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Inland
Linke könnten vom Buddhismus profitieren
Freund oder Feind?
Von Hans-Dieter Hey
Es soll an dieser Stelle keine Exculpation des Dalai Lama stattfinden, nur einige Positionen zur Reflektion. Die Tatsache, dass die meisten Medien den Dalai Lama immer noch den „Gottkönig“ nennen, obwohl er diesen Begriff ablehnt und stattdessen regelmäßig betont, er sei „nur ein einfacher Mönch“, zeigt, dass hier gelegentlich bewusst einiges missverstanden werden soll. Mit völligem Unsinn wie der Spruch vom „Gott zum Anfassen“ wartete gar der Spiegel auf. Ob dem Dalai Lama der um ihn erzeugte Kult durch Medien gut tut, sei dahin gestellt. Vielleicht ist es aber aus seiner Sicht notwendig, denn er braucht Verbündete und Aufmerksamkeit für seine politischen Ambitionen.

Sinnloses Draufhauen: Stern v. 30.07.09
Allerdings scheint es fraglich, ob der Dalai Lama in der Vertretung seiner Tibet-Frage in Roland Koch von der CDU oder der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung die richtigen Freunde hat und mit Angela Merkel auftritt, nicht nur, weil sie die politische Situation aufheizen und ihr eigenes Süppchen dabei kochen. Zudem kann man unterstellen, dass sie ein dem Buddhismus völlig entgegengesetztes Menschen- und Weltbild haben, weil sie Vertreter des Markradikalismus sind, der nicht unbedingt das Prinzip eines solidarischen Zusammenhalts in der Gesellschaft in den Vordergrund stellt. So scheint der Dalai Lama in bestimmten Fragen eine gewisse politische Unbedarftheit oder Unwissenheit, wenn nicht gar Naivität an den Tag zu legen. Vielleicht wird von dem im Grunde einfachen Menschen und Mönch Tenzin Gyatso auch nur zu viel verlangt und er ist innerlich inzwischen ein Zerrissener im politischen Ränkespiel. Mehrfach hatte er bereits mit Rücktritt gedroht.
Den falschen Gegner ausgesucht?
Diese Verbündeten, so scheint es, könnten die Bestrebungen des Dalai Lama in der Öffentlichkeit nach „rechts“ orientiert erscheinen lassen und würden es vielleicht sogar begrüßen, wenn dies in Richtung eines tibetischen Nationalismus mündet. Aber genau das hat er ebenso deutlich wie regelmäßig von sich gewiesen. Als Vertreter der tibetischen Sache wird ihm fast böswillig vorgeworfen, es ginge um ein politisch eigenständiges Tibet und, das am besten noch mit den alten Feudalstrukturen. Wer ihm aber zuhört und seine Verlautbarungen liest, erfährt, dass es ausschließlich darum geht, Menschen in Tibet ihre Lebensweise und Kultur zu ermöglichen. Sie haben ein Völkerrecht auf eigene kulturelle Entwicklung, die vor allem Linke merkwürdiger Weise anderen Ländern z.B. in Südamerika fraglos zugestehen.

Dalai Lama: „Wenn wir den Zusammenhang
zwischen Ursache und Wirkung akzeptieren,
achten wir viel eher darauf, welche
Auswirkungen unsere Handlungen auf andere
und auf uns selbst haben." 5)
Franz-Johannes Litsch, Architekt, Autor, Buddhismusreferent und Initiator des deutschsprachigen „Netzwerk engagierter Buddhisten“ zeigt deshalb auch Unmut über die Berichterstattung diverser Medien, erst kürzlich wieder über einen Artikel im Stern vom 30. Juli: „Das u.a. ist für viele Buddhisten hier ein Umstand, der zu großem Ummut über die Demagogie der Medien führt, wobei dazu dann noch die zahllosen krass unqualifizierten Beiträge über den Dalai Lama und den Tibetischen Buddhismus selber hinzukommen. Das Ganze grenzt in letzter Zeit an gezielte Antistimmungsmache“.
