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Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

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Globales
Porträt der Liebesbeziehung zwischen Jasmin (Israel) und Ossama (Palästina)
„Leben wollen wir!“
Von Philipp Holtmann

Jasmin und Ossama schmusen und küssen sich auf dem Sofa. Eigentlich sind sie müde. Müde vom Anstehen, Fragen, Abgewiesen- und Hingehaltenwerden auf deutschen Ämtern. Müde davon, weit entfernt von der Heimat ihr Leben zu fristen, wo Kultur und Mentalität so verschieden sind. Müde von den Reaktionen der Menschen auf ihre Heirat. Müde von den immer gleichen Fragen geschichtenhungriger Journalisten. Erster Teil des Porträts der beiden Liebenden und der widrigen Umstände – die Redaktion.

Jasmin und Ossama  Foto: Philip Holtmann
Jasmin und Ossama | Foto: Philip Holtmann        
Ein Abend in einer Erdgeschosswohnung im Berliner Stadtteil Neukölln. Die Flamme eines Teelichts flackert, wirft einen unruhigen, dann wieder sanften Schimmer auf ihre Gesichter. Zwischen den Erzählungen lächeln sich die beiden wieder und wieder an. Küssen sich. Es ist der schwierige Weg eines jüdisch-israelischpalästinensischen Paares, den sie nun schon fünf Jahre lang gemeinsam gehen. Erst in der Heimat, dann in der Fremde. Eben, weil sie sich lieben.

Vor anderthalb Jahren kamen der palästinensische Skulpturenkünstler Ossama Satar und die israelische Balletttänzerin Jasmin Avissar, heute beide 28 Jahre alt, nach Deutschland. Die Entscheidung war eine ganz pragmatische, erinnert sich Jasmin. In Israel durften sie aus rechtlichen Gründen nicht leben. In den Besetzten Gebieten wäre das Leben aus Sicherheitsgründen unerträglich geworden.

„Lass den Kopf nie hängen, das ist mein jüdischer Kernsatz“, sagt Jasmin über die Entscheidung. Die beiden beschlossen, auszuwandern. In die USA? In den Zeiten des „Krieges gegen den Terror“ keine Chance auf Einreise eines Palästinensers. Europa? Jasmin, Tochter einer deutschen Holocaustüberlebenden, könnte problemlos die deutsche Staatsangehörigkeit bekommen – zumindest theoretisch.

Im Königreich der Tiere

Die kleine Wohnung in Berlin-Neukölln wirkt abgewohnt wie ein Durchgangsort, in dem viele andere zuvor nie länger bleiben wollten. Ist es der Verlust der Hoffnung auf eine Zukunft in Berlin, der ein Sich-Einleben verhindert? Die fleckigen Tapeten und der unaufgeräumte Wohnzimmertisch strahlen Lieblosigkeit und Verbitterung aus. Der Konflikt spiegelt sich auf jedem Quadratzentimeter der Wohnung wider, in ihrem Leben, ihren Betrachtungsweisen und ihrer ständigen Besorgnis, hintergangen oder schlecht behandelt zu werden.

Karte Westjordanland
Atarot liegt bei Ramallah im Westjordanland  
Und gleichzeitig dazu diese ungebrochene Lebenslust, dieses Unbeugsame. Ihr Zusammensein ist nicht bequem, weder für sie, noch für die Behörden Israels, der Palästinensischen Autonomiebehörde oder Deutschlands. Von offizieller Seite wird ihnen immer wieder klargemacht, dass ihre Beziehung unerwünscht ist, nicht sein kann und nicht sein darf.

Jasmin und Ossama lernten sich vor fünf Jahren bei der Arbeit in einem Tierheim in Atarot im Norden Jerusalems kennen. Jasmin arbeitete als Pflegerin für ausgesetzte Tiere. Sie arbeitete viel, sammelte unzählige Überstunden an. Ihr Engagement für die Tiere zeugte von einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Bisweilen übernachtete sie im Tierheim. Später, nachdem sie Ossama kennengelernt hatte, blieben beide des Öfteren über Nacht zusammen dort. „Nur wir beide und viele, viele Tiere“, sagt Jasmin und bezeichnet diese Zeit im Rückblick als „unser kleines Königreich“.

