissenlosen Imperialisten schützen kann.“ „Gut“, sagte sie, „diesmal bin ich ausnahmsweise einverstanden.“ Die Sonne war ein großer roter Ball am Horizont. Sie lagen im warmen Heidekraut. So ein Mädchen findet man nicht alle Tage, dachte er. Mit ihr könnte man es für einige Jahre aushalten, vielleicht sogar für immer. „Lina“, sagte er, „ich habe dich sehr gern.“ Sie küsste ihn, und er merkte, wie sich alles in ihm nur auf sie konzentrierte. Da waren ihre Augen, ihre Lippen, ihre Brüste. Da waren ihre geöffneten Schenkel. Da gab es jetzt nur noch sie beide, nackt voreinander und ohne Scheu. Er spürte plötzlich, immer deutlicher, wie sich die Erde unter ihnen bewegte, als sie aufeinander zukamen, wie sie auf einmal zu vibrieren anfing, sich in Eruptionen aufbäumte, und die braunen Äste des Heidekrauts unter ihrem Kopf und ihr Haar dazwischen und die schwarzen Wurzeln und die grünen Rispen wurden auf einmal ganz rot in der untergehenden Sonne.

Dann lagen sie beieinander, müde und glücklich, körperschwer.
Lina streichelte seinen Kopf, und er hatte immer noch einen Arm um sie geschlungen und konnte sich nicht vorstellen, dass er sie je loslassen würde. Sie lagen einfach da und schwiegen, lange, bis es fast dunkel war. Was konnte einem akademisch verbildeten Liebhaber dabei anderes einfallen als dieser Vers, den die Germanistikstudenten in den ersten Semestern lernen: „Under der linden / an der heide, / dâ unser zweier bette was, / Dâ mugt ir vinden / schône beide / gebrochen bluomen unde gras. / Vor dem walde in einem tal, / tanderadei, / schône sanc diu nahtegal.“ Gegen zehn Uhr kamen sie mit einer Tüte voll Champignons, über die sie auf dem Rückweg fast gestolpert waren, nach Hause.

Lina besaß einen kleinen Kocher und eine Pfanne. Ein Rest Rotwein war auch noch da.
Während sie den Tisch deckte, Brot aufschnitt und eine Kerze anzündete, briet er die Pilze. Zwischendurch rieb sie ihm seine Bandscheiben, die wieder schmerzten, mit einer Salbe aus ihrer Hausapotheke ein. Das tat gut. Dazu das hervorragende Abendessen und der Wein. Eigentlich ist es sehr einfach glücklich zu sein, dachte er.

Lesen Sie in der kommenden Ausgabe mit dem Kapitel „München“ die Fortsetzung des Romans von Wolfgang Bittner.
(CH)


© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
Horlemann Verlag, Postfach 1307, 53583 Bad Honnef,
Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
www.horlemann.info


Wolfgang Bittner, Jahrgang 1941, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Der promovierte Jurist schreibt für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Er erhielt mehrere Literaturpreise, ist Mitglied im PEN und Mitarbeiter bei Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen. Er hat mehr als 50 Bücher veröffentlicht, u.a. die Romane „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“, „Niemandsland“ und „Flucht nach Kanada “, den Erzählband „Das andere Leben“ sowie das Sachbuch „Beruf: Schriftsteller“.


Online-Flyer Nr. 165  vom 24.09.2008



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