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Globales
Das Kambodscha-Tribunal gegen die Roten Khmer
Und die Bomben der USA?
Von Alexander Goeb

Seit Juni 2006 arbeitet in Phnom Penh das Internationale Kambodscha-Tribunal (Extraordinary Chambers in the Courts of Cambodia). Das Gericht, mit einheimischen und internationalen Richtern und Staatsanwälten besetzt, soll die Verbrechen der Rote Khmer-Zeit aufarbeiten und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Darüber berichten die offiziellen Medien. Was sie überwiegend - bis rauf zum SPIEGEL - verschweigen, dazu unser Autor, der das Land 2008 besucht hat. – Die Redaktion

Angeklagter Kang Kek Ieu,
genannt Duch - im SPIEGEL-
Artikel vom 17. Februar - aber
kein Wort zu den US-Bomben-
angriffen  
Quelle: SPIEGEL
Seit Herbst 2007 befinden sich fünf Personen in Haft. Es handelt sich um Khieu Samphan, den ehemaligen Präsidenten des „Demokratischen Kampuchea“, Doktor der Volkswirtschaft, um Ieng Sary, den Ex-Außenminister, Bruder Nr. 3 genannt, um Nuon Chea, den Bruder Nr. 2 und Chefideologen der Roten Khmer. Inhaftiert sind ferner Ieng Tirith, Ehefau von Ieng Sary und ehemaligen Sozialministerin und Kang Kek Ieu, genannt Duch, einst Leiter des Foltergefängnisses Tuol Sleng, das Security-Office 21 (S-21), heute ein Museum, das zum festen Programm von Touristenreisen gehört.
 
Auf „senior leaders“ beschränkt
 
Dass weitere Personen angeklagt werden, ist nicht in Sicht, obwohl es laut Vertrag möglich wäre. Das Tribunal will sich auf die sogenannten „senior leaders“ beschränken, alle zwischen 76 und 83 Jahre alt. Zwar können auch sogenannte Hauptverantwortliche belangt werden, aber unter den Inhaftierten zählt nur einer zu dieser Kathegorie, der 68jährige Duch. Er ist es auch, gegen den als ersten die Hauptverhandlung eröffnet wurde. Es heißt, bei Duch sei die Beweislage klar. Ob gegen die anderen Angeklagten jemals ein Urteil gesprochen wird, ist fraglich. Dabei ist für jeden in Kambodscha klar, dass die vier inhaftierten „senior leaders“ die Verantwortlichen sind für zwei Millionen Tote, für Folter, Deportation, und für das Trauma, das noch heute große Teile des kambodschanischen Volkes gefangen hält.
 
Dass der Vertrag über ein Internationales Rote Khmer-Tribunal überhaupt zustande kam, ist zu einem beträchtlichen Teil dem heutigen EU-Menschenrechtskommissar Thomas Hammarberg zu verdanken, damals UN-Sonderbeauftragter für Menschenrechte in Kambodscha. Er motivierte die kambodschanische Regierung, einen Brief an die UNO zu schreiben, in dem sie sich mit der Einrichtung eines Kambodscha-Tribunals einverstanden erklärte. Hammarberg riet bei dem Gespräch mit der kambodschanischen Regierung davon ab, zu verlangen, die Mitschuld ausländischer Mächte vor dem Tribunal zu thematisieren. Gemeint waren die USA, China, Thailand, Vietnam und andere. Würde dies geschehen, so Hammarberg, dann sei er sicher, würde es ein Kambodscha-Tribunal nicht geben.
 
Bombenkrieg der USA nicht der Rede wert
 
So fand der verheerende Bombenkrieg der USA gegen das neutrale Kambodscha von 1969 bis 1973 im Tribunal-Vertrag keinerlei Erwähnung. Auch heute noch wird der Angriff der USA in Zusammenhang mit dem Tribunal weitgehend verschwiegen oder mit ein paar diplomatischen Floskeln übergangen. Treffen sollten die US-Bomben den Ho-Chi-Minh-Pfad und das Hauptquartier des Vietkong, das die US-Amerikaner im Osten Kambodschas vermuteten. Getroffen aber wurden Menschen, vor allem Frauen, Kinder, Alte, getroffen wurden Dörfer, Städte und Reisernten.

