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Kultur und Wissen
Das erklärliche Comeback des „Kapital“
Besser „hip“ als „out“
Von Hans-Dieter Hey
Selbst in der Schweiz berichtet man, dass das „Kapital“ weggehe wir „warme Weggli“. Über 30 Lesekreise gibt es inzwischen in Deutschland, auch in Köln. Unter der Überschrift „Marx neu entdecken“ wurden sie vom Sozialistischen Studendenbund (SDS) in Berlin ins Leben gerufen. Warum und wie Marx wieder gelesen werden muss, begründet der bekannte Kapitalismus-Kritiker, Ökonom, Soziologe und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von attac, Elmar Altvater, nachzulesen bei „Das Kapital lesen“. Karl Marx (1818-1883), einst Chefredakteur der „Neuen Rheinischen Zeitung„, ist zwar mit seiner präzisen, eindrucksvollen und wuchtigen Sprache gut zu gelesen, aber nicht immer leicht zu verstehen. Und eben das war wohl auch der Hauptgrund für das Entstehen der zahlreichen Lesekreise.
Tücken des Marktes beschrieben
Marx als einer der größten deutschen Denker, Philosophen und Ökonomen hat Kapitalismuskritik wie wohl kein anderer geliefert. Und sie ist in den Gründzügen bis heute gültig: „Die Ware frisst den Produzenten, die Beziehung zum Geld, Glanz und Elend des Mehrwerts, die Lust am Gewinn, das Spiel mit dem Preis, die Tücken des Marktes – ein Kaleidoskop menschlicher Kraft und menschlicher Unzulänglichkeiten, eine Dokumentation zur kapitalistischen Wirtschaftsweise, eine Ästhetik des Überdrusses“ schreibt der Verlag Faber und Faber in seiner Ankündigung.
Und im „Kapital“ sind bis heute gültige Aussagen zu lesen, wie beispielsweise über die ihm innewohnende Ausbeutung: „Wir sehen, dass die Maschinerie, die mit der wundervollen Kraft begabt ist, die menschliche Arbeit zu verringern und fruchtbarer zu machen, sie verkümmern lässt und bis zur Erschöpfung auszehrt. Die neuen Quellen des Reichtums verwandeln sich durch einen seltsamen Zauberbann zu Quellen der Not.“ Marx’ globale Voraussagen zum „internationalen Charakter des kapitalistischen Regimes“ sind mittlerweile ohne Zweifel eingetroffen. Aber auch Fragen zur Ausbeutung der Ressourcen und zur industriellen Umweltzerstörung ging Marx damals auf den Grund.

Marx lesen – In den 1980ern in der DDR... | Quelle: NRhZ-Archiv
Dass diese wissenschaftliche Kritik nicht immer auf wohlwollendes Verständnis der Mächtigen trifft, zeigen Vorgänge in der Otto-Friedrich-Universität Bamberg oder an der Katholischen Uni Eichstätt-Ingolstadt. Die Verantwortlichen haben offensichtlich Schwierigkeiten mit dem Begriff der „freien Lehre und Forschung“, den kritische Studenten wiederum ziemlich ernst nehmen. Offensichtlich gibt es dort erhebliche Schwierigkeiten, Räumlichkeiten für ihre Marx-Lesekreise zu bekommen, die sonst für alles Mögliche zur Verfügung stehen, wie die Junge Welt berichtete. Womöglich gilt den bayerischen Unirektoren „Das Kapital“ als Teufelswerk, dabei enthält es Erkenntnisse, die mindestens so lehrreich wie aktuell sind:
„Dieser Zusammenbruch ist trotz der Verzögerung gewiss; in der Tat kündigt der chronische Charakter, den die gegenwärtige Finanzkrise angenommen hat, nur einen heftigeren und unheilvolleren Ausgang dieser Krise an. Je länger die Krise andauert, um so schlimmer wird die Abrechnung. Europa befindet sich augenblicklich in der Lage eines Menschen am Rande des Bankrotts, der gezwungen ist, zugleich alle Unternehmungen weiter zu betreiben, die ihn ruiniert haben, und zu allen möglichen verzweifelten Mitteln zu greifen, mit denen er den letzten furchtbaren Krach aufzuschieben und zu verhindern hofft. Es ergehen neue calls (Aufforderungen einer Gesellschaft an ihre Aktionäre, die Raten auf noch nicht voll bezahlte Aktien einzuzahlen) zur Zahlung auf das Kapital von Gesellschaften, die in der Mehrzahl nur auf dem Papier existieren. Große Summen Bargeld werden in Spekulationen investiert, aus denen sie niemals zurückgezogen werden können...“ Das hört sich aktuell an, stammt aber vom 21. November 1856.