Michael Brodkorb schrieb schon 2003: „Der Dalai Lama ist Repräsentant einer zutiefst anti-materialistischen, spirituellen Weltanschauung, einer kulturellen Höchstleistung, die wir mit dem Namen Buddhismus verbinden – und die mit ‚Nationen’ rein gar nichts zu tun hat. Mit dem Untergang des in Tibet gegebenen gesellschaftlichen Milieus wäre auf Dauer zugleich die Basis der Pflege des buddhistischen Erbes in Gefahr.“ 1) Dass Tibet von Grund auf reformbedürftig war und weiter ist, hat der Dalai Lama nie bestritten. Die waren aber bereits durch seinen Vorgänger, den 13. Dalai Lama erkannt worden. Er bestreitet nicht einmal den Fortschritt, den Tibet durch chinesischen Einfluss gewonnen hat seit dem Ende des Feudalismus vor 1949. Dass die Auseinandersetzung darum in letzter Zeit nicht friedlich war, ist aber eine Folge der Unterdrückung der Tibeter und ihr Widerstand, den man sehr differnziert zu betrachten hat. In einem Brief an den Stern Anfang August 2009 schrieb die Deutsche Buddhistische Union nicht unberechtigt: „Es ist unfair und unrealistisch zu erwarten, dass dieser Prozess ganz ohne Fehler und Probleme vonstatten geht. Der Sprung Tibets vom Mittelalter ins 21. Jahrhundert ist eine Erfolgsgeschichte, die allenfalls Wohlwollen und konstruktive Kritik verdient.“ 2)
Auch wenn man immer noch den Tibetern demokratische Rückständigkeit und vielleicht auch autoritäres Verhalten vorwerfen kann, ist die weltweite Kritik an der gewaltsamen kulturellen Unterdrückung, die Zerstörung der buddhistischen Kultur und damit auch der tibetischen Identität durch die chinesischen Machthaber berechtigt und notwendig. „Ich verlange nichts weiter als eine echte Autonomie, so wie sie in der chinesischen Verfassung vorgesehen ist“, forderte der Dalai Lama, und weiter „Wenn die chinesische Regierung uns eine echte Autonomie gesteht, welche die Rettung unserer Kultur, unserer Sprache, der Spiritualität und der Umwelt Tibets garantiert, spricht nichts gegen die aktuellen Grenzen.“ 3) Letztendlich geht es um das Überleben des tibetischen Buddhismus. Auch als Nichtbuddhist kann man anerkennen, dass mit dem Verschwinden des Buddhismus nicht nur ein zentraler Kern der tibetischen Kultur, sondern zugleich der Verlust einer grundsätzlichen Idee von umfassender Friedfertigkeit und Mitgefühl für andere verloren geht.
Linke Buddhisten
Ein wesentlicher Aspekt im Buddhismus, den auch politisch Linke in Betracht ziehen könnten, ist soziale Gerechtigkeit. Dazu ein Blick in die Geschichte. Seit den 1920er bis in die 1960er Jahre gab es die Idee des sogenannten „Dhamma-Sozialismus“ 4). Entstanden war sie aufgrund der Unterdrückung durch den Kolonialismus in Britisch Indien, Sri Lanka, Burma, Kambodscha, China, Korea und des Kapitalismus des 20. Jahrhunderts, insbesondere durch die imperialen US-amerikanischen Kriege gegen Vietnam und Laos. In einigen wenigen Ländern Ostasiens wie Sri Lanka und Burma konnte sich die Idee eines buddhistischen Sozialismus mit einer solidarischen und gerechten Gesellschaft zunächst für einige Zeit durchsetzen.

Buddhistischer Mönch in Sri Lanka: Komm und sieh' selbst – eifrig, wissensklar und achtsam | Fotos: H.-D. Hey
Auch der Dalai Lama betont immer wieder seine frühe Sympathie für den Sozialismus und Marxismus, denn in Ihren Anliegen sind beide dem Buddhismus recht nahe. 5) Doch während der Auseinandersetzungen des Kalten Krieges wurde der auf Gewaltfreiheit ausgerichtete Buddhismus zwischen den kriegerischen Westmächten und den religionsfreien „sozialistischen“ Staaten zerrieben, verfolgt oder verboten. Ausgelöscht unter anderem durch einen Rücksichtslosen und vermeintlichen „Sozialismus“ in China, der nichts anderes war, als ein gescheiterter Kader- und Bürokratiesozialismus. Inzwischen ist China zu einem Frühkapitalismus mutiert, den man sich in seinen sozialen Auswirkungen bei uns kaum vorstellen kann.
