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Literatur
Der Fortsetzungsroman in der NRhZ - Folge XVIII
"Niemandsland"
Von Wolfgang Bittner

Der Roman führt zurück in die achtziger Jahre der Bundesrepublik Deutschland. Der Ich-Erzähler, ein Universitätsdozent, gerät in eine Sinnkrise und Depression, aus der er sich durch das Erfassen seiner eigenen Geschichte zu befreien versucht. Er hat sich einen Standort geschaffen, doch die scheinbare Geborgenheit wird nach und nach in Frage gestellt. Das Gefühl der Sinnlosigkeit lähmt und läßt zugleich ahnen, daß die Ursache der Depression ein tiefes unterbewußtes Entsetzen ist. Fast zwanghaft spürt der Erzähler diesem unbestimmten Gefühl nach, nähert sich dem Ursprung seiner Angst. Ein Mosaik entsteht. Lesen Sie Kapitel XVIII "Kaffeestreik".

Von einigen wenigen Skandalen nur erfahren wir aus der Zeitung. Wer hätte gedacht, daß sich die Frau eines Bun-despostministers an dem Preisausschreiben eines Tabak--Konzerns beteiligt, wer geglaubt, daß sie ihre Briefschaf-ten mit Marken frankiert, die sich ihr Mann im Dienst aneignet. Hätte sie ihre Lösungskarte nicht mit einer die-ser Olympiasondermarken versehen, deren gesamte Auf-lage wegen des Boykotts der Olympischen Spiele in Mos-kau nie ausgeliefert worden ist - wir hätten niemals von solchen Sparmaßnahmen im Hause eines unserer Minister erfahren. So aber erbrachte kürzlich das erste von Samm-lern ausfindig gemachte Liebhaberexemplar einen Ver-steigerungserlös von 46.000 Mark. Nun hat die Minister-gattin einen ganzen Bogen zu 50 Marken für ihre Privatkorrespondenz verwendet, und darauf gründet sich die Hoffnung unzähliger Sammler in dieser sonst so hoff-nungsarmen Zeit. Manche Geschichten und Affären beginnen unauffäl-lig, fast belanglos, und dann ziehen sie nach und nach immer weitere Kreise wie ein ins Wasser geworfener Stein. Zum Beispiel diese erstaunlichen, unerwarteten Worte an der repräsentativen Bronzetür des neuen Rathauses, wenn auch nur ganz klein in eine Ecke graviert und mit Mühe zu entziffern, eines Morgens zitiert auf der ersten Lokal-seite der Tageszeitung: »Das 1949 erlassene Grundgesetz für die BRD sollte die geistige Freiheit des Einzelnen gegenüber Staat und Öffentlichkeit sichern. Ein Teil die-ser Rechte wurde von Politikern und Verfassungsrichtern nach und nach wieder abgebaut. So wurde die BRD fast widerspruchslos atomare Basis der USA für einen möglichen Atomkrieg der Supermächte. Die meisten Bundes-deutschen, ausschließlich an der Konsumfreiheit interes-siert, verschließen ihre Augen vor dieser Entwicklung.« Freilich durfte es niemanden wundern, wenn im Stadt-rat plötzlich, nachdem jemand eher zufällig zwischen den Bronzereliefs auf solche Zeilen gestoßen war, von Provo-kation und arglistiger Täuschung durch den Künstler, ei-nen Professor aus Braunschweig, die Rede war. Ein Skan-dal bahnte sich an. Ein Fraktionsvorsitzender sprach von Entstellung und Geschichtsklitterung, die der Korrektur bedürften. Unausgewogen, einseitig, extrem, extremistisch. Die Kunst hat die politische Einstellung des Auftrag-gebers gebührend zu berücksichtigen - alles andere ist Terrorismus. Nach Meinung einer großen, aber radikalen Minderheit gehören solche Leute, die so etwas machen, an die Wand gestellt oder vergast. Aber zuerst einmal erläuterte der Baudezernent die Rechtslage: »Entweder das Werk so akzeptieren, wie es ist, oder die ganze Tür weg.« Dann folgte seine persönliche Meinung, sozusagen als Mensch: »Gerade dadurch, daß wir die Tür tolerieren, sollten wir beweisen, daß der Künstler mit seiner Ansicht über die geistige Unfreiheit in diesem Land unrecht hat.