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Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

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Literatur
Der Fortsetzungsroman in der NRhZ – Folge 29
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Der Protagonist Erich Wegner arbeitet nach Abschluss der Schule im Tiefbau, aber in ihm reift allmählich der Entschluss, seine Situation zu verändern. Er holt das Abitur nach, beginnt Jura zu studieren und absolviert erfolgreich eine akademische Laufbahn. Eine verheißungsvolle Zukunft scheint vor ihm zu liegen, doch seine Hoffnungen und Erwartungen erfüllen sich nicht; sie werden durchkreuzt von seinen Vorstellungen von einem humanen und selbstbestimmten Leben in einer sozialen Gesellschaft. Er überlegt, fortzugehen, neu anzufangen. Es bleibt die Frage, ob Wegner jemals eine echte Chance hatte.

der aufsteiger wolfgang bittner horlemann-verlag cover
                                                   
Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die überarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.



10) München (Fortsetzung)

Am besten wäre es natürlich in ihrem Zimmer, da wären sie allein.
Bevor er sich ins Bett legte, nahm er zwei Schmerztabletten und drehte noch kurz das Radio an, um Nachrichten zu hören.

In verschiedenen Städten des Ruhrgebiets waren Demonstrationen.
In Berlin, so hieß es, hatten sich anlässlich des Schahbesuchs gegen Mittag Tausende von Demonstranten und Schaulustigen vor dem Schöneberger Rathaus versammelt. Eine Gruppe von schahfreundlichen Personen habe sich dann mit Demonstranten geprügelt. Die Polizei habe mehrere Demonstranten festgenommen.

Er drehte weiter auf einen anderen Sender. Eine Gruppe von schahfreundlichen Persern, so genannten Jubelpersern, sei mit Holzknüppeln, Totschlägern und Nagelbrettern gegen Demonstranten vorgegangen. Die Polizei habe eine ganze Weile tatenlos zugesehen, um dann die Jubelperser zurückzudrängen und schahfeindliche Demonstranten zu verhaften.

Meinungsfreiheit, wessen Freiheit der Meinung war das? Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, Innenminister Benda, die Herren Strauß, Barzel und Stoltenberg sagten „unsere Freiheit“. Und sie meinten damit: ihre Freiheit. Die Ereignisse hätten gezeigt, dass die große Mehrzahl der Studenten und der jungen Menschen die politische Auseinandersetzung auf dem Boden des Rechts und unserer Verfassung wolle und kalt geplante Gewaltaktionen der linken Radikalen ablehne.

Mehrzahl der Studenten. Junge Menschen. Schlager- und Fußballfans, Bildzeitungsleser, Arbeitstiere, Mittelklassewagenfahrer ... Gegen zehn Uhr wachte er nach zweieinhalb Stunden unruhigen Schlafs vor Übelkeit auf. Sein Kopf war heiß und schmerzte.

Die Stiche der Naht brannten wie Feuer. Er verspürte Durst und trank ein Glas Wasser, zugleich nahm er eine weitere Schmerztablette.
Danach legte er sich wieder ins Bett. Doch er konnte keinen Schlaf finden.
Die Alternative heißt nicht Anarchie statt Demokratie, dachte er plötzlich. Die Alternative heißt Sozialismus statt Kapitalismus.

Er stand noch einmal auf, suchte nach etwas Trinkbarem. Im Kleiderschrank fand er noch eine volle Flasche Korn, ursprünglich für festliche Gelegenheiten gedacht. Er goss sich ein halbes Wasserglas voll davon und kippte es hinunter. Vielleicht beruhigte das. Egal, wovon einem schlecht wurde.

Ernest Mandel fiel ihm ein. Er blätterte in dem Zeitschriftenstapel neben dem Bett. Da stand es: „Gemeinsam werden wir das große Werk, das vor fünfzig Jahren durch die Oktoberrevolution begonnen worden ist, vollenden – nämlich den Sieg der sozialistischen Weltrevolution.“ Mehr als die Hälfte der Welt war inzwischen sozialistisch, trotz Kiesinger und Strauß und Nixon und CIA. Und dieses verlogene Bonzenpack sagte immer noch, das alles sei nur Spinnerei, dummes Gerede, linkes Geschwafel, Utopismus.

Dabei ging es weiter, zum Beispiel in China, in Kuba und jetzt auch in Chile. Blühten diese Länder, in denen ein Großteil der Bevölkerung vor Jahren noch bettelarm war, etwa nicht auf? Und wie sah es sonst in Südamerika, in Afrika und in Asien aus? Slums, wohin man blickte, Hunger, Krankheit und Tod.

Er konnte nicht wieder einschlafen. Das unfreundliche Zimmer erdrückte ihn. Die Zigarettenpackung war leer. Du musst demnächst ein paar Bilder und Poster aufhängen, damit es wohnlicher wird, dachte er. Eine Weile lag er so da, bis er es nicht mehr aushielt. Der Alkohol machte ihn euphorisch, aber jetzt fehlten ihm die Zigaretten. Er zog sich an und ging zum Zigarettenautomaten.

Stuyvesant, der Duft der großen weiten Welt. Lord Extra, im Stil der neuen Zeit. Marlboro, der Geschmack von Freiheit und Abenteuer. Alles Scheiße. Aus purer Opposition zog er Roth-Händle. Die geringe Anstrengung ließ ihn zusammenzucken.