Engagierter Buddhismus
Der Thailändische Mönch Buddhadasa präsentierte in der revolutionären Phase der 1970er Jahre den von ihm entwickelten „Dhamma-Sozialismus“ und kritisierte: „Das Wort Sozialismus löst aber Ablehnung aus. Von Sozialisten wird hierzulande gesagt, dass sie Kommunisten sind und sie werden inhaftiert. Wie dumm! Wir sind einer durch unsere eigene Sprache hervorgebrachten Täuschung erlegen. Um unsere Aufgabe der Sozialarbeit zu erfüllen, das heißt, der Gemeinschaft zu dienen, müssen wir den Sozialismus unseres Tuns annehmen; ansonsten sind wir Fürsprecher des Individualismus oder des Dienstes im Interesse einzelner Individuen. Dann aber dienen wir nicht mehr der Gesellschaft als Gesamtheit.“
Die Idee des Dhamma-Sozialismus sollte eine gerechte, solidarische und demokratische Gesellschaft ermöglichen, der Buddhismus den „achtsamen, selbstlosen und mitfühlenden Geist der Menschen“ fördern. Wieso sollte da ein Linker widersprechen? Seit seiner Zerschlagung gibt es den Dhamma-Sozialismus in seiner Ursprungsform nicht mehr, weil der sogenannte „real existierende Sozialismus“ sich wieder die Falschen zum Feind gemacht hat, und das scheint in manchen Köpfen bis heute unreflektiert fortzuleben. Seine Idee lebt aber im „engagierten Buddhismus“ fort, der fast weltweit organisiert ist und viele Mitglieder hat. Der Begriff wurde von dem kambodschanischen Mönch Maha Gosananda, dem weltweit bekannten vietnamesischen Mönch Thich Nhat Hanh und eben dem Dalai Lama ins Leben gerufen. 6)
Auf dem Weg „zur Überwindung aller Verhältnisse, in denen der Mensch ein geknechtetes, gedemütigtes, verlassenes und verächtliches Wesen ist“ – wie Karl Marx und Friedrich Engels einst feststellten – gibt es verschiedene Wege. Für alle scheint aber Voraussetzung der moralische Mut, unterdrückenden und destruktiven Regeln oder Anforderungen zu widerstehen, es gehören intellektuelle Fähigkeit dazu, Unterdrückungen und Zwänge überhaupt erst zu erkennen und es braucht neuartige Formen der Verurteilung des Bestehenden, meinte der Politikwissenschafter und Soziologe Barrington Moore. 7) Das kann man leicht durch Einsicht erkennen.
Der Buddhismus kann dazu hilfreich sein, denn er gestattet durchaus, sich gegen Ungerechtigkeit zu wehren, wie die gegenwärtige soziale „rote“ Revolution in Thailand zeigt, an denen auch Mönche beteiligt sind. Er gibt Methoden an die Hand zu eigener moralischer Festigkeit, damit jeder sich selbst von den Grundübeln der Menschen, nämlich Hass, Gier und Unwissenheit befreien kann. Denn leider sind nach wie vor sie es, die das Rad der Welt drehen. Und sie sind nicht in gesellschaftlichen Organisationen wie zum Beispiel dem Kapitalismus zu verorten, sondern in jedem Menschen manifestiert, genauso wie Solidarität und Mitgefühl.
Insofern sollten „Linke“ nicht neue Feinde, sondern neue Verbündete suchen. Solidarität und Mitgefühl haben bei Menschen – historisch gesehen – eine dünne Haut. Dies wird sich in den nächsten Jahren, in denen die gesellschaftlichen Gegensätze aufeinanderprallen, noch bitter zeigen. Denn das Kapital wird sich des verbliebenen abhängig beschäftigten Bürgertums bedienen, um sich gegen die Überlebensforderungen der Ausgegrenzten und des Prekariats und die Reste der Demokratie zu wehren, die ihnen schon längst zuwider sind. Es ist zu erwarten, dass wir dieser Situation mit einer schwarz-gelben Regierung demnächst leider einen Schritt näher kommen.
