NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

Fenster schließen

Kultur und Wissen
Der Sprachentag der EU:
Unentdeckte Werte
Von Jan Kruse

Beherrschen Sie Ihre Muttersprache? Sprechen Sie darüber hinaus die Sprache der Nation, in der Sie leben und noch zwei weitere Fremdsprachen, darunter eine weniger verbreitete Sprache?

Dann sind Sie vermutlich EU-Bürger, Ende dreißig, Akademiker, zählen zu einer sprachlichen Minderheit, arbeiten in einem internationalen Umfeld und wohnen in einer Grenzregion. In dem Fall  können Sie sich bequem zurücklehnen, denn heute müssen Sie nichts weiter tun, als Vorbild zu sein. Dies war ihr Tag, am 26. September.!

Oder Sie haben einen Migrationshintergrund und eine andere Muttersprache als Deutsch. Dann könnten Sie sich eigentlich auch zurücklehnen, aber zum Vorbild reicht Ihre Biographie leider nicht. Ich möchte das erläutern.

An diesem Samstag, den 26. September war der Europäische Tag der Sprachen. Er richtet sich vor allem an diejenigen, die keine der oben genannten Sprachenkenntnisse  haben. Auch unter den Lesern dieser Zeitung dürften dies die meisten sein, denn 61 Prozent aller Europäer sprechen keine oder nur eine Fremdsprache. Daher sollten Sie weiterlesen, denn heute steht eine Erwartung Europas an Sie im Mittelpunkt, die Sie vielleicht noch gar nicht kennen.

Alle Europäer, wirklich alle, sollen, so wünscht es sich die Europäische Union, zwei Fremdsprachen beherrschen. Das haben die Bildungsminister der Mitgliedstaaten bereits 1984 so beschlossen. Leider hat dies damals  kaum einer bemerkt. 2002 hat der Ministerrat, das höchste Gremium der EU, dies noch einmal beschlossen. Damit es dieses Mal auch bekannt wird, wurde zuvor das Jahr 2001 als das Europäische Jahr der Sprachen ausgerufen. Damals wurden viele Artikel über die Mehrsprachigkeit der Bürger geschrieben, so viele wie vorher und nachher nicht mehr und überhaupt über die vielen Sprachen und Kulturen auf dem Kontinent. Und seitdem gibt es jedes Jahr am 26. September den Tag der Sprachen.


Suche nach Lösungen zwischen Kauderwelsch und Überforderung
Quelle: Europäische Kommission

Die Volkshochschulen nutzen diesen Tag, um für Ihre Sprachkurse zu werben und die Goethe-Institute weltweit nutzen den Tag für die Deutschkurs-Reklame. Hier und da wird die Sprachenvielfalt Europas bunt gefeiert. Denn, so will uns die Gemeinschaftsinitiative von EU und Europarat mitteilen, viele Sprachen sind ein Gewinn für alle Gesellschaften, es ist bunt, fröhlich, inspirierend und bereichernd. Und je mehr davon jeder einzelne sprechen kann, umso besser.

Da haben sie Recht, auch wenn es ein wenig an die Multikultipostulate der 80er Jahre erinnert, die das Konfliktpotential kultureller Unterschiede ignorierten und mit einem Mäntelchen der Toleranz bedeckten. Sprachliche Unterschiede haben ein erhebliches kulturelles Konfliktpotential.

Wie kam man also auf die Idee, von den Bürgern Kenntnisse in zwei Fremdsprachen zu verlangen? Es waren vielleicht die Franzosen. Und es hat etwas mit dem Verlust der Kolonien zu tun und unsererseits mit der sprachlichen Abhängigkeit vom Englisch der US-Amerikaner. Die Staaten mit einst großen internationalen Sprachen, zum Beispiel Frankreich, Deutschland und Spanien, haben ein starkes Interesse daran, dass dieser Status der Sprachen nicht noch mehr leidet, als ohnehin schon. Und nur eine starke internationale Stellung einer Sprache in Europa ist eine gute Grundlage für die Stellung der Sprache in der Welt und damit für Handelsbeziehungen, die sich entlang von Sprachachsen bilden. Die Franzosen haben dafür einen Namen, die Francophonie.

Außerdem gibt es den politischen Gleichheitsgrundsatz der EU, der den Schutz der Regional- und Minderheitensprachen verlangt. Von den etwa 60 Sprachen gibt es in Deutschland fünf, darunter auch Sorbisch und Friesisch. Für den Schutz dieser Sprachen wurde bereits 1993 die europäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen verabschiedet.

