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Literatur
Der Fortsetzungsroman in der NRhZ – Folge 37
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Der Protagonist Erich Wegner arbeitet nach Abschluss der Schule im Tiefbau, aber in ihm reift allmählich der Entschluss, seine Situation zu verändern. Er holt das Abitur nach, beginnt Jura zu studieren und absolviert erfolgreich eine akademische Laufbahn. Eine verheißungsvolle Zukunft scheint vor ihm zu liegen, doch seine Hoffnungen und Erwartungen erfüllen sich nicht; sie werden durchkreuzt von seinen Vorstellungen von einem humanen und selbstbestimmten Leben in einer sozialen Gesellschaft. Er überlegt, fortzugehen, neu anzufangen. Es bleibt die Frage, ob Wegner jemals eine echte Chance hatte.

der aufsteiger wolfgang bittner horlemann-verlag cover
                                                   
Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die überarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.



13) Promotion  und Ehealltag (Fortsetzung)

Ohne Bedauern, ohne innerlich angesprochen zu sein. Das lag alles schon so weit zurück, es kam ihm fast vor, als sei das in einem anderen Leben gewesen.

Marianne lag auf dem Sofa und blätterte gelangweilt in einer Illustrierten. Vor ihr auf dem Tisch standen eine Tasse halb voll mit Kaffee, die sie sich vom Abendessen mitgenommen hatte, und der angebrochene Becher mit Früchtejoghurt. Dazu knabberte sie Kartoffelchips.

„Ist heute nichts im Fernsehen?“, fragte er.
Sie rekelte sich. „Absolut nichts. Nur eine Talkshow mit irgendwelchen quasseligen Politikern, im Zweiten ein Quiz und im Dritten ein blöder Krimi. Aber das ist mir zu uninteressant.“ „Das passt ja ganz gut“, meinte er. „Ich will nachher noch etwas arbeiten.“ Er setzte sich in den Sessel und vertiefte sich in die Tageszeitung.

„Ehe ich es vergesse“, sagte Marianne, „der Wagen müsste mal wieder zur Inspektion.“ „Kannst du das nicht diesmal übernehmen?“, fragte er. „Ich habe in den nächsten Tagen im Seminar zu tun und die Werkstatt liegt genau entgegengesetzt.“ Auf Mariannes Stirn erschienen ein paar Falten. „Ich dachte, wir hätten uns auf Arbeitsteilung geeinigt?“ „Gut“, sagte er, „dann kannst du ja demnächst auch mal die Wohnung saubermachen und etwas öfter kochen.“ „Und du setzt dich zur Ruhe, was?“, entgegnete sie gereizt.

„Ich habe genug um die Ohren“, wehrte er sich ärgerlich. „Aber du kümmerst dich doch in letzter Zeit kaum noch um den Haushalt.“ Sie legte die Illustrierte beiseite und setzte sich aufrecht. „Sag mal, hast du sie noch alle beisammen?“, fauchte sie. „Ich soll voll arbeiten und das Geld nach Hause bringen, damit du in Ruhe promovieren und deine juristischen Aufsätze schreiben kannst, und dazu soll ich dann auch noch saubermachen, kochen, einkaufen, Wäsche waschen, mich um das Auto kümmern und womöglich nebenbei noch den Schriftkram erledigen. Das würde dir so passen, aber da hast du dich verrechnet. Ich bin doch nicht dein Dienstmädchen.“

Er versuchte, sich zu beherrschen. „Das einzige, was du bis jetzt für unseren gemeinsamen Haushalt tust“, stellte er so ruhig wie möglich fest, „ist einmal in der Woche zusammen mit mir einkaufen, einmal im Monat Wäsche waschen und gelegentlich kochen. Alles andere mache ich, das wollen wir doch mal festhalten.“ Marianne hatte sich mittlerweile wieder einmal in ein Stadium hineingesteigert, in dem sie Argumenten gegenüber taub war.


„Und meine Arbeit als Lehrerin zählt wohl gar nicht!“, schrie sie aufgebracht.
„Das habe ich nicht gesagt“, entgegnete er wütend. „Aber ich habe den Eindruck, als hieltest du meine Promotion für eine Nebenbeschäftigung.“ Sie lachte hysterisch. „Damit brauchst du dich ja nun wirklich nicht so anzustellen! Als ob das etwas Besonderes wäre!“ Nur mit Mühe gelang es ihm, sich zur Ruhe zu zwingen. Er merkte auf einmal, dass er sich mehr über die Art dieser Auseinandersetzung erregte als über den Inhalt. Dennoch vermochte er sich nicht von dem Gezänk zu distanzieren.

Er atmete tief ein und aus. „Ach so ist das“, sagte er spöttisch.
„Und dass du nicht einmal mit deinen Seminararbeiten klargekommen bist, ist dir wohl inzwischen vollkommen entfallen? Und wer dir deine Examensarbeit geschrieben hat, wohl auch? Und wie du heulend vor deinen ersten Aufsatzkorrekturen gesessen hast und nicht mehr weiter wusstest, hast du natürlich ebenfalls vergessen.“ „Du brauchst mir nicht bei jeder Gelegenheit Sachen aufs Brot zu schmieren, die schon Jahre zurückliegen!“, schrie sie empört.