Deshalb wäre es für viele gut, die Realität zu durchschauen und Einsicht in die für eine Gesellschaft notwendige Solidarität und das Mitgefühl zu entwickeln und zu stabilisieren. „Es rettet uns kein hö´hres Wesen, kein Gott, kein Kaiser, noch Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun!“ heißt es in der Internationalen. Das passt sehr gut zum Buddhismus. Und vielleicht fällt es Atheisten leichter, sich damit zu beschäftigen, denn der Buddhismus kommt eben auch ohne Gottheiten aus. „Komm, und sieh selbst“, ließt man in den Schriften. Buddhismus bedeutet nicht Glaube an irgendwas und irgendwen, sondern er hilft „eifrig, wissensklar und achtsam“ – wie es heißt – Wissen zu erlangen durch eigene Erkenntnis und Anschauung zum Vorteil aller. Buddhadasa 1973: „Allen Mitgliedern der buddhistischen Gemeinschaft wird nicht nur beigebracht sondern auch auferlegt, nicht mehr als ihren gerechten Anteil an materiellen Gütern zu verbrauchen. Unmäßiger Verbrauch ist falsch und tadelnswert.“ Diese Tradition lebt im engagierten Buddhismus fort. Vielleicht sollten Linke darin nicht das Trennende, sondern das Verbindende suchen. Ihnen dürfte es doch nicht schwer fallen, zu sagen: „Mögen alle Wesen glücklich sein“. (HDH)
___________________________________
1) Brodkorb, Mathias: Metamorphosen von rechts, Eine Einführung in Strategie und Ideologie des modernen Rechtsextremismus, Westfälisches Dampfboot, Münster 2003, (einsprüche Band 14), S. 32-36
2) Schreiben der DBU an den Stern aufgrund des Artikels „Die zwei Gesichter des Dalai Lama“ Anfang August 2009
3) Cicero 1/2008, 33
4) Dhamma (oder Dharma) hat verschiedene Bedeutungen. Im allgemeinen wird darunter die Lehre des Buddhismus verstanden, Ungemach und Leid zu erkennen, ihre Ursache und den Weg, der zur Auflösung dieses Leidens führt. Hierzu stellt der Buddhismus Hilfen durch Meditation, Achtsamkeitsübungen und in bestimmten Richtungen Rituale bereit.
5) Zur politischen Einstellung des Dalai Lama u.a.: Gelbe Seiten, Heft 10, Winter 2006/2007
6) mehr zum engagierten Buddhismus z.B. hier: Mareke Neumann: Engagierter Buddhismus – Eine interkulturelle Orientierung
Band 11 der Schriftenreihe: Bausteine zur Mensching-Forschung
Nordhausen 2005
7) Moore, Barrington: Ungerechtigkeit – Die sozialen Ursachen von Unterordnung und Widerstand, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 1987
Online-Flyer Nr. 211 vom 19.08.2009
Linke könnten vom Buddhismus profitieren
Freund oder Feind?
Von Hans-Dieter Hey
Es soll an dieser Stelle keine Exculpation des Dalai Lama stattfinden, nur einige Positionen zur Reflektion. Die Tatsache, dass die meisten Medien den Dalai Lama immer noch den „Gottkönig“ nennen, obwohl er diesen Begriff ablehnt und stattdessen regelmäßig betont, er sei „nur ein einfacher Mönch“, zeigt, dass hier gelegentlich bewusst einiges missverstanden werden soll. Mit völligem Unsinn wie der Spruch vom „Gott zum Anfassen“ wartete gar der Spiegel auf. Ob dem Dalai Lama der um ihn erzeugte Kult durch Medien gut tut, sei dahin gestellt. Vielleicht ist es aber aus seiner Sicht notwendig, denn er braucht Verbündete und Aufmerksamkeit für seine politischen Ambitionen.

Sinnloses Draufhauen: Stern v. 30.07.09
Den falschen Gegner ausgesucht?