Und dann ist da noch Englisch. Fragt man bei den Menschen draußen im Lande nach, dann antwortet eine große Mehrheit, dass ihnen Englisch als Fremdsprache reicht und die Erwartung, weitere Sprachen sprechen zu können, eigentlich überflüssig ist, zumindest aber an ihrer Lebenswirklichkeit vorbeigeht. Die EU stellt solche Fragen regelmäßig und veröffentlicht die Ergebnisse im so genannten Eurobarometer. Dabei wäre es durchaus wünschenswert, dass die vielen Sprachen auf dem Kontinent auch international verwendet werden würden. Andererseits gibt es wenig Klagen von Personen, die täglich und intensiv international kommunizieren, die in Exportbetrieben oder als Europapolitiker arbeiten.


Köln: Seit 2000 Jahren multikulturell und vielsprachig
Quelle: "Wir sind Kölünlü" – Peter Ruthardt


Die Stadt Köln beispielsweise hat 14 Partnerstädte in ganz Europa, darunter auch in Frankreich. Die für die Kommunikation mit diesen Städten Verantwortlichen des Amtes für internationale Angelegenheiten müssen aber nur Englischkenntnisse nachweisen. Sie scheinen keine Probleme damit zu haben, dass Englisch die einzige internationale Verkehrssprache in Europa ist. Auch wenn sie folgende Aussage bestimmt unterschreiben würden, mit der der englische Sprachforscher David Chrystal oft zitiert wird: „Die Weltsprache ist nicht Englisch, sondern schlechtes Englisch“. Und überhaupt gilt die Suche der EU einer Europasprache, keiner Weltsprache. Leider bietet sich keine Sprache dafür an und so wurde das Konstrukt in die Welt gesetzt, die Sprache Europas sei ihre sprachliche Vielfalt. Man muss das nicht verstehen. Aber man muss fragen, welche Sprachen zu dieser Vielfalt gehören und welche Personen mit fremdsprachlicher Kompetenz der Vorstellung eines „guten“ mehrsprachigen Europäers entsprechen.

Schauplatzwechsel: Hemer in der deutschen sauerländischen Provinz, Fachtagung eines vom Land NRW geförderten Projekts zur Sprachförderung beim Übergang vom Kindergarten zur Grundschule. In den meisten Einrichtungen liegt der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund weit über 50 Prozent. Die verbreitetste Sprache ist Türkisch, aber auch Russisch und Arabisch werden oft gesprochen. Bereits im Kindergarten lernen die Kinder Deutsch und ein paar Jahre später in der Schule Englisch, selten später noch eine weitere Sprache. Trotz guter Bemühungen, einen konstruktiven Arbeitsansatz zu finden, ist im Kern doch zu spüren, dass die Arbeit hier aus Mängelbewältigung besteht. Und der Mangel besteht zu einem großen Teil darin, dass die Sprachkenntnisse der Eltern nicht respektiert werden. Das ist ein Integrationsproblem. Dabei entspricht die sprachliche Bildung der Eltern und Kinder genau der Vorstellung eines sprachlich idealen Europäers – mit einem kleinen Haken. Türkisch, Russisch und Arabisch waren nicht gemeint. Das wird nicht laut gesagt, aber schließlich handelt es sich bei der Forderung um Sprachen im Raum der EU und nicht um die Sprachen derer, die in diesem Raum leben.

Zurück nach Europa: Eine der wichtigsten offiziellen Begründungen für die Forderung nach der Kenntnis von zwei Fremdsprachen ist, dass die Europäer das im Schengener Abkommen beschlossene Mobilitätsangebot der EU wahrnehmen sollen. Einfacher ausgedrückt, es soll im europäischen Binnenmarkt mehr Arbeitsmigration geben. Es ist fraglich, ob dies auch im Sinne einer gerechten Kultur- und Sozialpolitik ist, arbeitsmarktpolitisch mag es sinnvoll sein. Die Erfahrungen vor Ort zeigen aber oft, dass die Sprachenkenntnisse der Einwanderer, in Deutschland allen voran der Türken, einen Beitrag leisten könnten, die interkulturelle Kommunikation auch innerhalb der EU zu verbessern. Hier liegt eine internationale Kommunikationschance und eine Migrationserfahrung verborgen, die besser genutzt und gewürdigt werden kann.

Der Tag der Sprachen in Europa sollte sich nicht auf den sprachlichen Reichtum der Europäer beschränken, sondern auch die Sprachen der Einwanderer mit aufnehmen. So kann die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund auch in dieser Beziehung Teil des europäischen Selbstverständnisses werden. (HDH)

Jan Kruse, Köln. Sprachwissenschaftler, promoviert an der Universität Duisburg-Essen über europäische Sprachenpolitik. (jankruse@quantentunnel.de)


Online-Flyer Nr. 217  vom 30.09.2009



Startseite           nach oben