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Globales
Allein in São Paulo gingen am Sonntag 7.000 Menschen auf die Straße
Lateinamerika verurteilt Israel
Von Wolf Gauer

Kundgebung am Freitag in São Paulo – links Bush mit Schuh am Revers
Foto: Wolf Gauer
Ihre koloniale und postkoloniale Geschichte hat die Lateinamerikaner gegen jede Art von Unterdrückung sensibilisiert. Sie haben viele palästinensische Flüchtlinge aufgenommen obwohl zumeist ohne Papiere oder Staatsangehörigkeit. Da mit der arabischen Diaspora vermischt, gibt es bislang kaum Zahlen oder Schätzungen über ihre Präsenz in Lateinamerika. Diese macht sich aber durch beruflichen Einsatz und soziale Unterstützung der im mittleren Osten Ausharrenden bemerkbar.
Aufruf von 80 Organisationen in São Paulo
In São Paulo z.B. hatten am Sonntag, 11. Januar, etwa 80 politische, gewerkschaftliche, berufsständische und religiöse Organisationen aller Couleur zu Spenden und Demonstrationen aufgerufen. Etwa 7.000 Leute waren auf den Beinen. Jugendliche, Frauen, Schwarze gehörten neben arabischen und palästinensischen Organisationen zu denen, die am meisten beigetragen haben. Kaum anders im übrigen Lateinamerika. Und dies im Gegensatz zur vorauseilenden Parteinahme der EU und ihrer gleichgeschalteten Medien für die zionistische Politik der Landnahme, der Reduzierung und Lagerhaltung angestammter Einwohnerschaft in Palästina.

„Palästinenser zählt auf uns!“
Foto: Wolf Gauer
Es protestieren nicht nur die Leute auf der Strasse sondern auch die Regierenden, wenn man von US-Satrapien wie Mexiko oder Kolumbien absieht. Selbst ausdrückliche Bitten der dortigen Minoritätenvertreter konnten den Kongress in Bogotá zu keinerlei Stellungnahme bewegen. Der ekuadorianische Außenminister Fander Falconi verurteilte dagegen den „Offensivkrieg“ Israels und die nun eineinhalbjährige Blockade und Unterversorgung des Gazastreifens ganz offen. Er sprach am Jahresende den Angehörigen der Opfer sein Beileid aus und forderte sofortiges Handeln der UNO im Interesse des internationalen Menschenrechts.
Lula da Silva bot Vermittlung an
Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hatte schon vorher die israelische Aktion als „unverhältnismäßig“ bewertet und am 30. Dezember seine persönliche Vermittlung angeboten, auch die Einberufung einer internationalen Gipfelkonferenz angeregt. Sein Außenminister Celso Amorim konferiert inzwischen mit der früheren Mossad-Agentin und jetzigen Kollegin Tziporah Livni. Lulas Arbeiterpartei (PT) war deutlicher gewesen: Sie sprach von „Staatsterror in Gaza“ und erntete interessante Reaktionen des Wiesenthal-Centers, Bezichtigungen statt Sachargumentation: PT habe Kontakte zur sozialistischen Baath-Partei in Syrien gehabt, die zu ihrer Regierungszeit den Nazi Alois Brunner beherbergt haben soll (was in vielen anderen Fällen auch die amerikanischen Freunde schon getan hatten - im Interesse von Wirtschaft, Wissenschaft und sonstigem NS-Know-how).
Scharfe Kritik aus Bolivien
Der bolivianische Außenminister David Choquehuanaca und sein UNO-Gesandter Pablo Solón kritisierten scharf den „Angriff auf die Zivilbevölkerung“ und „ihr Existenzrecht auf eigenem Territorium“. Beide forderten den UNO-Sicherheitsrat zu sofortigem Handeln auf. Paraguay verlangte die sofortige Öffnung der hermetisch abgeriegelten Gaza-Zone für die dringend benötigten Hilfsgüter.

Demonstration in Venezuela
Freies Pressefoto
Argentinien - wohl aus Rücksicht auf die wegen eines ungeklärten Bombenanschlags auf das jüdische Amia-Zentrum in Buenos Aires (1994) sensiblen Beziehungen zu Israel - sprach sich zunächst nur für die sofortige Feuereinstellung auf „beiden Seiten“ aus, thematisierte aber nachträglich das disproportionale israelische Vorgehen und forderte den Rückzug der israelischen Truppen und die Respektierung internationaler Rechtsnormen.
Die Revolutionäre Front für eine Sozialistische Alternative (FRAS) in Uruguay zeichnete die „ethnische Säuberung“ und damit Austreibung von etwa 750.000 Palästinensern seit 1948 nach, auch die traditionelle Komplizenschaft der amerikanischen Regierung. Sie geißelte zugleich die „pro-imperialistische“ Regierung Tabaré Vázques, die sich lediglich zu scheinheiligen Friedensappellen habe aufraffen können. Es blieb dem braven Christen und Erzbischof von San Salvador, Fernando Sáenz Lacalle, vorbehalten, die Invasion als „Verteidigungsaktion“ zu qualifizieren. Israel „habe das Recht, sich vor den Angriffen vonseiten Gazas zu schützen.“
Chávez spricht vom „mörderischen Arm“ der USA