Diese Verbündeten, so scheint es, könnten die Bestrebungen des Dalai Lama in der Öffentlichkeit nach „rechts“ orientiert erscheinen lassen und würden es vielleicht sogar begrüßen, wenn dies in Richtung eines tibetischen Nationalismus mündet. Aber genau das hat er ebenso deutlich wie regelmäßig von sich gewiesen. Als Vertreter der tibetischen Sache wird ihm fast böswillig vorgeworfen, es ginge um ein politisch eigenständiges Tibet und, das am besten noch mit den alten Feudalstrukturen. Wer ihm aber zuhört und seine Verlautbarungen liest, erfährt, dass es ausschließlich darum geht, Menschen in Tibet ihre Lebensweise und Kultur zu ermöglichen. Sie haben ein Völkerrecht auf eigene kulturelle Entwicklung, die vor allem Linke merkwürdiger Weise anderen Ländern z.B. in Südamerika fraglos zugestehen.

Dalai Lama: „Wenn wir den Zusammenhang
zwischen Ursache und Wirkung akzeptieren,
achten wir viel eher darauf, welche
Auswirkungen unsere Handlungen auf andere
und auf uns selbst haben." 5)
Michael Brodkorb schrieb schon 2003: „Der Dalai Lama ist Repräsentant einer zutiefst anti-materialistischen, spirituellen Weltanschauung, einer kulturellen Höchstleistung, die wir mit dem Namen Buddhismus verbinden – und die mit ‚Nationen’ rein gar nichts zu tun hat. Mit dem Untergang des in Tibet gegebenen gesellschaftlichen Milieus wäre auf Dauer zugleich die Basis der Pflege des buddhistischen Erbes in Gefahr.“ 1) Dass Tibet von Grund auf reformbedürftig war und weiter ist, hat der Dalai Lama nie bestritten. Die waren aber bereits durch seinen Vorgänger, den 13. Dalai Lama erkannt worden. Er bestreitet nicht einmal den Fortschritt, den Tibet durch chinesischen Einfluss gewonnen hat seit dem Ende des Feudalismus vor 1949. Dass die Auseinandersetzung darum in letzter Zeit nicht friedlich war, ist aber eine Folge der Unterdrückung der Tibeter und ihr Widerstand, den man sehr differnziert zu betrachten hat. In einem Brief an den Stern Anfang August 2009 schrieb die Deutsche Buddhistische Union nicht unberechtigt: „Es ist unfair und unrealistisch zu erwarten, dass dieser Prozess ganz ohne Fehler und Probleme vonstatten geht. Der Sprung Tibets vom Mittelalter ins 21. Jahrhundert ist eine Erfolgsgeschichte, die allenfalls Wohlwollen und konstruktive Kritik verdient.“ 2)
Auch wenn man immer noch den Tibetern demokratische Rückständigkeit und vielleicht auch autoritäres Verhalten vorwerfen kann, ist die weltweite Kritik an der gewaltsamen kulturellen Unterdrückung, die Zerstörung der buddhistischen Kultur und damit auch der tibetischen Identität durch die chinesischen Machthaber berechtigt und notwendig. „Ich verlange nichts weiter als eine echte Autonomie, so wie sie in der chinesischen Verfassung vorgesehen ist“, forderte der Dalai Lama, und weiter „Wenn die chinesische Regierung uns eine echte Autonomie gesteht, welche die Rettung unserer Kultur, unserer Sprache, der Spiritualität und der Umwelt Tibets garantiert, spricht nichts gegen die aktuellen Grenzen.“ 3) Letztendlich geht es um das Überleben des tibetischen Buddhismus. Auch als Nichtbuddhist kann man anerkennen, dass mit dem Verschwinden des Buddhismus nicht nur ein zentraler Kern der tibetischen Kultur, sondern zugleich der Verlust einer grundsätzlichen Idee von umfassender Friedfertigkeit und Mitgefühl für andere verloren geht.
Linke Buddhisten
Ein wesentlicher Aspekt im Buddhismus, den auch politisch Linke in Betracht ziehen könnten, ist soziale Gerechtigkeit. Dazu ein Blick in die Geschichte. Seit den 1920er bis in die 1960er Jahre gab es die Idee des sogenannten „Dhamma-Sozialismus“ 4). Entstanden war sie aufgrund der Unterdrückung durch den Kolonialismus in Britisch Indien, Sri Lanka, Burma, Kambodscha, China, Korea und des Kapitalismus des 20. Jahrhunderts, insbesondere durch die imperialen US-amerikanischen Kriege gegen Vietnam und Laos. In einigen wenigen Ländern Ostasiens wie Sri Lanka und Burma konnte sich die Idee eines buddhistischen Sozialismus mit einer solidarischen und gerechten Gesellschaft zunächst für einige Zeit durchsetzen.