Von mütterlicher Seite stammt Jasmin aus einer liberalen, assimilierten, europäisch-jüdischen Familie. Eine Konstellation, der Millionen zum Opfer fielen. Jasmins Mutter Miriam, Tochter eines, im Nazi-Deutsch, „getauften Halbjuden“ überlebte in Hamburg. Gegen Ende der 60er Jahre entschied sie sich, zu den Wurzeln zurückzukehren. Miriam konvertierte offiziell zum Judentum und wanderte nach Israel aus, wo sie heiratete und ihre Tochter Jasmin zur Welt brachte. So wuchs Jasmin in Jerusalem auf.

Die Familiengeschichte von Ossama ähnelt in gewisser Weise der Jasmins, nur unter umgekehrten Vorzeichen. Dort, wo für die Juden der innere und äußere Konflikt aufhören sollte, nämlich mit der Schaffung ihres Staates, begann für die Palästinenser die Diaspora. Hunderttausende wurden 1948 und 1967 vertrieben. Diejenigen, die blieben, wie die Familie Satar aus dem Dorf Qarawat Bani Zait, mussten sich assimilieren. Erst unter den Jordaniern, dann unter den Israelis, schließlich noch unter der Riege einer korrupten Revolutionärsclique aus den eigenen Reihen.

Skulptur „Traditions“ von Ossama Satar Galerie am Storchenturm
„Traditions“ von Ossama Satar                           
Quelle: Galerie am Storchenturm
Der Vater Ossamas arbeitete, wie viele andere Palästinenser, dreißig Jahre lang in den reichen Golfstaaten. So wuchs der Sohn gemeinsam mit der Mutter und vier Geschwistern auf, sah den Vater nur selten. Bis zum Alter von 16 besuchte er eine deutsche Schule in Ramallah, lernte dort die deutsche Kultur schätzen und entwickelte schon damals die Liebe zur Bildhauerei.

Später, in den späten 90ern, reichte das Geld nicht mehr aus für den Schulbesuch. Ossama musste sich Arbeit suchen, für die Familie. Er verließ Ramallah in Richtung Tel Aviv, einer anderen Welt, deren Lichter verführerisch funkelten. Vielleicht formte ihn diese Großstadterfahrung insofern, dass er das traditionelle Gefüge der palästinensischen Gesellschaft nach seiner Rückkehr stark anzweifelte und nicht mehr als das Seine begriff. Diese Haltung sollte ihm in der Folgezeit viel Ärger mit der Palästinensischen Autonomiebehörde einbringen.

Dass Ossama und Jasmin sich im Tierheim trafen, ist einem glücklichen Zufall in einer unglücklichen Gesamtsituation geschuldet. Die den Palästinensern von Israel seit Ausbruch der Zweiten Intifada auferlegte Politik der Schließung der Besetzten Gebiete zwang ihn dazu, aus Tel Aviv, wo er jahrelang als Koch gearbeitet hatte, in sein Heimatdorf bei Ramallah zurückzukehren. Eines Tages wurde Ossama Zeuge eines gebärdenreichen Gesprächsversuchs zwischen einem Veterinär, dem Leiter des Tierheims, und zwei Palästinensern. Ossama, der durch seine Zeit in Tel Aviv fließend Hebräisch spricht, übersetzte. Daraufhin erhielt er den Job im Tierheim von Atarot, wo auch Jasmin arbeitete.

