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Kultur und Wissen
Ein Buch des völlig unbekannten, exilierten Schriftstellers Ernst Kaiser:
„Die Geschichte eines Mordes“
Von Ingrid Bachér
Ich spreche zum Gedenken an Ernst Kaiser, einen österreichischen, jüdischen Schriftsteller, von dem nie eine Zeile veröffentlicht wurde. Er lebte und arbeitete als Schriftsteller, aber keins seiner Werke ist erhalten geblieben. Sein Schicksal weist auf das von vielen Autoren, deren Werke vernichtet oder nicht gedruckt wurden und auf tragische Weise der Vergessenheit anheimfielen. So vieles ist untergegangen, kam nie zur Entfaltung, fand niemals Resonanz.
Nichts kann ich Ihnen jetzt von Ernst Kaiser vorlesen, nicht eine Zeile. Aber ich kann an ihn erinnern, von seinem Leben erzählen.
Ein Leben in äußerster Armut und Isolation…
Ernst Kaiser wurde nach dem Ende des ersten Weltkrieges in Wien geboren und floh 1938, als die Deutschen in Österreich einmaschierten, nach England. Er blieb allein. Seine Familie wurde deportiert und ermordet. Um zu überleben, arbeitete er im Kühlhaus des Londoner Schlachthofes, schleppte in der eisigen Kälte die toten, abgehäuteten Tiere, stapelte sie und wuchtete sie an die Haken hinauf. Doch wenn er in sein Zimmer zurückkam, schrieb er. Er hörte nicht auf zu schreiben, das Geschriebene zu verwerfen und wieder neu anzusetzen, besessen davon, sich selber aus dem Schweigen heraus zuholen, aus dem Namenlosen, in das man ihn verbannt hatte. Es war ein Leben in äußerster Armut und Isolation. Er hatte keinen Kontakt mit anderen migrierten Schriftstellern, konnte noch nichts Abgeschlossenes vorweisen, auch wenn er hunderte von Manuskriptseiten mit auf die Flucht genommen hatte. Zudem mußte er vorerst die Sprache dieses Landes lernen, das ihm Zuflucht bot.
…bis er Eithna Wilkens traf
Es wird Anfang der vierziger Jahre gewesen sein, als er Eithna Wilkens traf. Dies war die glücklichste Wendung in seinem Leben. Sie wurden ein Paar und hielten zusammen bis zum Tod. Äußerlich gesehen waren sie ein ungleiches Paar: Ernst Kaiser - von Gestalt klein, schmal, scharfgesichtig und witzig - war in den letzten Jahren zäher und härter geworden. Eithna dagegen neigte zur Fülle, war üppig weich, ruhig wie langsam dahin strömendes Wasser. Sie kam aus Neuseeland, lebte lange schon in England und war bekannt als Lyrikerin, Germanistin und Übersetzerin. Weil sie Kinderlähmung gehabt hatte, half sie sich beim Gehen mit einem Stock. Zuweilen wurde ihre Schwäche so groß, daß sie mitten im Gespräch abwesend blieb, wie ohnmächtig. Doch wünschte sie nicht, daß irgendjemand Rücksicht auf sie nahm, und nach einer Weile, sobald sie wieder zurückfand, setzte sie das Gespräch unbesorgt fort, als sei nichts gewesen. Ihre Familie war wohlhabend, ihr Bruder ein bedeutender Wissenschaftler. Ich erwähne das, weil der Bruder später eine Rolle spielen wird in dieser Geschichte.
Übersetzung von Robert Musil
Eithna beteiligte Ernst Kaiser an ihrer Arbeit, der Übersetzung von Musils “Mann ohne Eigenschaften“ ins Englische. Gemeinsam bekamen sie dafür ein Stipendium und zogen für einige Jahre nach Rom, wo der Nachlaß von Robert Musil aufbewahrt wurde. Dort lernte ich beide 1960 kennen und wir wurden Freunde. Ich bewunderte die Intensität, mit der sie arbeiteten. Sie lebten so sehr mit Musils Schriften, daß sie manchmal, wenn ich zu ihnen kam, mich sogleich in die Diskussion über irgendeinen Satz von ihm zogen, so als wäre er etwas vielfältig zu Deutendes, Lebendiges. Was er natürlich auch war. Das zeigten sie mir. Und immer wieder beschäftigte sie die Frage, wie der Schluß des Romanfragments “Der Mann ohne Eigenschaften“ wohl zu denken wäre, wie man ihn aus all den Entwürfen, die Musil hinterlassen hatte, rekonstruieren könne. Sie wollten sich möglichst getreu seinen Vorstellungen annähern, die sie nur gewinnen konnten durch immer bessere, intimere Kenntnis seines Werkes. Am Ende, so meinten sie, würde sich eins aus dem anderen ergeben, notwendig einer Gesetzmäßigkeit gehorchend.
