SUCHE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Globales
Die mortalen Interessen der USA in Lateinamerika
Nach der Schonzeit – Teil 2
Von Wolf Gauer
Fortsetzung von Wolf Gauers Artikel aus der NRhZ 165
Brasiliens Lula, Bushs Vermittler in Südamerika und Partner bei der weltweiten Biospritkampagne für Amerika, wartet ab. Er umarmt zwar gern und medienwirksam Hugo Chávez und Evo Morales, versteht sich aber auch mit Kolumbiens Álvaro Uribe und Perus Alan García, den beiden Musterschülern Washingtons in Südamerika. Es war Lula, der Uribe kürzlich überzeugte, sich nicht länger gegen den gemeinsamen Verteidigungsrat der Unasur (Union der südamerikanischen Nationen) zu sperren. Und es war Lula, der Uribes Forderung nach Vetorecht in diesem Rat akzeptierte. Damit akzeptierte er auch die indirekte Mitsprache der USA in einem Gremium, das ausschließlich zur Verteidigung gegen den US-Imperialismus gegründet wurde.

„Hello – goodbye!“ George W. und Lula da Silva
Foto: carlosar/Agencia Brasil
Foulspiel hinter den Kulissen
Weniger sichtbar als das militärische Drohszenarium sind die Eingriffe in die inneren Strukturen der Länder, das Foulspiel hinter den Kulissen, am ärgsten in Bolivien. „In den letzten 30 Jahren beherrschte die US-Botschaft das gesamte Parteiensystem... sie kommandierte das Parlament, die Justiz und die Streitkräfte“, sagt Juan Ramón Quintana, der Minister des bolivianischen Präsidialamts. „Die Botschaft regierte Bolivien; heute konspiriert sie.“
In La Paz spricht man von den „sechs Armen“ der Botschaft: Da ist der Entwicklungsdienst USAID, weltweit suspekt wegen seiner Desinformations- und Beeinflussungsmethoden. Anfang Juli haben sechs Organisationen bolivianischer Kleinbauern der Region Cochabamba die Zusammenarbeit mit USAID aufgekündigt und deren Personal per Ultimatum fortgeschickt. Grund: systematische Aufstachelung der Landbevölkerung gegen die Regierung Morales und Unterstützung der separatistischen Bestrebungen der weißen Oberschicht in den Departements Tarija, Beni, Pando und Santa Cruz. Mit dem eilends zur Beschwerde eingeflogenen Tom Shannon („We are back“) wurde Tacheles geredet, seine Bewegungsfreiheit in Bolivien beschnitten.

Keine Non- sondern
eine „Governmental
Organisation“
Der zweite Arm kontrolliert das Brotangebot und die Lebensmittelproduktion in den ärmsten Gebieten, und zwar so: Die Botschaft verteilt die vom US-amerikanischen Steuerzahler finanzierten Getreide- und Düngemittelspenden nur an Gegner der Regierung Morales. Wer hungert, wird „umgedreht“ – wer gegen Evo Morales stimmt, darf essen. Dabei hilft Arm Nummer drei, das Peace Corps, ein freiwilliger Entwicklungsdienst, mittlerweile durchsetzt von Informanten und Angehörigen verschiedener „Dienste“. Dennoch wurde Evo Morales bei dem gegen sich selbst angestrengten Amtsenthebungsrefendum am 10. August mit 67,5 Prozent aller Stimmen bestätigt. Das sind 14 Prozent mehr als bei seiner Wahl zum Präsidenten.
An vierter Stelle werden die Drogenbekämpfungsagenturen Drug Enforcement Agency (DEA) und Narcotic Affairs Section (NAS) genannt, die Millionenbeträge ausgeben, ohne bolivianische Stellen darüber zu informieren. Nach bolivianischer Schätzung kommen lediglich zehn Prozent der Mittel bei den vom US-Gesetzgeber bestimmten Adressaten an. Die von beiden Organisationen bezahlte Drogenpolizei wird nunmehr von der bolivianischen Regierung besoldet. Und damit landete Boliven auf der „schwarzen Liste“ der drogenfördernden Länder (16.09.08), geführt von einer Nation, die den weltweit größten Drogenmarkt stellt und traditionell mit dem Drogenhandel kollaboriert, wo immer es ihren Zwecken dient.

Evo Morales (r.) und chilenischer Linkspolitiker Tomás Hirsch
Foto: Humanistisches Forum Lateinamerikas
Als fünfter Arm fungieren die der Botschaft zugeordneten Militärs, die im Auftrag des Pentagon ihre bolivianischen Kollegen gegen die sozialen Ziele der Regierung Morales aufwiegeln. Basisorganisationen, so ihre wichtigste Maxime, bedrohten grundsätzlich die Sicherheit jeder gesellschaftlichen Ordnung. Sechstens schließlich sei die CIA nicht vergessen, die bei Evo Morales’ Regierungsantritt noch über eigene Büros im Präsidentenpalast verfügte.
Die „Goldberg-Variation“
Kommt nun der geneigte Leser zu dem Schluss, dass auch in Bolivien die weltweit betriebene US-amerikanische Politik der „Balkanisierung“ betrieben wurde und die gelegten Brände weiterschwelen, so hat er’s getroffen. Denn geradewegs vom Balkan hat Mrs. Rice den wohl gefährlichsten Agenten des Hochimperialismus nach Südamerika beordert: Philip S. Goldberg, der wenige Monate nach Evo Morales‘ Regierungsantritt zum Botschafter Washingtons in La Paz ernannt wurde.

