SUCHE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Kultur und Wissen
Phantastische Vorstellungen über einen Traumberuf
Vom Schreiben leben?
Von Wolfgang Bittner

Anna Seghers – nach der Flucht aus
Hitlerdeutschland Vorsitzende des
Schriftstellererbandes in der DDR
Quelle: www.ub.uni-siegen.de
Die Realität sieht dann freilich ganz anders aus. Denn selbstverständlich kann nicht jeder, der in der Schule schreiben gelernt hat, Texte schreiben, die einem mehr oder weniger literarischen Anspruch genügen. Da helfen selbst so genannte Ratgeber und Kurzlehrgänge nicht. Es kann schließlich auch nicht jeder einen Schrank zimmern oder ein Haus konstruieren. Insofern gehört neben der Begabung für das Schreiben von Texten noch eine gewisse Übung dazu, eine Professionalisierung, die nicht vom Himmel fällt. Wenn dann noch ein möglichst großer Fundus an Wissen, Bildung und Erfahrungen hinzukommt, könnte es mit dem „Beruf Schriftsteller“ klappen.
Allerdings sind die Verdienstmöglichkeiten – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nicht gerade die besten. Für ein Taschenbuch erhält der Autor grundsätzlich nur fünf Prozent vom Ladenverkaufspreis, für ein Hardcover zwischen fünf und zehn Prozent; Starautoren werden von den Verlagen auch schon mal ein paar Prozente mehr zugebilligt. Bei einer Auflage von 10.000 Exemplaren, was schließlich nicht wenig ist, verdient der Autor also für ein Taschenbuch, das 10 Euro kostet, 5.000 Euro, wovon er noch Einkommensteuer und Umsatzsteuer bezahlen muss. Daraus ergibt sich, dass eine weitere unabdingbare Voraussetzung für eine schriftstellerische Berufstätigkeit Fleiß ist, weil es in den seltensten Fällen gelingen wird, von zwei oder drei Büchern – selbst wenn sie gut verkauft werden – jahrzehntelang zu leben.
Natürlich besteht für findige Köpfe die Möglichkeit, zusätzlich zu den Einkünften aus Büchern und sonstigen Veröffentlichungen eine Zeitlang den Lebensunterhalt mit Stipendien zu bestreiten, und manchmal gibt es vielleicht sogar einen Preis. Doch die Stipendien wie auch die meisten Preise halten sich in einem Rahmen von 5.000 bis 10.000 Euro. Da bietet es sich an, gelegentlich für den Rundfunk und für das Fernsehen tätig zu werden, also hin und wieder gegen gute Honorare ein Hörspiel, Feature oder Drehbuch zu verfassen. Aber das will selbstverständlich ebenfalls gelernt sein, und die Schlangen vor den Redaktionstüren sind lang.

Georg Christoph Lichtenberg (1742 - 1999)
Quelle: www.pulsed-power.de
Dennoch kann nicht von vornherein abgeraten werden, es wenigstens mit dem Schreiben zu versuchen, wenn das Bedürfnis oder der Drang vorhanden ist. Wer freilich beabsichtigt, damit reich und berühmt zu werden, hat aller Wahrscheinlichkeit nach auf das falsche Pferd gesetzt. Eine Segeljacht oder ein Sportflugzeug werden in aller Regel nicht dabei herausspringen. Etwas anderes ist viel wichtiger. Nämlich das, was Georg Christoph Lichtenberg in Worte gefasst hat: „Jeder, der je geschrieben hat, wird gefunden haben, dass Schreiben immer etwas erweckt, was man vorher nicht deutlich erkannte, obgleich es in uns lag.“
Daneben kann das Schreiben ein Weg sein, sich psychisch zu entlasten. Es kann sogar zu einem Zwang werden, und zwar aus den unterschiedlichsten Gründen. Das zeigt sich immer wieder, wenn wir die Lebensläufe von Schriftstellern und Schriftstellerinnen genauer betrachten. So schrieb Hebbel seine ersten Werke in bitterster Armut, Lenz, Grabbe oder Bürger griffen trotz heftiger Anfeindungen beharrlich soziale und politische Missstände ihrer Zeit auf und gingen mit ihrer Arbeit zugrunde. Anna Seghers, Thomas Mann, Bertolt Brecht oder Hilde Domin schrieben wichtige Werke in der Emigration.
Ob jemand als Schriftsteller/Schriftstellerin Erfolg hat, ist von vielen Umständen abhängig und lässt sich nicht planen. Hinzu kommt, dass sich das Verlagswesen in den letzten Jahren mehr und mehr zu einem reinen Geschäftszweig entwickelt hat, für den hauptsächlich kommerzielle Aspekte zählen. Wer sich heute auf das unsichere Metier der Schriftstellerei einlassen will, sollte daher nicht nur die Bedingungen des Schreibens, sondern auch die des Marktes kennen. Allein mit dem Bedürfnis zu schreiben und zu veröffentlichen ist es jedenfalls nicht getan.
