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Globales
Welchen Nutzen die USA aus dem Beinahe-Anschlag von Detroit ziehen können
Weihnachtsgeschenk für Obama
Von Wolfgang Effenberger

Mit einem Terror-Paukenschlag verabschiedete sich die neunte NATO-Kriegsweihnacht! Trotz klarer Warnsignale wäre es dem 23-jährige Nigerianer Umar Farouk Abdulmutallab am ersten Weihnachtsfeiertag fast geglückt, beim Landeanflug auf Detroit einen Airbus der US-Gesellschaft Delta mit 278 Passagieren in die Luft zu sprengen.


Umar Farouk Abdulmutallab wird festgenommen
Quelle: Video unter www.edition.cnn.com
 
Die Spuren des vereitelten Anschlages führen US-Medien zufolge in die jemenitische Terrorfiliale von Al-Qaida, wo die aus Saudi-Arabien stammenden Ex-Guntánamo-Häftlinge "Nummer 333" und "Nummer 372" Führungsrollen bekleiden sollen.(1) Da der verhinderte Attentäter nach Auskunft des jemenitischen Außenministeriums von August bis Anfang Dezember im Land gewesen sei (2), werden nicht nur Kontakte, sondern auch die Drahtzieher in der dortigen Al-Qaida vermutet. Anfang November soll der Student Abdulmutallab endgültig das privilegierte Leben des reichen Zöglings mit dem Dasein als Terrorist vertauscht haben.


Hatte vergeblich gewarnt – Vater von Umar Farouk Abdulmutallab
Quelle: Video unter www.msbnc.msn.com
 
Aus Sorge wandte sich am 19. November sein Vater, ein ehemaliger führender Bankdirektor und Minister, an die US-Botschaft in der nigerianischen Hauptstadt Abuja. Dort warnte er neben dem State Department auch den US-Geheimdienst CIA vor der islamischen Radikalisierung seines Sohnes. Danach wurde der Name ins Zentralregister der Geheimdienste für Terroristen und Terrorverdächtige aufgenommen und eine Akte angelegt. Nach Angaben des TV-Senders CNN sei der CIA-Bericht aber nicht weiter gegeben worden. Auch wurde ein Zwei-Jahres-Besuchsvisum für die USA nicht widerrufen. Und das im Jahr 2009, in dem es in den Vereinigten Staaten so viele Attentate und Attentatsversuche mit islamistischem Hintergrund wie noch nie innerhalb eines Jahres seit den Anschlägen vom 11. September 2001 gab.(3) Das wirft heikle Fragen auf. Wie konnte ein den US-Geheimdiensten bekannter mutmaßlicher Terrorist in Amsterdam an Bord des US-Airbusses 330 gelangen? Und das mit in die Unterhose eingenähtem Nitropenta?
 
Mängel im Sicherheitssystem?

 
Erst drei Tage nach dem vereitelten Anschlag trat US-Präsident Barack Obama vor eine verunsicherte Bevölkerung und räumte eine Mischung aus menschlichem Versagen und Fehler im System ein.(4) Er würde diese „potenziell katastrophalen" Mängel im Sicherheitssystem jedoch unter keinen Umständen hinnehmen. Inzwischen soll das US-Militär nach einem Bericht des Nachrichtensenders CNN bereits al-Qaida-Stellungen im Jemen für mögliche Angriffe ausgekundschaftet haben. „Man wolle vorbereitet sein und Optionen vorlegen können, falls Präsident Barack Obama einen solchen Angriff befehle“.(5)
 
Die Entwicklung im Jemen scheint den Medien angesichts der von Obama in West-Point am 1. Dezember 2009 verkündeten neuen Afghanistan-Strategie mit den massiven Truppenaufstockungen nicht berichtenswert gewesen zu sein. Unerwähnt blieb auch sein eingeschobener Verweis auf weitere Schlachtfelder des Antiterrorkrieges: „Wo immer Al-Qaida und seine Verbündeten versuchen, einen Brückenkopf zu errichten - ob in Somalia oder im Jemen - muss ihnen mit wachsendem Druck und starker Partnerschaft begegnet werden.“(6) Wer erinnert sich daran, dass die Vereinigten Staaten am 10. November 2009 mit dem Jemen ein militärisches Kooperationsabkommen unterzeichnet haben? Unmittelbar danach ließ die jemenitische Regierung in Absprache mit den USA mutmaßliche Al-Qaida-Trainingslager in der nördlichen Grenzregion zum benachbarten Saudi-Arabien bombardieren.(7) Dieses Ergebnis hatte die "Daily Times" bereits am 12. November in einer Schlagzeile vorweggenommen.(8)
 
