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Das Soziale und das Menschliche: Hilfe für Uganda
Miteinander für Uganda
Von Gerrit Wustmann
Geschichtsstunde mit Rockmusiker Bob Geldof: In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel am 11. Juli 2009 kritisierte der Organisator der Live8-Konzerte diejenigen Länder scharf, die ihre Versprechen bezüglich der finanziellen Unterstützung Afrikas nicht aufrechterhielten. Darunter auch Deutschland. Geldof hatte zuvor dem G8-Gipfel in Italien beigewohnt, bei dem der afrikanischstämmige US-Präsident Barack Obama mehr Unterstützung für den Kontinent angemahnt und auf die immens wichtige Rolle Afrikas für die Welt hingewiesen hatte. Obama muss es wissen. Und auch Geldof, der ein weiteres unpopuläres Thema nicht ausspart: Die beachtlichen Wellen afrikanischer Flüchtlinge, die tagtäglich versuchen nach Europa zu gelangen. Er erinnert daran, dass es noch gar nicht so lange her ist, seit Europäer in andere Teile der Welt emigrierten als es „in Europa nicht so gut lief“.

Kinder an der St. Georg Primary School
Während sich die Europäer gewaltsam in Afrika und Amerika breit machten, haben die vor widrigen Lebensumständen flüchtenden Afrikaner im 21. Jahrhundert nicht so viel Glück. Als „das größte Massengrab Europas“ bezeichnet Elias Bierdel, der Gründer der Menschenrechtsorganisation Borderline Europe e.V., die Küstengewässer vor Lampedusa, Gibraltar und den Kanaren. Seit Jahren klagt er gemeinsam mit Pro Asyl die Flüchtlingspolitik der EU an, die darauf abzielt, Asyl suchende Menschen zu kriminalisieren. Die EU-Grenzschutzbehörde Frontex hat sich mit ihrem brutalen Vorgehen gegen hilflose Menschen auf offener See einen Namen gemacht. Dabei sei das Problem hausgemacht, bemängeln Globalisierungskritiker wie beispielsweise die Aktivisten von Attac. Die teils hochverschuldeten afrikanischen Staaten werden durch die Überschwemmung ihrer Märkte durch billige Produkte aus den Industrienationen zusätzlich in wirtschaftlicher Abhängigkeit gehalten, was den Aufbau einer funktionierenden nationalen Wirtschaft verhindert.
Geld ist nicht genug
Während aber Geldof und Obama in erster Linie rein finanzielle Unterstützung fordern, sieht das private deutsche Hilfsprojekt „Miteinander für Uganda e.V.“ mit Sitz im nordrhein-westfälischen Neuss eben darin einen nicht unerheblichen Teil des Problems. „Nur mit Geld ist den Menschen vor Ort nicht geholfen“, sagt Martina Schmidt, die dem Verein seit Februar 2009 angehört. „Hilfe zur Selbsthilfe wird gebraucht, und genau das ist es auch, was die Menschen dort wollen.“ Im Gegensatz zu größeren Organisationen geht die Neusser Gruppe den direkten Weg. Anstatt Spendengelder zu überweisen und es dabei zu belassen, setzt man auf direkten Kontakt und Austausch. Für die Spender aus Deutschland sollen die Menschen in Uganda nicht anonym bleiben, sie sollen ein Gesicht und eine Geschichte bekommen, die Spender sollen einen Sinn für die tatsächliche Lebensrealität erhalten.