Heute weiden Rinder entlang der Bombenkrater 
Foto: Alexander Goeb
  
Der republikanische Senator Pete McCloskey seinerzeit nach einem Besuch Kambodschas: „Ich kann nur meine gefühlsmäßige Reaktion schildern, als ich in das Land kam. Wenn ich die Verantwortlichen des Außen- und Verteidigungsministeriums, die Baumeister dieser Politik gewesen sind, hätte herausfinden können, wäre mein erster Impuls gewesen, sie aufzuknüpfen. Was sie dem Land angetan haben, ist sehr viel schlimmer als wir jedem anderen in der Welt angetan haben.“
 
Völkerrecht missachtet
 
1973, im Jahr, als in Kambodscha die letzten US-Bomben niedergingen und die Apokalypse der Massenmorde bevorstand, schrieb Karl-Heinz Janssen in der „Zeit“: „Aus dem amerikanischen Bombenkrieg in Kambodscha ist der westlichen Welt die bittere Erkenntnis geblieben, dass auch ihre Führungsmacht, der Schutzpatron der Freiheit und Gerechtigkeit, nicht gefeit ist vor der Verblendung und der Versuchung durch politische, wirtschaftliche und militärische Macht. Die Präsidenten Johnson und Nixon haben in Kambodscha das Völkerrecht missachtet, die Weltöffentlichkeit, den Kongress und das eigene Volk hinters Licht geführt und durch rücksichtslose Kriegführung Glück und Leben von Tausenden wehrloser Menschen vernichtet.“
 
Der britische Journalist William Shawcross, Sohn von Hartley William Shawcross, des 2003 im Alter von 101 Jahren verstorbenen britischen Chefanklägers bei den Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozessen, recherchierte für sein Buch „Schattenkrieg“ im Jahre 1982 die völkerrechtswidrige Kriegführung der USA gegen Kambodscha.
 
Der Schlächter von Snuol
 
Ein Beispiel: Nach Shawcross’ Recherchen marschierte am 3. Mai 1970 die zweite Schwadron des 11. gepanzerten Kavallerie-Regiments in den kambodschanischen Ort Snuol ein, wo zuvor 2.000 Menschen von der örtlichen Gummiplantage gelebt hatten. Die Amerikaner feuerten mit 90mm-Geschützen in den Ort, 24 Stunden lang. Danach fanden die Soldaten noch ein Mädchen lebend vor. Sie traten die Türen der Häuser ein und plünderten Geschäfte. Man hatte ihnen gesagt, in Snuol befände sich das Hauptquartier des Vietkong. Der kommandierende Offizier Grail Brookshire bezeichnete sich grinsend als Schlächter von Snuol.
 
Im April 1970, nur zwei Monate nach dem CIA-gesteuerten Putsch gegen den amtierenden Staatspräsidenten Prinz Sihanouk, marschierten 31.000 US-Soldaten in Kambodscha ein. Mit dabei 40.000 Soldaten der südvietnamesischen Armee. Bis zum Ende des nach wie vor geheimen Bombardements auf das kleine Land im Jahre 1973, gingen auf den Osten Kambodschas 539.129 Bomben nieder, mehr als auf Japan während es gesamten zweiten Weltkrieges. Hunderttausende Menschen starben, tausende Löcher durchzogen das Reisland, und die schwarz gekleideten Trupps der Roten Khmer setzten an zum letzten Sturmangriff auf die Hauptstadt Phnom Penh.
 
Recherche vor Ort
 
2008: Ich bin in der Provinz Svay Rieng unterwegs, eine der ärmsten Regionen Kambodschas. Buschland, Dschungel, in dem sich kleine Dörfer verstecken. Reisfelder, dort wo ausreichend Wasser vorhanden ist. Den Mekong überquere ich mit der Fähre bei Neak Loeang. Hier ging 1973 angeblich irrtümlich eine Bombenladung nieder. Die Bilanz: 137 Tote, 268 Verletzte. Die Stadt ist ein strategisch wichtiger Knotenpunkt. Wer den Übergang über den Mekong beherrscht, hat freie Fahrt nach Phnom Penh.


Gespräch des Autors mit Dorfbewohnern in Svay Rieng
Foto: Alexander Goeb
 
Jenseits des Mekong führt die Nationalstraße 1 in Richtung vietnamesische Grenze. Geierschnabel heißt die Landschaft hier, weil sie sich wie ein Schnabel nach Vietnam hinein erstreckt. Von der Nationalstraße biegt der Toyota mit meinem Begleiter Kim am Steuer links ab. Er will mir seinen Geburtsort zeigen. „Wenn ich nach Svay Rieng komme, dann besuche ich diesen Ort, was mir sehr schwer fällt“, sagt er mit leiser Stimme. Kim ist tieftraurig während er spricht, Tränen stehen in seinen Augen: „Wenn ich hier bin, dann kommen die Erinnerungen zurück, dann frage ich mich, wo sind die Menschen geblieben. Ich habe auch meine Eltern verloren im Krieg. Was man hier sieht, ist ein totes Dorf. Man sieht fünf Wohnstellen, aber nur ein Haus, wo die Menschen nicht so richtig wissen, was sie machen sollen. Sie haben Probleme mit der Seele.“
 
Durch Kinderschänder gerettet
 
Chau Heng Kim spricht Deutsch, weil er in der DDR studieren konnte. Er wurde Diplom-Physiker, lernte seine Frau, eine Kambodschanerin und Germanistin kennen, und wurde Vater zweier Söhne, die er Max und Moritz nennt. Viele aus seiner Familie sind im Krieg zwischen amerikanischen, südvietnamesischen, Lon Nol-Truppen und Roten Khmern gestorben, viele in der Pol Pot-Zeit. Er überlebte, weil er von einem Dorfvorsteher sexuell missbraucht wurde. Der Kinderschänder rettete ihn aus durchaus eigennützigen Gründen mehrfach vor den Schergen der Roten Khmer.
 