Buddhistischer Mönch in Sri Lanka: Komm und sieh' selbst – eifrig, wissensklar und achtsam | Fotos: H.-D. Hey
Auch der Dalai Lama betont immer wieder seine frühe Sympathie für den Sozialismus und Marxismus, denn in Ihren Anliegen sind beide dem Buddhismus recht nahe. 5) Doch während der Auseinandersetzungen des Kalten Krieges wurde der auf Gewaltfreiheit ausgerichtete Buddhismus zwischen den kriegerischen Westmächten und den religionsfreien „sozialistischen“ Staaten zerrieben, verfolgt oder verboten. Ausgelöscht unter anderem durch einen Rücksichtslosen und vermeintlichen „Sozialismus“ in China, der nichts anderes war, als ein gescheiterter Kader- und Bürokratiesozialismus. Inzwischen ist China zu einem Frühkapitalismus mutiert, den man sich in seinen sozialen Auswirkungen bei uns kaum vorstellen kann.
Engagierter Buddhismus
Der Thailändische Mönch Buddhadasa präsentierte in der revolutionären Phase der 1970er Jahre den von ihm entwickelten „Dhamma-Sozialismus“ und kritisierte: „Das Wort Sozialismus löst aber Ablehnung aus. Von Sozialisten wird hierzulande gesagt, dass sie Kommunisten sind und sie werden inhaftiert. Wie dumm! Wir sind einer durch unsere eigene Sprache hervorgebrachten Täuschung erlegen. Um unsere Aufgabe der Sozialarbeit zu erfüllen, das heißt, der Gemeinschaft zu dienen, müssen wir den Sozialismus unseres Tuns annehmen; ansonsten sind wir Fürsprecher des Individualismus oder des Dienstes im Interesse einzelner Individuen. Dann aber dienen wir nicht mehr der Gesellschaft als Gesamtheit.“
Die Idee des Dhamma-Sozialismus sollte eine gerechte, solidarische und demokratische Gesellschaft ermöglichen, der Buddhismus den „achtsamen, selbstlosen und mitfühlenden Geist der Menschen“ fördern. Wieso sollte da ein Linker widersprechen? Seit seiner Zerschlagung gibt es den Dhamma-Sozialismus in seiner Ursprungsform nicht mehr, weil der sogenannte „real existierende Sozialismus“ sich wieder die Falschen zum Feind gemacht hat, und das scheint in manchen Köpfen bis heute unreflektiert fortzuleben. Seine Idee lebt aber im „engagierten Buddhismus“ fort, der fast weltweit organisiert ist und viele Mitglieder hat. Der Begriff wurde von dem kambodschanischen Mönch Maha Gosananda, dem weltweit bekannten vietnamesischen Mönch Thich Nhat Hanh und eben dem Dalai Lama ins Leben gerufen. 6)
Auf dem Weg „zur Überwindung aller Verhältnisse, in denen der Mensch ein geknechtetes, gedemütigtes, verlassenes und verächtliches Wesen ist“ – wie Karl Marx und Friedrich Engels einst feststellten – gibt es verschiedene Wege. Für alle scheint aber Voraussetzung der moralische Mut, unterdrückenden und destruktiven Regeln oder Anforderungen zu widerstehen, es gehören intellektuelle Fähigkeit dazu, Unterdrückungen und Zwänge überhaupt erst zu erkennen und es braucht neuartige Formen der Verurteilung des Bestehenden, meinte der Politikwissenschafter und Soziologe Barrington Moore. 7) Das kann man leicht durch Einsicht erkennen.