Auch auf einer Gaza-Kundgebung:
Hugo Chavez | Freies Pressefoto
Die kubanische Regierung resümierte den Charakter des Militärschlags als „kriminell“: „der blutigste von allen gegen das palästinensische Volk, und dies nach einer 18 Monate andauernden Blockade“. Wie üblich, nahm auch der venezolanische Präsident Hugo Chávez Frias kein Blatt vor den Mund: Er betrachte die israelische Offensive als „verbrecherisch“, da sie „die Lebensperspektive eines ganzen Volkes auszulöschen versuche“. Sie trage das „Siegel krimineller Aktion wie sie von der US-amerikanischen Regierung auszugehen pflege“. Israel sei nun einmal der „mörderische Arm“ der USA. Chávez weiß was er sagt: Jüdische Institutionen in Venezuela haben seinen Wahlkampf nach Kräften gestört; auch konnte er Rolle und Einfluss israelischer Berater und Spezialisten im US-Stützpunk Kolumbien beobachten.
Wie im Vorjahr den amerikanischen, schickte Chávez am 6. Januar den israelischen Botschafter und sechs seiner Mitarbeiter nach Hause und zwar unter dem ausdrücklichem Vorwurf des Völkermords. Er appellierte an die Juden in aller Welt, sich an die dunkelsten Seiten der Geschichte des 20. Jahrhunderts zu erinnern und zu verhindern, dass sich Israel mit einem Genozid jeden zukünftigen und dauerhaften Frieden verbaue. Im gleichen Sinne griff der argentinische Friedensnobelpreisträger Adolfo Pérez Esquivel auf die Bibel zurück: „Israel, unterdrücke nicht deinen Bruder...du säst Wind und Sturm“.
Die Vorsitzende der Studentenorganisation der Fakultät für Audiovisuelle Medien in Caracas, Carmen Pulido, fasst zusammen, was die Lateinamerikaner empfinden: „Wir dürfen das Ganze nicht als religiösen Konflikt zwischen Muslims und Juden verstehen, sondern als einen historischen. Als Resultat kolonialistischer Herrschaft, die von der Militärgewalt eines Staates aufrechterhalten wird, der vom Imperialismus geschaffen wurde ... Israel ist ein terroristischer Staat ... seit seiner künstlichen, 60jährigen Existenz ist Palästina das Ziel militärischer und wirtschaftlicher Aggression.“ (PK)
Online-Flyer Nr. 180 vom 14.01.2009
Allein in São Paulo gingen am Sonntag 7.000 Menschen auf die Straße
Lateinamerika verurteilt Israel
Von Wolf Gauer

Kundgebung am Freitag in São Paulo – links Bush mit Schuh am Revers
Foto: Wolf Gauer
Ihre koloniale und postkoloniale Geschichte hat die Lateinamerikaner gegen jede Art von Unterdrückung sensibilisiert. Sie haben viele palästinensische Flüchtlinge aufgenommen obwohl zumeist ohne Papiere oder Staatsangehörigkeit. Da mit der arabischen Diaspora vermischt, gibt es bislang kaum Zahlen oder Schätzungen über ihre Präsenz in Lateinamerika. Diese macht sich aber durch beruflichen Einsatz und soziale Unterstützung der im mittleren Osten Ausharrenden bemerkbar.
Aufruf von 80 Organisationen in São Paulo
In São Paulo z.B. hatten am Sonntag, 11. Januar, etwa 80 politische, gewerkschaftliche, berufsständische und religiöse Organisationen aller Couleur zu Spenden und Demonstrationen aufgerufen. Etwa 7.000 Leute waren auf den Beinen. Jugendliche, Frauen, Schwarze gehörten neben arabischen und palästinensischen Organisationen zu denen, die am meisten beigetragen haben. Kaum anders im übrigen Lateinamerika. Und dies im Gegensatz zur vorauseilenden Parteinahme der EU und ihrer gleichgeschalteten Medien für die zionistische Politik der Landnahme, der Reduzierung und Lagerhaltung angestammter Einwohnerschaft in Palästina.

