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Kultur und Wissen
Das Frauenbild im Werk des Schriftstellers Peter Hacks
»Komm, sehr Fremde...«
Von Heidi Urbahn de Jauregui

Peter Hacks (* 1928 in Breslau; † 2003 bei Groß Machnow) gilt als einer der bedeutendsten Dramatiker, Lyriker, Erzähler und Essayisten der DDR und war lange der einzige Gegenwartsdichter, der mit seinen Stücken sowohl auf den Bühnen der DDR wie auch auf denen der BRD stark präsent war. Seit September 2007 erscheint halbjährlich das Journal »ARGOS. Mitteilungen zu Leben, Werk und Nachwelt von Peter Hacks« im VAT Verlag André Thiele in Frankfurt/Main. Aus Heft 6 haben wir den Text »Hacks und die Frauen« von der Schriftstellerin Heidi Urbahn de Jauregui übernommen, von der wir schon in NRhZ 146 einen Beitrag über Hacks veröffentlichten.(1)

»La femme est l'avenir de l'homme.« Louis Aragon
 

Peter Hacks
NRhZ-Archiv
»Was ich für die Menschheit unterließe, / Tu ich immer gerne für die Weiber.« (Hacks Werke  1/393) Dichtet da ein Frauenfreund, der die Frauen nicht zur Menschheit zählt? mögen Kämpferinnen für die Frauenrechte fragen. Soviel läßt sich sagen, daß Frauen im Werk von Peter Hacks eine bedeutende Rolle spielen. Kein Wunder, höre ich, schließlich bevölkern sie mit den Männern zu gleichen Teilen die Welt. Nun, die Welt schon, aber nicht die große Dichtung, nicht wenn sie danach fragte, was die Welt im      innersten zusammenhält. 
 
Die klassische Dichtung, der Hacks sich verpflichtet fühlte, war nämlich Männersache. Die darin auftretenden Frauen dienten zur Erziehung und Persönlichkeitserweiterung der männlichen Hauptgestalten im Werk oder in der Welt. Das galt selbst dann, wenn Frauen Titelfiguren waren. Hat sich das bei Hacks geändert? Die Voraussetzung ist natürlich die gleiche geblieben: Da er ein Mann war, schrieb er aus männlicher Perspektive, so wie Dichterinnen aus weiblicher Perspektive zu schreiben pflegen. Es gibt tatsächlich Frauenrechtler/innen, die man an diesen Gemeinplatz erinnern muß. Dies Sich-zu-seinem-Geschlecht-Bekennen bedeutet ja nicht, daß man das andere Geschlecht für minderwertiger erachtet.
 
Nun kenne ich eine feministische Richtung, welche die Frau aufzuwerten versucht, indem sie den Unterschied zwischen den Geschlechtern leugnet. Simone de Beauvoir ging da voran, als sie proklamierte: »Man wird nicht als Frau geboren, sondern zur Frau erzogen.« Sie stammte aus dem Bürgertum und hatte erfahren, daß die Entfremdung der Geschlechter und parallel dazu die Unterdrückung der Frau seit der Antike nicht solche Ausmaße angenommen hatte wie in der Bourgeoisie seit ihrer Machtübernahme nach der Französischen Revolution. Engels und Bebel haben nach den Gründen für diese Unterdrückung geforscht. Was Hacks zum Widerspruch reizte, war ein Feminismus, der wissenschaftliche Erkenntnisse hinter sich ließ oder verdrehte und moralisch oder sonstwie emotional aufgeheizt argumentierte, wie er es als für Frauen unwürdig empfand. Als es in der 68er-Bewegung Mode wurde, Kinder antiautoritär zu erziehen, gehörte dazu auch die Gleich?schaltung der Geschlechter. Die armen kleinen Jungen sollten lernen, daß da, wo ihre Spielgenossinnen comme il faut gebildet waren, sie selbst nur eine »wuchernde Klitoris« besaßen. Gewiß, das waren Auswüchse (jetzt bildlich gesprochen), aber man  —  oder heißt es frau? — verfuhr ähnlich rabiat auch mit der Grammatik, wo es doch nur um praktisch ordnende Begriffe geht. (In der französischen Sprache ist das Männliche noch ganz anders dominant, und mir ist keine Französin bekannt, die sich je darüber gewundert hätte. Ob es daran liegt, daß Französinnen schon so viel länger als westdeutsche Frauen über ein eigenes Arbeitseinkommen verfügen?)
 
