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Kultur und Wissen
Schriftsteller – was ist das?
Eine Bezeichnung wie Briefmarkensammler
Von Wolfgang Bittner

Wolfgang Bittner, dem wir - wie angekündigt - am 6. August ab 18 Uhr im „Weißen Holunder“ den Kölner Karls-Preis 2010 verleihen werden, lebt und arbeitet seit 1974 als freiberuflicher Schriftsteller und Publizist. Er begann mit Artikeln, wissenschaftlichen Publikationen, Erzählungen, Feuilletons, Gedichten und Rundfunkarbeiten. Im Jahr 2006 hat er sich in einem Buch mit dem Titel „Beruf: Schriftsteller“ Gedanken darüber gemacht, „Was man wissen muss, wenn man vom Schreiben leben will“. Die hier folgende Satire hat er später geschrieben. – Die Redaktion


Wolfgang Bittner | Foto: Privat
Wenn ich gefragt werde, was ich von Beruf bin, antworte ich: „Schriftsteller“. Das hat fast immer zur Folge, dass die Leute sehr erstaunt, zumeist auch beeindruckt sind. Schriftsteller/ Schriftstellerin – ein Markenzeichen, ein Etikett, das etwas Außergewöhnliches verspricht, fast schon ein Titel. Sofort ist die gedankliche Verbindung zu großen Namen wie Goethe, Shakespeare, Balzac, Tolstoi, Brecht, Böll, Grass oder auch Virginia Woolf, Anna Seghers, Ingeborg Bachmann, Agatha Christie, Doris Lessing hergestellt. Und wo gibt es heutzutage schon noch Menschen, die sich dem üblichen Schema der Berufswelt und dem damit verbundenen Alltagstrott zu entziehen vermögen.

Von vornherein übersehen wird dabei, dass nicht jedes Buch in den Bestsellerlisten erscheint und dass es „Wortproduzenten“ für die unterschiedlichsten Medien gibt, zum Beispiel auch die Verfasser von Sexgeschichten, Zombie-Filmdrehbüchern und Adligenstorys oder von Heftromanen wie Bergschicksal, Geliebte Mutti, Dr. Frank oder – immer noch – Landser und Westman. Ein Schriftsteller, ein richtiger Schriftsteller, ist nach weit verbreiteter Auffassung jemand, der dicke Romane schreibt, Kurzgeschichten verfasst, lyrische Gedichte, bissige Satiren oder Glossen, vielleicht noch Theaterstücke, Hörspiele, Kindergeschichten oder Drehbücher. Er kann sich seine Zeit frei einteilen, ist unabhängig, nur sich selbst verantwortlich. Das ist ungewöhnlich, fast schon unglaublich.

Nun gibt es diese Art Schriftsteller tatsächlich, wenn auch sehr selten. Denn bekanntlich muss der Mensch von irgendetwas leben, und von den Erträgen literarischer Arbeit zu leben ist nur in wenigen Fällen und unter besonderen Umständen möglich. Viel häufiger kommt es daher vor, dass die Schriftstellerei – vernünftigerweise, muss man hinzufügen – neben einem Haupt- oder Brotberuf betrieben wird, dann zumeist als Liebhaberei oder als Nebenerwerb, manchmal sogar aus Leidenschaft oder Besessenheit.

Mit der Unterscheidung zwischen hauptberuflichen und nebenberuflichen Schriftstellern lässt sich keinerlei Wertung verbinden. Kafka war Versicherungsangestellter, Storm Amtsrichter, Mörike Pfarrer, Stifter Schulinspektor, Lessing Bibliothekar. Natürlich waren sie daneben, und aus unserer Sicht vor allem, Schriftsteller. Allerdings ist bekannt, dass sie in ständigem Zwiespalt lebten und zum Teil sehr unglücklich mit der Berufstätigkeit waren, die sie ernährte. Und dass hauptberufliche Schriftsteller hinsichtlich Honorarbedingungen, Urheberschutz, Besteuerung oder Sozialversicherung weitergehende Interessen haben werden als jemand, der durch einen Hauptberuf abgesichert ist, liegt auf der Hand.

Es lässt sich daher feststellen, dass es den Schriftsteller/die Schriftstellerin gar nicht gibt, dazu sind Motivation, Anlass und das Betätigungsfeld viel zu unterschiedlich. Hinzu kommt, dass in den letzten Jahren nicht nur in Deutschland immer mehr Menschen herausgefunden haben, wie rasch und mühelos sich durch das einfache Zulegen eines solchen „Titels“ Ansehen und – zumindest im engeren Lebensbereich – eine Art Sonderstatus erreichen lässt. Die Bezeichnung „Schriftsteller“ ist ja nicht geschützt wie Doktor, Diplomingenieur oder Rechtsanwalt. Wie sich jemand Briefmarkensammler nennt, kann sich ein anderer als Schriftsteller bezeichnen.
Wer zehn Gedichte, fünf Kurzgeschichten und ein paar Zeitungsartikel geschrieben hat, die womöglich veröffentlicht worden sind, wer über die Geschichte seines Schützenvereins oder die Entwicklung der Kreissparkasse berichtet, darf sich Schriftsteller, Dichter, Poet, Lyriker, Journalist, Publizist, Privatgelehrter, Texter, Literat usw. nennen. Das Lebensrisiko wird freilich gering gehalten, indem man hauptberuflich möglichst Beamter ist; vielleicht hat man auch reich geheiratet oder geerbt. Der Literatentitel bringt zusätzliches Prestige. Manche Autoren fördern damit ihre Berufskarriere und benutzen ihre berufliche Stellung wiederum als Tauschwert für Veröffentlichungen – auch das gehört zum Literaturbetrieb.
 