Keiner wollte seine Arbeiten
Auch in dieser römischen Zeit schrieb Ernst an seinen Romanen. Er schrieb, um das in Worte zu fassen, was er erkannt hatte, und transformierte das Gesehene in Bilder, welche die Wirklichkeit in den Dimensionen ihrer Brüche wiedergab. Es waren lange, verflochtene Geschichten. Sie erweckten die Furcht, im Aussichtslosen, Verstellten zu sein, in einem Labyrinth, dem die Figuren nicht entkommen konnten, da es nur ein gedachtes war.
Ernst blieb immer beschäftigt mit diesem Werk, versenkte sich, in Rom lebend, in das Österreich seiner Jugend und entwarf Personen, die fremd dem gegenüber waren, was sie taten. Im römischen warmen Licht, umgeben von den Ockertönen der Häuser, schrieb er von einem grünlich-klaren Meer, das eisig erstarrte.
Doch keiner wollte seine Arbeiten, er schickte sie auch nicht viel herum, immer zu sehr beschäftigt mit ihnen. Wenn Verleger die Kaisers besuchten, sprachen die Gäste über Musil, höflich den Übersetzern und unwillig diesem alternden Anfänger gegenüber, dessen Werk wuchs.
Ernst Kaiser stirbt 1972
Nach einigen Jahren verließen beide wieder gemeinsam Rom. Eithna bekam eine Professur an der Universität von Reading. Ernst arbeitete weiter an seinen Romanen. Ich las sie in Rom und sie erinnerten mich an Radierungen von Piranesi, an die Carcerie. Endlose Kerkerhallen, unüberschaubare geschlossene Verließe, in denen nur Lichtstrahlen hineinfallen und menschliche Gestalten für immer verbannt bleiben.
Ernst wurde in Reading krank und schrieb mir, er begrüße die Krankheit als eine wichtige Erfahrung, die ihm noch gefehlt habe. Dann starb er (1972), und bald darauf starb auch Eithna. Ihr Assistent schrieb mir, sie hätte gewünscht, die Manuskripte von Ernst sollten mir geschickt werden. Vielleicht, daß sie später zu veröffentlichen seien. Ich antwortete ihm und wartete auf das Paket. Danach geschah nichts mehr. Die Manuskripte erreichten mich nie. Sie gingen verloren auf dem Weg von England nach Deutschland, oder sie wurden nie abgeschickt. Ich fragte nach und hörte, daß der Assistent einen Nervenzusammenbruch gehabt und seine Universitätslaufbahn abgebrochen hätte.
Die Manuskripte blieben verschwunden
Es verging Zeit, und meine Unruhe wuchs. Schließlich fuhr ich nach Reading und traf jemanden, der meinte, der Assistent wäre nun Dorfschullehrer im Norden Englands. Man besorgte mir seine Adresse. Ich schrieb ihm, bekam aber nie eine Antwort. Später kam ein Brief zurück.
Auch alle Briefe, die ich an Eithnas Bruder schrieb, blieben unbeantwortet. Daraufhin bat ich einen Freund, Professor an der Universität in Michigan, Eithnas Bruder offiziell von den USA aus nach den Manuskripten zu fragen. Zwei Mal wiederholte er die Anfrage, ohne daß eine einzige Zeile als Antwort kam - und sei es nur aus Höflichkeit irgendeine Erklärung. Es schien keine zu geben. Mir kam es wie eine Verschwörung vor. Das Schweigen war undurchdringlich, die Manuskripte blieben verschwunden. Es war, als ob Ernst Kaiser nie etwas geschrieben hätte. Und so endet der erste Teil dieser Geschichte, für die es keinen Trost gibt.