Das müssen immer wieder Autoren und Autorinnen, die sich naiv auf dieses nicht einfache Feld begeben haben, schmerzlich erfahren. Zu empfehlen ist daher insbesondere jungen Menschen, zunächst einen „Brotberuf“ zu ergreifen, damit man seine Miete und seine Brötchen bezahlen kann, und sich nebenher auszuprobieren. Auch dann gehört man schließlich bereits zur schreibenden Zunft. Denn mit der Unterscheidung zwischen der hauptberuflichen und nebenberuflichen schriftstellerischen Tätigkeit lässt sich keinerlei Wertung verbinden: Auf das Ergebnis kommt es an.
Im Übrigen kann sich jeder, der etwas geschrieben und womöglich veröffentlicht hat, „Schriftsteller“ nennen, denn diese Bezeichnung ist kein geschützter Titel wie zum Beispiel Doktor, Diplomingenieur oder Rechtsanwalt. Wer zehn Gedichte verfasst, über die Geschichte seines Schützenvereins oder die Entwicklung der Sparkasse berichtet, darf sich Schriftsteller, Dichter, Lyriker, Poet, Literat usw. nennen. Das sind die äußeren Bedingungen des Schreibens, für die es keine Rolle spielt, ob jemand Romane, Kurzgeschichten, Hörspiele, Kinderbücher, Theaterstücke oder Heftromane, Adligenstorys, Sexgeschichten oder Zombie-Filmdrehbücher verfasst.
Sehen wir jedoch von der Unterhaltungsliteratur und ähnlichen trivialen Erscheinungsformen, die es immer schon gegeben hat, einmal ab, gilt es vor allem, den Zugang zu einer inneren Welt zu finden, aus der heraus etwas entstehen kann, das über eine bloße Nachahmung hinausgeht und eigenen Wert besitzt. Dieser Zugang wird denjenigen verschlossen bleiben – und das ist leider die Mehrheit der heute Schreibenden – denen es in der Hauptsache um finanziellen Erfolg und/oder äußere Anerkennung geht. (PK)
Zum Thema hat Wolfgang Bittner das Buch "Beruf: Schriftsteller“ im Allitera Verlag, München 2006 veröffentlicht. Zusammen mit dem griechischen Maler und Cartoonisten Kostas Koufogiorgos hat Wolfgang Bittner das Buch "Minima Politika" verfaßt, aus dem Sie seit einigen Wochen Texte und Bilder in der NRhZ finden. Mehr Informationen unter www.koufogiorgos.de und www.wolfgangbittner.de/.
Online-Flyer Nr. 187 vom 04.03.2009
Phantastische Vorstellungen über einen Traumberuf
Vom Schreiben leben?
Von Wolfgang Bittner

Anna Seghers – nach der Flucht aus
Hitlerdeutschland Vorsitzende des
Schriftstellererbandes in der DDR
Quelle: www.ub.uni-siegen.de
Allerdings sind die Verdienstmöglichkeiten – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nicht gerade die besten. Für ein Taschenbuch erhält der Autor grundsätzlich nur fünf Prozent vom Ladenverkaufspreis, für ein Hardcover zwischen fünf und zehn Prozent; Starautoren werden von den Verlagen auch schon mal ein paar Prozente mehr zugebilligt. Bei einer Auflage von 10.000 Exemplaren, was schließlich nicht wenig ist, verdient der Autor also für ein Taschenbuch, das 10 Euro kostet, 5.000 Euro, wovon er noch Einkommensteuer und Umsatzsteuer bezahlen muss. Daraus ergibt sich, dass eine weitere unabdingbare Voraussetzung für eine schriftstellerische Berufstätigkeit Fleiß ist, weil es in den seltensten Fällen gelingen wird, von zwei oder drei Büchern – selbst wenn sie gut verkauft werden – jahrzehntelang zu leben.
Natürlich besteht für findige Köpfe die Möglichkeit, zusätzlich zu den Einkünften aus Büchern und sonstigen Veröffentlichungen eine Zeitlang den Lebensunterhalt mit Stipendien zu bestreiten, und manchmal gibt es vielleicht sogar einen Preis. Doch die Stipendien wie auch die meisten Preise halten sich in einem Rahmen von 5.000 bis 10.000 Euro. Da bietet es sich an, gelegentlich für den Rundfunk und für das Fernsehen tätig zu werden, also hin und wieder gegen gute Honorare ein Hörspiel, Feature oder Drehbuch zu verfassen. Aber das will selbstverständlich ebenfalls gelernt sein, und die Schlangen vor den Redaktionstüren sind lang.