« Sie sind immer »wir«. Ihr Staat ist immer »unser«. Ihre Behörden sind immer »meine«, ihre Mitarbeiter auch. Ihre Meinung ist immer die richtige, die maßgebliche sowieso. Rücken andere an ihre Stelle, bleibt alles wie vorher. Nach einer Ratsdebatte konnten wir die Diskussionsbeiträge zum Frühstück nachlesen: »Machwerk pri-mitiver Propaganda - Primitiv-Ideologie - Ideologische Keulen - Und so etwas hat den Titel eines deutschen Professors - Wehrhaftigkeit unserer Demokratie.« Jemand schämte sich, Bürger dieser Stadt zu sein, eine Ratsherrin kroch auf Knien vor dem Portal herum, um alles genau abzuschreiben. Vielleicht liege es in der Absicht des Künst-lers, so wurde vermutet, die Jugend den radikalen Partei-en in die Arme zu treiben. Solange dieses Schandmal stehe, sagte ein Kommunalpolitiker, werde er keinen Fuß mehr in den Ratssaal setzen. Auch Gegenstimmen, Argu-mente. Ein Gutachten dreier Wissenschaftler sollte Abhil-fe schaffen. Denn immerhin ging es um ein öffentliches Portal, und bekanntlich überdauern solche Kunstwerke manchmal die Jahrhunderte. Wer aber empörte sich, als der Rat der Stadt fast gleich-zeitig eine neue Verordnung beschloß, durch die untersagt wurde, in öffentlichen Anlagen zu übernachten, auf der Straße zu betteln, öffentlich die Notdurft zu verrichten oder im Freien Alkohol zu trinken? War diese Frage für jeden, der lesen kann, nicht überhaupt schon durch das Wort von Anatole France geklärt: »Das Gesetz in seiner majestätischen Gleichheit verbietet es den Reichen wie den Armen, auf den Straßen zu betteln, unter den Brücken zu schlafen und Brot zu stehlen.« Unser Gedächtnis ist kurz. Wie war das eigentlich da-mals mit der Starfighter- oder Schützenpanzer- oder Fi-bag-Affäre? Was treiben heute die damals verantwortli-chen Politiker? Sitzen sie etwa wieder oder immer noch in Parlament, Ausschüssen, Bundesregierung und Landes-regierungen? Hat der Wirtschaftsminister nun einen Beratervertrag mit einem Großkonzern gehabt? Haben Flick seiner Zeit und Krupp vor kurzem Steuersubventionen in Millionenhöhe erhalten? Hat der damalige Verteidigungsminister und spätere bayerische Ministerpräsident tatsächlich einmal gesagt, auf die »Tiere von der APO seien menschliche Gesetze nicht anwendbar«? Sind das im Stammheimer Hochsicherheitstrakt wirklich Selbst-morde gewesen? Wie kam es, daß die FDP während der Legislaturperiode plötzlich das Lager gewechselt und da-mit die Mehrheitsverhältnisse geändert hat? Unser Ge-dächtnis reicht nicht einmal aus, die Fragen zu speichern. Die Untersuchungen verlaufen ergebnislos, die Sachver-halte verlieren sich. Kaum haben wir uns empört, begin-nen wir schon wieder zu vergessen. Vielleicht ist das die einzige Möglichkeit, zu überleben. Aber ständig neue Erschütterungen und das schwere Gewicht der Angst. Das tägliche Gefühl der Unsicherheit, als könne jeden Augenblick der Boden wegsacken. Zwei-mal schon alle vier Reifen durchstochen, Antenne und Außenspiegel abgeknickt, die Scheibenwischer abgebrochen. Wir haben uns eine Garage gemietet. In der Zeitung ist die Rede von Bürgerwehren, die bei den zu erwarten-den Demonstrationen gegen die Raketenstationierung für Ruhe und Ordnung sorgen wollen. Selbst der Blick aus dem Küchenfenster hat sich seit einigen Wochen verändert. Der Wasserkessel summt auf dem Herd, und es stellt sich das Gefühl ein, daß etwas nicht stimmt. Dieses Zusammenkrampfen des Magens, als spüre man einen Schlag. Stand dort nicht gestern noch ein Baum? Ich gehe vor die Tür und stelle fest, daß im Vorgarten sämtliche Bäume und Sträucher umgerissen sind; sie liegen kreuz und quer, die Rhododendren, Wa-cholderbüsche, die Lärche, der Taxus. Auch eine über den Eingang rankende Clematis ist abgeschnitten. Das Früh-stück schmeckt nicht, die Zigarette nicht, und wenig später beweist ein zweiter Blick aus dem Wohnzimmerfenster, daß hinten im Garten das Kieferngehölz fehlt. Vielleicht haben wir Feinde, denke ich, vielleicht waren es Halbstar-ke. Die sauberen Schnittflächen der Baumstümpfe leuch-ten hell in der Sonne, deutlich erkennbar die gegenüber-liegenden Häuser. »Abgesägt?