Besprechung von Hermann Broch
Viele Jahre später kaufte ich ein Buch von Hermann Broch, “Schriften zur Literatur I“, das mir zufällig in die Hände kam. (Es lag bei den ausgesonderten Büchern in einem Kasten vor dem Schaufenster eines Buchladens.) In diesem Buch fand ich die wahrscheinlich einzige Besprechung, die es über die Arbeit von Ernst Kaiser gibt.

Hermann Broch - einer der renommiertesten
Autoren der klassischen Moderne. Vor-denkend
beteiligt an Diskursen wie Postkolonialismus,
Menschenrechte, Globalisierung
Quelle: www.athena-verlag.de
1947 hatte er in England einen seiner Romane bei der Bollingen-Foundation eingereicht, um ein Stipendium zu bekommen. Broch arbeitete damals als Gutachter, und ich las in diesem Buch, was er über Ernst Kaisers Werk geschrieben hatte: Es sei ein Kunstwerk, wenn auch in einer bis dahin ungewohnten Form, die Fotografie eines erfundenen Objekts und so ein Vorläufer künftiger Kunst, ein spezifisches Produkt der heutigen Welt. Der Roman schildere Menschen, denen die Absolutheit der Realität abhanden gekommen sei und die sich dessen bewußt werden, daß ihnen nichts verblieben sei als eine gewisse Rationalisierungskraft, die aber nicht ausreiche, um eine feste Ordnung zu schaffen. Im Gegenteil, gerade sie, in ihrer unkontrollierbaren Isoliertheit und Übersteigerung, löse das Weltbild immer weiter auf.
Vorschlag einer Stiftung
Hermann Broch schlug vor, dieses Manuskript von Ernst Kaiser, das “Die Geschichte eines Mordes“ hieß, zu fördern, und sollte es nicht zu publizieren sein, weil die modernen Leser dem Text zwar adäquat wären, das aber nicht wahrhaben wollten, so sollte die Stiftung eine Manuskriptbibliothek einrichten, in der dieser Text und andere dieser Art bis zu einer künftigen Veröffentlichung gehütet würden, und die Aufnahme in diese Bibliothek sollte als öffentliche Ehrung gelten. Alles sollte getan werden, damit die Manuskripte nicht verloren gingen, was sonst über kurz oder lang geschehen würde, so prophezeite Hermann Broch. Und er hatte Recht, jetzt sind Ernst Kaisers Manuskripte verschollen.
“Die Geschichte eines Mordes“ war die eines nur angenommenen Mordes, in der sich einer dieser Tat schuldig fühlte. Es gab keine Unschuld mehr.
Aktuelle Ergänzung von Hajo Jahn
Soweit die Geschichte, die Ingrid Bachér im Jahr 2006 vorgetragen hat. Wie Hajo Jahn, Vorsitzender der Else Lasker-Schüler-Gesellschaft, nun aktuell ergänzt, hat die ehemalige PEN-Präsidentin den völlig unbekannten Schriftsteller Kaiser bei verschiedenen Veranstaltungen der ELS-Gesellschaft vorgestellt. Erstmals 2001 beim Israel-Forum „Die Reise nach Jerusalem“. Dabei waren lebende Schriftsteller gebeten worden, an verstorbene Kollegen zu erinnern (wie Herta Müller an Ernst Kramer oder Hans Joachim Schädlich an Hans Sahl). Nur Ingrid Bachér erinnerte an einen Schriftsteller, der offenbar nie publiziert, nie gedruckt worden war.
Diese Geschichte von Ingrid Bachér veröffentlichte die ELSG im Doppelband „Momente in Jerusalem“. Daraus las sie 4 Jahre später erneut bei einer Veranstaltung der ELSG - im Dezember 2005 in Berlin. Dabei hoffte sie stets auf einen Fingerzeig, der ihr hätte helfen können. Die Zuhörer waren so gepackt vom Schicksal Ernst Kaisers, dass sie die Autorin baten, doch nicht nachzulassen, seinen unveröffentlichten Roman vielleicht doch noch ausfindig zu machen.
