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Inland
Buchkritik: Geschichten zum 60. Geburtstag von Nordrhein-Westfalen
"Hier ziehe ich die Schuhe aus"
Von Gernot Steinweg

Ein Buch zum 60. Geburtstag eines Bundeslandes, und dazu noch zu so einem Bindestrich-Land wie Nordrhein-Westfalen. Was kann das schon sein? Vielleicht noch so ein Gejammer über die Unterschiede zwischen Westfalen und Rheinländern? Oder vielleicht noch schlimmer, eine von diesen übertriefenden Lobhudeleien. Mehr als skeptisch schlage ich die ersten Seiten auf. Doch gleich der erste Beitrag zieht mich in seinen Bann.
Irma Wendt erzählt eine wahre Geschichte aus dem "Lipperland", wie ich gerne meine eigene Heimat nenne. Eine alte, pensionierte Lehrerin entschuldigt sich im hohen Alter bei "Jakob", einem sprachbehinderten Schüler, den sie durch die Volksschule begleitet hat. Weil sie nie nach der Ursache für seine Behinderung fragt, kann sie ihn nicht verstehen und ihm auch nicht helfen. Erst viel später - Jakob hat nach der Schulzeit bei einem Logopäden gelernt zu reden - erfährt sie aus seinem Mund, warum er als Schüler nicht sprechen konnte. Die Geschichte ist spannend erzählt. Sie berührt mich, lässt in mir eine Saite erklingen. Ist es mein eigenes Heimatgefühl, was da aufkommt? Kein Wort zum Land, kein Wort zum Geburtstag, es ist einfach eine Geschichte aus Nordrhein-Westfalen, die viel über dieses Land aussagt. Das gefällt mir.

Dazu passt "Wir woll´n dazu was sagen..." Reinhard Junge erzählt, wie er als 17-jähriger am ersten Ostermarsch teilnimmt, sich gegen die Einreisebehinderung von englischen Atomwaffengegnern am Düsseldorfer Flughafen wehrt und prompt für eine Nacht im Gefängnis landet, um dort von einem ehemaligen Gestapomann verhört zu werden. Die Geschichte wirkt leicht, locker, bisweilen sogar heiter. Fast beiläufig lenkt der Erzähler das Augenmerk auf einen Aspekt in "Unserem Land", der nur allzu gerne unter den Teppich der Geschichte gekehrt wird.

Neugierig geworden blättere ich weiter. Die beiden Bildteile des Buches springen ins Auge.
"Landschaft unter Schaufelbaggern" nennt Eusebius Wirdeier seine Langzeitbeobachtung vom Braunkohletagebau, dem so viele Dörfer im Dreieck zwischen Köln, Düsseldorf und Aachen zum Opfer gefallen sind. Die schwarzweißen Bilder wirken auf mich seltsam düster, strahlen eine Stimmung aus, die "Wir in Nordrhein-Westfalen" gerne verdrängen. Aber auch das ist unser Land.
Dagegen stehen die fast grellen, bunten Bilder von Jochen Viehoff. "Wintercamping" ist witzig, humorvoll und einfühlsam. Details und Bildausschnitte erzählen viel über die unsichtbar bleibenden Bewohner aus dem Ruhrgebiet, die trotz Schnee ihren Campingplatz bei Paderborn bewohnen und pflegen. Die gewählten Bildteile überraschen. Keine Bilder von den blitzenden Großstädten, keine Bilder von den Schweinezüchtern, keine von der alles beherrschenden Industrie. Behutsam lenkt das Buch die Aufmerksamkeit auf stillere Aspekte des Landes.

Jetzt will ich es genauer wissen und fange an, in den Geschichten und Gedichten zu lesen und hin und her zu springen. "Mein Enn-Err-Weh" ruft Achim Konejung, und bei Wendelin Haverkamp wird es zum "Oh Enerweh!" Hier, in der zweiten Hälfte des Buches, wird direkt auf das Land angespielt, auf das 60-jährige Bestehen. Die Geschichten werden teils lustig, teils mit Spannung erzählt. Doch bei mir verliert sich langsam die Neugier. Zu viele Geschichten dieser Art habe ich schon im Radio gehört.

"Köln auf keinen Fall". Mit Entrüstung weist Ulla Lessman als junges Mädchen ihre Übersiedlung von Bremerhaven nach Köln zurück. Hier ist nichts wie im Norden, und vor allem: es riecht nicht so. Mit spitzer Feder zeichnet sie ihre "Lange Annäherung" an die Stadt und das Land Nordrhein-Westfalen nach. Gefühle aus längst vergangenen Tagen kommen hoch, machen deutlich, dass die alte Heimat im Norden noch immer ihre Anziehungskraft behalten hat. Der "Schmelztiegel NRW" wirkt nur bedingt. "Ich hätte neulich ... aussteigen können. Aber da dieses weite Land an mir vorbeiflog, war es mir näher, als wenn ich es betreten hätte".

Es bleibt die Ambivalenz. So auch beim Buch. 16 AutorInnen erzählen, werfen ungewohnte Blicke auf das Land, abseits vom offiziellen Trubel. Jede Geschichte steht für sich, kann "zwischendurch" gelesen werden, auch als kurze Nachtlektüre.

Hier ziehe ich die Schuhe aus


"Hier ziehe ich die Schuhe aus - Geschichten zum 60. Geburtstag von Nordrhein-Westfalen", herausgegeben von Amir Shaheen, erschienen im Verlag Ralf Liebe, 53919 Weilerswist, Hardcover zum Preis von 18,- Euro.

Online-Flyer Nr. 65  vom 10.10.2006

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