Der Buddhismus kann dazu hilfreich sein, denn er gestattet durchaus, sich gegen Ungerechtigkeit zu wehren, wie die gegenwärtige soziale „rote“ Revolution in Thailand zeigt, an denen auch Mönche beteiligt sind. Er gibt Methoden an die Hand zu eigener moralischer Festigkeit, damit jeder sich selbst von den Grundübeln der Menschen, nämlich Hass, Gier und Unwissenheit befreien kann. Denn leider sind nach wie vor sie es, die das Rad der Welt drehen. Und sie sind nicht in gesellschaftlichen Organisationen wie zum Beispiel dem Kapitalismus zu verorten, sondern in jedem Menschen manifestiert, genauso wie Solidarität und Mitgefühl.
Insofern sollten „Linke“ nicht neue Feinde, sondern neue Verbündete suchen. Solidarität und Mitgefühl haben bei Menschen – historisch gesehen – eine dünne Haut. Dies wird sich in den nächsten Jahren, in denen die gesellschaftlichen Gegensätze aufeinanderprallen, noch bitter zeigen. Denn das Kapital wird sich des verbliebenen abhängig beschäftigten Bürgertums bedienen, um sich gegen die Überlebensforderungen der Ausgegrenzten und des Prekariats und die Reste der Demokratie zu wehren, die ihnen schon längst zuwider sind. Es ist zu erwarten, dass wir dieser Situation mit einer schwarz-gelben Regierung demnächst leider einen Schritt näher kommen.
Deshalb wäre es für viele gut, die Realität zu durchschauen und Einsicht in die für eine Gesellschaft notwendige Solidarität und das Mitgefühl zu entwickeln und zu stabilisieren. „Es rettet uns kein hö´hres Wesen, kein Gott, kein Kaiser, noch Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun!“ heißt es in der Internationalen. Das passt sehr gut zum Buddhismus. Und vielleicht fällt es Atheisten leichter, sich damit zu beschäftigen, denn der Buddhismus kommt eben auch ohne Gottheiten aus. „Komm, und sieh selbst“, ließt man in den Schriften. Buddhismus bedeutet nicht Glaube an irgendwas und irgendwen, sondern er hilft „eifrig, wissensklar und achtsam“ – wie es heißt – Wissen zu erlangen durch eigene Erkenntnis und Anschauung zum Vorteil aller. Buddhadasa 1973: „Allen Mitgliedern der buddhistischen Gemeinschaft wird nicht nur beigebracht sondern auch auferlegt, nicht mehr als ihren gerechten Anteil an materiellen Gütern zu verbrauchen. Unmäßiger Verbrauch ist falsch und tadelnswert.“ Diese Tradition lebt im engagierten Buddhismus fort. Vielleicht sollten Linke darin nicht das Trennende, sondern das Verbindende suchen. Ihnen dürfte es doch nicht schwer fallen, zu sagen: „Mögen alle Wesen glücklich sein“. (HDH)
___________________________________
1) Brodkorb, Mathias: Metamorphosen von rechts, Eine Einführung in Strategie und Ideologie des modernen Rechtsextremismus, Westfälisches Dampfboot, Münster 2003, (einsprüche Band 14), S. 32-36
2) Schreiben der DBU an den Stern aufgrund des Artikels „Die zwei Gesichter des Dalai Lama“ Anfang August 2009
3) Cicero 1/2008, 33
4) Dhamma (oder Dharma) hat verschiedene Bedeutungen. Im allgemeinen wird darunter die Lehre des Buddhismus verstanden, Ungemach und Leid zu erkennen, ihre Ursache und den Weg, der zur Auflösung dieses Leidens führt. Hierzu stellt der Buddhismus Hilfen durch Meditation, Achtsamkeitsübungen und in bestimmten Richtungen Rituale bereit.
5) Zur politischen Einstellung des Dalai Lama u.a.: Gelbe Seiten, Heft 10, Winter 2006/2007
6) mehr zum engagierten Buddhismus z.B. hier: Mareke Neumann: Engagierter Buddhismus – Eine interkulturelle Orientierung
Band 11 der Schriftenreihe: Bausteine zur Mensching-Forschung
Nordhausen 2005
7) Moore, Barrington: Ungerechtigkeit – Die sozialen Ursachen von Unterordnung und Widerstand, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 1987
Online-Flyer Nr. 211 vom 19.08.2009














