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„Ruf nach Freiheit darf nicht verstummen“
Stimmen junger IranerInnen
Von Ali Safaei Rad
Sona ist 24 und studiert in Köln. Doch verfolgt sie gespannt die Ereignisse in ihrem Heimatland. Es gibt hierzulande tausende junger IranerInnen wie Sona, die im Gegensatz zum Regime Ahmadinedschad und teilweise zum klerokratischen System der islamischen Republik insgesamt stehen, die auf einen demokratischen Wandel hoffen. Sie betrachten die Entwicklungen zuhause mit gemischten Gefühlen, zwischen Verzweiflung und Hoffnung.
Für manche ist es allerdings unerträglich, die Nachrichten und Bilder aus dem Iran noch zur Kenntnis zu nehmen. So sagt uns eine unserer jungen Interviewpartnerinnen:
„Um ehrlich zu sein schaue ich mir die Videos gar nicht an. Denn wenn ich die grausamen Bilder angucke, brechen mir die Tränen aus.“
Iranische, nicht islamische Republik
Die Demonstrationen und Unruhen nach den iranischen Präsidentschaftswahlen im Sommer vergangenen Jahres haben international Furore gemacht – und sind vor allem als Protest gegen die von den Oppositionellen vermutete Verfälschung des Wahlergebnisses verhandelt worden. Doch waren sie von Anfang an ein Protest gegen die diktatorischen Verhältnisse der „Islamischen Republik“ überhaupt. Seit Sommer 2009 haben sich denn auch die Ziele und Parolen des Protestes grundsätzlich zugespitzt, bei den RegimegegnerInnen im Iran selbst und auch bei den Landsleuten im Exil. Studentin Sona jedenfalls beobachtet:
„Wenn man die Rufe auf der Strassen hört, dann ist das nicht mehr nur: ‚Wo ist meine Stimme?’, sondern es geht halt darum, warum so viel Gewalt angewendet wird, warum in den Gefängnissen so viel vergewaltigt wird, und mit welchem Recht, und man hört, dass die Menschen endlich das Recht auf freie Meinungsäußerung haben wollen. Viele rufen, dass sie keine islamische Republik, sondern eine iranische Republik wollen.“
Diese Einschätzung Sonas teilt auch der 26jährige Student Nima:
„Meiner Meinung nach ist der Schritt schon getan, dass es nicht mehr um Ahmadinedschad und um die Wahlen geht, sondern um sehr viel mehr, um die Demokratie und das totalitäre Regime-System insgesamt.“
Hoffnungsträger oder „falsche Propheten“?
„Kompromißofferten“ der international bekannten, etablierten Oppositionsführer, die teilweise selbst Funktionäre des Systems waren, würden von der Basis abgelehnt, meint Parastu, 28, Studentin der Politikwissenschaften:
„Mussavi ist ein falscher Prophet, er ist genauso wie Khatami. Er ist ein opportunistischer Politiker, der die Sehnsüchte und die Wünsche der Menschen ausnutzt.“
So könnte es im Iran soweit kommen, daß eine Revolution zur Abwechslung einmal nicht ihre Kinder, sondern ihre Väter frißt.
Nicht bloß eine Liberalisierung des gegenwärtigen Systems stehe auf der oppositionellen Agenda, sondern eine andere, eine säkulare Republik. Diese Aussage zieht sich durch alle Interviews. Darunter verstehen die jungen IranerInnen, mit denen wir gesprochen haben, eigentlich demokratische Selbstverständlichkeiten wie eine klare Trennung von Religion und Staat und die Garantie allgemeinverbindlicher Menschen- und Bürgerrechte.
