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Die Atlantic Lottery Corporation: ein Ding für den gesunden Menschenverstand?
Und bin ich bei Geld, so bin ich bei Sinnen
Von Vasile V. Poenaru
Mit Lotto gegen die Krise, heißt es. It’s time to get your game on! So lockt die Atlantic Lottery Corporation – ein von den Provinzen New Brunswick, Nova Scotia, Prince Edward Island und Newfoundland and Labrador gemeinsam als „Crown Corporation“betriebenes Unternehmen. Game on. „Der Mensch ist nur dann wirklich Mensch, wenn er Glücksspiele spielt“, würde ein in Sachen des Erhabenen kundiger Klassiker sagen, ginge es ihm darum, für die Lotterie Werbung zu machen.

„Gewinnerparkplätze“ auf dem Gelände der Atlantic Lottery Corporation: leer. Foto: Stu Pendousma
Den verführerischen Klang der Münzen, wer kennt ihn nicht? Besonders in Zeiten der Rezession liegen die mehr oder weniger raffinierten Wegelagerer Tag und Nacht im abgelegenen Cyberspace auf der Lauer. Sie wissen, dass ihnen immer wieder jemand trotz besseren Wissens ins Netz läuft. Die E-Mails wollen kein Ende nehmen, und die naive Wunschvorstellung gar manchen sozial Benachteiligten, letzten Endes eben doch ein ausgesprochener Glückspilz zu sein, dringt sich unwiderstehlich auf.
Dass einer etwa nie gespielt hat, sei kein Problem, denn die Lotterie verlose die deftigen Preise an die breite Öffentlichkeit. Einfach so, als Werbung. Wer das schluckt, lässt sich natürlich sehr gerne einen ungedeckten Scheck zuschicken und überweist auch mal gleich die vermeintlichen Steuern für das Schlaraffenlandgeschenk auf ein dubiöses Auslandskonto – und schon ist man um ein paar Tausend Dollar leichter. E-Mail-Scam [2] als Wahrzeichen des dotcom-Zeitalters.

Hexenarithmetik? Ganz Kanada im
Gambling-Fieber... | Fotos: Hashir Milhan,
Ian Muttoo | Montage: Christian Heinrici
Dass der gute Name der Atlantic Lottery Corporation auf solche Art und Weise von skrupellosen Betrügern missbraucht wird, beklagt diese lautstark. Doch wie gut ist der gute Name kanadischer Hexenarithmetik tatsächlich? An Skandalen fehlt es nicht, besonders seitdem die heimtückisch verbraucherfreundlichen VLT (Video Lottery Terminals) eingeführt wurden und seitdem rund um die Uhr „mitgemacht“ werden kann. Oft genug endet der unkluge Kampf gegen die Maschine gerade im wirtschaftlich eher rückständigen „Atlantic“ Kanada im Bankrott oder gar in Wahnsinn und Selbstmord. Die vermeintlich so sinnvolle Helpline (für die Süchtigen) vermag da in Wirklichkeit kaum Abhilfe zu leisten.
Wer kein Geld hat, verspielt im Handumdrehen das, was er nicht hat: ein von Alters her immer wieder bewährtes Axiom im weltweiten unbehaglichen Wirkungsgefüge der schwindenden Kaufkraft und wachsenden Ohnmacht. Weg ist weg. The loser’s standing small. Und doch geht es – in Kanada ungleich häufiger als etwa in Deutschland – immer wieder weiter. The game must go on. Den rechtlichen Rahmen der unaufhaltsamen Verführung bietet das Gesetz der großen Zahl.
Abgezockt sein oder abgezockt werden – das
ist hier die Frage... (Pokerspieler Marquis)
Quelle: www.lasvegasvegas.com/pokerblog
Nördlich der Großen Seen aber soll eine Smart Card die Einsätze begrenzen: eine freilich nur allzu durchsichtige linguistische Verharmlosung, da ja der Gambler selbst festlegt, welche Verluste er verkraften will, kann und darf.
ALC’s mission is to provide sustainable financial success, heißt es bombastisch auf deren Webseite. Und ein paar Zeilen darunter wird es noch beser: We are committed to living up to our responsibilities and delivering on our commitments. Ethik und Integrität bleiben da auch nicht unerwähnt. Das Lottospiel als finanziellen Erfolg zu verkaufen, das klingt ja schon beinahe wie billige Wall-Street-Rhetorik. Wie teuer kann man sich so etwas kosten lassen?
Im Juli 2009 brachte allerdings der namhafte kanadische Fernsehsender CBC eine ausführliche Dokumentation über die Atlantic Lottery Corporation, deren aufgeblasenen „money talk“ und fragwürdige „money-cat“-Methoden. Die Reportage reichte von offenbar fingierten Betriebssystemen und der skrupellosen Konditionierung der Leute am Tellerrand bis hin zu konsequent betrügerischen Lottokarten-Verkäufern. Kanada (und das heißt hier die Provinzen) kann aber aufs Lotto nicht verzichten – oder will nicht darauf verzichten können. Glücksspiele liegen nämlich, sofern legal, fest in staatlicher Hand. Die Faustregel? The house always wins.
Der Staat braucht selbstredend Kohle. Und das fröhliche Dollarzeichen blendet die Vernunft. Zeit zum Spielen? Die Loser verlieren alles, nur eben die Spielsucht nicht. Die Betreiber des Systems freuen sich und stecken die Beute in die Tasche. Über die Ethik der ganzen Sache wird weiterhin in langatmigen Sätzen debattiert. So geht das.