Die Gefahr, dass Gelder in dubiosen Quellen versacken, dass beauftragte Baufirmen (wie jüngst im Irak geschehen) sich unrechtmäßig bereichern oder Finanzmittel in den Haushalten der jeweiligen Behörden oder Regierungen verschwinden, besteht bei „Miteinander für Uganda“ nicht. „Je mehr Leute involviert sind, umso mehr wollen daran verdienen“, erzählt die Gründerin des Vereins, Marliese Arns. „Deshalb arbeiten wir auch ohne die örtlichen Behörden. Unterstützung erhalten wir von der Gemeinde und den Menschen. Unsere Kooperationspartner vor Ort in Mutolore sind das Krankenhaus und die Kirche.“
Idee und filmreife Realisierung
Marliese Arns, Jahrgang 1951, ist Individualpsychologin und betreibt seit 1990 eine eigene Praxis in Neuss. Menschen sind ihr wichtig. Sie coacht Familien und Paare, unterstützt Menschen in schwierigen Lebensphasen, hilft bei der Krisenbewältigung. Das Interesse an Uganda, einem der ärmsten Länder der Welt, indem rund 80% der Bürger von weniger als einem Dollar pro Tag leben müssen, wurde über die Schwester einer enge Freundin, Waltraud Ndagijimana, angeregt, die mit einem ugandischen Arzt verheiratet ist und seit mehr als dreißig Jahren in Mutolore lebt. Als Ndagijimana sie ansprach hatte Marliese Arns bereits ein Patenkind in El Salvador. Die Entscheidung für eine weitere Patenschaft war rasch gefällt. Als Arns 2003 zum ersten Mal nach Uganda reiste und sich die Lebensumstände ansah, reifte in ihr die Idee zur Gründung einer Hilfsorganisation. Ndagijimana und ihr Mann arbeiten im St. Francis Hospital Mutolore im Bezirk Kisoro. Das nach Eigendarstellung nicht profitorientierte Krankenhaus liegt kaum 12km von den Landesgrenzen zu Ruanda und zur Demokratischen Republik Kongo entfernt, weshalb es auch Menschen aus den Nachbarländern aufnimmt. Gegründet wurde das Krankenhaus 1957 von Franziskanerschwestern. Seither hat sich die Lage der medizinischen Versorgung in Uganda nicht wesentlich gebessert. Noch heute ist ein Arzt für durchschnittlich 1000 Bürger verantwortlich – eine Leistung, die kaum zu erbringen ist, zumal das Geld für medizinische Technik und Medikamente fehlt, die Infrastruktur katastrophal ist, Kommunikationsmittel teuer sind und der Zugang zu sauberem Trinkwasser eingeschränkt.

Kinderstation des Mutolore Hospital
Das erste umfassende Hilfsprojekt von „Miteinander für Uganda“ setzte eben dort an: Der Aufbau einer Kinderstation für das Krankenhaus ist inzwischen abgeschlossen. Aus der Ferne zu urteilen sei schwierig, meint Arns, daher sei es immens wichtig, sich mit den Gegebenheiten vor Ort vertraut zu machen und konkret zu schauen, wo und in welcher Form Unterstützung nötig ist. Die Idee habe man zuvor mit Ärzten, Lehrern und Sozialarbeitern besprochen. Bei der Eröffnung sei sogar der ugandische Gesundheitsminister gekommen. Dankbar habe er gewirkt. „Zur Einweihung sind die Menschen mit Gesang und Tanz auf das Gelände geströmt. Das war filmreif!“
Verbesserung der Bildungschancen
„Das nächste Projekt ist fast abgeschlossen.“ Ausschlaggebend sei die Frage gewesen, wie man die Bildungssituation der Kinder verbessern könne. Das Bildungssystem ist marode, die Kinder werden kaum auf das Leben vorbereitet. „Die Kinder sind oft auf sich allein gestellt“, berichtet Marliese Arns. „In Uganda ist es nicht üblich, dass die Väter sich um die Kinder kümmern, dazu kommt, dass unzählige Kinder Waisen sind. AIDS ist ein großes Problem. Die Eltern sterben daran, und dann kümmern sich die älteren Geschwister um die jüngeren. In vielen Fällen bedeutet das, dass Sechsjährige die „Erziehung“ von Zweijährigen übernehmen. Den Kindern wird schon in jüngsten Jahren große Verantwortung aufgebürdet.“ Dass ein Sechsjähriger, der die selbe Sozialisation durchlaufen hat, nur schwer in der Lage ist, jüngeren Kindern den Umgang mit Welt und Leben näher zu bringen, liegt auf der Hand.