Aufstand gegen religiöses Patriarchat
Für Frauen im Iran heißt das vor allem Gleichberechtigung, im Gegensatz zur herrschenden patriarchalen Gewalt. Dafür gehen sie nun auch auf die Straße. Das tun sie keineswegs, wie die iranische Regierung suggeriert und manche hierzulande auch nachsprechen, weil sie etwa von ausländischen Medien aufgehetzt oder von westlichen Agenturen und Geheimdiensten angeleitet worden seien. Der Protest gerade von Frauen ganz und gar unterschiedlicher Herkunft und ideologischer Ausrichtung im Iran sei vielmehr das logische Resultat einer jahrzehntelangen täglichen Unterdrückung, versichert Studentin Parastu. Die Alltagserfahrung von Frauen im Iran sei massiv von Zurücksetzung und Diskriminierung geprägt:
„In diesem iranischen Regime sind die Frauen die größten Leidtragenden, weil sie unter Repression leiden, als Personen zweiter Klasse betrachtet werden. Es ist ein enormer Emanzipationsvorgang für ein islamisches Land, dass Frauen so geschlossen rausgehen und für ihre Freiheit kämpfen.“
Wie immer kurz- und mittelfristig die iranische Entwicklung verlaufen wird – dieser emanzipatorische Ansatz wird bleiben, meint auch Sona:
„Ich bin unheimlich stolz, wenn ich die Bilder sehe, was für eine tragende Rolle die Frauen haben bei dieser Bewegung – alleine, wenn man sich die Demonstrationen ansieht und die lauten Stimmen der Frauen hört.“
Kein Verstummen
Ob die Wahlen gefälscht worden sind oder nicht – die Art und Weise, wie die Regierung in Teheran mit oppositionellen Strömungen umgeht und auf die eigentlich demokratische Normalität reagiert, dass gegen sie demonstriert wird, ist ein zivilisatorischer Skandal erster Ordnung; darin sind sich die jungen Exil-IranerInnen einig. Da das Regime der Gewalt auf der Straße inzwischen auch die Revanche durch erste Hinrichtungen gefangener Oppositioneller folgen ließ, sei es umso erforderlicher, die "lauten Stimmen" nicht verstummen zu lassen, betont Studentin Parastu:
„Das einzige, was wir tun können im Ausland, unter anderem in Deutschland, ist halt, dass wir die Nachricht, die Botschaft aus dem Iran weiter vermitteln, damit die Welt weiß, dass diese Menschen im Kampf für die Freiheit nicht alleine stehen.“ (PK)
Online-Flyer Nr. 243 vom 31.03.2010
„Ruf nach Freiheit darf nicht verstummen“
Stimmen junger IranerInnen
Von Ali Safaei Rad
Sona ist 24 und studiert in Köln. Doch verfolgt sie gespannt die Ereignisse in ihrem Heimatland. Es gibt hierzulande tausende junger IranerInnen wie Sona, die im Gegensatz zum Regime Ahmadinedschad und teilweise zum klerokratischen System der islamischen Republik insgesamt stehen, die auf einen demokratischen Wandel hoffen. Sie betrachten die Entwicklungen zuhause mit gemischten Gefühlen, zwischen Verzweiflung und Hoffnung.
Für manche ist es allerdings unerträglich, die Nachrichten und Bilder aus dem Iran noch zur Kenntnis zu nehmen. So sagt uns eine unserer jungen Interviewpartnerinnen:
„Um ehrlich zu sein schaue ich mir die Videos gar nicht an. Denn wenn ich die grausamen Bilder angucke, brechen mir die Tränen aus.“
Iranische, nicht islamische Republik
Die Demonstrationen und Unruhen nach den iranischen Präsidentschaftswahlen im Sommer vergangenen Jahres haben international Furore gemacht – und sind vor allem als Protest gegen die von den Oppositionellen vermutete Verfälschung des Wahlergebnisses verhandelt worden. Doch waren sie von Anfang an ein Protest gegen die diktatorischen Verhältnisse der „Islamischen Republik“ überhaupt. Seit Sommer 2009 haben sich denn auch die Ziele und Parolen des Protestes grundsätzlich zugespitzt, bei den RegimegegnerInnen im Iran selbst und auch bei den Landsleuten im Exil. Studentin Sona jedenfalls beobachtet:
„Wenn man die Rufe auf der Strassen hört, dann ist das nicht mehr nur: ‚Wo ist meine Stimme?’, sondern es geht halt darum, warum so viel Gewalt angewendet wird, warum in den Gefängnissen so viel vergewaltigt wird, und mit welchem Recht, und man hört, dass die Menschen endlich das Recht auf freie Meinungsäußerung haben wollen. Viele rufen, dass sie keine islamische Republik, sondern eine iranische Republik wollen.“
Diese Einschätzung Sonas teilt auch der 26jährige Student Nima:
„Meiner Meinung nach ist der Schritt schon getan, dass es nicht mehr um Ahmadinedschad und um die Wahlen geht, sondern um sehr viel mehr, um die Demokratie und das totalitäre Regime-System insgesamt.“
Hoffnungsträger oder „falsche Propheten“?