Um eine künftige Ordnung …
 
Beginnen wir also bei der Sprache. Wie heißt es da bei Hacks: »Mir schiene angezeigt, gewissen Fraun / Die fetten Hinterinnen durchzuhaun.« (HW 1/325) Man hört förmlich den Protestschrei damaliger Feministinnen. (DDR-Frauen konnten darüber lachen, die verdienten ja ihr eigenes Geld.) Hacks bezeichnete diese im Westen proklamierte Annäherung der Geschlechter als Scheinemanzipation, ihre Adepten als »Frauentümlerinnen« (HW 14/208). Es handele sich da, so Hacks, um einen infantilisierenden Rückschritt, der die beiden Geschlechter auf einem geistigen Niveau von Zwölfjährigen halten wolle, wo sie noch bisexuell seien. So betone er hingegen in seinen Stücken immer das Weibliche an den Frauen.
Die Unterschiedlichkeit der Geschlechter, ihr so überaus schwieriges Zueinander-Finden wird immer wieder in seinem Werk thematisiert, wobei natürlich von seinem Standpunkt aus gesehen das weibliche Geschlecht das andere, rätselhafte, nie zu fassende ist. »Ein Wunder ist das Weib unter den Wesen ...« (HW 4/269), läßt Hacks seinen Herakles sagen, »Beschämt / Steht Arbeit vor so äußerstem Gelingen« (HW 4/270). Das »Omphale«-Stück handelt von dem Versuch, das weibliche Gegenüber in der Entäußerung von allem Männlichen zu fassen. »Wie angestrengt: ein Mann [...]«, findet Herakles (HW 4/278). Seine »Arbeit« trennt ihn von der Geliebten, denn »Mit jedem Keulenschlag / Erschlag ich eine Möglichkeit in mir« (ebd.) — also auch die Möglichkeit, liebend ganz dem geliebten Gegenüber nahe zu sein. Natürlich gilt das auch umgekehrt für die Frau, und so wechseln sie beide ihre Rollen. Aber es liegt in der Natur der Sache, daß eben Herakles für sein Begehren die bewegenderen Worte findet.

Wenn der Dichter sein Stück nach der Protagonistin betitelt hat, so weil sie den Wunschtraum des Mannes verkörpert. (Übrigens geht das ja nicht leicht auf der Bühne darzustellen. Hosenrollen pflegen dem Weiblichen eine pikante Note zu geben, doch Schauspieler in Weiberröcken bekommen unweigerlich etwas Transvestitenhaftes. Warum aber ist das so?)
 

Statue der Omphale im Park des
Schlosses Schönbrunn
Quelle: de.academic.ru
Nun geht das Experiment des Rollentausches ja aber nicht auf. Die Umstände erfordern ihre angestammten Rechte, sie verlangen das Eingreifen des Herakles, und Omphale ist es, die ihm dazu seine Keule bringt. Sie selbst wird durch die Geburtswehen auf ihre weibliche Körperlichkeit zurückgeworfen. Ist es ein Zurück? Hier doch wohl, so wie Herakles' erneuter Männerkampf ebenfalls ein Zurück gegenüber der im Stück entworfenen Utopie bedeutet. Ausdrücklich weist Hacks auf den geschichtlichen Werdegang der beiden Geschlechter hin. Es gibt da eine zweite Utopie im »Omphale«-Stück, die mit der ersten eng verknüpft ist. Am Ende steckt Herakles seine Keule in die Erde und wünscht, dieser »Sproß der Olive« (HW 4/303) möge wieder zu dem werden, was einst in ihm angelegt war. Das ist kein pazifistisches »Schwerter zu Pflugscharen«. Hacks trat stets für einen Sozialismus ein, der sich — notfalls mit Waffengewalt — zu verteidigen wüßte. Es ist vielmehr ein Hinweis auf den Weg der Menschheit vom Mutterrecht des Urkommunismus über das Vaterrecht der Klassengesellschaft zu einer künftigen Ordnung. Hacks hat stets energisch abgewehrt, wenn Feministinnen oder Linksextreme die erste Stufe verherrlichten und zu ihr zurückwollten. Im Balladenessay (HW 14/150 ff.) schildert er anschaulich, wie die Zeit des Mutterrechts auch die Zeit der Menschenfresserei und anderer Unannehmlichkeiten war. Die Herrschaft der Stammütter sei alles andere als unblutig verlaufen. (Ob das der Grund ist, warum Simone de Beauvoir in ihrem Buch »Le Deuxieme Sexe« — dt. »Das andere Geschlecht« — leugnete, daß es jemals eine Herrschaft der Frauen gegeben habe? So hielt sie sich da lieber an den ethnologischen Strukturalismus ihres Freundes Levi-Strauss.)
 
... und höhere Freiheit
 
Die Zwischenstufe der männerherrschenden Klassengesellschaft hält der Dichter für einen Fortschritt — auch für die Persönlichkeitsfindung der Frau, denn: »Mit der Warenwirtschaft entsteht das Individuum, mit dem Individuum die individuelle Liebe.« (HW 13/51) Dazu gehört, daß sich beide Geschlechter in ihrem Anderssein wahrnehmen und achten. Das Anderssein sieht Hacks erst einmal biologisch, und es ist ja nicht einzusehen, daß, wenn sich Affen und Menschen nur durch ganz wenige winzige Gene unterscheiden, der Unterschied von Mann und Frau aber, der immerhin ein Chromosom, also eine ganze Kette von Genen betrifft, bloß eine menschliche Erfindung sein sollte. Allerdings hüte man sich davor, eine Erbanlage gegenüber der anderen als die entwickeltere (also etwa das XY dem Affenstadium näherstehend als das XX) zu betrachten. Aber Hacks geht natürlich weiter: »Ich bin der Meinung, daß Frauen eine andere Rasse von Menschen sind als Männer, es sein müssen und bleiben werden, weil diese sogenannten biologischen Unterschiede, um das allermindeste zu sagen, Unterschiede im Sexualverhalten bedingen, und man müßte die menschliche Seele nicht kennen, um nicht zu wissen, wie stark Unterschiede im Sexualverhalten das Gesamtverhalten prägen.« Bei den Urmenschen war das Bewußtsein dieses Unterschieds noch unentwickelt. Sie waren sich ihrer Nacktheit nicht bewußt und übten den Beischlaf also »als eine Nebensache« aus, so Hacks. Wirklich interessant sei die Sache erst geworden, als sie mit Verboten belegt wurde.
 