Das „nächste Projekt“, ein Ausbildungszentrum für Handwerksberufe, erwuchs aus eben dieser völlig prekären Lebenssituation. Die meisten Kinder haben kein richtiges zu Hause, keine erwachsenen Bezugspersonen. Sie schlagen sich durch, versuchen jeden Tag, irgendwie zu überleben. „Die Probleme der Kinder sind absolut existenziell“, sagt Arns. „Die Kinder haben das Leben, sonst nichts. Kein Essen, kein Dach über dem Kopf, nichts. Schon deshalb ist Bildung so wichtig. Ohne Bildung und Ausbildung kann sich nichts entwickeln.“ Daher beschloss man, ein Ausbildungszentrum zu errichten. Eine Schreinerei für die Jungen, der nun nur noch das Dach fehlt. Danach soll eine Schneiderei für die Mädchen folgen. Und wer baut die Gebäude? „Manpower zu bekommen ist in Uganda kein Problem“, so Arns. „Die Menschen freuen sich, wenn sie mithelfen können, sie packen richtig mit an, das funktioniert wunderbar.“ Die Förderung selbstbestimmten Arbeitens, sei weit besser, als bloßes Geldgeben. Man denkt dabei unwillkürlich an die deutsche Arbeitsmarktphrase „Fördern und Fordern“. Was in Deutschland schon konzeptuell eine Nullnummer ist, wird in Uganda realisiert. „Wir geben nichts, wo nicht auch die Menschen selber ihren Beitrag leisten können. Wir wollen keine reinen Geldgeber sein, sondern aktiv helfen. Nur Geld zu geben und sich sonst nicht zu engagieren, ist eher schädlich. Beispielsweise gibt es eine Absprache, dass wenn Patensponsoren Geld für Schulmittel bereitstellen, es die Aufgabe der Kinder ist, gute Noten zu erarbeiten.“
Der persönliche Kontakt ist wichtig
Auch aus diesem Grund ist es Marliese Arns und ihren Mitstreitern ein wichtiges Anliegen, zwischen Sponsoren und deren Patenkindern einen persönlichen Kontakt herzustellen und die Patensponsoren auf Reisen nach Mutolore mitzunehmen. Die Reisekosten werden dabei grundsätzlich von den Mitreisenden selbst getragen. „Flugkosten, Portokosten, Werbung, all das bezahlen wir aus eigener Tasche. Die eingenommenen Spenden landen zu 100% bei den Menschen in Uganda, das ist uns sehr wichtig und unterscheidet uns von anderen gemeinnützigen Vereinen.“

Chirurgie des Mutolore Hospital
Neben diesem Unterschied ist die Herstellung des persönlichen Kontakts ein Alleinstellungsmerkmal. Den Sponsoren soll die Möglichkeit gegeben werden, konkret zu erfahren, wie sie sich einbringen können, wie sie ihre ganz persönlichen Fähigkeiten einsetzen können, um zu helfen. Ein Konzept, das an die frühchristliche Paulinische Gemeinde erinnert, in der jeder nach seinen ganz eigenen Eigenschaften, Fertigkeiten und Neigungen gehandelt und somit seinen Beitrag zur Gesellschaft geleistet hat, was sicherstellte, dass jeder integriert wird, und das dem Gedanken folgte, dass kein Mensch überflüssig ist, dass jeder auf seine Weise etwas zu leisten imstande ist – im Grunde ein sehr sozial orientierter Gegenentwurf zur kapitalistischen Ellenbogengesellschaft, der auf Freiheit durch Selbstbestimmung basierte.
Einer dieser Sponsoren ist der Bonner Optikermeister Clemens Feldmann. Im Oktober 2008 lernte er sein Patenkind Jennifer kennen. Einen Besuch der örtlichen Schulen nutze er, um die Augen der Kinder zu untersuchen. Er machte Sehtests: „Bei meinen Untersuchungen stellte ich fest, dass in vielen Fällen Brillen dringend gebraucht werden. Nach meiner Rückkehr nach Deutschland fertigte ich die benötigten Brillen in meiner Werkstatt an und schickte sie bei nächster Gelegenheit nach Mutolore“, berichtet er in seinem Reiseessay. „Mittlerweile betreue ich vor Ort drei Patenkinder. Da die Lebensumstände eines meiner Patenkinder sehr notdürftig waren, sponserte ich den Bau eines kleinen Hauses, in dem das Kind nun in sauberen Verhältnissen leben kann. Die Finanzierung so eines Hauses kostet umgerechnet ca. 600 Euro.“ Darüber hinaus könne er sich vorstellen, das Krankenhaus in Zukunft mit seinem Wissen zu unterstützen, schreibt er.
Der Informatik-Ingenieur Christian Selle reiste im Februar 2009, zur gleichen Zeit wie Martina Schmidt, erstmals mit nach Uganda. Nach einigen Gesprächen erstellte er für das Hospital einen Internetauftritt und sorgte für die Internetanbindung der örtlichen Primary School St. Georg. Den Lehrern der Schule brachte er ein aus Spendengeldern finanziertes Notebook mit und gab ihnen einen Einführungskurs bezüglich der Arbeit mit dem Gerät.