„Ich habe damals genug für dich getan!“ „Was denn, bitte schön?“, fragte er aufgebracht. „Meinst du vielleicht, dass du mit mir ins Bett gegangen bist? Das lag ja schließlich nicht allein in meinem Interesse.“ „Du Scheißkerl!“, schrie Marianne.
„Oder meinst du vielleicht die Möbel, die hier rumstehen!“, schrie er zurück.
„Du bist ein Schwein“, schnaufte Marianne. „Du bist ein ganz mieses Schwein!“ Sie fing plötzlich an zu schluchzen.

Als er sich zu ihr hinübersetzen wollte, weil sie ihm leid tat, flogen ihm auf einmal, ehe er wusste, was geschah, die Kaffeetasse und der Joghurtbecher samt Inhalt an den Kopf. Es sah aus, als sei eine Bombe explodiert. Schade um die Sachen, war das erste, was er denken konnte. Auch Marianne schien etwas ernüchtert.

Der Sessel, die Gardine und sogar die Tapete hatten dunkelbraune Kaffeeflecken. Wortlos ging er hinaus, um sich umzuziehen.
Vielleicht dachte sie, du willst sie verprügeln, überlegte er, während er sein Hemd und die Hose einweichte. Ob Kaffee Flecke gab? Mit Gegenständen hatte sie bis jetzt noch nie geworfen.

Nur geheult und geschrieen, einmal mit Selbstmord gedroht, einmal die Küchengardine heruntergerissen.

Du hättest sie nicht noch reizen dürfen, dachte er. Sie müsste viel verständnisvoller, viel zarter, liebevoller behandelt werden, gerade weil sie so empfindlich ist. Doch dann kam wieder die Wut in ihm hoch. Scheiße, dachte er, wenn du dir so etwas bieten lässt, dann geht das womöglich in Zukunft so weiter. Er zog seine Schuhe an und holte den Mantel von der Garderobe. Aber gerade als er zur Tür hinaus wollte, kam Marianne aus dem Wohnzimmer und versperrte ihm den Weg.

„Ich komme ja gleich wieder“, sagte er halb wütend, halb versöhnlich.
„Ich muss nur mal an die frische Luft bei dieser miserablen Stimmung hier. Sonst ersticke ich.“ „Du mieser Kerl!“, schrie sie. „Das würde dir so passen! Einen erst fertigmachen und dann verschwinden!“ Sie drückte die Tür zu, dass es im ganzen Haus krachte.

Er zog die Tür wieder auf, gegen ihren Widerstand, bis die Scharniere quietschten, schließlich mit einem Ruck. Die Nachbarin glotzte gegenüber zur Wohnungstür heraus, zog ihren Kopf aber schnell wieder zurück, als sie ihn sah.

Erregt schob er Marianne beiseite, bekam ein paar ungezielte Schläge ab und war schon die Treppe hinunter. Das ist die Hölle, dachte er. Seine Hände waren feucht, die Beine zitterten. Sein Herz klopfte wie rasend.
„Du Schweinehund!“, schrie Marianne mit überschnappender Stimme durch das Treppenhaus. „Du dreckiges Schwein!“ Ein Hausschuh kam die Treppe heruntergesegelt.

Er stand da und schämte sich. Am liebsten wäre er weit weg gewesen. Aber er hatte Angst wegzugehen. Es könnte ihr etwas passieren, dachte er. Wahrscheinlich würde sie jetzt ein paar Kognak trinken; dann war sie vollkommen unzurechnungsfähig, und womöglich stellte sie in dem Zustand etwas an. Oder sie beging Selbstmord.

Bei der Familie Specht klappte die Wohnungstür. Als er sich umdrehte, war jedoch niemand mehr zu sehen. Wir sollten versuchen, uns auszusprechen, überlegte er. Zugleich wurde ihm bewusst, dass er überhaupt nicht mehr fähig war, einen einzigen klaren Gedanken zu fassen. Vielleicht würde er sich nicht mehr beherrschen können, wenn sie immer noch so aggressiv oder wenn sie sogar betrunken war. Oder sollte er sie einfach verprügeln? Der eine aus dem Bautrupp, damals, hatte immer behauptet, die Frauen bräuchten das. Vielleicht brauchte Marianne das auch.

Er stand an der Haustür und konnte sich weder entschließen umzukehren noch wegzugehen. Verdammt, nun hau doch endlich ab, du Schlappschwanz, sagte er sich. Wenn du zurückgehst, gibt es nur neues Theater. Doch er konnte nicht. Erst als er jemanden die Treppe herunterkommen hörte, gab er sich einen Ruck und verließ das Haus. Er beschloss in die Stadt zu gehen, in eine Kneipe, die er kannte, und sich volllaufen zu lassen. Sie muss lernen, mit sich selber fertig zu werden, dachte er. Schließlich ist sie ein erwachsener Mensch.

Lesen Sie in der kommenden Ausgabe mit dem Kapitel „Als Vertreter der Staatsgewalt“ die Fortsetzung von Wolfgang Bittners Roman .
(CH)


© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978
Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
Horlemann Verlag, Postfach 1307, 53583 Bad Honnef,
Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
www.horlemann.info


 
Wolfgang Bittner Foto: Andreas Neumann arbeiterfotografie
Foto: Andreas Neumann              
Wolfgang Bittner, Jahrgang 1941, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Der promovierte Jurist schreibt für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Er erhielt mehrere Literaturpreise, ist Mitglied im PEN und Mitarbeiter bei Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen. Er hat mehr als 50 Bücher veröffentlicht, u.a. die Romane „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“, „Niemandsland“ und „Flucht nach Kanada “, den Erzählband „Das andere Leben“ sowie das Sachbuch „Beruf: Schriftsteller“.



Online-Flyer Nr. 176  vom 10.12.2008



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