Das kleine Wunder geschah: Auf Umwegen erfuhr sie, dass eine Kopie des Manuskripts - damals mit Kohlepapier für die Durchschläge ermöglicht - erhalten geblieben ist, verwahrt im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Nun erscheint es in der Edition "Die Tausend“ beim Verlag Ralf Liebe, dem die ELS-Gesellschaft geholfen hat, das Buch zu veröffentlichen. Hajo Jahn: „Jetzt brauchen wir Leser. Deshalb bitten wir, diese ungewöhnliche Geschichte zu publizieren“ - was die NRhZ hiermit gern getan hat. (PK)
Beginn der Veranstaltung am Donnerstag, 24. September um 19.30 Uhr, im Kunstmuseum Solingen, Zentrum für verfolgte Künste, Wuppertaler Str. 160. Weitere Informationen unter www.else-lasker-schueler-gesellschaft.de.
Online-Flyer Nr. 214 vom 09.09.2009
Ein Buch des völlig unbekannten, exilierten Schriftstellers Ernst Kaiser:
„Die Geschichte eines Mordes“
Von Ingrid Bachér
Ich spreche zum Gedenken an Ernst Kaiser, einen österreichischen, jüdischen Schriftsteller, von dem nie eine Zeile veröffentlicht wurde. Er lebte und arbeitete als Schriftsteller, aber keins seiner Werke ist erhalten geblieben. Sein Schicksal weist auf das von vielen Autoren, deren Werke vernichtet oder nicht gedruckt wurden und auf tragische Weise der Vergessenheit anheimfielen. So vieles ist untergegangen, kam nie zur Entfaltung, fand niemals Resonanz.
Nichts kann ich Ihnen jetzt von Ernst Kaiser vorlesen, nicht eine Zeile. Aber ich kann an ihn erinnern, von seinem Leben erzählen.
Ein Leben in äußerster Armut und Isolation…
Ernst Kaiser wurde nach dem Ende des ersten Weltkrieges in Wien geboren und floh 1938, als die Deutschen in Österreich einmaschierten, nach England. Er blieb allein. Seine Familie wurde deportiert und ermordet. Um zu überleben, arbeitete er im Kühlhaus des Londoner Schlachthofes, schleppte in der eisigen Kälte die toten, abgehäuteten Tiere, stapelte sie und wuchtete sie an die Haken hinauf. Doch wenn er in sein Zimmer zurückkam, schrieb er. Er hörte nicht auf zu schreiben, das Geschriebene zu verwerfen und wieder neu anzusetzen, besessen davon, sich selber aus dem Schweigen heraus zuholen, aus dem Namenlosen, in das man ihn verbannt hatte. Es war ein Leben in äußerster Armut und Isolation. Er hatte keinen Kontakt mit anderen migrierten Schriftstellern, konnte noch nichts Abgeschlossenes vorweisen, auch wenn er hunderte von Manuskriptseiten mit auf die Flucht genommen hatte. Zudem mußte er vorerst die Sprache dieses Landes lernen, das ihm Zuflucht bot.
…bis er Eithna Wilkens traf
Es wird Anfang der vierziger Jahre gewesen sein, als er Eithna Wilkens traf. Dies war die glücklichste Wendung in seinem Leben. Sie wurden ein Paar und hielten zusammen bis zum Tod. Äußerlich gesehen waren sie ein ungleiches Paar: Ernst Kaiser - von Gestalt klein, schmal, scharfgesichtig und witzig - war in den letzten Jahren zäher und härter geworden. Eithna dagegen neigte zur Fülle, war üppig weich, ruhig wie langsam dahin strömendes Wasser. Sie kam aus Neuseeland, lebte lange schon in England und war bekannt als Lyrikerin, Germanistin und Übersetzerin. Weil sie Kinderlähmung gehabt hatte, half sie sich beim Gehen mit einem Stock. Zuweilen wurde ihre Schwäche so groß, daß sie mitten im Gespräch abwesend blieb, wie ohnmächtig. Doch wünschte sie nicht, daß irgendjemand Rücksicht auf sie nahm, und nach einer Weile, sobald sie wieder zurückfand, setzte sie das Gespräch unbesorgt fort, als sei nichts gewesen. Ihre Familie war wohlhabend, ihr Bruder ein bedeutender Wissenschaftler. Ich erwähne das, weil der Bruder später eine Rolle spielen wird in dieser Geschichte.