Gezielte Förderung, soziales Engagement
Die Zahl der betreuten Patenkinder mag mit 120 recht niedrig wirken, die Begrenzung ist aber begründet. „So stellen wir sicher, dass tatsächlich eine enge persönliche Betreuung stattfinden kann“, sagt Marliese Arns. Also keine unkontrollierte Massenabfertigung, unter deren Folgen UNICEF zu leiden hat, seit Unregelmäßigkeiten in der Buchhaltung auftraten. Zweimal pro Jahr reist Arns nach Mutolore. Wenn sie in Deutschland weilt, besteht über die modernen Kommunikationsmittel ein ständiger Austausch. Waltraud Ndagijimana hält sie auf dem neuesten Stand. Oft suchen auch die Kinder selbst aktiv den Kontakt, etwa bei einem der nicht seltenen Fälle, in denen ein Familienmitglied stirbt, oder ein Kind vergewaltigt wurde. Vergewaltigungen sind ein Problem in Uganda. Jede vierte Frau musste die Erfahrung machen, und Frau bedeutet in Uganda oft: Mädchen. Der Altersdurchschnitt liegt bei fünfzehn Jahren. Die Menschen werden im Schnitt nicht älter als 48. Die Haupttodesursache ist AIDS. Die Gründe dafür sind vielfältig. Man darf aber hier die Mitverantwortung der katholischen Kirche nicht außer Acht lassen. Uganda, die „Perle Afrikas“ (Winston Churchill) ist ein Land, das mit der Kolonialisierung ab 1860 auf aggressive Weise missioniert wurde. Heute sind 85% der Bevölkerung gläubige Christen. Der klerikale Einfluss mit seiner restriktiven Politik gegen Verhütungsmittel richtet immensen Schaden an, hinzu kommt die internationale Pharmaindustrie, die sich beständig weigert, ihre Patente auf Aidsmedikamente zur billigen Herstellung für den afrikanischen Markt freizugeben.

Waldiger Blick auf ein Dorf: Unberührte Natur
Dem entgegen steht das soziale Engagement der Kirchen – etwa die umfassende Unterstützung von Hilfsprojekten wie „Miteinander für Uganda“ oder auch der ursprüngliche Aufbau des St. Francis Hospital. Die Rolle der Kirche ist schon deshalb so relevant, weil sie der direkte Ansprechpartner vieler Bürger ist, im Gegensatz zur Regierung und ihrem Einparteiensystem, das zwar offiziell demokratisch ist, aber unter Korruption leidet und trotz weitgehender Medienfreiheit repressiv und restriktiv gegenüber Opposition und Intellektuellen auftritt.
In diesem komplizierten Kontext, in dem die elementaren Bedürfnisse der Menschen kaum eine Rolle spielen, ist das Engagement von Helfern wie Marliese Arns nicht hoch genug zu bewerten. Das ist eine Arbeit, die sich natürlich auch auf das eigene Leben und Erleben, die eigene Weltsicht auswirkt. Marliese Arns und Martina Schmidt sehen die Dinge mit anderen Augen, seit sie mit den so existenziellen Nöten in Uganda konfrontiert sind, was nicht zuletzt einer der Gründe dafür ist, dass sie die Geldgeber, die der Verein weiterhin dringend benötigt, um seine Arbeit auch in Zukunft effektiv ausüben zu können, benötigt, mitnehmen möchten. Wer die Schicksale der Kinder nicht selbst gesehen hat, der kann nicht klar darüber Urteilen. „Vieles, was mir früher wichtig war, Materielles, hat an Bedeutung verloren“, erzählt Marliese Arns. „Viel zu haben, ist nicht mehr so wichtig“, sagt die Frau, die aus einer Gesellschaft kommt, deren ganzes Sein nur auf dem Haben gründet. Erich Fromm lässt grüßen. „Geduld hingegen ist ein wichtiges Thema gworden. Nicht vorschnell zu entscheiden und zu urteilen, sondern zu sehen, was wirklich wichtig ist, mit Ruhe und Ausdauer.“ Martina Schmidt schließt sich dem an: „Wenn man das Elend sieht, gewinnt man Bodenhaftung. Es wird einem bewusst, auf welch hohem Niveau wir hierzulande klagen. Ich meine, dass wir trotz aller Widrigkeiten immer den Blick auf wirkliche Not haben und bereit sein sollten, anzupacken und etwas zu verändern.“
Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung von Marliese Arns.