„Balkanizer" Philip Goldberg
Goldberg war an der Zerstückelung Jugoslawiens beteiligt, zunächst als Mann des State Departments in Bosnien, danach als Missionschef im Kosovo, der inzwischen zur waffenstarrenden US-Basis und zum Garanten für endlose Zermürbung der jugoslawischen Nationalitäten geworden ist. Die Karriere des gefürchteten Spezialisten für Verschärfung ethnischer und rassischer Konflikte schließt den Putsch gegen die legitime, sozialorientierte Regierung Aristide in Haiti ein und die US-amerikanische Militarisierung Kolumbiens.
Stella Calloni, die „Grand old lady“ des südamerikanischen Journalismus fand heraus, dass Goldberg nach seiner Ankunft aus Jugoslawien sofort Kontakt mit der wirtschaftlich führenden kroatischen Minderheit in Santa Cruz de la Sierra aufgenommen habe. Deren Anführer, Branco Marinkovic, hat am entschiedensten die Destabilisierung Boliviens und die illegalen Autonomiebestrebungen der „weißen“ Departements betrieben. Ein weiterer Mittelsmann Goldbergs, Leopoldo Fernández Ferreira, Chef des Departements Pando, wurde inzwischen wegen Mordes in 30 Fällen und Missbrauchs staatlicher Polizeigewalt festgenommen wie die bolivianische Net-Zeitschrift Bolpress am 18.9. 2008 meldet: „So wie einst der Ku-Klux-Klan die Schwarzen“, habe Ferreira die aufseiten Morales stehenden Campesinos, ihre Frauen und Kinder von Kugeln durchlöchern lassen.
Die Dringlichkeitskonferenz der UNASUR in Santiogo de Chile am 15. 9. war der erste südamerikanische Krisengipfel ohne US-amerikanische Beteiligung. Und ihre Beschlüsse ein deutliches Signal an Washington: Sie bestärkte die Haltung der legalen bolivianischen Regierung in allen Punkten und sicherte nachbarliche Unterstützung zu.

Hugo Chávez ahnungslos auf „USS Yorktown" – ein Monat vor dem Putschversuch 2002
In Venezuela motivierte nicht nur Hugo Chávez’ Solidarität mit Bolivien zur Verabschiedung des Botschafters Patrick Duddy: Am 10. September waren Mitschnitte einzelner Abmachungen zur Besetzung des Präsidentenpalasts und zum Abschuss von Chávez’ Dienstmaschine im Fernsehen veröffentlicht worden. Sie erinnerten an den gescheiteren Putsch von 2002 und an die fortdauernden Versuche des Imperiums, den ölreichen Staat Zulia (Maracaibo) von Venezuela abzutrennen. Goldberg-Variationen? Sicherlich, aber Hugo Chávez würde nie und nimmer einen Philip S. Goldberg ins Land lassen. (CH)
Online-Flyer Nr. 166 vom 01.10.2008
Die mortalen Interessen der USA in Lateinamerika
Nach der Schonzeit – Teil 2
Von Wolf Gauer
Fortsetzung von Wolf Gauers Artikel aus der NRhZ 165
Brasiliens Lula, Bushs Vermittler in Südamerika und Partner bei der weltweiten Biospritkampagne für Amerika, wartet ab. Er umarmt zwar gern und medienwirksam Hugo Chávez und Evo Morales, versteht sich aber auch mit Kolumbiens Álvaro Uribe und Perus Alan García, den beiden Musterschülern Washingtons in Südamerika. Es war Lula, der Uribe kürzlich überzeugte, sich nicht länger gegen den gemeinsamen Verteidigungsrat der Unasur (Union der südamerikanischen Nationen) zu sperren. Und es war Lula, der Uribes Forderung nach Vetorecht in diesem Rat akzeptierte. Damit akzeptierte er auch die indirekte Mitsprache der USA in einem Gremium, das ausschließlich zur Verteidigung gegen den US-Imperialismus gegründet wurde.

„Hello – goodbye!“ George W. und Lula da Silva
Foto: carlosar/Agencia Brasil
Foulspiel hinter den Kulissen
Weniger sichtbar als das militärische Drohszenarium sind die Eingriffe in die inneren Strukturen der Länder, das Foulspiel hinter den Kulissen, am ärgsten in Bolivien. „In den letzten 30 Jahren beherrschte die US-Botschaft das gesamte Parteiensystem... sie kommandierte das Parlament, die Justiz und die Streitkräfte“, sagt Juan Ramón Quintana, der Minister des bolivianischen Präsidialamts. „Die Botschaft regierte Bolivien; heute konspiriert sie.“
In La Paz spricht man von den „sechs Armen“ der Botschaft: Da ist der Entwicklungsdienst USAID, weltweit suspekt wegen seiner Desinformations- und Beeinflussungsmethoden. Anfang Juli haben sechs Organisationen bolivianischer Kleinbauern der Region Cochabamba die Zusammenarbeit mit USAID aufgekündigt und deren Personal per Ultimatum fortgeschickt. Grund: systematische Aufstachelung der Landbevölkerung gegen die Regierung Morales und Unterstützung der separatistischen Bestrebungen der weißen Oberschicht in den Departements Tarija, Beni, Pando und Santa Cruz. Mit dem eilends zur Beschwerde eingeflogenen Tom Shannon („We are back“) wurde Tacheles geredet, seine Bewegungsfreiheit in Bolivien beschnitten.