Marx über Opel- und Bankenkrise
Marx’ Aussage zur Kapitalakkumulation kann ganz neu verstanden werden, blickt man auf die weltweite Automobilwirtschaft, die sich in einem mörderischen, krisenhaften Konkurrenzprozess befindet. Er spricht von der Konkurrenz einzelner Kapitale, die „stets mit dem Untergang viele kleinerer Kapitalisten endet, deren Kapitale teils in die Hand des Siegers übergehn, oder aber untergehn.“ Und zum „Rettungspaket“ für die Banken und die Automobilindustrie ist die Aussage des Gesellschaftsphilosophen heute noch ebenso gültig: „Der einzige Teil des sogenannten Nationalreichtums, der wirklich in den Gesamtbesitz der modernen Völker eingeht, ist ihre Gesamtschuld“. Denn „Die moderne Staatsgewalt ist nur ein Ausschuss, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Kapitalistenklasse verwaltet“.

...und heute überall | Foto: gesichter zei(ch/g)en
Angesichts dieser Lage – könnte man meinen – sei Widerstand angesagt. Doch wie sollte das gehen, wenn die Menschen zu Interneteremiten vereinzelt und in einer Ellenbogengesellschaft erzogen werden, während man ihnen bei stolz geschwellter Brust das letzte Hemd auszieht? Oder wie die Band „Einstürzende Neubauten“ es ausdrückten: „Ich bin zehn Meter groß, und alles ist wichtig!“ Auch zu solchen „modernen“, antrainierten Überzeugungen hat Karl Marx etwas parat, denn nach ihm ist der Mensch nicht nur „das einzige Wesen, das in einer Gesellschaft vereinzeln kann“. So vereinzelt ist er auch geprägt worden: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt“ lautet eine vielzitierte marx’sche Erkenntnis. Auch wenn sich seit 150 Jahren vieles verändert hat, ist „Das Kapital“ immer noch die Lektüre, die in ihrer Kritik das Wesen des Kapitalismus in den Gründzügen präzisiert und deshalb ein Muss in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung ist.

Genau betrachtet... | Quelle: Faber & Faber
Fünfzehn Jahre lang hat Karl Marx damals die wissenschaftliche Literatur studiert, um die Ergebnisse in seiner „Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft“ zusammenzufassen. Insgesamt waren es 30 Jahre intensiven Forschens. Erst im 20. Jahrhundert wurde versucht, das Gesamtwerk von Marx zusammenzustellen und zu veröffentlichen. Seit 1975 gab es eine Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) mit mehr als einhundert Bänden, die unter der Führung der Marx-Engels-Stiftung und von Wissenschaftlern aus Deutschland, Japan und Russland herausgegeben wurde. Darunter natürlich auch „Das Kapital“ als Klassiker.
140 Jahre nun nach dessen Erstveröffentlichung hat der Verlag Faber und Faber aus Leipzig eine bemerkenswerte Ausgabe vorgelegt. Aufschlussreich für den Entstehungsprozess des Kapitals ist auch die Einführung von Hans Schilar. Durch die hohe Qualität der Ausgabe gewinnt „Das Kapital“ in dieser edlen Aufmachung endlich die künstlerische Bedeutung, die ihm als Klassiker wissenschaftlicher, ökonomischer und sozialwissenschaftlicher Literatur zukommt. Genauso stellen die wunderschönen Karikaturen und Illustrationen von Klaus Waschk, Preisträger des Hans-Meid-Preises, wenn nicht im marxistischen so doch sicher im Sinne von Karl Marx einen Mehrwert dar: eine durchweg gelungene Edition. (CH)
Karl Marx
„Das Kapital“
Mit einer Einführung zu Werk und Wirkungsgeschichte von Hans Schilar und 150 farbigen Illustrationen von Klaus Waschk
Zwei Leinenbände im Schmuckschuber
Zus. ca. 800 Seiten,
EUR 65,– / sFr 119,–
ISBN 978-3-86730-025-4
Vorzugsausgabe
300 Exemplare als Halbpergamentbände im Schmuckschuber
EUR 155,– / sFr 274,–
ISBN 978-3-86730-026-1
(Zuzüglich Porto)
Online-Flyer Nr. 175 vom 03.12.2008
Das erklärliche Comeback des „Kapital“
Besser „hip“ als „out“
Von Hans-Dieter Hey
Selbst in der Schweiz berichtet man, dass das „Kapital“ weggehe wir „warme Weggli“. Über 30 Lesekreise gibt es inzwischen in Deutschland, auch in Köln. Unter der Überschrift „Marx neu entdecken“ wurden sie vom Sozialistischen Studendenbund (SDS) in Berlin ins Leben gerufen. Warum und wie Marx wieder gelesen werden muss, begründet der bekannte Kapitalismus-Kritiker, Ökonom, Soziologe und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von attac, Elmar Altvater, nachzulesen bei „Das Kapital lesen“. Karl Marx (1818-1883), einst Chefredakteur der „Neuen Rheinischen Zeitung„, ist zwar mit seiner präzisen, eindrucksvollen und wuchtigen Sprache gut zu gelesen, aber nicht immer leicht zu verstehen. Und eben das war wohl auch der Hauptgrund für das Entstehen der zahlreichen Lesekreise.