« fragt Ruth atemlos. »Von wem?« Zu was ist jemand fähig, der so etwas macht? Wir sitzen in der Küche und schweigen. An einem Sonnabend, morgens um neun, fahre ich mit dem Bus in die Innenstadt und gehe zum Marktplatz am alten Rathaus. Direkt daneben liegt ein großer Restaura-tionsbetrieb, die zu einer amerikanischen Imbißkette ge-hörende Hamburger-Farm. Dort versammeln wir uns vor dem Eingang. Der Geschäftsführer hat seine Mitarbeiter angewiesen, an Ausländer keinen Kaffee mehr zu verkau-fen. »Die sitzen hier stundenlang bei einem Kaffee herum und palavern, wir sind doch kein Gastarbeiterasyl.« Heute sind es die Ausländer, morgen Alte, Kinder oder Körperbehinderte, gestern waren es die Juden. Zwei Tage hat es gedauert, ein Flugblatt herzustellen und den Tele-fonrundruf in Gang zu bringen. Das Ergebnis sind etwa 200 friedliche Demonstranten, die nach und nach im Lokal die Tische besetzen, jeder nur einen Becher Kaffee vor sich. Das war die vereinbarte Bedingung, der eine Becher soll bis zum Nachmittag vorhalten. Vor der Tür verteilen die Mitglieder des städtischen Ausländerbeirats Flugblätter an die Passanten. Einige Griechen machen Musik mit ihren Bouzoukis. Gerold, Max und Renate sind schon da, der Gewerk-schaftsvorsitzende und eine Vertretung des AStA. Wir setzen uns an einen Ecktisch und harren der Dinge, die auf uns zukommen. Aber zunächst einmal geschieht gar nichts, nur der Kaffee geht aus. Wir beobachten, wie sich der Geschäftsführer, auch Localmanager genannt, persön-lich bemüht, für Nachschub zu sorgen. Er trägt einen hellblauen Anzug, der sein blaß gewordenes Gesicht un-vorteilhaft zur Geltung bringt. Im Flüsterton spricht er mal mit diesem, mal mit jenem Mitarbeiter. Die Bedienung ist außergewöhnlich zuvorkommend, wenn auch kaum beschäftigt. Der Geschäftsführer läßt sich von der Straße ein Flugblatt holen und verschwindet in den hinte-ren Räumen. Gegen halb elf sehen wir auf der Straße zwei Polizisten mit Sprechfunkgeräten. Bedächtig ziehen sie ihre Runde - und schauen grinsend herüber. Benito, der mit einigen Hausbesetzern aus der alten Augenklinik gekommen ist, spielt Skat. Max sagt: »Ein richtiges Happening.« Er steckt sich eine mitgebrachte Zigarre an und lehnt sich genüßlich zurück. Renate strickt an einem neuen Pullover. »Gemütlich«, meint der Gewerkschaftsvorsitzende. »So eine Demonstration müßte man öfter veranstalten.« Gerold nimmt von Zeit zu Zeit kleine Schlucke aus einem Flachmann, den er sofort wieder in der Jackentasche ver-schwinden läßt. »Wenn es nach mir ginge«, brummt er, »gäbe es heute noch Scherben.« Das allerdings verstieße gegen die Abmachungen. Die Studentenvertreter lassen eine Packung Kekse herumgehen. Wir unterhalten uns über ihre Schwierigkeiten mit dem Rektorat und der Lan-desregierung. Die Presse erscheint, erkennbar an Aktentaschen, No-tizblöcken und Kassettenrekordern. Wir hören, wie der Geschäftsführer sagt: »Gegen Gastarbeiter habe ich gar nichts. Aber die sollen sich hier gefälligst den deutschen Sitten anpassen.« Der Gewerkschaftsvorsitzende springt auf und ruft: »Man diskriminiert eine ganze Bevölke-rungsgruppe, bloß weil sie angeblich nicht genug konsu-miert!« Die Journalisten notieren das, und der Geschäfts-führer wischt sich die feuchten Handflächen an seiner Jacke ab. »Wir sind als Fast-Food-Betrieb auf Fluktuation angewiesen«, gibt er zu bedenken, »wenn die Preis-Platz--Kalkulation nicht mehr stimmt, kann ich mir einen neuen Job suchen.« Benito schlägt mit der Faust auf den Tisch und brüllt: »Fressen Sie doch Ihre Gummibrötchen sel-ber!