(GW)
Online-Flyer Nr. 210 vom 12.08.2009
Das Soziale und das Menschliche: Hilfe für Uganda
Miteinander für Uganda
Von Gerrit Wustmann
Geschichtsstunde mit Rockmusiker Bob Geldof: In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel am 11. Juli 2009 kritisierte der Organisator der Live8-Konzerte diejenigen Länder scharf, die ihre Versprechen bezüglich der finanziellen Unterstützung Afrikas nicht aufrechterhielten. Darunter auch Deutschland. Geldof hatte zuvor dem G8-Gipfel in Italien beigewohnt, bei dem der afrikanischstämmige US-Präsident Barack Obama mehr Unterstützung für den Kontinent angemahnt und auf die immens wichtige Rolle Afrikas für die Welt hingewiesen hatte. Obama muss es wissen. Und auch Geldof, der ein weiteres unpopuläres Thema nicht ausspart: Die beachtlichen Wellen afrikanischer Flüchtlinge, die tagtäglich versuchen nach Europa zu gelangen. Er erinnert daran, dass es noch gar nicht so lange her ist, seit Europäer in andere Teile der Welt emigrierten als es „in Europa nicht so gut lief“.
Kinder an der St. Georg Primary School
Während sich die Europäer gewaltsam in Afrika und Amerika breit machten, haben die vor widrigen Lebensumständen flüchtenden Afrikaner im 21. Jahrhundert nicht so viel Glück. Als „das größte Massengrab Europas“ bezeichnet Elias Bierdel, der Gründer der Menschenrechtsorganisation Borderline Europe e.V., die Küstengewässer vor Lampedusa, Gibraltar und den Kanaren. Seit Jahren klagt er gemeinsam mit Pro Asyl die Flüchtlingspolitik der EU an, die darauf abzielt, Asyl suchende Menschen zu kriminalisieren. Die EU-Grenzschutzbehörde Frontex hat sich mit ihrem brutalen Vorgehen gegen hilflose Menschen auf offener See einen Namen gemacht. Dabei sei das Problem hausgemacht, bemängeln Globalisierungskritiker wie beispielsweise die Aktivisten von Attac. Die teils hochverschuldeten afrikanischen Staaten werden durch die Überschwemmung ihrer Märkte durch billige Produkte aus den Industrienationen zusätzlich in wirtschaftlicher Abhängigkeit gehalten, was den Aufbau einer funktionierenden nationalen Wirtschaft verhindert.
Geld ist nicht genug
Während aber Geldof und Obama in erster Linie rein finanzielle Unterstützung fordern, sieht das private deutsche Hilfsprojekt „Miteinander für Uganda e.V.“ mit Sitz im nordrhein-westfälischen Neuss eben darin einen nicht unerheblichen Teil des Problems. „Nur mit Geld ist den Menschen vor Ort nicht geholfen“, sagt Martina Schmidt, die dem Verein seit Februar 2009 angehört. „Hilfe zur Selbsthilfe wird gebraucht, und genau das ist es auch, was die Menschen dort wollen.“ Im Gegensatz zu größeren Organisationen geht die Neusser Gruppe den direkten Weg. Anstatt Spendengelder zu überweisen und es dabei zu belassen, setzt man auf direkten Kontakt und Austausch. Für die Spender aus Deutschland sollen die Menschen in Uganda nicht anonym bleiben, sie sollen ein Gesicht und eine Geschichte bekommen, die Spender sollen einen Sinn für die tatsächliche Lebensrealität erhalten.
