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Literatur
Der Fortsetzungsroman in der NRhZ – Folge 32
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Der Protagonist Erich Wegner arbeitet nach Abschluss der Schule im Tiefbau, aber in ihm reift allmählich der Entschluss, seine Situation zu verändern. Er holt das Abitur nach, beginnt Jura zu studieren und absolviert erfolgreich eine akademische Laufbahn. Eine verheißungsvolle Zukunft scheint vor ihm zu liegen, doch seine Hoffnungen und Erwartungen erfüllen sich nicht; sie werden durchkreuzt von seinen Vorstellungen von einem humanen und selbstbestimmten Leben in einer sozialen Gesellschaft. Er überlegt, fortzugehen, neu anzufangen. Es bleibt die Frage, ob Wegner jemals eine echte Chance hatte.

der aufsteiger wolfgang bittner horlemann-verlag cover
                                                   
Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die überarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.



11) Ein Unfall, Marianne und ihre Eltern (Fortsetzung)

„Und je mehr Leute sich Autos kaufen, desto schlimmer wird das mit den Unfällen“, sagte Mariannes Vater. „Bei uns fährt ja heute schon jeder Arbeiter ein Auto. Wo soll das bloß hinführen, frage ich mich.“ Erich Wegner konnte nichts dagegen tun: Fast alles, was Mariannes Vater von sich gab, reizte ihn zum Widerspruch. „Ob Arbeiter oder nicht“, warf er ein, „die Autobahn ist eben eines der größten Schlachtfelder des Spätkapitalismus.“ Als er „Spätkapitalismus“ sagte, stutzte sein Schwiegervater.

Marianne blickte ihn erschrocken an und ihre Mutter schien betroffen.
Das war wohl nicht das Richtige in diesem Kreis, dachte er. Aber im nächsten Augenblick glaubte er seinen Ohren nicht zu trauen.

„Schlachtfeld ist genau der richtige Ausdruck“, stellte sein Schwiegervater fest. „Ich höre das ja oft genug in meinen Verhandlungen, wie es auf unseren Straßen zugeht. Da kann einem sogar als altem Kriegsteilnehmer das Grausen kommen.“ Er berichtete von einem Schadenersatzfall, der kürzlich vor seiner Kammer (er sprach von „meiner“ Kammer) verhandelt worden war, wobei ihm jede Einzelheit wichtig zu sein schien. Ein Autofahrer hatte durch Unfallverletzungen sein Augenlicht verloren.

Die gegnerische Versicherung hatte nicht zahlen wollen. Der Unfallhergang war außerordentlich schwierig zu rekonstruieren, die rechtlichen Überlegungen des Gerichts waren sehr diffizil. Durften bei der Festsetzung des Schmerzensgeldes besondere wirtschaftliche Verhältnisse des Geschädigten berücksichtigt werden? Die Familie hörte den Ausführungen pflichtschuldig bis zum Ende zu.

„Schrecklich“, seufzte Mariannes Mutter. „Nicht sehen können muss eine furchtbare Prüfung sein.“ Ihre Stimme vibrierte vor Mitgefühl.
Prüfung, dachte Erich Wegner, warum eigentlich Prüfung? „Im Straßenverkehr sind seit 1945 mehr Menschen ums Leben gekommen als im ganzen letzten Krieg“, erklärte sein Schwiegervater.

Was sollte man dazu sagen? Sprachen sie nicht unentwegt aneinander vorbei? Gab es überhaupt Verständigungsmöglichkeiten zwischen ihnen? Er merkte, dass die andern ihn ansahen. Sie verlangten eine Antwort. Sie warteten. Bei Unterhaltungen waren Antworten üblich.

„Wir müssten ganz andere Wege gehen“, sagte er.
Sein Schwiegervater pflichtete ihm bei: „Ich finde auch, dass die Straßen viel besser sein könnten und die Autos sicherer. Da ist viel versäumt worden bei uns.“ „Ich meine die unvernünftige Förderung des Individualverkehrs“, entgegnete er. „Hauptsache, die Industrie verdient. Und was die Leute mit ihrer Freizeit machen, interessiert auch nur unter Konsumgesichtspunkten.“ „Das ist ja leider so eine Zeiterscheinung“, meinte sein Schwiegervater, „dass die Menschen immer mehr Freizeit bekommen, aber nichts damit anzufangen wissen. Die fahren eben am Wochenende dumm in der Gegend herum.“ „Liegt das an der Dummheit der einzelnen?“, fragte er. „Oder liegt es nicht vielmehr an der Unsinnigkeit des ganzen Systems, in dem wir leben? Wo wird denn da Politik für den Menschen gemacht?“ „Wir hatten noch nie gute Politiker“, sagte Mariannes Vater.