Israeli gate at Mas'Ha Foto: Justin McIntosh
Gesperrtes Gebiet: israelische Soldaten an Tor bei Mas'Ha
Foto: Justin McIntosh

Verschobene Freund-Feindbilder

Die heimliche Liebesbeziehung von Ossama und Jasmin im „Königreich“ des Tierheims muss eine der schönsten Zeiten des Paares gewesen sein. Wahrscheinlich war diese Heimlichkeit verspielt, erotisch, leidenschaftlich. Ganz sicher entband sie die beiden von Behördengängen und Rechtfertigungen. Ein Jahr, nachdem sie sich kennengelernt hatten, heirateten sie im Hause eines palästinensischen Bekannten, ließen sich muslimisch trauen.

Die schnelle Entscheidung fiel, erzählt Jasmin, weil sie Angst davor hatten, dass Ossama im Zuge des Mauerbaus nicht mehr nach Jerusalem kommen könne. Ein Jahr darauf flogen sie nach Zypern, um dort eine zivile Heirat zu vollziehen. Jüdische Israelis dürfen auf Staatsterritorium keine Nicht-Israelis und Nichtjuden heiraten.

Mauer um Palästina Justin Mc Intosh
Goliath und Davud an „anti-palästinensischem Schutzwall“
Foto: Justin Mc Intosh

Es war der Beginn eines langen, zähen Kampfes mit den Behörden. „Ohne die Unterstützung unserer Familien hätten wir das nicht geschafft“, sagt Jasmin. Normalerweise zerbrechen Beziehungen zwischen Juden und Palästinensern schnell, gerade dann, wenn sich der engste Familien- und Freundeskreis gegen das Liebespaar ausspricht. Nicht so bei Jasmin und Ossama. Beide Elternpaare nahmen den jeweils Anderen liebevoll auf.

„Mischehen“ in Israel und den Besetzten Gebieten Palästinas sind eine Seltenheit. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Einer davon lautet, dass jeder weitere muslimische Bürger aus Sicht des israelischen Staates die Zeitschaltuhr an der „demographischen Bombe“ beschleunigt. Bereits jetzt sind mehr als 20 Prozent der in Israel lebenden Staatsbürger Muslime, Palästinenser.

Zusätzlich besteht aus der Sicht Israels die Gefahr, dass die Palästinenser in den Besetzten Gebieten langfristig einen binationalen Staat im Nahen Osten wollen. Das würde das Ende des jüdischen Charakters Israels bedeuten. Nach Beginn der Zweiten Intifada wurde ein Gesetz erlassen, das es Menschen aus den Besetzten Gebieten, de facto also Palästinensern, verbot, zu ihren Ehepartnern nach Israel zu ziehen. Vordergründig sollte das Gesetz Selbstmordanschläge verhindern. Ein anderer Grund scheint jedoch eben jene Sorge vor einem Anstieg der muslimischen Bevölkerung im Staat Israel zu sein.

Israeli Passport
Auch ein israelischer Pass kann     
kompliziert sein...
Die Regelung traf auch Ossama und Jasmin mit aller Härte. Sie konnten nicht gemeinsam in Israel leben. Jasmin, die wirkt, als könne sie mit ihrem Lachen Fesseln sprengen, berichtet: „In meinem Personalausweis steht unter ,Personenstand' immer noch ,In Klärung', obwohl wir schon fast vier Jahre verheiratet sind. Nach all der guten Arbeit meines Anwalts sind die israelischen Behörden jedoch mittlerweile einverstanden, mich als ,verheiratet' zu registrieren. Wir gingen bis zum Obersten Gerichtshof, um eine Erlaubnis zu bekommen, zusammenleben zu dürfen. Im Jahr 2006 entschied der Gerichtshof, dass das ,Gesetz gegen Mischehen zwischen Israel und den Besetzten Gebieten' im Bezug auf das Leid der Privatperson ,erträglich' ist. Ossama konnte also laut Gesetz nicht zu mir nach Israel ziehen.“


Lesen Sie in der kommenden Ausgabe die Fortsetzung von Philipp Holtmanns Artikel, der im Original in der „Jüdischen Zeitung“ erschien.


Online-Flyer Nr. 171  vom 05.11.2008



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