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Literatur
Der Fortsetzungsroman in der NRhZ – Folge 30
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Der Protagonist Erich Wegner arbeitet nach Abschluss der Schule im Tiefbau, aber in ihm reift allmählich der Entschluss, seine Situation zu verändern. Er holt das Abitur nach, beginnt Jura zu studieren und absolviert erfolgreich eine akademische Laufbahn. Eine verheißungsvolle Zukunft scheint vor ihm zu liegen, doch seine Hoffnungen und Erwartungen erfüllen sich nicht; sie werden durchkreuzt von seinen Vorstellungen von einem humanen und selbstbestimmten Leben in einer sozialen Gesellschaft. Er überlegt, fortzugehen, neu anzufangen. Es bleibt die Frage, ob Wegner jemals eine echte Chance hatte.

der aufsteiger wolfgang bittner horlemann-verlag cover
                                                   
Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die überarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.



11) Ein Unfall, Marianne und ihre Eltern

Ein verkohlter Leichnam, in sich verkrümmt, kaum noch als Mensch erkennbar, mit heraustretenden Gedärmen. Daneben ein abgerissener Arm, Kleiderfetzen, ein Kofferinhalt, ausgebrannte Fahrzeugteile. Etwas weiter der blutverschmierte Körper einer verstümmelten Frau, ohne Arme, stöhnend aus einer zahnlosen Öffnung, noch für Minuten. Weißverquollene Augen.

Skalpiert. Es qualmte und roch nach verbranntem Fleisch. Widerlich.
Entsetzlich.
„Nein“, schluchzte Marianne, „nein, nein, nein! Ich kann das nicht ertragen!“ Neben dem Wagen erbrach sie sich.

Erich Wegner stieg nochmals ein, fuhr das Auto hart an die heruntergerissene Leitplanke und stellte anschließend ein Warndreieck auf. Bilder vom Kriegsende in Schlesien geisterten urplötzlich durch seinen Kopf. Irgendwo im Gehirn gespeicherte Informationen, ein unnützer Film, den er abrupt unterbrach.

„Der Krankenwagen muss gleich da sein“, sagte ein Mann. Zwei, drei weitere Autos hielten. Andere Wagen fuhren langsamer. An den Scheiben plattgedrückte Nasen. Der Verkehr begann sich zu stauen, sogar auf der Gegenfahrbahn. Alles glotzte. Hier gab es eine Sensation. Jemand schoss Fotos.
Das Stöhnen hatte aufgehört. Er setzte sich zu Marianne an die Böschung, legte seinen Arm um sie und rauchte eine Zigarette.

„Das ist ja schrecklich“, schluchzte sie und weinte in ihr Taschentuch.
Er wartete, bis sie sich etwas beruhigt hatte, küsste sie auf die Wange. Sie war so hilfsbedürftig, so verletzlich. Jede größere Erschütterung brachte sie vollkommen aus dem Gleichgewicht.

Ihm waren immer noch ihre entsetzten Augen gegenwärtig, damals nach der Demonstration, als er plötzlich vor ihrer Tür stand.
„Sei nicht böse, Erich.“ Sie lächelte unter Tränen. „Du Lieber.
Ich kann so etwas einfach nicht ertragen. Das geht über meine Kräfte.“ Er drückte sie fest an sich. Irgendwie wurde er die Bilder aus Schlesien nicht los, die sich mit dem soeben Gesehenen vermischten, seine Gedanken abschweifen ließen, bis er sie erneut, auf einmal fast wütend, fortwischte.

Die Polizei erschien, gefolgt von einem Krankenwagen, Sanitäter bemühten sich um die Opfer. „Die sind inzwischen tot!“, rief einer herüber. „Da war nichts mehr zu machen!“ Sie gingen beide zum Streifenwagen, erklärten, dass sie den Unfall nicht beobachtet hatten, erst danach angekommen waren, und konnten weiterfahren. Nach Stuttgart 118 Kilometer. Samstagvormittags- Autobahnverkehr.