„Kompromißofferten“ der international bekannten, etablierten Oppositionsführer, die teilweise selbst Funktionäre des Systems waren, würden von der Basis abgelehnt, meint Parastu, 28, Studentin der Politikwissenschaften:
„Mussavi ist ein falscher Prophet, er ist genauso wie Khatami. Er ist ein opportunistischer Politiker, der die Sehnsüchte und die Wünsche der Menschen ausnutzt.“
So könnte es im Iran soweit kommen, daß eine Revolution zur Abwechslung einmal nicht ihre Kinder, sondern ihre Väter frißt.
Nicht bloß eine Liberalisierung des gegenwärtigen Systems stehe auf der oppositionellen Agenda, sondern eine andere, eine säkulare Republik. Diese Aussage zieht sich durch alle Interviews. Darunter verstehen die jungen IranerInnen, mit denen wir gesprochen haben, eigentlich demokratische Selbstverständlichkeiten wie eine klare Trennung von Religion und Staat und die Garantie allgemeinverbindlicher Menschen- und Bürgerrechte.
Aufstand gegen religiöses Patriarchat
Für Frauen im Iran heißt das vor allem Gleichberechtigung, im Gegensatz zur herrschenden patriarchalen Gewalt. Dafür gehen sie nun auch auf die Straße. Das tun sie keineswegs, wie die iranische Regierung suggeriert und manche hierzulande auch nachsprechen, weil sie etwa von ausländischen Medien aufgehetzt oder von westlichen Agenturen und Geheimdiensten angeleitet worden seien. Der Protest gerade von Frauen ganz und gar unterschiedlicher Herkunft und ideologischer Ausrichtung im Iran sei vielmehr das logische Resultat einer jahrzehntelangen täglichen Unterdrückung, versichert Studentin Parastu. Die Alltagserfahrung von Frauen im Iran sei massiv von Zurücksetzung und Diskriminierung geprägt:
„In diesem iranischen Regime sind die Frauen die größten Leidtragenden, weil sie unter Repression leiden, als Personen zweiter Klasse betrachtet werden. Es ist ein enormer Emanzipationsvorgang für ein islamisches Land, dass Frauen so geschlossen rausgehen und für ihre Freiheit kämpfen.“
Wie immer kurz- und mittelfristig die iranische Entwicklung verlaufen wird – dieser emanzipatorische Ansatz wird bleiben, meint auch Sona:
„Ich bin unheimlich stolz, wenn ich die Bilder sehe, was für eine tragende Rolle die Frauen haben bei dieser Bewegung – alleine, wenn man sich die Demonstrationen ansieht und die lauten Stimmen der Frauen hört.“
Kein Verstummen
Ob die Wahlen gefälscht worden sind oder nicht – die Art und Weise, wie die Regierung in Teheran mit oppositionellen Strömungen umgeht und auf die eigentlich demokratische Normalität reagiert, dass gegen sie demonstriert wird, ist ein zivilisatorischer Skandal erster Ordnung; darin sind sich die jungen Exil-IranerInnen einig. Da das Regime der Gewalt auf der Straße inzwischen auch die Revanche durch erste Hinrichtungen gefangener Oppositioneller folgen ließ, sei es umso erforderlicher, die "lauten Stimmen" nicht verstummen zu lassen, betont Studentin Parastu:
„Das einzige, was wir tun können im Ausland, unter anderem in Deutschland, ist halt, dass wir die Nachricht, die Botschaft aus dem Iran weiter vermitteln, damit die Welt weiß, dass diese Menschen im Kampf für die Freiheit nicht alleine stehen.“ (PK)
Online-Flyer Nr. 243 vom 31.03.2010