„Jedenfalls nicht in der letzten Zeit. Außer Bismarck. Der hat wenigstens noch etwas getan, was die Bezeichnung Politik verdient.“ Und er begann, einen umfassenden Vortrag über die Vertragsund Bündnispolitik Bismarcks zu halten. Darüber hatte er während seines Studiums einmal referieren müssen, wie zu erfahren war. Zum Schluss traf er die anscheinend bei allen Kriegsteilnehmern aller Klassen übliche Feststellung, dass ein vereintes Europa, um das man sich jetzt bemühe, schon seit langem hätte bestehen können. Im Berliner Innenministerium habe es schon während des Krieges hervorragend durchdachte Pläne gegeben. Nur sei Adolf Hitler dann mit den Juden leider zu weit gegangen.

Nach dem Abendessen holte Marianne eine neue Flasche Wein aus dem Keller. Sie saßen alle vier um den Tisch herum, und der Hausherr berichtete von seiner Tätigkeit als Kammervorsitzender beim Landgericht.

„Du solltest nach dem Referendardienst in die Verwaltung gehen“, empfahl er. „Da brauchst du dich nicht so abzuplagen und mit den Leuten herumzuärgern. Heute Recht zu sprechen, ist eine ganz schön aufreibende Sache geworden. Die Leute haben keine Manieren und keinen Anstand mehr, das wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Jetzt erledigen die ja schon ihr Geschäft auf dem Richtertisch, dieser Teufel und Langhans und Konsorten. Diese Gammler.“ „Der hieß Karl-Heinz Pawla und war Student“, warf Erich Wegner ein. Aber sein Schwiegervater hörte gar nicht hin. „Linke Chaoten sind das!“, wetterte er. „Langhaariges Packzeug!“ Er geriet direkt in Rage. „Ich wüsste nicht, was ich täte, wenn mir das passieren würde!“ Anscheinend wusste er das aber doch, denn er deutete auf seinen Handstock. „Ich glaube, ich würde meine gute Erziehung vergessen“, setzte er hinzu.

Erich Wegner schwieg. Packzeug, dachte er, linke Chaoten.
Rucksackgesindel und Polacken. Eine Kuhweide, voll von Wiesenschaumkraut, tauchte in seiner Erinnerung auf. Wie war das noch, damals? „Vater meint das nicht so hart, wie es jetzt klingt“, sagte Marianne beschwichtigend und legte ihm die Hand auf den Arm. Sie kannte seine Einstellung gerade zur Pawla-Aktion in Berlin.

„Ich habe während meines Praktikums beim Gericht Verhandlungen miterlebt“, sagte er innerlich erregt und äußerlich ruhig, „bei denen wäre ich auch am liebsten auf den Richtertisch gesprungen.

Und zwar im Namen des Volkes, im Namen der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit. Zum Beispiel bei Verhandlungen gegen Demonstranten, die wegen Landfriedensbruchs und Widerstands gegen die die Staatsgewalt vor Gericht standen und wie arme Irre oder Schwerverbrecher behandelt wurden.“ „Und?“, fragte sein Schwiegervater. „Meinst du etwa nicht, dass das arme Irre oder Verbrecher sind, diese Spinner mit ihren vorgeschobenen utopistischen Ansichten. Die meinen – soweit das nicht überhaupt Ostagenten sind –, uns mit ihren kindischen Vorstellungen vom Paradies auf Erden beglücken zu müssen. Die arbeiten doch letztlich nur dem Kommunismus in die Hände.

Wenn wir nicht aufpassen, dann stehen in ein paar Jahren die Russen am Rhein. Du kennst ja diesen Spruch: ‚Es wird kommen die Zeit, da die Gelben ihre Kamele am Rhein tränken.‘“ Er blickte Bestätigung suchend seine Frau und Marianne an.

„Oswald Spengler, Untergang des Abendlandes“, sagte seine Frau und nickte ihm zu.
Erich Wegner antwortete nicht. Das hat ja doch keinen Zweck, dachte er. Utopistische Spinnereien, arme Irre, Verbrecher. Und immer die Untermenschen aus dem Osten, die Russen, die Gelben, die Kommunisten. Es fehlten nur noch Juden und Konzentrationslager, SS und Genickschüsse, Gestapo und Folterkeller, Volksgerichtshof und Fleischerhaken ... „Du bist so abwesend, Erich“, sagte seine Schwiegermutter.