„Jeden Monat sterben ein paar hundert Menschen durch Verkehrsunfälle“, sagte er.
Marianne putzte sich die Nase, wischte die verlaufene Wimperntusche weg und zündete sich eine Zigarette an. „Die armen Menschen“, meinte sie.

Er nickte. „Man fährt jemanden besuchen, das Autoradio bringt die neuesten Schlager, man lutscht Bonbons und raucht Zigaretten. Und plötzlich kracht es.“ „Fürchterlich“, seufzte Marianne.

An der nächsten Raststätte hielten sie an, um eine Tasse Kaffee zu trinken. Marianne bestellte sich noch einen Kognak dazu.
„Der bringt mich vielleicht wieder ins Gleichgewicht“, sagte sie.
Trotz des Kognaks machte sie immer noch einen aufgelösten und hilflosen Eindruck, wie sie so dasaß, mit geröteten Wangen und verheulten Augen, der Eyeliner verlaufen und der Lippenstift verwischt. Als sie etwas Rouge auflegen wollte und ihr Gesicht im Handspiegel sah, war sie ganz entsetzt und lief gleich zur Toilette, um alles wieder in Ordnung zu bringen.

Bevor es dann weiterging, rief sie schnell noch bei ihren Eltern an und sagte Bescheid, dass sie eine Stunde später kommen würden als vorgesehen.
Die Autobahn war stark befahren. Er war nervös, aufgewühlt von dem Gesehenen und auch in Gedanken an das, was ihn erwartete.

Die Strecke zog sich endlos hin. Mehr als hundert gab die alte Kiste nicht mehr her. Er rauchte eine Zigarette nach der anderen. Rechts und links waren Wälder und von Schneeresten bedeckte Wiesen und Äcker. Er versuchte sich zu entspannen.

Ulm Ost, Ulm West, Merklingen, Mühlhausen. Schwäbische Alb, ganz hübsch die kleinen Dörfer. Man sollte aufs Land ziehen, dachte er.
„Vielleicht können wir uns später mal ein nettes Haus mit Garten leisten“, sagte er.

„Bestimmt“, meinte Marianne. „Wenn ich als Lehrerin arbeite und du als Jurist, dann haben wir zusammen rund fünftausend Mark im Monat. Damit ist Bauen kein Problem.“ Irgendwo auf dem Lande wohnen, aber noch in der Nähe einer größeren Stadt, das wäre ideal, dachte er. Bis zum ersten Kind konnte Marianne noch mitarbeiten. Er würde sich eine Stelle beim Gericht oder in der Verwaltung suchen. Und diese ganze idiotische Politik könnte ihnen gestohlen bleiben. Inzwischen freute er sich schon wieder darauf, bald nach Göttingen zurückzukehren. Da wusste er wenigstens Bescheid, und wenn es etwas zu erledigen gab, war man nicht jedes Mal ein paar Stunden deswegen unterwegs, wie in München.

Er pfiff vor sich hin: Sonntags in der kleinen Stadt. Franz Josef Degenhardt. „Pam pabam, jampampampampim.“ Marianne lächelte ihn an und legte ihren Kopf an seine Schulter.

„Nächstens, schon am Mittwoch, morgen oder gleich ...“, sang er. „Schließ jetzt deine Augen, Hochzeit halten wir ...“ Marianne rieb ihre Stupsnase an seiner Backe. Er versuchte sie während des Fahrens zu küssen. Hinter ihnen hupte einer. Er bog auf den nächsten Parkplatz ein, hielt an und küsste sie, heftig, voller Leidenschaft. Sie nahm ihn in ihre Arme, als wolle sie ihn gar nicht mehr loslassen. Seine Hand fuhr unter ihre Bluse, unter ihren Rock. „Ich möchte dich haben“, sagte er. „Ich dich auch“, flüsterte sie. Er zog ihr den Schlüpfer aus. Aber es waren zu viele Leute in der Nähe. Sie stiegen aus und liefen ein Stück in den Wald hinein.

Als sie zurückkamen, stand neben ihrem Auto ein Streifenwagen.
Jedes Mal, wenn er Polizei sah, traf ihn fast der Schlag. Es hätte nicht viel gefehlt, und er wäre in den Wald zurückgerannt.
Blitzschnell überlegte er, was ihnen vorgeworfen werden könnte.
Denn dass etwas zu bemängeln war, sah man schon an der Haltung des neben ihrem Auto stehenden Beamten.