Die Gefahr, dass Gelder in dubiosen Quellen versacken, dass beauftragte Baufirmen (wie jüngst im Irak geschehen) sich unrechtmäßig bereichern oder Finanzmittel in den Haushalten der jeweiligen Behörden oder Regierungen verschwinden, besteht bei „Miteinander für Uganda“ nicht. „Je mehr Leute involviert sind, umso mehr wollen daran verdienen“, erzählt die Gründerin des Vereins, Marliese Arns. „Deshalb arbeiten wir auch ohne die örtlichen Behörden. Unterstützung erhalten wir von der Gemeinde und den Menschen. Unsere Kooperationspartner vor Ort in Mutolore sind das Krankenhaus und die Kirche.“
Idee und filmreife Realisierung
Marliese Arns, Jahrgang 1951, ist Individualpsychologin und betreibt seit 1990 eine eigene Praxis in Neuss. Menschen sind ihr wichtig. Sie coacht Familien und Paare, unterstützt Menschen in schwierigen Lebensphasen, hilft bei der Krisenbewältigung. Das Interesse an Uganda, einem der ärmsten Länder der Welt, indem rund 80% der Bürger von weniger als einem Dollar pro Tag leben müssen, wurde über die Schwester einer enge Freundin, Waltraud Ndagijimana, angeregt, die mit einem ugandischen Arzt verheiratet ist und seit mehr als dreißig Jahren in Mutolore lebt. Als Ndagijimana sie ansprach hatte Marliese Arns bereits ein Patenkind in El Salvador. Die Entscheidung für eine weitere Patenschaft war rasch gefällt. Als Arns 2003 zum ersten Mal nach Uganda reiste und sich die Lebensumstände ansah, reifte in ihr die Idee zur Gründung einer Hilfsorganisation. Ndagijimana und ihr Mann arbeiten im St. Francis Hospital Mutolore im Bezirk Kisoro. Das nach Eigendarstellung nicht profitorientierte Krankenhaus liegt kaum 12km von den Landesgrenzen zu Ruanda und zur Demokratischen Republik Kongo entfernt, weshalb es auch Menschen aus den Nachbarländern aufnimmt. Gegründet wurde das Krankenhaus 1957 von Franziskanerschwestern. Seither hat sich die Lage der medizinischen Versorgung in Uganda nicht wesentlich gebessert. Noch heute ist ein Arzt für durchschnittlich 1000 Bürger verantwortlich – eine Leistung, die kaum zu erbringen ist, zumal das Geld für medizinische Technik und Medikamente fehlt, die Infrastruktur katastrophal ist, Kommunikationsmittel teuer sind und der Zugang zu sauberem Trinkwasser eingeschränkt.

Kinderstation des Mutolore Hospital
Das erste umfassende Hilfsprojekt von „Miteinander für Uganda“ setzte eben dort an: Der Aufbau einer Kinderstation für das Krankenhaus ist inzwischen abgeschlossen. Aus der Ferne zu urteilen sei schwierig, meint Arns, daher sei es immens wichtig, sich mit den Gegebenheiten vor Ort vertraut zu machen und konkret zu schauen, wo und in welcher Form Unterstützung nötig ist. Die Idee habe man zuvor mit Ärzten, Lehrern und Sozialarbeitern besprochen. Bei der Eröffnung sei sogar der ugandische Gesundheitsminister gekommen. Dankbar habe er gewirkt. „Zur Einweihung sind die Menschen mit Gesang und Tanz auf das Gelände geströmt. Das war filmreif!“
Verbesserung der Bildungschancen
„Das nächste Projekt ist fast abgeschlossen.“ Ausschlaggebend sei die Frage gewesen, wie man die Bildungssituation der Kinder verbessern könne. Das Bildungssystem ist marode, die Kinder werden kaum auf das Leben vorbereitet. „Die Kinder sind oft auf sich allein gestellt“, berichtet Marliese Arns. „In Uganda ist es nicht üblich, dass die Väter sich um die Kinder kümmern, dazu kommt, dass unzählige Kinder Waisen sind. AIDS ist ein großes Problem. Die Eltern sterben daran, und dann kümmern sich die älteren Geschwister um die jüngeren. In vielen Fällen bedeutet das, dass Sechsjährige die „Erziehung“ von Zweijährigen übernehmen. Den Kindern wird schon in jüngsten Jahren große Verantwortung aufgebürdet.“ Dass ein Sechsjähriger, der die selbe Sozialisation durchlaufen hat, nur schwer in der Lage ist, jüngeren Kindern den Umgang mit Welt und Leben näher zu bringen, liegt auf der Hand.