„Ich glaube, du bist müde.“ „Von der Autofahrt heute morgen“, meinte Marianne.
„Solche Kerle wie der Teufel und der Dutschke“, hörte er seinen Schwiegervater sagen, „die gehören nicht einmal mehr ins Zuchthaus. Die gehören in Sicherungsverwahrung, in eine Irrenanstalt.“ „Der gehört aufgehängt!“, hörte er die Stimme von Hannes Tammen in seinem Ohr. JEDEM DAS SEINE stand über dem Eingang des Konzentrationslagers Buchenwald. „Die Natur ist grausam, darum muss auch ich grausam sein“, sagte der größte Feldherr aller Zeiten. Und der Präsident des Volksgerichtshofs, Roland Freisler, antwortete: „Ich bin Ihr ergebener politischer Soldat, mein Führer!“

Hatten diese Leute überhaupt nichts dazugelernt? Was hatten sie damals gesagt, zu den Todesurteilen wegen Wehrkraftzersetzung, Heimtücke, volksschädigendem Verhalten und was sonst noch alles erfunden wurde, um Andersdenkende fertigzumachen? Carl von Ossietzky, die Geschwister Scholl, Erich Mühsam, Wilhelm Leuschner, Ernst Thälmann, Julius Leber, Dietrich und Klaus Bonhoeffer... Über zwei Millionen Menschen in KZs und Massenvernichtungslagern. Berge von Leichen, über fünf Millionen Tote. Nach dem 20. Juli 1944 wurden fünftausend Menschen erschossen, erhängt oder zu Tode gequält. Viele, nachdem sie in Gerichtsverfahren im Namen des Volkes abgeurteilt worden waren.

Künstler, Schriftsteller und Wissenschaftler wie Albert Einstein, Bertolt Brecht, Kurt Tucholsky, Anna Seghers, Ernst Toller, Paul Hindemith, Sigmund Freud, Thomas Mann und Heinrich Mann oder Helmut Herzfeld (der sich später John Heartfield nannte) konnten sich nur durch Flucht retten.

Erich Wegner sah diese schmale, an einer Krücke herumhumpelnde Gestalt seines Schwiegervaters. Gegen Ende des Krieges muss er etwa siebenundzwanzig gewesen sein, überlegte er. Und sein Studium hatte er bereits abgeschlossen, bevor er eingezogen wurde. Er musste sich doch etwas gedacht haben, wenn er von solchen Urteilen hörte, oder wenn er sah, dass Leute auf der Straße angespuckt wurden. Er musste sich doch wenigstens hinterher Gedanken darüber gemacht haben. Die Geschwister Scholl hatte man zum Tode verurteilt, nachdem sie in der Münchner Universität Flugblätter gegen den Nationalsozialismus verteilt hatten.

Vergaß man so schnell? Ging das alles wieder von vorne los? Dem gehört die Rübe ab, hörte er Tammens Stimme in seinem Ohr. Er versuchte mit seinen Gedanken fertig zu werden, rauchte und trank diesen pisssauren Wein, der einem fast den Magen umdrehte. Oder kam ihm das bloß so vor?

Lesen Sie in der kommenden Ausgabe mit dem Kapitel „Weihnachten diesmal anders“ die Fortsetzung von Wolfgang Bittners Roman.
(CH)


Wolfgang Bittner liest
aus „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu Leben“ sowie aus seinem mit Karikaturen von Kostas Koufogiorgos
jüngst erschienenen Buch
MINIMA POLITIKA – Politische Texte und Karikaturen“ (Beide Bücher Horlemann Verlag)

am Dienstag, 25.11.2008 um 19.30 Uhr

im Friedensbildungswerk Köln
Am Rinkenpfuhl 31, 50676 Köln


© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
Horlemann Verlag, Postfach 1307, 53583 Bad Honnef,
Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
www.horlemann.info


 
Wolfgang Bittner Foto: Andreas Neumann arbeiterfotografie
Foto: Andreas Neumann              
Wolfgang Bittner, Jahrgang 1941, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Der promovierte Jurist schreibt für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Er erhielt mehrere Literaturpreise, ist Mitglied im PEN und Mitarbeiter bei Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen. Er hat mehr als 50 Bücher veröffentlicht, u.a. die Romane „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“, „Niemandsland“ und „Flucht nach Kanada “, den Erzählband „Das andere Leben“ sowie das Sachbuch „Beruf: Schriftsteller“.



Online-Flyer Nr. 171  vom 05.11.2008



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