Andere bezahlen sogar die Druckkosten für ihre Bücher. In großformatigen Anzeigen heißt es: „Verleger sucht Autor!“ Oder: „Sie möchten ein Buch schreiben oder herausgeben? Sie haben einen Roman in der Schublade oder einen Einfall … Wir machen aus Ihrem Manuskript einen Markenartikel.“ Das kostet dann zwischen 5.000 und 30.000 Euro (während die Herstellung als „Book on Demand“ ca. 400 bis 2.000 Euro kostet). Passend dazu wirbt ein großes Fernlehrinstitut mit Slogans wie: „War es jemals Ihr Wunsch, wie ein Bestsellerautor schreiben zu können?“ oder „Die meisten Autoren werden ‹gemacht›, nicht geboren“. Ein Lehrgang „Große Schule des Schreibens“ kostet zum Beispiel 2.592 Euro, ebenso der Lehrgang „Große Schule der Belletristik“. Man wird ganz einfach Schriftsteller, aus Langeweile, Gewinnstreben, Geltungsbedürfnis, Neugier, vielleicht, weil man sich berufen fühlt. Aber bereits Goethe sagte in seinen Gesprächen mit Eckermann: „Das ist aber eben das Wesen der Dilettanten, dass sie die Schwierigkeiten nicht kennen, die in einer Sache liegen, und dass sie immer etwas unternehmen wollen, wozu sie keine Kräfte haben.“
 
Zumeist sind Hochstapeleien auf dem Gebiet der Literatur nur schwer zu durchschauen, weil es keine allgemeinverbindlichen Beurteilungsmaßstäbe gibt, bestenfalls untere Grenzen. Die sind aber wiederum fließend, je nach Gattung, Anspruch und Erfolg. Außerdem ist die „Verpackungsindustrie“ in der Verlagsbranche so perfekt geworden, dass selbst das Dümmste, Schlechteste und Schlimmste noch zu verkaufen ist, wenn es nur ansprechend aufgemacht und angeboten wird. Der Ertrag ist dann wichtig, nicht der Inhalt.
 
Zusammenfassend kann man nur sagen, dass Schriftsteller nicht mehr und nicht weniger bedeutet, als dass jemand Texte schreibt und veröffentlicht. Grundsätzlich ist ja auch zu begrüßen, wenn viele Menschen schreiben, kann das Verfassen wie auch das Lesen von Literatur den geistigen Horizont doch erheblich erweitern. Wer etwas schreibt – und sei es einen Brief, Tagebuch oder ein Liebesgedicht – muss sich konzentrieren, Informationen zusammenfassen, eventuell nachfragen, sich kundig machen, seine eigene Psyche erforschen. Er hält seine Gedanken fest, kann sie rekapitulieren, überprüfen, gegebenenfalls berichtigen, weiterentwickeln. Das ist in einer Zeit der Worthülsen und der Oberflächlichkeit nicht hoch genug einzuschätzen, kann außerdem unterhaltsam und befriedigend sein.
 
Allerdings stöhnen Redakteure und Lektoren über die vielen Manuskripte, Faxe und E-Mails, die ihnen zugesandt werden. Die Lebenserinnerungen der Großmutter werden vielleicht die Enkelkinder erfreuen, das Liebesgedicht die Freundin oder den Freund, der Reisebericht die Daheimgebliebenen – ob sich ein größerer Leserkreis dafür interessiert, mag zweifelhaft sein. Insofern ist eine strenge Selbstkontrolle vonnöten, denn nicht alles, was notiert wird, eignet sich zur Veröffentlichung. Der Schritt in die Öffentlichkeit ist nicht ein quantitativer, sondern vielmehr ein qualitativer. Die Person des Schreibenden tritt zurück, die in allen engeren sozialen Verbindungen immer ein Teil des Interesses an Geschriebenem ausmacht. Das scheint manchem nicht klar zu sein, wie schon ein flüchtiger Blick in die Internet-Veröffentlichungen beweist. Aber wer sich dort mitteilt, findet sowohl Erleichterung als auch Resonanz, vor allem in den Chatting-Ecken, und erspart Redaktionen und Lektoraten unnötige Mühe. (PK)

(Zum Thema: Wolfgang Bittner, „Beruf: Schriftsteller – Was man wissen muss, wenn man vom Schreiben leben will“, Allitera Verlag, München 2006.)


Online-Flyer Nr. 260  vom 28.07.2010



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