Übersetzung von Robert Musil
Eithna beteiligte Ernst Kaiser an ihrer Arbeit, der Übersetzung von Musils “Mann ohne Eigenschaften“ ins Englische. Gemeinsam bekamen sie dafür ein Stipendium und zogen für einige Jahre nach Rom, wo der Nachlaß von Robert Musil aufbewahrt wurde. Dort lernte ich beide 1960 kennen und wir wurden Freunde. Ich bewunderte die Intensität, mit der sie arbeiteten. Sie lebten so sehr mit Musils Schriften, daß sie manchmal, wenn ich zu ihnen kam, mich sogleich in die Diskussion über irgendeinen Satz von ihm zogen, so als wäre er etwas vielfältig zu Deutendes, Lebendiges. Was er natürlich auch war. Das zeigten sie mir. Und immer wieder beschäftigte sie die Frage, wie der Schluß des Romanfragments “Der Mann ohne Eigenschaften“ wohl zu denken wäre, wie man ihn aus all den Entwürfen, die Musil hinterlassen hatte, rekonstruieren könne. Sie wollten sich möglichst getreu seinen Vorstellungen annähern, die sie nur gewinnen konnten durch immer bessere, intimere Kenntnis seines Werkes. Am Ende, so meinten sie, würde sich eins aus dem anderen ergeben, notwendig einer Gesetzmäßigkeit gehorchend.
Keiner wollte seine Arbeiten
Auch in dieser römischen Zeit schrieb Ernst an seinen Romanen. Er schrieb, um das in Worte zu fassen, was er erkannt hatte, und transformierte das Gesehene in Bilder, welche die Wirklichkeit in den Dimensionen ihrer Brüche wiedergab. Es waren lange, verflochtene Geschichten. Sie erweckten die Furcht, im Aussichtslosen, Verstellten zu sein, in einem Labyrinth, dem die Figuren nicht entkommen konnten, da es nur ein gedachtes war.
Ernst blieb immer beschäftigt mit diesem Werk, versenkte sich, in Rom lebend, in das Österreich seiner Jugend und entwarf Personen, die fremd dem gegenüber waren, was sie taten. Im römischen warmen Licht, umgeben von den Ockertönen der Häuser, schrieb er von einem grünlich-klaren Meer, das eisig erstarrte.
Doch keiner wollte seine Arbeiten, er schickte sie auch nicht viel herum, immer zu sehr beschäftigt mit ihnen. Wenn Verleger die Kaisers besuchten, sprachen die Gäste über Musil, höflich den Übersetzern und unwillig diesem alternden Anfänger gegenüber, dessen Werk wuchs.
Ernst Kaiser stirbt 1972
Nach einigen Jahren verließen beide wieder gemeinsam Rom. Eithna bekam eine Professur an der Universität von Reading. Ernst arbeitete weiter an seinen Romanen. Ich las sie in Rom und sie erinnerten mich an Radierungen von Piranesi, an die Carcerie. Endlose Kerkerhallen, unüberschaubare geschlossene Verließe, in denen nur Lichtstrahlen hineinfallen und menschliche Gestalten für immer verbannt bleiben.
Ernst wurde in Reading krank und schrieb mir, er begrüße die Krankheit als eine wichtige Erfahrung, die ihm noch gefehlt habe. Dann starb er (1972), und bald darauf starb auch Eithna. Ihr Assistent schrieb mir, sie hätte gewünscht, die Manuskripte von Ernst sollten mir geschickt werden. Vielleicht, daß sie später zu veröffentlichen seien. Ich antwortete ihm und wartete auf das Paket. Danach geschah nichts mehr. Die Manuskripte erreichten mich nie. Sie gingen verloren auf dem Weg von England nach Deutschland, oder sie wurden nie abgeschickt. Ich fragte nach und hörte, daß der Assistent einen Nervenzusammenbruch gehabt und seine Universitätslaufbahn abgebrochen hätte.
Die Manuskripte blieben verschwunden
Es verging Zeit, und meine Unruhe wuchs. Schließlich fuhr ich nach Reading und traf jemanden, der meinte, der Assistent wäre nun Dorfschullehrer im Norden Englands. Man besorgte mir seine Adresse. Ich schrieb ihm, bekam aber nie eine Antwort. Später kam ein Brief zurück.
Auch alle Briefe, die ich an Eithnas Bruder schrieb, blieben unbeantwortet. Daraufhin bat ich einen Freund, Professor an der Universität in Michigan, Eithnas Bruder offiziell von den USA aus nach den Manuskripten zu fragen. Zwei Mal wiederholte er die Anfrage, ohne daß eine einzige Zeile als Antwort kam - und sei es nur aus Höflichkeit irgendeine Erklärung. Es schien keine zu geben. Mir kam es wie eine Verschwörung vor. Das Schweigen war undurchdringlich, die Manuskripte blieben verschwunden. Es war, als ob Ernst Kaiser nie etwas geschrieben hätte. Und so endet der erste Teil dieser Geschichte, für die es keinen Trost gibt.