Ist ja für'n guten Zweck: Die Royal und die TD-Bank in Toronto
Foto: Marcus Obal
Als aber ruchbar wurde, dass bei der Ontario Lottery and Gaming Corporation jahrelang ein verdächtig großer Anteil der Gewinne an Insider fiel, wurde auch in anderen Provinzen ermittelt. Und Protokolle wurden erstellt. Und Neuregelungen beschlossen. Und politische Korrektheit an den Tag gelegt. Das Resultat: game on.
Fingiertes Glück im Land der Großen Seen – ein ozeanisches Gefühl, genauer, ein Atlantisches Gefühl. Geld ist dabei allerdings sozusagen schon von seiner Natur her klebrig. Die geheime Formel? Nach wie vor das gute, alte Hexeneinmaleins des guten, alten Geheimrats: Du mußt verstehn! Aus Eins mach Zehn, Und Zwei lass gehn, Und Drei mach gleich, So bist Du reich.
Freilich: Glücksspiele sind ja eben nun einmal an sich – selbst außerhalb der Hexenküche – eine Sache des Teufels. Und solange ihm dieser nur genug Geld vorschießt, drückt der Kaiser gerne mal ein Auge zu. Gegen Depression gibt es ja schließlich immerhin Pillen.
Die Haie im virtuellen Spielraum des „Atlantic Oceans“ wittern ihre sichere Beute im Cyberspace und warten auf den baldigen Klick. Unter dem Titel Featured Winners werden Spieler vorgestellt, die es angeblich geschafft haben. So leicht wird man Millionär! Augen zu und los! Es habe einer nur brav an seinen glücklichen Stern zu glauben und die Maus nicht zu fürchten. Jetzt bin ich an der Reihe, sagt dem erwartungsvollen Durchschnittsmenschen eine Stimme, von der dieser annimmt, es sei seine innere Stimme.