Dieser Sprung von der anfänglichen natürlichen in die höhere, menschlichere Freiheit ist das Thema seiner »Adam und Eva«-Komödie. Mit der Scham nach dem Sündenfall (der Erlangung des Bewußtseins, also der Schuldfähigkeit) erkennt das Menschenpaar sich als unterschieden. »Komm, sehr Fremde [...]«, läßt er seinen Adam sagen: »Ein Abgrund hat sich zwischen uns gebildet, / Unüberbrückbar, aber lockend, sich / In seiner tiefen Ferne zu zerschmettern.« (HW 4/425) Die Steigerung des Bewußtseins ist also von Bedeutung auch für die Beziehung zwischen Mann und Frau. Adam: »Was nahm ich denn / Für Lust vor heut?« (HW 4/425) (Im Lutherdeutsch steht bekanntlich »erkennen« auch für beischlafen. Die Erkennenden waren natürlich die Männer.) So wird verständlich, daß Hacks die Mode einer schranken- und schamlosen Sexualität, die an den unbewußten Urzustand anzuknüpfen sich bemüht, ein Greuel war. Natürlich ging es ihm nicht darum, die altbürgerlichen Schranken wieder aufzurichten, die ja mit der sexuellen Unterdrückung der Frau verbunden waren, sondern er wollte auch hier vorwärts in ein Neues, statt zurück ins Tierparadies. Man müsse dafür sorgen, »daß der Beischlaf, obgleich nun nicht mehr verboten, fortfahre, eine Hauptsache zu sein [...], daß er nicht etwa zu einer Betätigung des Jugendalters schrumpfe« (HW 14/205), das nichts von ihm verstehe. Schließlich sei Liebe eine Sache des Kopfes, nicht der Lenden. (So hatte Heine schon gesagt.) Es ist nicht der junge Hacks, der uns hier belehrt.
 
Aus all dem wird verständlich, warum er in seinen Stücken »immer sehr das Weibliche an den Frauen« betonte. Die Dichtung pflegt der Wissenschaft vorauszulaufen. Da las ich neulich im Text eines Neuropsychologen, es sei »wesentlich für die Fortpflanzung, also unser Überleben«, daß wir »das andere Geschlecht als sehr unterschiedlich« wahrnähmen. Es gehöre allerdings eine gewisse Stärke dazu, das Anderssein auszuhalten. Hacks sah das Überleben der Menschheit natürlich nicht vom bloß biologischen Standpunkt aus. In seiner »Amphitryon«-Komödie wird nicht einmal erwähnt, daß aus der Vereinigung von Jupiter mit Alkmene Herkules hervorgeht. Dem Dichter ist es um mehr zu tun. Seinen Jupiter läßt er sagen, daß »das Feuer ihrer Leidenschaft« sie beide, Alkmene und ihn, den Gott, auslösche und »in ein Drittes« (HW 4/150) schmelze. Hier geht es nicht um die Zeugung eines Kindes, vielmehr um die Hegelsche Triade: Aus zwei Verschiedenen geht ein Höheres hervor. Das ist nur möglich, wenn von zwei Ebenbürtigen ausgegangen wird. Kinder kann man auch mit Sklavinnen zeugen, aber es entstünde nicht das, wonach sein Werk immer wieder fragt. Liebe wie Kunst haben keine Zwecke, wohl aber den hohen Zweck, »das Mündigwerden des Menschen« (HW 14/35). Wie im alten Bild der Griechen sieht er sich — unbeweibt — als unvollkommenes Wesen: »[...] Erst ein Weib / Macht mich komplett, es ist mein halber Leib« (HW 1/317) und: »Träum ich dem Engel nach, der mich ergänzte« (HW 1/352). 

(1)http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=13220
 
Auszug aus: ARGOS. Mitteilungen zu Leben, Werk und Nachwelt von Peter Hacks (1928-2003), Heft 6, Hrg. André Thiele, S. 9 ff; Mainz: Juni 2010, 224 S., Broschur, 14.90 EUR
ISBN 978-3-940884-32-9
Heidi Urbahn de Jauregui hat 2006 das Buch Zwischen den Stühlen. Der Dichter Peter Hacks im Eulenspiegel-Verlag, Berlin veröffentlicht. (PK)
 


Online-Flyer Nr. 257  vom 07.07.2010



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