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Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

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Literatur
Vor zehn Jahren
Gerhard Hallstein

Das folgende Gedicht habe ich im April 1997 geschrieben. Als Vorlage diente mir eine Aussage von Martin Niemöller, dem ehemaligen Kirchenpräsidenten von Hessen und Nassau, der von 1938 bis 1945 in KZ-Haft war:
Als die Arbeitgeber im Ruhrgebiet die Massen entließen,
habe ich geschwiegen;
denn ich lebte ja in Schleswig-Holstein.
Als sie in unserer Gegend weitere Menschen rausschmissen,
habe ich geschwiegen;
ich hatte ja Arbeit.
Als in meiner Stadt die ersten Entlassungen anstanden,
habe ich nicht protestiert;
ich wollte ja meine Arbeit behalten.
Als auch unser Betrieb geschlossen wurde, gab es keinen mehr,
der sich wehren konnte.

Ein Beschäftigter / 1997

Als mein Nachbar arbeitslos wurde,
habe ich geschwiegen;
ich war ja schon arbeitslos.
Als die Arbeitslosigkeit in unserer Stadt wuchs,
habe ich immer noch geschwiegen;
ich hatte ja noch ein Dach über dem Kopf.
Als ich dann von Sozialhilfe abhängig war,
habe ich nicht protestiert;
ich war ja froh, noch überleben zu können.
Als ich ausgesteuert wurde und meine Wohnung verlor,
hatte ich keine Kraft mehr, mich zu wehren -
weder allein noch gemeinsam.

Ein Arbeitsloser / 1997

Als im Jahre 1997 die Arbeitslosigkeit erschreckende Ausmaße annahm,
sind die DGB-Gewerkschafter und DGB-Gewerkschafterinnen auf die Straße gegangen;
es ging ja um ihre Leben und ihre Lebensqualität.
Als die Arbeitgeber und Politiker diese Macht sahen,
bekamen sie es mit der Angst;
sie hatten ja Ansehen und Wählerstimmen zu verlieren.
Als Löhne und Arbeitszeiten ein Jahre später in Ost und West auf dem Westniveau waren,
gingen die Menschen vor Freude auf die Straße;
sie hatten diesen Sieg ja erkämpft.
Als es im Jahre 2005 wieder Vollbeschäftigung gab,
waren die Menschen miteinander wesentlich zufriedener;
sie hatten ja keine Existenzängste mehr.

Eine Utopie / auch 1997

Die gesellschaftliche Situation hat sich bis heute sogar noch verschlechtert. Und von der Utopie sind wir weiter entfernt als je zuvor. Die (politische) Solidarität, die ich in meiner Jugend noch erleben durfte, ist schon länger durch Egoismus abgelöst worden. Die politischen Ideale meiner Jugend und das politische Handeln habe auch ich schon lange zu den Akten gelegt und kämpfe fast nur noch für mich selbst - höchst bedauerlich, aber wahr! Langzeitarbeitslosigkeit verarmt nicht nur finanziell, sondern raubt auch mehr Kräfte, als sich das manch Einer vorstellen kann.

Ich möchte gleichzeitig an Euch alle appellieren, an den Großkundgebungen von DGB und Sozialorganisationen am 21. Oktober teil zu nehmen!

Es mag alles pessimistisch klingen und ich sehe die politische Situation auch pessimistisch. Als Mensch werde ich jedoch immer optimistisch bleiben - das ist nun mal so in mir angelegt.

Mit einem herzlichen Gruß
Gerhard

Online-Flyer Nr. 65  vom 10.10.2006

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