US-Angriffe im Jemen einige Tage vor Detroit

 
Am 22. Dezember befahl Obama vermeintliche Terror-Ausbildungslager in der südlichen Provinz Abyan und nördlich der Hauptstadt Sanaa mit Marschflugkörpern anzugreifen. Nach erfolgter Operation gratulierte er per Telefon dem jemenitischen Präsidenten Ali Abdallah Saleh zu den erfolgreichen Luftangriffen.(9) Im Dorf Majaala, in der Provinz Abyan, seien 34 Al-Qaida Anhänger eliminiert worden, während in Abhar - 35 Kilometer nördlich von Sanaa - vier weitere Terroristen ums Leben gekommen seien. Diesen Angaben der jemenitischen Regierung wird widersprochen. Nach Aussagen von Provinzpolitikern und Anwohnern handelt es sich bei vielen Opfern um einfache Dorfbewohner. So sollen allein in dem Ort Majaala, der konzentriert angegriffen wurde, Dutzende Zivilisten ums Leben gekommen sein, unter ihnen bis zu 23 Kinder. Der arabische Fernsehsender Al-Jazeera zeigte tote Zivilisten und die Bestattung der Leichname als Folge der ersten Einsätze amerikanischer Cruise Missiles seit Obamas Amtsantritt gegen Ziele außerhalb der Kriegsgebiete Afghanistan und Irak.(10)
 
In seinem Buch "Die einzige Weltmacht" äußerte Zbigniew Brzezinski - seit Carter geostrategischer Vordenker aller demokratischen Präsidenten -, dass der islamische Fundamentalismus einige prowestliche Regierungen im Nahen Osten unterminieren und schließlich amerikanische Interessen in der Region, besonders am Persischen Golf, gefährden“(11) könne.


Brzezinskis „Eurasischer Balkan“ am Persischen Golf
Quelle: The Grand Chessboard
 
Der Jemen scheint für die USA von bedeutendem strategischem Wert zu sein - nicht zuletzt wegen seiner günstigen geographischen Einbettung. Jemen liegt am südlichen Ende der arabischen Halbinsel, direkt gegenüber von Djibouti, wo das Pentagon Camp Le Monier aufrechterhält - die einzige dauerhafte Basis in Afrika. Von hier aus patrouillieren regelmäßig amerikanische Schlachtschiffe den Indischen Ozean. Im Kampf gegen die "Rebellen" - schiitische Moslems wie im Iran und in Pakistan - hofft Washington neben dem Jemen und Saudi-Arabien weitere Golfnationen gegen den Iran aufstellen zu können. Meisterhaft beherrschen die USA in der Region ihres zentralen Kommandobereiches CENTCOM (12) die alte chinesische Kriegskunst "Teile und herrsche"(13).


US-Kommandobereich CENTCOM
Quelle: http://www.centcom.mil
 
Für ihre geostrategischen Ziele werden die Kämpfe zwischen sunnitischen beziehungsweise wahhabitischen Moslems mit ihren schiitischen Glaubensbrüdern instrumentalisiert. Als am Sonntag, 27. Dezember, die Schiiten den letzten Tag der jährlich zehn Tage dauernden schiitischen Trauer- und Bußrituale zu Ehren des Martyriums des dritten Imam Husain ibn Ali(14) feierlich begingen, detonierten Bombensätze in Bagdad sowie in den pakistanischen Städten Karachi und Muzaffarabad. In Teheran nutzten Demonstranten die Massenprozessionen anlässlich der Ashura-Passionsfeiern als Kristallisationspunkt. Trotz Verbots hatte die Reformbewegung ihre Anhänger am Samstag per SMS aufgerufen, für den sieben Tage zuvor verstorbenen Großajatollah Hossein Ali Montaseri zum "Tag des Blutes" - so eine Parole der Regierungsgegner - auf die Straße zu gehen. Bei den folgenden Zusammenstößen wurden auf beiden Seiten mehrere Teilnehmer getötet und weitere verletzt. Unter den Todesopfern auch der Neffe von Oppositionsführer Mir-Hussein Mussawi. Nach Angaben des iranischen Staatsfernsehens hätten sich passionsfeiernde schiitische Gläubige gegen die "Provokation und Zerstörung" bringenden Aufständische gewandt.(15)
 
Opposition in Saudi-Arabien?
 