Bingo: Toronto hat die „Sündflut“ schon bald ereilt...
Foto: Wladyslaw, Montage: Christian Heinrici
Überdurchschnittliches Glück? Eine Sache der Selbstverständlichkeit. Das sogenannte positive Denken ersetzt in einem Schlag Sachlichkeit und Vernunft. Liquiditäten seien nämlich derzeit weniger denn je von der Hand zu weisen. Zugreifen erscheint da als vernünftige, ja als logische Option. Ein Haufen Geld als wundersames „stimulus package“ aus heiterem Himmel, allein der Gedanke lässt den Puls nach oben schießen. Wer denkt da noch ans Verlieren!
Finanzen gut, alles gut. Wenigstens der Staat scheint ja immerhin von der Misere seiner ärmsten und ratlosesten Bürger zu profitieren. Und der Staat, das sind wir. Und nach uns kommt die Sintflut – oder auch nicht. Ist das verteufelte Lottospiel des „Atlantischen Kanadas“ aus Regierungssicht denn vielleicht letzten Endes strenggenommen ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft? Hand aufs Herz: Bei Sinnen sein ist sowieso nicht jedermanns Sache.
Anmerkungen:
[1] Das Slangwort „dude“ könnte man frei als „ganzer Kerl“, „Typ“ oder „Junge“ übersetzen
[2] Bei uns bekannt unter dem Begriff „Phishing“.
(CH)
Online-Flyer Nr. 211 vom 19.08.2009
Die Atlantic Lottery Corporation: ein Ding für den gesunden Menschenverstand?
Und bin ich bei Geld, so bin ich bei Sinnen
Von Vasile V. Poenaru
Mit Lotto gegen die Krise, heißt es. It’s time to get your game on! So lockt die Atlantic Lottery Corporation – ein von den Provinzen New Brunswick, Nova Scotia, Prince Edward Island und Newfoundland and Labrador gemeinsam als „Crown Corporation“betriebenes Unternehmen. Game on. „Der Mensch ist nur dann wirklich Mensch, wenn er Glücksspiele spielt“, würde ein in Sachen des Erhabenen kundiger Klassiker sagen, ginge es ihm darum, für die Lotterie Werbung zu machen.

„Gewinnerparkplätze“ auf dem Gelände der Atlantic Lottery Corporation: leer. Foto: Stu Pendousma
Den verführerischen Klang der Münzen, wer kennt ihn nicht? Besonders in Zeiten der Rezession liegen die mehr oder weniger raffinierten Wegelagerer Tag und Nacht im abgelegenen Cyberspace auf der Lauer. Sie wissen, dass ihnen immer wieder jemand trotz besseren Wissens ins Netz läuft. Die E-Mails wollen kein Ende nehmen, und die naive Wunschvorstellung gar manchen sozial Benachteiligten, letzten Endes eben doch ein ausgesprochener Glückspilz zu sein, dringt sich unwiderstehlich auf.
Dass einer etwa nie gespielt hat, sei kein Problem, denn die Lotterie verlose die deftigen Preise an die breite Öffentlichkeit. Einfach so, als Werbung. Wer das schluckt, lässt sich natürlich sehr gerne einen ungedeckten Scheck zuschicken und überweist auch mal gleich die vermeintlichen Steuern für das Schlaraffenlandgeschenk auf ein dubiöses Auslandskonto – und schon ist man um ein paar Tausend Dollar leichter. E-Mail-Scam [2] als Wahrzeichen des dotcom-Zeitalters.

Hexenarithmetik? Ganz Kanada im
Gambling-Fieber... | Fotos: Hashir Milhan,
Ian Muttoo | Montage: Christian Heinrici
Wer kein Geld hat, verspielt im Handumdrehen das, was er nicht hat: ein von Alters her immer wieder bewährtes Axiom im weltweiten unbehaglichen Wirkungsgefüge der schwindenden Kaufkraft und wachsenden Ohnmacht. Weg ist weg. The loser’s standing small. Und doch geht es – in Kanada ungleich häufiger als etwa in Deutschland – immer wieder weiter. The game must go on. Den rechtlichen Rahmen der unaufhaltsamen Verführung bietet das Gesetz der großen Zahl.

Abgezockt sein oder abgezockt werden – das
ist hier die Frage... (Pokerspieler Marquis)
Quelle: www.lasvegasvegas.com/pokerblog
ALC’s mission is to provide sustainable financial success, heißt es bombastisch auf deren Webseite. Und ein paar Zeilen darunter wird es noch beser: We are committed to living up to our responsibilities and delivering on our commitments. Ethik und Integrität bleiben da auch nicht unerwähnt. Das Lottospiel als finanziellen Erfolg zu verkaufen, das klingt ja schon beinahe wie billige Wall-Street-Rhetorik. Wie teuer kann man sich so etwas kosten lassen?
Im Juli 2009 brachte allerdings der namhafte kanadische Fernsehsender CBC eine ausführliche Dokumentation über die Atlantic Lottery Corporation, deren aufgeblasenen „money talk“ und fragwürdige „money-cat“-Methoden. Die Reportage reichte von offenbar fingierten Betriebssystemen und der skrupellosen Konditionierung der Leute am Tellerrand bis hin zu konsequent betrügerischen Lottokarten-Verkäufern. Kanada (und das heißt hier die Provinzen) kann aber aufs Lotto nicht verzichten – oder will nicht darauf verzichten können. Glücksspiele liegen nämlich, sofern legal, fest in staatlicher Hand. Die Faustregel? The house always wins.
Der Staat braucht selbstredend Kohle. Und das fröhliche Dollarzeichen blendet die Vernunft. Zeit zum Spielen? Die Loser verlieren alles, nur eben die Spielsucht nicht. Die Betreiber des Systems freuen sich und stecken die Beute in die Tasche. Über die Ethik der ganzen Sache wird weiterhin in langatmigen Sätzen debattiert. So geht das.