Tücken des Marktes beschrieben
Marx als einer der größten deutschen Denker, Philosophen und Ökonomen hat Kapitalismuskritik wie wohl kein anderer geliefert. Und sie ist in den Gründzügen bis heute gültig: „Die Ware frisst den Produzenten, die Beziehung zum Geld, Glanz und Elend des Mehrwerts, die Lust am Gewinn, das Spiel mit dem Preis, die Tücken des Marktes – ein Kaleidoskop menschlicher Kraft und menschlicher Unzulänglichkeiten, eine Dokumentation zur kapitalistischen Wirtschaftsweise, eine Ästhetik des Überdrusses“ schreibt der Verlag Faber und Faber in seiner Ankündigung.
Und im „Kapital“ sind bis heute gültige Aussagen zu lesen, wie beispielsweise über die ihm innewohnende Ausbeutung: „Wir sehen, dass die Maschinerie, die mit der wundervollen Kraft begabt ist, die menschliche Arbeit zu verringern und fruchtbarer zu machen, sie verkümmern lässt und bis zur Erschöpfung auszehrt. Die neuen Quellen des Reichtums verwandeln sich durch einen seltsamen Zauberbann zu Quellen der Not.“ Marx’ globale Voraussagen zum „internationalen Charakter des kapitalistischen Regimes“ sind mittlerweile ohne Zweifel eingetroffen. Aber auch Fragen zur Ausbeutung der Ressourcen und zur industriellen Umweltzerstörung ging Marx damals auf den Grund.

Marx lesen – In den 1980ern in der DDR... | Quelle: NRhZ-Archiv
Dass diese wissenschaftliche Kritik nicht immer auf wohlwollendes Verständnis der Mächtigen trifft, zeigen Vorgänge in der Otto-Friedrich-Universität Bamberg oder an der Katholischen Uni Eichstätt-Ingolstadt. Die Verantwortlichen haben offensichtlich Schwierigkeiten mit dem Begriff der „freien Lehre und Forschung“, den kritische Studenten wiederum ziemlich ernst nehmen. Offensichtlich gibt es dort erhebliche Schwierigkeiten, Räumlichkeiten für ihre Marx-Lesekreise zu bekommen, die sonst für alles Mögliche zur Verfügung stehen, wie die Junge Welt berichtete. Womöglich gilt den bayerischen Unirektoren „Das Kapital“ als Teufelswerk, dabei enthält es Erkenntnisse, die mindestens so lehrreich wie aktuell sind:
„Dieser Zusammenbruch ist trotz der Verzögerung gewiss; in der Tat kündigt der chronische Charakter, den die gegenwärtige Finanzkrise angenommen hat, nur einen heftigeren und unheilvolleren Ausgang dieser Krise an. Je länger die Krise andauert, um so schlimmer wird die Abrechnung. Europa befindet sich augenblicklich in der Lage eines Menschen am Rande des Bankrotts, der gezwungen ist, zugleich alle Unternehmungen weiter zu betreiben, die ihn ruiniert haben, und zu allen möglichen verzweifelten Mitteln zu greifen, mit denen er den letzten furchtbaren Krach aufzuschieben und zu verhindern hofft. Es ergehen neue calls (Aufforderungen einer Gesellschaft an ihre Aktionäre, die Raten auf noch nicht voll bezahlte Aktien einzuzahlen) zur Zahlung auf das Kapital von Gesellschaften, die in der Mehrzahl nur auf dem Papier existieren. Große Summen Bargeld werden in Spekulationen investiert, aus denen sie niemals zurückgezogen werden können...“ Das hört sich aktuell an, stammt aber vom 21. November 1856.
