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Kultur und Wissen
Doppelband: Gemälde, Grafiken und Zeichnungen eines „Moorsoldaten“
„Warten auf die Freiheit“
Von Sandra Evertz

Die Moorsoldaten, die „Politischen“, die Insassen der ­ersten Nazi-Konzentrationslager im Emsland, das sind die schweigenden Helden in Emst Walskens „Warten auf die Freiheit“. Einem Buch, das zweimal geschrieben wurde. In den Lagern mit der Sprache der Bilder, mit Farbe, Tinte, Schuhwichse und Bleistift auf Briefe, Plakatrückseiten – mit allem, auf allem, was greifbar, was unter unmöglichen, unmen­schlichen Bedingungen möglich war. Und vierzig Jahre später mit dem Wort: in knappen, kargen, aber eindringlichen Sätzen.

Ernst Walsken undatiert Famielienbesitz
Ernst Walsken, (undatiert, Familienbesitz)    
Ernst Walsken, Jahrgang 1909, Student an der Kunst­akademie Düsseldorf bis zu seinem Ausschluss 1934, Gedunge­ner im „Bewährungsbataillon“ 999, amerikanischer Kriegsgefan­gener, Solinger Künstler, ver­brachte vier Jahre als Gefangener hinter den Mauern der Zuchthäu­ser und dem Stacheldraht der Konzentrationslager der Nazis. Angeklagt, verurteilt, wie so viele, wegen der Vorbereitung zum Hochverrat. Ernst Walsken über­lebte den Leidensweg der Nazi­gegner, überlebte die Illegalität, die Arbeitslager, Hunger und die Schikanen der Wärter, überlebte den Krieg.

Er legte Zeugnis ab: in Bildern, die er während seiner Gefan­genschaft malte, zeichnete oder als Papierschnitte schuf. Zeugnisse, die unter den Bedin­gungen, unter denen sie entstan­den, übermenschlich scheinen, kostbar und rar. Dokumente in denen Hass, Heroisierung oder Karikaturen des Leids, der Auf­schrei, der Nervenkitzel des ver­zeichneten Grauens ebenso feh­len wie die glamouröse Tünche, mit der das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte oftmals überdeckt wird: stattdessen Dokumente der Tristesse des Lageralltags.
Ernst Walsken „Landschaft mit Zaun“
  Ernst Walsken – „Landschaft mit Zaun“
  Quelle: swws verlag
Zutiefst subjektiv – aber dadurch unendlich wertvoll, da diese Subjektivität unter die Haut geht, sie allein betroffen macht.

In den Bildnissen, die gewollt und nicht gewollt durch die Not an Material knapp und prägnant wirken, in den ebenso prägnanten und knapp gehalte­nen Kommentaren – womit eine stilistische Brücke zwischen den beiden verschiedenen, sich gegenüberstehenden Informa­tionsträgern geschlagen wird – fehlt es dagegen nicht an der menschlichen Wärme. Man spürt die Solidarität dieser Menschen, deren Rückgrat nicht zu brechen war, deren Anteilnahme und gegenseitige Hilfe diese Bilder und das Überleben in der Not erst schlechthin möglich machten.

Ernst Walsken Selbstbildnis (undatiert)
Ernst Walsken Selbstbildnis (undatiert)            
Quelle: swws verlag
Man spürt den Menschen Ernst Walsken, den Menschen hinter den Bildern, hinter den Wor­ten. Den Menschen, der der Nazi­diktatur aufrecht widerstand. Der – überspitzte Sentimentalitäten durch das Beschränken auf weni­ge Bildelemente, knappe Striche, Konturen, expressionistische Re­duktion von vornherein verhindert; der sich Ausdrucksformen be­dient, mit denen er seiner Zeit, auch mit seinen neueren Werken, voraus ist. Ist diese Reduktion doch gerade erst bei jungen Künstlern, nicht nur beiden „Wil­den“, en vogue.

Mit „Warten auf die Freiheit“ erscheint ein wertvolles Buch, das eindringlich und noch einmal wachrüttelnd Zeugnis ablegt, über die Menschen in den – über die himmelschreienden Greuel der Vernichtungslager, de­ren Namen, Auschwitz, Treblinka, Bergen-Belsen, Majdanek, ein ewiges Stigma der deutschen Ver­gangenheit bedeuten – und fast verges­senen die Lager Esterwegen und Aschendorfermoor.

Die Neuauflage von Warten auf die „Freiheit“ wird durch einen zweiten Band „Gemälde - Grafik - Zeichnungen“ ergänzt, der das Werk Walskens über seine gesamte Schaffenszeit bis in die Achtzigerjahre in Auszügen abbildet. Die Neuauflage erscheint anlässlich der Ausstellungen zum 100. Geburtstag des Künstlers im Dokumentations- und Informationszentrum Emslandlager, Papenburg, und im Museum Baden, Solingen.

Schuber Ernst Walsken Quelle: swws verlag
Quelle: swws verlag

Ernst Walsken
„Warten Auf die Freiheit
– Zeichnungen und Aquarelle eines Moorsoldaten 1935-1939“

Gemälde • Grafik • Zeichnungen
296 Seiten
17 x 20 cm
Preis: 30 Euro
swws verlag, Duisburg 2009
ISBN 978-3-9812100-0-2


Walsken 1984 Foto: Andreas Schäfer, Quelle: swws Verlag
Walsken 1984
Foto: Andreas Schäfer      
Quelle: swws Verlag
Ernst Walsken studierte an der Kunstakademie Düsseldorf unter anderem bei Prof. Heinrich Nauen und bei Prof. Schnurr. Der Künstler gehörte einer selbstständigen Widerstandsgruppe im Rhein-Ruhr-Gebiet an und wurde im November 1935 auf Grund einer wohl unter Folter gemachten Aussage in Solingen verhaftet.

1937 wurde er in das wieder eröffnete Straf- und Arbeitslager KZ Esterwegen verbracht. Im gleichen Jahr erneute Verlegung nach Aschendorfermoor. Im Konzentrationslager hörte er nicht auf zu malen, Freunde schmuggelten viele Bilder unter Lebensgefahr aus den Lagern. Später wurde Walsken in die berüchtigte Strafdivision 999 eingezogen, geriet daraufhin in amerikanische Gefangenschaft.

Viele von Walskens Bildern sind nach seinem Tod dem „DIZ – Dokumentations- und Informationszentrum Emslandlager“ in Papenburg übereignet worden, unter anderem die Sammlung „Moorsoldaten“. Seine Bilder gehören zu den wenigen erhaltenen künstlerischen Dokumenten aus Konzentrationslagern der Nazizeit. Ernst Walsken starb am 22. April 1993 in Solingen.

(CH)

Online-Flyer Nr. 217  vom 30.09.2009



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