Während die westlichen Medien die Aufständischen im Iran mit Wohlwollen begleiten, wird die Opposition in Saudi-Arabien kaum thematisiert. Kann es nicht sein, dass vom Jemen aus saudische Schiiten gegen das Unrecht, gegen die Unterdrückung, gegen die Dominanz ihrer korrupten saudischen Herrscher aufgestanden sind? Obwohl der Anteil der Schiiten nur knapp 15 Prozent ausmacht, erscheint diese Minderheit dem despotischen Königtum als Gefahr. Als Staatsreligion gilt die Lehre Ibn Abd al-Wahhabs, eine besonders strenge Form des sunnitischen Islam.(16) Erfolgreich fördert der saudische Staat wahhabitische Organisationen in allen Teilen der Welt – vornehmlich auch auf dem Balkan.
 
Seit den Anschlägen vom 11. September sollen nach Angaben von Amnesty International in Saudi-Arabien unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung tausende Menschen festgenommen und in Geheimhaft gehalten werden, während andere unter ungeklärten Umständen ums Leben kamen. „Die kompromisslose Unterdrückung politisch Andersdenkender und die instabile Menschenrechtslage haben in Saudi-Arabien dazu geführt, dass es praktisch keinen Schutz mehr für die Rechte und Freiheiten der Menschen gibt.“(17) Amnesty kritisiert die Staaten des Westens wegen ihres Schweigens angesichts der elementaren Menschenrechtsverstöße in Saudi-Arabien.
 
US-Bombenangriffe seit November

Seit Mitte November dürfen US-Bomber von Saudi-Arabien aus Bombenangriffe auf die schiitischen Bevölkerungsteile im Jemen fliegen. Auch wenn Al-Qaida sich zum versuchten Anschlag von Detroit bekennt, sollte doch - wie seinerzeit vom römischen Philosoph Marcus Tullius Cicero in seiner Verteidigungsrede - der Frage nach dem "Cui bono", also “Wem nützt es?“ nachgegangen werden. Die eklatanten Versäumnisse der US-Geheimdienste sowie der Zeitpunkt des Anschlages und die äußerst undurchsichtigen Umstände, unter denen ein den Behörden bekannter Mann überhaupt erst an Bord der US-Maschine gelangen konnte, verlangen eine sorgfältige Prüfung. An dieser Stelle muss an die Anthrax-Anschläge nach dem 11. September 2001 erinnert werden, die eine Woge der Hysterie erzeugten.

Damals galt Osama bin Laden als Drahtzieher. In diesem Klima der Angst konnte damals in nur wenigen Wochen der umfangreiche, die Meinungsfreiheit einschränkende Partiot-Act durchgepeitscht werden. Nach mehr als sieben Jahren wurde der US-Wissenschaftler und Spezialist für Anthrax-Impfstoffe, Dr. Bruce Ivins, vom FBI als Verdächtiger für die Anthrax-Anschläge 2001 mit fünf Toten genannt. Er hatte u. a. im Militär-Labor von Fort Detrick an diesen B-Waffen gearbeitet.(18)
 
Mehr US-Truppen in den Mittleren Osten?
 
Welchen Nutzen könnten die USA durch diesen neuen “Anschlag“ neben einer weiteren Verschärfung der Sicherheitsbestimmungen verbuchen? Da wäre zunächst eine nachträgliche Rechtfertigung für die Bombardierung von Reginen im Jemen durch die USA. Die mutmaßliche Verstrickung von Ex-Guantánamo-Häftlingen verstärkt in den USA zugleich den Widerstand gegen Obamas Pläne, das Lager auf Kuba rasch zu schließen. Auch wird Obama jetzt wohl nicht mehr Dutzende von jemenitischen Guantánamo-Häftlingen in ihre Heimat zurückschicken können. Dies sei angesichts der Erfahrungen „unverantwortlich“(19), meinen Kritiker.
 
“Verantwortlich“ dagegen wird die Aufstockung der Truppen im Mittleren Osten und ein erhöhtes Engagement in Afghanistan und Pakistan sein. Bei einem vertieften Blick auf die CENTCOM-Karte könnte der Gedanke gekommen, daß der "Hilferuf" an die Amerikaner aus dem Jemen nur dazu dienen soll, dass die USA dort weitere Stützpunkte und Basen für ihre Drohnen errichten können. Damit wären sie in der Lage, einem umsturzgefährdeten Saudi-Arabien umfassend zur "Hilfe" zu kommen. Hier werden dann sicherlich nicht Freiheit und Demokratie verteidigt - es wird ausschließlich um die Sicherung der saudischen Ölquellen gehen! (PK)

