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Medien
"Es ist teuer und langwierig, eine freie Presse und Meinung durchzusetzen"
Gespräch mit Pascual Serrano von teleSUR
Von Harald Neuber

Bereits 1959 hatte Fidel Castro vor der Macht der Manipula­tion gewarnt: »Sie haben uns mit der Lüge vermählt«, sagte der Revolutionsführer damals mit Blick auf die kapitalistischen Medien: »Sie haben uns an die Lüge so sehr gewöhnt, dass für uns die Welt zusammenzubrechen scheint, wenn jemand die Wahrheit ausspricht.« Die kubanische Journalistin Arleen Rodríguez leitete mit diesem Zitat am Samstag ihren Beitrag auf der Konferenz »Verschweigen. Lügen. Fälschen« ein. Das Symposium im Berliner Traditionskino Babylon wurde vom Netzwerk Cuba, der Tageszeitung junge Welt und der Gewerkschaft ver.di veranstaltet. Der Fokus lag auf Lateinamerika. Lesen Sie hierzu das Interview mit Pascual Serrano vom lateinamerikanischen Fernsehsender teleSUR mit Sitz in Caracas. Er referierte neben anderen Journalisten auf der Konferenz.

Neuber: Sie sind politischer Leiter von teleSUR, der vergangenes Jahr auf Initiative der Regierung von Hugo Chávez gegründet wurde. Nun gibt es in Venezuela aber auch Konflikte zwischen dieser Regierung und den privaten Fernsehsendern. Wo sehen Sie die Gründe dafür?

Serrano: Die Hauptursache liegt in dem Politikwechsel, der in Venezuela vollzogen wird. Nach Amtsantritt von Hugo Chávez Anfang 1999 wurden die bis dahin bestehenden Privilegien für große Konzerne abgeschafft. Das Problem ist nun die Verquickung dieser Konzerninteressen mit der Medienmacht. In Venezuela hat sich in seltener Klarheit gezeigt, wie die Interessen dieser beiden Gruppen zusammenhängen und wie eine Regierung, die eine Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums anstrebt, auch mit der Gegenwehr der privaten Medien zu rechnen hat. In diesem Kampf wird jegliche journalistische Qualität und Ethik über Bord geworfen.

Beschränkt sich diese Situation auf Venezuela?

Nein, denn wie in der Automobil- oder Elektroindustrie findet auch in der »Informationsindustrie« ein ungesunder Konzentrationsprozeß statt - und das weltweit. Nachrichten- und Bildagenturen, Satellitenkanäle, Druckereien - all diese Bereiche sind fest in der Hand immer größerer Unternehmen, die ein mehr oder weniger neoliberales Konzept verteidigen. In dieser Entwicklung sehe ich mit die größte Gefahr für die Presse- und Informationsfreiheit.

Sie leben und arbeiten auch in Spanien. Wie macht sich dieser Trend in Europa bemerkbar?

Dieser Konzentrationsprozeß hat selbst die kontinentalen Grenzen überwunden. Wir müssen heute weltweit mit vier oder fünf Agenturen arbeiten, die den Markt der Bilder beherrschen. Wenn wir am Abend die Fernsehkanäle durchschalten - CNN, ARD oder den spanischen Sender TVE sehen -, dann werden wir überall die gleichen Bilder aus Irak sehen

Der Zeitungsmarkt ...

... ist davon nicht ausgenommen. Als ich vor wenigen Tagen von Valencia nach Berlin geflogen bin, habe ich im Flugzeug die größte spanische Tageszeitung El País gelesen. Darin war als Beilage eine internationale Kurzausgabe der New York Times beigelegt. Was aber hat die New York Times mit Spanien oder mit Deutschland zu tun?

Nicht viel, trotzdem liegt sie in Deutschland der Süddeutschen Zeitung und anderen europäischen Blättern bei. Die Entwicklung des Medienmarktes hat Sie dazu bewogen, 1996 das Internetportal Rebelion.org zu gründen. Was können alternative Medien ausrichten?

Ich plädiere für eine doppelgleisige Strategie: Auf der einen Seite gilt es, stetig auf den Mangel an Glaubwürdigkeit der großen Medien hinzuweisen, und zwar an Hand konkreter Beispiele. Es ist unsere Aufgabe, die Interessen hinter diesen Konzernen aufzudecken. Ich halte es zum Beispiel schlichtweg für eine Lüge, wenn behauptet wird, daß diese immer größer werdenden Medienkonzerne Garanten für die Presse- und Meinungsfreiheit sind. Auf der anderen Seite ist es unsere Aufgabe, alternative Portale und Informationskanäle zu schaffen, um eine journalistische Gegenbewegung von unten aufzubauen.

Sie sind von Spanien aus an der politischen Koordination des lateinamerikanischen Fernsehsenders teleSUR beteiligt. Wie der arabische Sender Al Dschasira wollen Sie den Einfluß der US-Medienkonzerne in der Region zurückdrängen. Wie fällt die Zwischenbilanz aus?

Wir haben in dem einen Jahr zu wenig geschafft - und zugleich so viel, wie wir konnten: Wir haben eine von Parteien und politischen Gruppen unabhängige Berichterstattung gewahrt, und wir haben eine Alternative zu der Dominanz der US-Kanäle in Lateinamerika etabliert. Zugleich gab es Probleme: Um in Lateinamerika ausgestrahlt zu werden, muß jeder Fernsehsender auf Sendelizenzen zurückgreifen, die privaten Medienkonzernen gehören. Es ist deswegen teuer und langwierig, das Recht auf eine freie Presse und Meinung durchzusetzen. Gleiches gilt übrigens für Europa: Hier müßten wir einen Satellitenkanal benutzen, der im Jahr umgerechnet rund 800.000 US-Dollar kostet. Soviel kostet in Europa die Pressefreiheit.

Online-Flyer Nr. 63  vom 26.09.2006

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