Georg Christoph Lichtenberg (1742 - 1999)
Quelle: www.pulsed-power.de
Dennoch kann nicht von vornherein abgeraten werden, es wenigstens mit dem Schreiben zu versuchen, wenn das Bedürfnis oder der Drang vorhanden ist. Wer freilich beabsichtigt, damit reich und berühmt zu werden, hat aller Wahrscheinlichkeit nach auf das falsche Pferd gesetzt. Eine Segeljacht oder ein Sportflugzeug werden in aller Regel nicht dabei herausspringen. Etwas anderes ist viel wichtiger. Nämlich das, was Georg Christoph Lichtenberg in Worte gefasst hat: „Jeder, der je geschrieben hat, wird gefunden haben, dass Schreiben immer etwas erweckt, was man vorher nicht deutlich erkannte, obgleich es in uns lag.“
Daneben kann das Schreiben ein Weg sein, sich psychisch zu entlasten. Es kann sogar zu einem Zwang werden, und zwar aus den unterschiedlichsten Gründen. Das zeigt sich immer wieder, wenn wir die Lebensläufe von Schriftstellern und Schriftstellerinnen genauer betrachten. So schrieb Hebbel seine ersten Werke in bitterster Armut, Lenz, Grabbe oder Bürger griffen trotz heftiger Anfeindungen beharrlich soziale und politische Missstände ihrer Zeit auf und gingen mit ihrer Arbeit zugrunde. Anna Seghers, Thomas Mann, Bertolt Brecht oder Hilde Domin schrieben wichtige Werke in der Emigration.
Ob jemand als Schriftsteller/Schriftstellerin Erfolg hat, ist von vielen Umständen abhängig und lässt sich nicht planen. Hinzu kommt, dass sich das Verlagswesen in den letzten Jahren mehr und mehr zu einem reinen Geschäftszweig entwickelt hat, für den hauptsächlich kommerzielle Aspekte zählen. Wer sich heute auf das unsichere Metier der Schriftstellerei einlassen will, sollte daher nicht nur die Bedingungen des Schreibens, sondern auch die des Marktes kennen. Allein mit dem Bedürfnis zu schreiben und zu veröffentlichen ist es jedenfalls nicht getan.
Das müssen immer wieder Autoren und Autorinnen, die sich naiv auf dieses nicht einfache Feld begeben haben, schmerzlich erfahren. Zu empfehlen ist daher insbesondere jungen Menschen, zunächst einen „Brotberuf“ zu ergreifen, damit man seine Miete und seine Brötchen bezahlen kann, und sich nebenher auszuprobieren. Auch dann gehört man schließlich bereits zur schreibenden Zunft. Denn mit der Unterscheidung zwischen der hauptberuflichen und nebenberuflichen schriftstellerischen Tätigkeit lässt sich keinerlei Wertung verbinden: Auf das Ergebnis kommt es an.
Im Übrigen kann sich jeder, der etwas geschrieben und womöglich veröffentlicht hat, „Schriftsteller“ nennen, denn diese Bezeichnung ist kein geschützter Titel wie zum Beispiel Doktor, Diplomingenieur oder Rechtsanwalt. Wer zehn Gedichte verfasst, über die Geschichte seines Schützenvereins oder die Entwicklung der Sparkasse berichtet, darf sich Schriftsteller, Dichter, Lyriker, Poet, Literat usw. nennen. Das sind die äußeren Bedingungen des Schreibens, für die es keine Rolle spielt, ob jemand Romane, Kurzgeschichten, Hörspiele, Kinderbücher, Theaterstücke oder Heftromane, Adligenstorys, Sexgeschichten oder Zombie-Filmdrehbücher verfasst.
Sehen wir jedoch von der Unterhaltungsliteratur und ähnlichen trivialen Erscheinungsformen, die es immer schon gegeben hat, einmal ab, gilt es vor allem, den Zugang zu einer inneren Welt zu finden, aus der heraus etwas entstehen kann, das über eine bloße Nachahmung hinausgeht und eigenen Wert besitzt. Dieser Zugang wird denjenigen verschlossen bleiben – und das ist leider die Mehrheit der heute Schreibenden – denen es in der Hauptsache um finanziellen Erfolg und/oder äußere Anerkennung geht. (PK)
Zum Thema hat Wolfgang Bittner das Buch "Beruf: Schriftsteller“ im Allitera Verlag, München 2006 veröffentlicht. Zusammen mit dem griechischen Maler und Cartoonisten Kostas Koufogiorgos hat Wolfgang Bittner das Buch "Minima Politika" verfaßt, aus dem Sie seit einigen Wochen Texte und Bilder in der NRhZ finden. Mehr Informationen unter www.koufogiorgos.de und www.wolfgangbittner.de/.
Online-Flyer Nr. 187 vom 04.03.2009