„Palästinenser zählt auf uns!“
Foto: Wolf Gauer
Es protestieren nicht nur die Leute auf der Strasse sondern auch die Regierenden, wenn man von US-Satrapien wie Mexiko oder Kolumbien absieht. Selbst ausdrückliche Bitten der dortigen Minoritätenvertreter konnten den Kongress in Bogotá zu keinerlei Stellungnahme bewegen. Der ekuadorianische Außenminister Fander Falconi verurteilte dagegen den „Offensivkrieg“ Israels und die nun eineinhalbjährige Blockade und Unterversorgung des Gazastreifens ganz offen. Er sprach am Jahresende den Angehörigen der Opfer sein Beileid aus und forderte sofortiges Handeln der UNO im Interesse des internationalen Menschenrechts.
Lula da Silva bot Vermittlung an
Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hatte schon vorher die israelische Aktion als „unverhältnismäßig“ bewertet und am 30. Dezember seine persönliche Vermittlung angeboten, auch die Einberufung einer internationalen Gipfelkonferenz angeregt. Sein Außenminister Celso Amorim konferiert inzwischen mit der früheren Mossad-Agentin und jetzigen Kollegin Tziporah Livni. Lulas Arbeiterpartei (PT) war deutlicher gewesen: Sie sprach von „Staatsterror in Gaza“ und erntete interessante Reaktionen des Wiesenthal-Centers, Bezichtigungen statt Sachargumentation: PT habe Kontakte zur sozialistischen Baath-Partei in Syrien gehabt, die zu ihrer Regierungszeit den Nazi Alois Brunner beherbergt haben soll (was in vielen anderen Fällen auch die amerikanischen Freunde schon getan hatten - im Interesse von Wirtschaft, Wissenschaft und sonstigem NS-Know-how).
Scharfe Kritik aus Bolivien
Der bolivianische Außenminister David Choquehuanaca und sein UNO-Gesandter Pablo Solón kritisierten scharf den „Angriff auf die Zivilbevölkerung“ und „ihr Existenzrecht auf eigenem Territorium“. Beide forderten den UNO-Sicherheitsrat zu sofortigem Handeln auf. Paraguay verlangte die sofortige Öffnung der hermetisch abgeriegelten Gaza-Zone für die dringend benötigten Hilfsgüter.

Demonstration in Venezuela
Freies Pressefoto
Argentinien - wohl aus Rücksicht auf die wegen eines ungeklärten Bombenanschlags auf das jüdische Amia-Zentrum in Buenos Aires (1994) sensiblen Beziehungen zu Israel - sprach sich zunächst nur für die sofortige Feuereinstellung auf „beiden Seiten“ aus, thematisierte aber nachträglich das disproportionale israelische Vorgehen und forderte den Rückzug der israelischen Truppen und die Respektierung internationaler Rechtsnormen.
Die Revolutionäre Front für eine Sozialistische Alternative (FRAS) in Uruguay zeichnete die „ethnische Säuberung“ und damit Austreibung von etwa 750.000 Palästinensern seit 1948 nach, auch die traditionelle Komplizenschaft der amerikanischen Regierung. Sie geißelte zugleich die „pro-imperialistische“ Regierung Tabaré Vázques, die sich lediglich zu scheinheiligen Friedensappellen habe aufraffen können. Es blieb dem braven Christen und Erzbischof von San Salvador, Fernando Sáenz Lacalle, vorbehalten, die Invasion als „Verteidigungsaktion“ zu qualifizieren. Israel „habe das Recht, sich vor den Angriffen vonseiten Gazas zu schützen.“
Chávez spricht vom „mörderischen Arm“ der USA

Auch auf einer Gaza-Kundgebung:
Hugo Chavez | Freies Pressefoto
Wie im Vorjahr den amerikanischen, schickte Chávez am 6. Januar den israelischen Botschafter und sechs seiner Mitarbeiter nach Hause und zwar unter dem ausdrücklichem Vorwurf des Völkermords. Er appellierte an die Juden in aller Welt, sich an die dunkelsten Seiten der Geschichte des 20. Jahrhunderts zu erinnern und zu verhindern, dass sich Israel mit einem Genozid jeden zukünftigen und dauerhaften Frieden verbaue. Im gleichen Sinne griff der argentinische Friedensnobelpreisträger Adolfo Pérez Esquivel auf die Bibel zurück: „Israel, unterdrücke nicht deinen Bruder...du säst Wind und Sturm“.
Die Vorsitzende der Studentenorganisation der Fakultät für Audiovisuelle Medien in Caracas, Carmen Pulido, fasst zusammen, was die Lateinamerikaner empfinden: „Wir dürfen das Ganze nicht als religiösen Konflikt zwischen Muslims und Juden verstehen, sondern als einen historischen. Als Resultat kolonialistischer Herrschaft, die von der Militärgewalt eines Staates aufrechterhalten wird, der vom Imperialismus geschaffen wurde ... Israel ist ein terroristischer Staat ... seit seiner künstlichen, 60jährigen Existenz ist Palästina das Ziel militärischer und wirtschaftlicher Aggression.“ (PK)
Online-Flyer Nr. 180 vom 14.01.2009