Ihm war, als brennten seine Haare.
Auf dem Rückweg kam er an einer Telefonzelle vorbei und verspürte plötzlich das Bedürfnis, mit jemandem zu sprechen, dem er sich anvertrauen konnte und der ihn verstünde. Er dachte an Lina. Wenn sie ihn nicht aus der Seminarbibliothek rausgefeuert hätten, wäre er noch in Göttingen gewesen. Aber ohne die Bibliothek ging es nicht.

Wie lange hatte sie schon nicht mehr geantwortet? Drei, vier Wochen war es her, seit er zuletzt geschrieben, ihr nochmals alles erklärt hatte. Er fingerte ein paar Münzen aus der Tasche und ging zurück, öffnete die Tür der Telefonzelle und dachte in demselben Augenblick, als er den Hörer abnahm: Sie hat ja gar kein Telefon.

Unschlüssig stand er da in der offenen Tür. Seine Mutter fiel ihm ein. Sie besaß seit mehreren Monaten einen Anschluss.
Wahrscheinlich hing das mit diesem Mann zusammen, der anscheinend Vertreter war und oft auswärts zu tun hatte. Ob er mal durchrufen sollte? Es war kurz vor elf, bestimmt würde sie noch fernsehen.

Renitenz nennt man das, dachte er. Grund genug, einen Studenten von der Bibliotheksbenutzung auszuschließen. Aber wenn man keine Anstreichungen gemacht hat, wenn man ein Buch nicht versaut hat, kann man auch nicht schadenersatzpflichtig gemacht werden, dann braucht man auch nicht dafür zu bezahlen. Und wenn in der Benutzungsordnung tausendmal steht, dass der letzte Benutzer haftbar sei. Eine simple Schriftprobe hätte genügt. Was hieß das: Ein Exempel statuieren? Hätte der Seminardirektor auch mit dem Grafen Soundso, dem Fabrikantensohn oder der Professorentochter ein Exempel statuiert? Wohl kaum.

Er konnte sich nicht zu dem Anruf entschließen. Was hatte man sich schon zu sagen? Nichts. Überhaupt nichts. Er ging weiter, um das Viertel herum, das bei Nacht noch trostloser aussah als am Tag. Eine Straße wie die andere, Mietskasernen, kaum fünf Jahre alt. Sozialer Wohnungsbau. Auf der einen Seite ein Industriegelände mit stinkenden Schloten, auf der anderen Seite zwei Schnellstraßen und eine Bahnlinie, oben die Einflugschneise.

Und wenn in der Nachbarwohnung nachts jemand hustete, fiel man aus dem Bett. Als ob es keine schönen Städte geben könnte, Städte, in denen das Leben Spaß machen würde, in denen man nicht so allein wäre.

Ihm war schlecht. Er setzte sich auf einen Treppenabsatz und dachte an seine Mutter in Salstädt. Heute war er zu fertig, um mit ihr sprechen zu können, ihren Stolz zu ertragen auf den studierenden Sohn. „Mein Sohn studiert!“ Dieser unangebrachte, widerliche Stolz, der einem aus jeder Mitteilung, aus jeder Frage förmlich entgegenkroch.

Aus der Ferne war der schrille Ton eines Martinshorns zu hören, schnell lauter werdend, durchdringend in der Nachtstille, erschreckend.
Als das Blaulicht herankam, sprang er schnell in eine Einfahrt, verdrückte sich wie ein Verbrecher. Erst als der Streifenwagen vorbei war, wurde ihm bewusst, dass er eigentlich keinen Grund hatte, sich zu verstecken.

Sein Kopf schmerzte. Er musste an Marianne Bechtel denken, wie sie ihn verarztet hatte, wie lieb sie war, wie ängstlich und naiv, wie unschuldig. Vielleicht würde er sie zum Kaffee einladen.
Oder zum Essen.
Die Welt erschien ihm wie ausgestorben. Dabei war es erst halb zwölf. Er stieg die Treppe zu seinem Zimmer hinauf, goss sich noch mal ein Wasserglas voll Korn, schaltete das Radio ein und legte sich auf das Bett. Im Rundfunk brachten sie Nachrichten.

Er trank und hörte zu. Am Abend hätten vor der Berliner Oper mehrere tausend Studenten und Jugendliche gegen den Schahbesuch demonstriert. Es sei zu Zwischenfällen mit der Polizei gekommen. Dabei seien zahlreiche Menschen zum Teil schwer verletzt und ein Student namens Benno Ohnesorg von der Polizei erschossen worden.

Erschossen, dachte er, die schießen ja tatsächlich.

Lesen Sie in der kommenden Ausgabe
mit dem Kapitel Ein Unfall, Marianne und ihre Eltern“ die Fortsetzung des Romans von Wolfgang Bittner.
(CH)


© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
Horlemann Verlag, Postfach 1307, 53583 Bad Honnef,
Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
www.horlemann.info


 
Wolfgang Bittner Foto: Andreas Neumann arbeiterfotografie
Foto: Andreas Neumann              
Wolfgang Bittner, Jahrgang 1941, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Der promovierte Jurist schreibt für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Er erhielt mehrere Literaturpreise, ist Mitglied im PEN und Mitarbeiter bei Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen. Er hat mehr als 50 Bücher veröffentlicht, u.a. die Romane „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“, „Niemandsland“ und „Flucht nach Kanada “, den Erzählband „Das andere Leben“ sowie das Sachbuch „Beruf: Schriftsteller“.


Online-Flyer Nr. 168  vom 15.10.2008



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