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Kultur und Wissen
Mitteilungen zu Leben, Werk und Nachwelt des Dichters Peter Hacks
ARGOS
Von Peter Kleinert

Rechtzeitig zu seinem 81. Geburtstag am 21. März erschien Heft 4 von „ARGOS – Mitteilungen zu Leben, Werk und Nachwelt des Dichters Peter Hacks (1928 – 2003)“. Herausgeber und Verleger der Heftreihe ist André Thiele, der von 1997 bis 2003 “freier Adlatus“ von Hacks war. Mit der Reihe, deren erstes Heft im September 2007 erschien, versuchen Thiele und namhafte Autoren, dem Werk „dieses neuen deutschen Klassikers“ ein wissenschaftlich fundiertes Diskussionsforum zu eröffnen und ihm gleichzeitig mit Recht posthum neue Leser zu gewinnen.  

Peter Hacks                              
ARGOS hat André Thiele die Reihe wohl nach jener Stadt auf dem Peloponnes genannt, die ihren Namen ihrem Gründer verdankt, der in der griechischen Mythologie als Sohn von Zeus und Niobe bekannt ist, und die selbst vor 5.000 Jahren bedeutender war als Sparta und Athen, von denen sie erst Jahrhunderte später überflügelt wurde. Einer ihrer Könige, Adrastos, gehörte zu den „Sieben gegen Theben“, denen der griechische Klassiker Aischylos 467 dieses Drama über einen unheilvollen Kriegszug gewidmet hat.

Warum ARGOS?
 
Warum aber wird dem – wie manche Literaturwissenschaftler und Leser meinen – wohl bedeutendsten Klassiker des 20.Jahrhunderts eine Heftreihe unter diesem Namen gewidmet? Hacks-Kennern fällt die Antwort leicht, hat doch der junge Theaterwissenschaftler, Dramatiker, Dichter, Essayist und Kommunist, als er 1955 von München nach Berlin-DDR übersiedelte, nicht wenige seiner Bühnenstücke aus Komödien und Dramen der griechischen Klassiker entwickelt. Nachdem die Inszenierung seiner Komödie „Die Sorgen und die Macht“ am 2. Oktober 1962 im “Deutschen Theater“ in Berlin von SED-Funktionären scharf kritisiert worden war, konnte Hacks zehn Tage später am gleichen Platz seinen ersten großen Theatererfolg feiern – mit „Der Frieden“ – inhaltlich getreu nachempfunden der gleichnamigen Komödie des griechischen Dichters Aristophanes, die im Jahr 421 v. Chr. in Athen uraufgeführt wurde.
 
Von Friedrich Dieckmann, Literaturwissenschaftler und Autor, der von 1972 bis 1976 am „Berliner Ensemble“ als Dramaturg arbeitete, stammt im ARGOS-Heft 4 ein hochinteressanter Essay zu diesen beiden Stücken, zur politischen Situation Deutschlands, in der sie entstanden, und zu den Folgen für Peter Hacks selbst. Sein Titel: „Auf Käferflügeln zum Olymp. Aktion Lenzwoche oder Die Verführung zum Frieden“. 
 
In der Komödie „Die Sorgen und die Macht“ werden die Produktionskonflikte von zwei aufeinander angewiesenen „volks-, also staatseigenen Betrieben“, so Dieckmann, „am Schicksal eines beiden verbundenen Liebespaars“ dargestellt. „Der Frieden“ ist eine auch heute noch gültige „in eine symbolische Handlung überführte Friedensmahnung aus dem elften Jahr des Peloponnesischen Krieges, den Athen und Sparta 431 v. Chr. um die Vorherrschaft in Griechenland führten.“ Dieckmann fragt: „Stand auf deutschem Boden die Westrepublik für Athen, die Ostrepublik für Sparta?“ Seine Antwort: „In dem durch den Mauerbau von dem Druck der jeweils anderen Seite entlasteten Land galt es für die Jüngeren beider Seiten, den Kriegsprotagonisten zu entgegnen und auf einen Frieden hinzuarbeiten, der mehr als nur Waffenstillstand war. Aristophanes’ Stück aus dem Bruderkrieg der Griechen war eine Wahl, wie sie nicht stimmiger hätte getroffen werden können.“
 
Die Sorgen um die Macht
 
Während man diesem Stück, das mindestens so staatskritisch ist, wie „Die Sorgen und die Macht“, von offizieller Seite nichts anhaben konnte, weil es eben, so Dieckmann, „der Frieden war, das Hauptwort der offiziellen politischen Programmatik“, hatte das zehn Tage vorher aufgeführte Stück schlimme Folgen für Intendant Wolfgang Langhoff, der es selbst inszeniert hatte, und den Autor und „führte 1963 zum Ausscheiden beider aus ihren Positionen am „Deutschen Theater“, an dem Hacks als Dramaturg gearbeitet hatte. Dieckmann: „Das Stück des DDR-Einwanderers traf die Monopolpartei an ihrer empfindlichsten Stelle, insofern es deutlich machte, dass die von ihr in den Betrieben ausgeübte Doppel- und Hintergrundherrschaft überflüssig und ein bloßer Störfaktor war… Die Sorgen um die Macht hatten „Die Sorgen und die Macht“ vertrieben; als die Inszenierung verschwand, war sie in drei Monaten immerhin zweiundzwanzigmal gespielt worden.“ „Der Frieden“ hingegen brachte es auf 250 Vorstellungen am „Deutschen Theater“ bis er nach elf Jahren dort vom Spielplan genommen wurde.   
 
Gespräch mit Hacks
 
Hochinteressant ist in diesem Zusammenhang ein 1974 aufgezeichnetes Protokoll, das unter dem Titel „Man hat nicht immer Recht, wenn man siegt“ ein Gespräch zwischen Hacks, Dieckmann und dem inzwischen emeritierten Theaterwissenschaftler und „Berliner Ensemble“-Dramaturgen Hans-Jochen Irmer erstmals öffentlich macht. Spannend auch die Diskussionen, die die Heftreihe über die Persönlichkeit Hacks’ und seine Werke veröffentlicht, in denen ihm einer der Autoren sogar „latenten Antisemitismus“ vorwirft, worauf in Heft 5 näher eingegangen werden soll. Dazu einige Rezensionen und Berichte, u.a. über „Die erste wissenschaftliche Tagung der Peter Hacks-Gesellschaft im November 2008.
 
Und unter der Rubrik „Aus dem Archiv“ gibt es diesmal ein Gedicht für Kinder, das Peter Hacks bereits Anfang der 50er Jahre unter dem Titel „Wiese, grüne Wiese“ geschrieben haben soll, als er noch Kindersendungen beim Bayerischen Rundfunk machte, und das inzwischen von 20 Komponisten vertont worden ist. Dass drei der insgesamt 15 Bände umfassenden Hacks-Gesamtausgabe wunderschöne Kindergedichte und -dramen, Kindermärchen und Romane für Kinder enthalten, sei hiermit vor allem Eltern ans Herz gelegt. (PK)
 
Mehr zu ARGOS und Peter Hacks unter
www.andre-thiele.de und
www.peter-hacks.de

 


„ARGOS“

Mitteilungen zu Leben, Werk und Nachwelt des Dichters Peter Hacks (1928 - 2003)
Verlag André Thiele, Mainz
Heft Nr. 4, März 2009,
ISSN 1865-049X,
142 S., Klappenbroschur, 14.90 Euro,


 
 






Online-Flyer Nr. 190  vom 25.03.2009



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