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Literatur
Yaşar Kemal vom türkischen Staatspräsidenten ausgezeichnet
„Allmählich ein Weg zum Frieden“
Von Peter Kleinert

„Dass mir dieser Preis zugesprochen wird, möchte ich als Zeichen dafür sehen, dass politische Standfestigkeit und der Kampf für Frieden und Menschenrechte nicht länger ein Grund zur Ausgrenzung sind und dass sich allmählich ein Weg zum Frieden in unserer Gesellschaft öffnet.“ Mit diesen Worten nahm Yaşar Kemal, der wichtigste lebende Schriftsteller der Türkei zwei Monate nach seinem 85. Geburtstag den höchsten Kulturpreis seines Landes aus den Händen von Staatspräsident Abdullah Gül entgegen. Unter früheren Regierungen hatte der gebürtige Kurde und überzeugte Sozialist wegen seiner politischen Haltung jahrelang im Gefängnis schreiben müssen.

Yasar Kemal
Staatspreis zum 85. –
Yaşar 
Kemal
Foto: M. Kapcisk/Unionsverlag        
Als Kemal Sadık Gökçeli wurde Yaşar Kemal am 6. Oktober 1923 in dem Dorf Hemite (heute Gökçeadam) in der Provinz Adana als Sohn kurdischer Zuwanderer aus der Provinz Van im Osten der Türkei geboren. Als einziges Kind in dem südanatolischen Dorf lernte er Lesen und Schreiben, verlor sein rechtes Auge, weil er seinem Onkel beim Schächten zu nahe zuschaut hatte, und musste als Fünfjähriger mit ansehen, wie sein Vater in einer Moschee beim Beten von einem Adoptivsohn erstochen wurde.

Nach der Schule arbeitete Yaşar als Tagelöhner auf Baumwollfeldern und Reisplantagen, war Hirte, Wasserträger, Schuhmacher, Traktorfahrer, Fabrikarbeiter. Schließlich konnte er genügend Geld sparen, um sich eine alte Schreibmaschine zu kaufen. Als Straßenschreiber ließ er sich in einer kleinen Stadt nieder. Für Bauern, die nicht Lesen und Schreiben gelernt hatten, verfasste er Briefe, Bittschriften und Dokumente.

Vom alltäglichen Leben der Bauern

Baumwollfeld Foto: David Nance
In Kemals Heimat Çukurova leben die Bau-
ern von der harten Arbeit auf den Baumwoll-
feldern | Foto: David Nance
1951 wurden seine ersten Erzählungen in der Istanbuler Zeitung Cumhuriyet (Republik) abgedruckt. Sie erregten Aufsehen, denn sie handelten vom alltäglichen Leben der Bauern und waren im Stil der Umgangssprache geschrieben – in der türkischen Literatur jener Jahre etwas Ungewohntes. Als Journalist nahm er den Namen Yasar Kemal an, durchstreifte zwölf Jahre lang die ländliche Türkei, schrieb über die Armut, den Hunger, die Dürre und über die Ausbeutung der Landbevölkerung durch feudale Großgrundbesitzer. Noch nie zuvor waren solche Berichte in der türkischen Presse erschienen. Einige führten sogar zu Debatten in der Nationalversammlung.

Kritischer Sozialist

1962 wurde er Mitglied der (sozialistischen) Arbeiterpartei der Türkei (TIP) und übernahm dort wichtige Funktionen, war aber gleichzeitig ein kritischer Beobachter sozialistischer Staaten. In einem Interview mit dem Journalisten Abdi İpekçi erklärte er, dass er sowohl gegen diejenigen sei, „die die Arbeiter ausplündern und unterdrücken“, wie auch gegen diejenigen, die im Namen der Arbeiter an die Macht gekommen seien. Auch die UdSSR sei kein vollständig vom Proletariat beherrschtes Land, solange es diesem nicht gelinge, die letzten Überreste der Bürokratie aufzuheben. Noch 1971 äußerte er die Hoffnung, dass dies der sowjetischen Arbeiterschaft gelingen würde.

Gefängnis und Exil

Wegen seines politischen Engagements – als Journalist gab er auch einige marxistische Magazine heraus – wurde er mehrfach zu Gefängnisstrafen verurteilt und nannte in Erinnerung daran das Gefängnis „die Schule der türkischen Literatur“. Zuletzt wurde er 1995 für einen Spiegel-Artikel verurteilt, weil er dort die rassistische Politik der Regierung gegen die Kurden kritisiert hatte. Und gegen die Verfolgung der Kurden protestiert er bis heute. Um Anschlägen zu entgehen, musste Yaşar Kemal für einige Jahre ins Exil, lebt aber mittlerweile wieder in Istanbul.