Das „nächste Projekt“, ein Ausbildungszentrum für Handwerksberufe, erwuchs aus eben dieser völlig prekären Lebenssituation. Die meisten Kinder haben kein richtiges zu Hause, keine erwachsenen Bezugspersonen. Sie schlagen sich durch, versuchen jeden Tag, irgendwie zu überleben. „Die Probleme der Kinder sind absolut existenziell“, sagt Arns. „Die Kinder haben das Leben, sonst nichts. Kein Essen, kein Dach über dem Kopf, nichts. Schon deshalb ist Bildung so wichtig. Ohne Bildung und Ausbildung kann sich nichts entwickeln.“ Daher beschloss man, ein Ausbildungszentrum zu errichten. Eine Schreinerei für die Jungen, der nun nur noch das Dach fehlt. Danach soll eine Schneiderei für die Mädchen folgen. Und wer baut die Gebäude? „Manpower zu bekommen ist in Uganda kein Problem“, so Arns. „Die Menschen freuen sich, wenn sie mithelfen können, sie packen richtig mit an, das funktioniert wunderbar.“ Die Förderung selbstbestimmten Arbeitens, sei weit besser, als bloßes Geldgeben. Man denkt dabei unwillkürlich an die deutsche Arbeitsmarktphrase „Fördern und Fordern“. Was in Deutschland schon konzeptuell eine Nullnummer ist, wird in Uganda realisiert. „Wir geben nichts, wo nicht auch die Menschen selber ihren Beitrag leisten können. Wir wollen keine reinen Geldgeber sein, sondern aktiv helfen. Nur Geld zu geben und sich sonst nicht zu engagieren, ist eher schädlich. Beispielsweise gibt es eine Absprache, dass wenn Patensponsoren Geld für Schulmittel bereitstellen, es die Aufgabe der Kinder ist, gute Noten zu erarbeiten.“
Der persönliche Kontakt ist wichtig
Auch aus diesem Grund ist es Marliese Arns und ihren Mitstreitern ein wichtiges Anliegen, zwischen Sponsoren und deren Patenkindern einen persönlichen Kontakt herzustellen und die Patensponsoren auf Reisen nach Mutolore mitzunehmen. Die Reisekosten werden dabei grundsätzlich von den Mitreisenden selbst getragen. „Flugkosten, Portokosten, Werbung, all das bezahlen wir aus eigener Tasche. Die eingenommenen Spenden landen zu 100% bei den Menschen in Uganda, das ist uns sehr wichtig und unterscheidet uns von anderen gemeinnützigen Vereinen.“
Chirurgie des Mutolore Hospital
Neben diesem Unterschied ist die Herstellung des persönlichen Kontakts ein Alleinstellungsmerkmal. Den Sponsoren soll die Möglichkeit gegeben werden, konkret zu erfahren, wie sie sich einbringen können, wie sie ihre ganz persönlichen Fähigkeiten einsetzen können, um zu helfen. Ein Konzept, das an die frühchristliche Paulinische Gemeinde erinnert, in der jeder nach seinen ganz eigenen Eigenschaften, Fertigkeiten und Neigungen gehandelt und somit seinen Beitrag zur Gesellschaft geleistet hat, was sicherstellte, dass jeder integriert wird, und das dem Gedanken folgte, dass kein Mensch überflüssig ist, dass jeder auf seine Weise etwas zu leisten imstande ist – im Grunde ein sehr sozial orientierter Gegenentwurf zur kapitalistischen Ellenbogengesellschaft, der auf Freiheit durch Selbstbestimmung basierte.
Einer dieser Sponsoren ist der Bonner Optikermeister Clemens Feldmann. Im Oktober 2008 lernte er sein Patenkind Jennifer kennen. Einen Besuch der örtlichen Schulen nutze er, um die Augen der Kinder zu untersuchen. Er machte Sehtests: „Bei meinen Untersuchungen stellte ich fest, dass in vielen Fällen Brillen dringend gebraucht werden. Nach meiner Rückkehr nach Deutschland fertigte ich die benötigten Brillen in meiner Werkstatt an und schickte sie bei nächster Gelegenheit nach Mutolore“, berichtet er in seinem Reiseessay. „Mittlerweile betreue ich vor Ort drei Patenkinder. Da die Lebensumstände eines meiner Patenkinder sehr notdürftig waren, sponserte ich den Bau eines kleinen Hauses, in dem das Kind nun in sauberen Verhältnissen leben kann. Die Finanzierung so eines Hauses kostet umgerechnet ca. 600 Euro.“ Darüber hinaus könne er sich vorstellen, das Krankenhaus in Zukunft mit seinem Wissen zu unterstützen, schreibt er.
Der Informatik-Ingenieur Christian Selle reiste im Februar 2009, zur gleichen Zeit wie Martina Schmidt, erstmals mit nach Uganda. Nach einigen Gesprächen erstellte er für das Hospital einen Internetauftritt und sorgte für die Internetanbindung der örtlichen Primary School St. Georg. Den Lehrern der Schule brachte er ein aus Spendengeldern finanziertes Notebook mit und gab ihnen einen Einführungskurs bezüglich der Arbeit mit dem Gerät.