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(1) "Obama räumt katastrophale Sicherheitsmängel ein" - erschienen am 30.12.2009 um 07:09 Uhr in © sueddeutsche.de.
(2) Verhinderter Attentäter. Abdulmutallab hielt sich lange im Jemen auf, unter URL: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,669347,00.html. Das jemenitische Außenministerium verwies darauf, dass der Nigerianer Visa von "einer Reihe freundlicher Staaten" besessen habe, darunter eines der USA.
(3)Klüver, Reymer: Schlimmes Jahr für die USA. Deutlich mehr Terror-Anschläge, in SZ vom 28. Dezember 2009, S. 2
(4) Elliott, Philipp/ Baldor, Lolita C.: Obama: Flight 253 Plot Is Result Of „Systemic Failure“ , in Huffingpton Post vom 29. Dezember 2009 unter http://www.huffingtonpost.com/2009/12/29/obama-flight-253-plot-is-_n_406502.html
(5)CNN: US-Militär prüft mögliche Ziele im Jemen, - erschienen am 30.12.2009 um 07:31 Uhr unter © sueddeutsche.de
(6) Remarks by the President in Address to the Nation on the Way Forward in Afghanistan and Pakistan, Eisenhower Hall Theatre, United States Military Academy at West Point/NY, December 1, 2009, unter http://www.whitehouse.gov/the-press-office/remarks-president-address-nation-way-forward-afghanistan-and-pakistan.
(7) Meldung von Jemens offizieller Nachrichtenagentur SABA, siehe Rozoff, Rick: Global Warfare USA: The World is the Pentagon's Oyster: US military operations in all major regions of the World, in Global Research vom 16. November 2009
(8) "Yemen, US sign military deal to fight rebels." Aufmacher der Daily Times vom 12. November 2009
(9) Flade, Florian: Barack Obamas neue Terrorfront im Jemen, unter http://www.welt.de/politik/ausland/article5611842/Barack-Obamas-neue-Terrorfront-im-Jemen.html vom 22. Dezember 2009
(10) Flade, Florian: Barack Obamas neue Terrorfront im Jemen, unter http://www.welt.de/politik/ausland/article5611842/Barack-Obamas-neue-Terrorfront-im-Jemen.html vom 22. Dezember 2009
(11) Brzezinski, Zbigniew: Die einzige Weltmacht. Frankfurt a.M 2001, S. 85
(12) CENTCOM ist das zuständige Regionalkommando für den Nahen Osten, Ost-Afrika und Zentral-Asien. Truppen sind derzeit primär eingesetzt im Irak und Afghanistan. Stützpunkte befinden sich in Kuwait, Bahrain, Katar, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Oman, Pakistan, Dschibuti (Camp Le Monier), Diego Garcia und mehreren Ländern Zentralasiens
(13) Um 500 v. Chr. verfasste der chinesische General, Militärstratege und Philosoph Sun Zi (andere Schreibweisen: Sun Tsu, Sun Tzu, Sun Tse, Ssun-ds) sein Buch „Die Kunst des Krieges“.
(14) Sohn Alis und Fatimas, der Tochter des Propheten Mohammed. Während Aschura gedenken die Schiiten öffentlich der Schlacht von Kerbela im Jahr 680 im heutigen Irak. In dieser Schlacht wurden am 10. Muharram Husain ibn Ali sowie fast alle männlichen Verwandten getötet.
(15) Mussawis Neffe bei Protesten erschossen, Meldung von news.ch vom Sonntag, 27. Dezember 2009 / 20:06
(16) Saudi-Arabien hat das Wahhabitentum als Staatsreligion im Artikel 23 ihrer Grundordnung verankert: „Der Staat schützt den islamischen Glauben, wendet die Schari'a an, gebietet, was recht ist und verbietet, was verwerflich ist. Er erfüllt die Pflicht, [die Menschen] zum Islam einzuladen.“ Unter www.shura.gov.sa The Basic Law Of Government englisch, abgerufen am 5. Mai 2009
(17) Amnesty: Westen schweigt zu Folter in Saudi-Arabien, Die Presse vom 2. Juli 2009 unter http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/496939/print.do
(18) Anthrax-Anschläge nach sieben Jahren aufgeklärt, unter http://www.wno.org/newpages/hea09.html (aufgerufen am 31. Dezember 2009)
(19) Obama räumt katastrophale Sicherheitsmängel ein, - erschienen am 30.12.2009 um 07:09 Uhr auf sueddeutsche.de


Online-Flyer Nr. 231  vom 06.01.2010



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