Als er von der Absicht Abdullah Güls hörte, ihm den wichtigsten Staatspreis zu verleihen, war seine erste Reaktion, die Ehrung abzulehnen. Nach einiger Bedenkzeit nahm er ihn schließlich an, und an der Preisübergabe am 4. Dezember nahm sogar Ministerpräsident Erdoğan teil. Yaşar Kemal: „Dass der Preis von der Staatspräsidentschaft verliehen wird, die definitionsgemäß über allen Parteiinteressen stehen muss, stärkt meine Hoffnung.“  

„Memed mein Falke“

Yasar Kemal Memed mein Falke
„Memed mein Falke“ auf            
Deutsch im Unionsverlag
Bereits 1955 war Yaşar Kemal mit seinem Roman „Memed mein Falke“ auf einen Schlag zum meistgelesenen Schriftsteller der Türkei geworden. Das Buch fand mit fast einer halben Million verkaufter Exemplare in dem Land, das damals noch eine hohe Zahl von Analphabeten zählte, eine einzigartige Verbreitung. Inzwischen sind seine Bücher in Millionenauflagen erschienen und wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Dem ersten Roman über den Räuber Ince Memed folgten später drei weitere Bände; der letzte erschien 2003. Die Romane gelten als Meilensteine der türkischen Literatur.

Wie diese Entwicklung vom armen Dorfjungen zum weltberühmten Schriftsteller möglich wurde, erinnert Yasar Kemal in einem Spiegel-Essay: „Seit der Gründung der Republik 1923 durch Mustafa Kemal, genannt Atatürk, Vater der Türken, besannen wir Künstler uns auf unsere eigene Kultur und Sprache. Dabei halfen die neugegründeten Volkshäuser und die sogenannten Dorf-Institute. Durch diese Bildungseinrichtungen und die offiziellen Übersetzungen lernten wir aber auch die Klassiker der Weltliteratur kennen: Goethe, Schiller, die Gebrüder Grimm, Stendhal, Balzac, Tolstoi, Dostojewski, Faulkner wurden unsere Lehrmeister... Im Alter von etwa 20 Jahren habe ich zum ersten Mal Stendhal gelesen, und er war mir seither immer nahe.“ Kemals Werke wurden auf Empfehlung der UNESCO und des internationalen PEN-Clubs mit zahlreichen internationalen Literaturpreisen ausgezeichnet. 1997 erhielt er auch den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Ins Deutsche übersetzt wurden auch die Romane „Eisenerde, Kupferhimmel“ (1963), „Das Unsterblichkeitskraut“ (1968), „Töte die Schlange“ (1976), „Die Ameiseninsel“ (1998), „Der Sturm der Gazellen“ (2006) und „Die Hähne des Morgenrots“ (2008) – allesamt vom Schweizer Unionsverlag herausgegeben. Einige seiner Bücher wurden verfilmt, wie „Memed mein Falke“ und „Eisenerde, Kupferhimmel“. „Gedanken wie Zündstoff“ heißt ein Dokumentarfilm, den Osman Okkan und das Kölner KAOS Film- und Video-Team 1994 anlässlich des blutigen Attentats auf linke Intellektuelle und Mitglieder der kurdisch-alevitischen Glaubensgemeinschaft im Jahr 1993 in Sivas für den WDR und ARTE produzierten.

Demonstration in Sivas Foto: Annette von Spiegel
Noch heute demonstrieren tausende in Sivas zur Erinnerung an das Attentat Foto: Annette von Spiegel

Im Mittelpunkt des Films stehen Kemal und sein Freund, der Schriftsteller Aziz Nesin, der mit knapper Not dem Attentat entkam, bei dem 37 Menschen verbrannten. Einigen der Attentatsverdächtigen wird – bislang ohne Prozess – bis heute in Deutschland Asyl gewährt (mehr dazu unter www.alevi-do.de). Einen Ausschnitt aus dem Film finden Sie als Filmclip in dieser Ausgabe der NRhZ. 

„Literatur ist auch eine Waffe“


Yasar Kemal bei Buchpräsentation
Lesung aus dem letzten Band der Memed-
Romanreihe | Quelle: www.fulldepo.com
Abschließend noch ein Zitat aus Yasar Kemals Spiegel-Essay vom 23. September 2008: „In keinem Zeitalter hatte sich das Böse so organisiert, war es so mächtig wie heute. Wir sind täglich Zeuge, wie das Böse das Leben unserer Welt bedroht. Milliarden Menschen werden von ihren Brüdern ausgebeutet, die dazu Möglichkeiten bekommen haben. Eine rasende Kriegshetze ist nicht aufzuhalten. Wenn die Literatur wie früher ihren Kampf für mehr Menschlichkeit fortsetzt, können wir leichter drohendes Unheil verhindern. Literatur war niemals nur ein Zierrat. Sie wurde immer auch als politische Waffe benutzt, um Ziele durchzusetzen. Und Künstler wussten meistens, auf wessen Seite sie zu stehen haben... Doch wie werden wir Künstler mit dieser Herausforderung fertig? Der Künstler unseres Zeitalters muss wie ein Vogel zwitschern, hell wie klares Wasser leuchten, einfältig sein wie ein Kind. Ansonsten wird es sehr schwer, trotz all dem auf uns lastenden Schmutz zu bestehen. Die Künste des Wortes haben die reinigende Kraft des Feuers, das jeden Schmutz tilgt.“ (CH)
 


Online-Flyer Nr. 177  vom 17.12.2008



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