Marx über Opel- und Bankenkrise
Marx’ Aussage zur Kapitalakkumulation kann ganz neu verstanden werden, blickt man auf die weltweite Automobilwirtschaft, die sich in einem mörderischen, krisenhaften Konkurrenzprozess befindet. Er spricht von der Konkurrenz einzelner Kapitale, die „stets mit dem Untergang viele kleinerer Kapitalisten endet, deren Kapitale teils in die Hand des Siegers übergehn, oder aber untergehn.“ Und zum „Rettungspaket“ für die Banken und die Automobilindustrie ist die Aussage des Gesellschaftsphilosophen heute noch ebenso gültig: „Der einzige Teil des sogenannten Nationalreichtums, der wirklich in den Gesamtbesitz der modernen Völker eingeht, ist ihre Gesamtschuld“. Denn „Die moderne Staatsgewalt ist nur ein Ausschuss, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Kapitalistenklasse verwaltet“.
...und heute überall | Foto: gesichter zei(ch/g)en
Angesichts dieser Lage – könnte man meinen – sei Widerstand angesagt. Doch wie sollte das gehen, wenn die Menschen zu Interneteremiten vereinzelt und in einer Ellenbogengesellschaft erzogen werden, während man ihnen bei stolz geschwellter Brust das letzte Hemd auszieht? Oder wie die Band „Einstürzende Neubauten“ es ausdrückten: „Ich bin zehn Meter groß, und alles ist wichtig!“ Auch zu solchen „modernen“, antrainierten Überzeugungen hat Karl Marx etwas parat, denn nach ihm ist der Mensch nicht nur „das einzige Wesen, das in einer Gesellschaft vereinzeln kann“. So vereinzelt ist er auch geprägt worden: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt“ lautet eine vielzitierte marx’sche Erkenntnis. Auch wenn sich seit 150 Jahren vieles verändert hat, ist „Das Kapital“ immer noch die Lektüre, die in ihrer Kritik das Wesen des Kapitalismus in den Gründzügen präzisiert und deshalb ein Muss in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung ist.

Genau betrachtet... | Quelle: Faber & Faber
Fünfzehn Jahre lang hat Karl Marx damals die wissenschaftliche Literatur studiert, um die Ergebnisse in seiner „Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft“ zusammenzufassen. Insgesamt waren es 30 Jahre intensiven Forschens. Erst im 20. Jahrhundert wurde versucht, das Gesamtwerk von Marx zusammenzustellen und zu veröffentlichen. Seit 1975 gab es eine Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) mit mehr als einhundert Bänden, die unter der Führung der Marx-Engels-Stiftung und von Wissenschaftlern aus Deutschland, Japan und Russland herausgegeben wurde. Darunter natürlich auch „Das Kapital“ als Klassiker.
140 Jahre nun nach dessen Erstveröffentlichung hat der Verlag Faber und Faber aus Leipzig eine bemerkenswerte Ausgabe vorgelegt. Aufschlussreich für den Entstehungsprozess des Kapitals ist auch die Einführung von Hans Schilar. Durch die hohe Qualität der Ausgabe gewinnt „Das Kapital“ in dieser edlen Aufmachung endlich die künstlerische Bedeutung, die ihm als Klassiker wissenschaftlicher, ökonomischer und sozialwissenschaftlicher Literatur zukommt. Genauso stellen die wunderschönen Karikaturen und Illustrationen von Klaus Waschk, Preisträger des Hans-Meid-Preises, wenn nicht im marxistischen so doch sicher im Sinne von Karl Marx einen Mehrwert dar: eine durchweg gelungene Edition. (CH)
Karl Marx„Das Kapital“
Mit einer Einführung zu Werk und Wirkungsgeschichte von Hans Schilar und 150 farbigen Illustrationen von Klaus Waschk
Zwei Leinenbände im Schmuckschuber
Zus. ca. 800 Seiten,
EUR 65,– / sFr 119,–
ISBN 978-3-86730-025-4
Vorzugsausgabe
300 Exemplare als Halbpergamentbände im Schmuckschuber
EUR 155,– / sFr 274,–
ISBN 978-3-86730-026-1
(Zuzüglich Porto)
Online-Flyer Nr. 175 vom 03.12.2008