Ist ja für'n guten Zweck: Die Royal und die TD-Bank in Toronto
Foto: Marcus Obal
Als aber ruchbar wurde, dass bei der Ontario Lottery and Gaming Corporation jahrelang ein verdächtig großer Anteil der Gewinne an Insider fiel, wurde auch in anderen Provinzen ermittelt. Und Protokolle wurden erstellt. Und Neuregelungen beschlossen. Und politische Korrektheit an den Tag gelegt. Das Resultat: game on.
Fingiertes Glück im Land der Großen Seen – ein ozeanisches Gefühl, genauer, ein Atlantisches Gefühl. Geld ist dabei allerdings sozusagen schon von seiner Natur her klebrig. Die geheime Formel? Nach wie vor das gute, alte Hexeneinmaleins des guten, alten Geheimrats: Du mußt verstehn! Aus Eins mach Zehn, Und Zwei lass gehn, Und Drei mach gleich, So bist Du reich.
Freilich: Glücksspiele sind ja eben nun einmal an sich – selbst außerhalb der Hexenküche – eine Sache des Teufels. Und solange ihm dieser nur genug Geld vorschießt, drückt der Kaiser gerne mal ein Auge zu. Gegen Depression gibt es ja schließlich immerhin Pillen.
Die Haie im virtuellen Spielraum des „Atlantic Oceans“ wittern ihre sichere Beute im Cyberspace und warten auf den baldigen Klick. Unter dem Titel Featured Winners werden Spieler vorgestellt, die es angeblich geschafft haben. So leicht wird man Millionär! Augen zu und los! Es habe einer nur brav an seinen glücklichen Stern zu glauben und die Maus nicht zu fürchten. Jetzt bin ich an der Reihe, sagt dem erwartungsvollen Durchschnittsmenschen eine Stimme, von der dieser annimmt, es sei seine innere Stimme.

Bingo: Toronto hat die „Sündflut“ schon bald ereilt...
Foto: Wladyslaw, Montage: Christian Heinrici
Überdurchschnittliches Glück? Eine Sache der Selbstverständlichkeit. Das sogenannte positive Denken ersetzt in einem Schlag Sachlichkeit und Vernunft. Liquiditäten seien nämlich derzeit weniger denn je von der Hand zu weisen. Zugreifen erscheint da als vernünftige, ja als logische Option. Ein Haufen Geld als wundersames „stimulus package“ aus heiterem Himmel, allein der Gedanke lässt den Puls nach oben schießen. Wer denkt da noch ans Verlieren!
Finanzen gut, alles gut. Wenigstens der Staat scheint ja immerhin von der Misere seiner ärmsten und ratlosesten Bürger zu profitieren. Und der Staat, das sind wir. Und nach uns kommt die Sintflut – oder auch nicht. Ist das verteufelte Lottospiel des „Atlantischen Kanadas“ aus Regierungssicht denn vielleicht letzten Endes strenggenommen ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft? Hand aufs Herz: Bei Sinnen sein ist sowieso nicht jedermanns Sache.
Anmerkungen:
[1] Das Slangwort „dude“ könnte man frei als „ganzer Kerl“, „Typ“ oder „Junge“ übersetzen
[2] Bei uns bekannt unter dem Begriff „Phishing“.
(CH)
Online-Flyer Nr. 211 vom 19.08.2009