Gezielte Förderung, soziales Engagement
Die Zahl der betreuten Patenkinder mag mit 120 recht niedrig wirken, die Begrenzung ist aber begründet. „So stellen wir sicher, dass tatsächlich eine enge persönliche Betreuung stattfinden kann“, sagt Marliese Arns. Also keine unkontrollierte Massenabfertigung, unter deren Folgen UNICEF zu leiden hat, seit Unregelmäßigkeiten in der Buchhaltung auftraten. Zweimal pro Jahr reist Arns nach Mutolore. Wenn sie in Deutschland weilt, besteht über die modernen Kommunikationsmittel ein ständiger Austausch. Waltraud Ndagijimana hält sie auf dem neuesten Stand. Oft suchen auch die Kinder selbst aktiv den Kontakt, etwa bei einem der nicht seltenen Fälle, in denen ein Familienmitglied stirbt, oder ein Kind vergewaltigt wurde. Vergewaltigungen sind ein Problem in Uganda. Jede vierte Frau musste die Erfahrung machen, und Frau bedeutet in Uganda oft: Mädchen. Der Altersdurchschnitt liegt bei fünfzehn Jahren. Die Menschen werden im Schnitt nicht älter als 48. Die Haupttodesursache ist AIDS. Die Gründe dafür sind vielfältig. Man darf aber hier die Mitverantwortung der katholischen Kirche nicht außer Acht lassen. Uganda, die „Perle Afrikas“ (Winston Churchill) ist ein Land, das mit der Kolonialisierung ab 1860 auf aggressive Weise missioniert wurde. Heute sind 85% der Bevölkerung gläubige Christen. Der klerikale Einfluss mit seiner restriktiven Politik gegen Verhütungsmittel richtet immensen Schaden an, hinzu kommt die internationale Pharmaindustrie, die sich beständig weigert, ihre Patente auf Aidsmedikamente zur billigen Herstellung für den afrikanischen Markt freizugeben.

Waldiger Blick auf ein Dorf: Unberührte Natur
Dem entgegen steht das soziale Engagement der Kirchen – etwa die umfassende Unterstützung von Hilfsprojekten wie „Miteinander für Uganda“ oder auch der ursprüngliche Aufbau des St. Francis Hospital. Die Rolle der Kirche ist schon deshalb so relevant, weil sie der direkte Ansprechpartner vieler Bürger ist, im Gegensatz zur Regierung und ihrem Einparteiensystem, das zwar offiziell demokratisch ist, aber unter Korruption leidet und trotz weitgehender Medienfreiheit repressiv und restriktiv gegenüber Opposition und Intellektuellen auftritt.
In diesem komplizierten Kontext, in dem die elementaren Bedürfnisse der Menschen kaum eine Rolle spielen, ist das Engagement von Helfern wie Marliese Arns nicht hoch genug zu bewerten. Das ist eine Arbeit, die sich natürlich auch auf das eigene Leben und Erleben, die eigene Weltsicht auswirkt. Marliese Arns und Martina Schmidt sehen die Dinge mit anderen Augen, seit sie mit den so existenziellen Nöten in Uganda konfrontiert sind, was nicht zuletzt einer der Gründe dafür ist, dass sie die Geldgeber, die der Verein weiterhin dringend benötigt, um seine Arbeit auch in Zukunft effektiv ausüben zu können, benötigt, mitnehmen möchten. Wer die Schicksale der Kinder nicht selbst gesehen hat, der kann nicht klar darüber Urteilen. „Vieles, was mir früher wichtig war, Materielles, hat an Bedeutung verloren“, erzählt Marliese Arns. „Viel zu haben, ist nicht mehr so wichtig“, sagt die Frau, die aus einer Gesellschaft kommt, deren ganzes Sein nur auf dem Haben gründet. Erich Fromm lässt grüßen. „Geduld hingegen ist ein wichtiges Thema gworden. Nicht vorschnell zu entscheiden und zu urteilen, sondern zu sehen, was wirklich wichtig ist, mit Ruhe und Ausdauer.“ Martina Schmidt schließt sich dem an: „Wenn man das Elend sieht, gewinnt man Bodenhaftung. Es wird einem bewusst, auf welch hohem Niveau wir hierzulande klagen. Ich meine, dass wir trotz aller Widrigkeiten immer den Blick auf wirkliche Not haben und bereit sein sollten, anzupacken und etwas zu verändern.“
Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung von Marliese Arns.
(GW)
Online-Flyer Nr. 210 vom 12.08.2009