Kims Geschwister leben mit ihren Familien in der Gegend von Svay Rieng. Für sie ist Kim der reiche Onkel aus Phnom Penh. Er ist Direktor von Comped, dem einzigen nach ökologischen Prinzipien arbeitenden Abfallbeseitigungsbetrieb in Kambodscha, unterstützt von deutschen staatlichen Stellen, der EU und der thüringisch-kambodschanischen Gesellschaft in Erfurt, die Kim mit begründete. Nebenbei betreut er zahlreiche Patenkinder, verhilft ihnen zu Schul- und Berufsausbildungen.
 
Über die Schlammpisten des Distriktes Chantrea erreichen wir den Ort Teng Mao. Vor einem der Stelzenhäuser hat sich das halbe Dorf versammelt. Die Frauen bereiten das Mittagessen. Zum ersten Mal berichten die Dorfbewohner einem ausländischen Journalisten von den Bomben, die damals vom Himmel fielen. Zum Beispiel der Bauer Kleng Ton.
 
„Die Zahl der Toten kennen wir nicht. Aber es lagen damals viele auf den Straßen und in den Reisfeldern. Die Menschen irrten umher. Einige schlossen sich den Roten Khmer an. Andere gingen zu den Republikanern, zu den Lon Nol-Truppen. Wenn man sich heute erinnert, kommen die Schmerzen zurück. Das geht hier Allen so. In dem Dorf, in dem ich damals lebte, sind neun Familien getötet worden. Auch ich habe drei Geschwister verloren.“
 
Bisher immer geschwiegen
 
Der 71jährige Bauer Penh Chonh gibt mir ein Zeichen. Er will sprechen. Von damals. Bisher hat er immer geschwiegen. „Wir haben nicht geahnt, dass der Krieg losbricht. Wir waren vollkommen überrascht. Ich hatte elf Geschwister, neun starben. Ich wünsche mir, dass Sie darüber schreiben. Ich wünsche mir, dass alle zusammenhalten, damit es so etwas nie wieder gibt.“
 
Ich stehe mit dem Bauer Hay Boeung am Rande der Reisfelder. Alle hundert Meter werden sie durch kleine Seen unterbrochen. Dorfbewohner führen mich zu den Bombenkratern, die auch mehr als 35 Jahre danach noch nicht verschwunden sind. „Gleich nach dem Putsch kamen Aufklärungsflugzeuge, dann Lautsprecherdurchsagen. Alle Kambodschaner sollten eine weiße Fahne hissen als Zeichen, dass sie keine Vietkong sind. Dann begann das Bombardement, es dauerte sieben Tage und sieben Nächte. Die Bodentruppen zerstörten die Dörfer und die Pagode. Überall brannte es. Es war auch nachts taghell.“
 
Ein Dorf – 253 Bomben
 
Hay Boeuy holt verknittertes Papier aus der Hosentasche: „1972 warfen die B-52 Bomben ab. Wir haben damals alle Einschläge aufgezeichnet. Wir haben 253 Löcher gezählt. Jetzt gibt es noch 128 Löcher. Das sind die tiefen, etwa zehn Meter mal zehn Meter groß. Die Menschen, die überlebten, haben diesen Ort damals verlassen, manche sind erst 1990 zurückgekehrt.“
 
Das Mittagessen ist fertig. Es gibt Singvögel mit scharfer Soße. Es scheint hier sehr viele Singvögel zu geben. Denn die Luft ist erfüllt von ihrem Gesang. Singvögel sind umsonst, Huhn und Schwein kosten Geld. Die Leute hier sind bettelarm. Aber sie freuen sich, weil wir ihr Essen nicht verschmähen und weil sie zum ersten Mal von den Bombennächten erzählen konnten, die Chantrea ins Chaos stürzten, ehe die Roten Khmer die Macht übernahmen und alles noch schlimmer wurde. (PK)
 
Alexander Goeb hat zusammen mit Kollegen und Sponsorengeldern eine Foto/Text-Ausstellung "Das Kambodscha-Desaster" organisiert, Sie wurde zuletzt vom 19.1. bis 26.2. beim DGB in Frankfurt/Main gezeigt. Interessenten erfahren mehr dazu unter www.Kambodscha-Desaster.de oder bei ihm selbst unter agoeb2@aol.com

Online-Flyer Nr. 187  vom 04.03.2009



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