„Gehört der Wagen Ihnen?“, fragte der Polizist.
Erich Wegner nickte.
„Ihre Papiere, bitte.“ Er fingerte die Papiere aus seiner Tasche. Der Beamte sah sie sich genau an und gab sie dann zurück. „Sie haben die Türen nicht abgeschlossen“, sagte er. „Ich muss Sie leider mit fünf Mark verwarnen.“ „Was heißt hier leider?“, entgegnete Erich Wegner. „Anscheinend tun sie das doch recht gern. Oder glauben Sie wirklich, dass sich hier jemand an einem fünfzehn Jahre alten VW vergreift?“ Er war wütend und wurde immer wütender, je länger diese Amtshandlung dauerte.

„Nun werden Sie mal nicht frech, junger Mann“, knurrte der Beamte. „Sonst schreib ich nämlich eine Anzeige, dann wird‘s zehnmal teurer.“ Er war vielleicht fünf Jahre älter.
Marianne versuchte ihn zu beschwichtigen. Sie sagte, ihr sei schlecht geworden und sie hätte sich übergeben müssen und dass der Zündschlüssel doch gar nicht gesteckt hätte.

„Wo kämen wir da hin, wenn jeder sein Auto offen stehenlassen würde“, erwiderte der Beamte. Er gab ihnen eine Quittung über die fünf Mark, tippte an seine Mütze und ging zurück zum Polizeimercedes, wo sein Kollege wartete, die Hand an der Pistolentasche.
„Als ob die nichts Besseres zu tun hätten“, meinte Marianne.
Etwa eine Stunde später hielten sie in einer ruhigen Stuttgarter Vorstadtstraße vor dem Mehrfamilienhaus, in dem Mariannes Eltern wohnten.

„Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Herr Wegner“, begrüßte ihn seine zukünftige Schwiegermutter an der Korridortür, nachdem sie Marianne aus der Umarmung entlassen hatte. Sie war eine korpulente kleine Frau von unauffälligem Wesen, etwas gehemmt, bürgerlich-elegant gekleidet und sorgfältig frisiert.

Wenn man sie genauer ansah, konnte man hinter dieser weichen Wohlgenährtheit Spuren früherer Schönheit und eine gewisse Ähnlichkeit mit Marianne feststellen.

„Sie sind also der sagenumwobene Erich Wegner“, sagte Mariannes Vater, „von dem unsere Tochter so viel Gutes erzählt hat.

Ich begrüße Sie auf das Herzlichste.“ Er schüttelte ihm lange die Hand, ein ernster, etwa fünfzigjähriger schmaler Mann mit schütterem Haar, dem man die Fron seiner Kriegsverletzung – er war beinamputiert – vom Gesicht ablesen konnte.
„Es gibt gleich Mittagessen!“, rief Marianne aus der Küche, wohin sie sich mit ihrer Mutter zurückgezogen hatte. „Unterhaltet euch doch noch ein bisschen.“
(...)

Lesen Sie in der kommenden Ausgabe die Fortsetzung des Kapitels „Ein Unfall, Marianne und ihre Eltern“ im Roman von Wolfgang Bittner.
(CH)


© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
Horlemann Verlag, Postfach 1307, 53583 Bad Honnef,
Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
www.horlemann.info


 
Wolfgang Bittner Foto: Andreas Neumann arbeiterfotografie
Foto: Andreas Neumann              
Wolfgang Bittner, Jahrgang 1941, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Der promovierte Jurist schreibt für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Er erhielt mehrere Literaturpreise, ist Mitglied im PEN und Mitarbeiter bei Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen. Er hat mehr als 50 Bücher veröffentlicht, u.a. die Romane „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“, „Niemandsland“ und „Flucht nach Kanada “, den Erzählband „Das andere Leben“ sowie das Sachbuch „Beruf: Schriftsteller“.



Online-Flyer Nr. 169  vom 22.10.2008



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