Keine Non- sondern
eine „Governmental
Organisation“
An vierter Stelle werden die Drogenbekämpfungsagenturen Drug Enforcement Agency (DEA) und Narcotic Affairs Section (NAS) genannt, die Millionenbeträge ausgeben, ohne bolivianische Stellen darüber zu informieren. Nach bolivianischer Schätzung kommen lediglich zehn Prozent der Mittel bei den vom US-Gesetzgeber bestimmten Adressaten an. Die von beiden Organisationen bezahlte Drogenpolizei wird nunmehr von der bolivianischen Regierung besoldet. Und damit landete Boliven auf der „schwarzen Liste“ der drogenfördernden Länder (16.09.08), geführt von einer Nation, die den weltweit größten Drogenmarkt stellt und traditionell mit dem Drogenhandel kollaboriert, wo immer es ihren Zwecken dient.

Evo Morales (r.) und chilenischer Linkspolitiker Tomás Hirsch
Foto: Humanistisches Forum Lateinamerikas
Als fünfter Arm fungieren die der Botschaft zugeordneten Militärs, die im Auftrag des Pentagon ihre bolivianischen Kollegen gegen die sozialen Ziele der Regierung Morales aufwiegeln. Basisorganisationen, so ihre wichtigste Maxime, bedrohten grundsätzlich die Sicherheit jeder gesellschaftlichen Ordnung. Sechstens schließlich sei die CIA nicht vergessen, die bei Evo Morales’ Regierungsantritt noch über eigene Büros im Präsidentenpalast verfügte.
Die „Goldberg-Variation“
Kommt nun der geneigte Leser zu dem Schluss, dass auch in Bolivien die weltweit betriebene US-amerikanische Politik der „Balkanisierung“ betrieben wurde und die gelegten Brände weiterschwelen, so hat er’s getroffen. Denn geradewegs vom Balkan hat Mrs. Rice den wohl gefährlichsten Agenten des Hochimperialismus nach Südamerika beordert: Philip S. Goldberg, der wenige Monate nach Evo Morales‘ Regierungsantritt zum Botschafter Washingtons in La Paz ernannt wurde.

„Balkanizer" Philip Goldberg
Stella Calloni, die „Grand old lady“ des südamerikanischen Journalismus fand heraus, dass Goldberg nach seiner Ankunft aus Jugoslawien sofort Kontakt mit der wirtschaftlich führenden kroatischen Minderheit in Santa Cruz de la Sierra aufgenommen habe. Deren Anführer, Branco Marinkovic, hat am entschiedensten die Destabilisierung Boliviens und die illegalen Autonomiebestrebungen der „weißen“ Departements betrieben. Ein weiterer Mittelsmann Goldbergs, Leopoldo Fernández Ferreira, Chef des Departements Pando, wurde inzwischen wegen Mordes in 30 Fällen und Missbrauchs staatlicher Polizeigewalt festgenommen wie die bolivianische Net-Zeitschrift Bolpress am 18.9. 2008 meldet: „So wie einst der Ku-Klux-Klan die Schwarzen“, habe Ferreira die aufseiten Morales stehenden Campesinos, ihre Frauen und Kinder von Kugeln durchlöchern lassen.
Die Dringlichkeitskonferenz der UNASUR in Santiogo de Chile am 15. 9. war der erste südamerikanische Krisengipfel ohne US-amerikanische Beteiligung. Und ihre Beschlüsse ein deutliches Signal an Washington: Sie bestärkte die Haltung der legalen bolivianischen Regierung in allen Punkten und sicherte nachbarliche Unterstützung zu.

Hugo Chávez ahnungslos auf „USS Yorktown" – ein Monat vor dem Putschversuch 2002
In Venezuela motivierte nicht nur Hugo Chávez’ Solidarität mit Bolivien zur Verabschiedung des Botschafters Patrick Duddy: Am 10. September waren Mitschnitte einzelner Abmachungen zur Besetzung des Präsidentenpalasts und zum Abschuss von Chávez’ Dienstmaschine im Fernsehen veröffentlicht worden. Sie erinnerten an den gescheiteren Putsch von 2002 und an die fortdauernden Versuche des Imperiums, den ölreichen Staat Zulia (Maracaibo) von Venezuela abzutrennen. Goldberg-Variationen? Sicherlich, aber Hugo Chávez würde nie und nimmer einen Philip S. Goldberg ins Land lassen. (CH)
Online-Flyer Nr. 166 vom 01.10.2008