Besprechung von Hermann Broch
Viele Jahre später kaufte ich ein Buch von Hermann Broch, “Schriften zur Literatur I“, das mir zufällig in die Hände kam. (Es lag bei den ausgesonderten Büchern in einem Kasten vor dem Schaufenster eines Buchladens.) In diesem Buch fand ich die wahrscheinlich einzige Besprechung, die es über die Arbeit von Ernst Kaiser gibt.

Hermann Broch - einer der renommiertesten
Autoren der klassischen Moderne. Vor-denkend
beteiligt an Diskursen wie Postkolonialismus,
Menschenrechte, Globalisierung
Quelle: www.athena-verlag.de
Vorschlag einer Stiftung
Hermann Broch schlug vor, dieses Manuskript von Ernst Kaiser, das “Die Geschichte eines Mordes“ hieß, zu fördern, und sollte es nicht zu publizieren sein, weil die modernen Leser dem Text zwar adäquat wären, das aber nicht wahrhaben wollten, so sollte die Stiftung eine Manuskriptbibliothek einrichten, in der dieser Text und andere dieser Art bis zu einer künftigen Veröffentlichung gehütet würden, und die Aufnahme in diese Bibliothek sollte als öffentliche Ehrung gelten. Alles sollte getan werden, damit die Manuskripte nicht verloren gingen, was sonst über kurz oder lang geschehen würde, so prophezeite Hermann Broch. Und er hatte Recht, jetzt sind Ernst Kaisers Manuskripte verschollen.
“Die Geschichte eines Mordes“ war die eines nur angenommenen Mordes, in der sich einer dieser Tat schuldig fühlte. Es gab keine Unschuld mehr.
Aktuelle Ergänzung von Hajo Jahn
Soweit die Geschichte, die Ingrid Bachér im Jahr 2006 vorgetragen hat. Wie Hajo Jahn, Vorsitzender der Else Lasker-Schüler-Gesellschaft, nun aktuell ergänzt, hat die ehemalige PEN-Präsidentin den völlig unbekannten Schriftsteller Kaiser bei verschiedenen Veranstaltungen der ELS-Gesellschaft vorgestellt. Erstmals 2001 beim Israel-Forum „Die Reise nach Jerusalem“. Dabei waren lebende Schriftsteller gebeten worden, an verstorbene Kollegen zu erinnern (wie Herta Müller an Ernst Kramer oder Hans Joachim Schädlich an Hans Sahl). Nur Ingrid Bachér erinnerte an einen Schriftsteller, der offenbar nie publiziert, nie gedruckt worden war.
Diese Geschichte von Ingrid Bachér veröffentlichte die ELSG im Doppelband „Momente in Jerusalem“. Daraus las sie 4 Jahre später erneut bei einer Veranstaltung der ELSG - im Dezember 2005 in Berlin. Dabei hoffte sie stets auf einen Fingerzeig, der ihr hätte helfen können. Die Zuhörer waren so gepackt vom Schicksal Ernst Kaisers, dass sie die Autorin baten, doch nicht nachzulassen, seinen unveröffentlichten Roman vielleicht doch noch ausfindig zu machen.
Das kleine Wunder geschah: Auf Umwegen erfuhr sie, dass eine Kopie des Manuskripts - damals mit Kohlepapier für die Durchschläge ermöglicht - erhalten geblieben ist, verwahrt im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Nun erscheint es in der Edition "Die Tausend“ beim Verlag Ralf Liebe, dem die ELS-Gesellschaft geholfen hat, das Buch zu veröffentlichen. Hajo Jahn: „Jetzt brauchen wir Leser. Deshalb bitten wir, diese ungewöhnliche Geschichte zu publizieren“ - was die NRhZ hiermit gern getan hat. (PK)
Beginn der Veranstaltung am Donnerstag, 24. September um 19.30 Uhr, im Kunstmuseum Solingen, Zentrum für verfolgte Künste, Wuppertaler Str. 160. Weitere Informationen unter www.else-lasker-schueler-gesellschaft.de.
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