« Wir trommeln auf die Tischplatten, daß die Aschen-becher klappern. Auf der Straße interviewt ein Mitarbei-ter des Rundfunks die Ausländer und die Passanten. Ein Mann in grauem Anzug kommt an unseren Tisch. Ich frage mich gerade, woher ich ihn kenne, da stellt er sich als Einsatzleiter der Kriminalpolizei vor. Gerold gibt eine Erklärung ab: »Eigentlich wollen wir nur in Ruhe unseren Kaffee austrinken. Das wird doch wohl erlaubt sein.« Der Beamte nickt. »Wir sind gerufen worden«, sagt er, sich vorsichtig umschauend, »Sie brauchen aber nicht zu erschrecken. Wenn ich nicht im Dienst wäre, würde ich mich dazusetzen und mitmachen.« Wir wollen ihn zu einem Kaffee einladen, aber er winkt ab, legt den Zeige-finger auf die Lippen und geht zum Geschäftsführer hin-über, mit dem er längere Zeit verhandelt. Der wischt sich fortwährend seine Hände an der Jacke ab. Anschließend läßt er sich nicht mehr blicken. »Du mit deinem ewigen Stricken«, sagt Gerold zu Re-nate. »Langsam macht mich das nervös.« Renate strickt, ohne aufzusehen, weiter. »Das Vorderteil ist bald fer-tig«, sagt sie. »Stell dir mal so einen Geschäftsführer vor, so einen Localmanager, wie der neben der Kasse säße und strickte. Gäbe das nicht eine völlig andere Qualität von Geschäftsführung?« Das lasse sich nicht von der Hand weisen, meint Max, und Gerold wird ganz nachdenklich. Gegen Mittag kommen zwei seriös gekleidete Herren herein, die sich sofort in die hinteren Räume begeben. Nach einer Weile tauchen sie wieder auf und kommen zielbewußt auf uns zu. Der Generalmanager aus Frank-furt und der Districtmanager. Ihre Namen und berufli-chen Positionen entnehmen wir den Visitenkarten, die sie auf den Tisch legen. Offensichtlich sind wir als Zentrum der Verschwörung erkannt. »Eine dumme Sache«, sagt der Generalmanager, »ein Mißverständnis«, der Districtmanager. Eine offizielle An-weisung an das Personal, an Ausländer keinen Kaffee mehr auszuschenken, habe es nie gegeben. Ob sie in Ruhe mit uns sprechen könnten, ob sie uns zum Essen einladen dürften. Ersteres ja, letzteres nein. Wir erfahren, daß, wenn zeitweise fast alle Tische von Türken, Griechen, Spaniern, Italienern und Jugoslawen besetzt seien, man dem einen Riegel vorschieben müsse. Jedoch nur in solchen Ausnahmefällen. »Waren Sie schon einmal in Italien oder Spanien?« fragt Gerold, und die beiden nicken verblüfft. »Und haben Sie von dort vielleicht auch Ansichtskarten nach Hause ge-schickt?« Erneutes Nicken. Welcher Deutsche war noch nicht in Italien oder Spanien und hat von dort noch keine Ansichtskarten nach Hause geschickt? Gerold scheint sehr zufrieden. »Was würden Sie sagen«, fährt er mit einem gewinnenden Lächeln fort, »wenn man Sie dort in einem Restaurant vor die Tür gesetzt hätte, weil Sie beim Schreiben Ihrer zehn Ansichtskarten nur eine Tasse Kaffee getrunken haben?« Nebenan wird auf den Tisch getrommelt, und die bei-den Manager blicken sich unruhig um. Dann blicken sie sich an, stehen auf, denn sie hatten sich inzwischen gesetzt, und der Generalmanager sagt mit einer leichten Verbeu-gung: »Darf ich Sie davon unterrichten, daß unser hiesi-ger Geschäftsführer soeben beurlaubt worden ist.« War-um? »Wegen mangelnden Fingerspitzengefühls.« Wir nahmen das gern zur Kenntnis. Es war Sonnabend, zwei Uhr mittags, uns knurrte der Magen. »Das war´s dann also«, sagte Gerold. Renate packte ihr Strickzeug zusammen, und Max drückte mit bedauernder Miene seine zweite Zigarre aus, die er gerade erst angeraucht hatte.

Wolfgang Bittner-Niemandsland

Dieses Buch erschien erstmals 1992 im Forum Verlag Leipzig, im September 2000 neu aufgelegt im Allitera Verlag, München









Der Autor

Wolfgang BittnerWolfgang Bittner, geboren 1941 in Gleiwitz, lebt als Schriftsteller in Köln. Er studierte Jura, Soziologie und Philosophie und promovierte 1972 zum Dr. jur. Bis 1974 ging er verschiedenen Tätigkeiten nach, u. a. als Fürsorgeangestellter, Verwaltungsbeamter und Rechtsanwalt. Ausgedehnte Reisen führten ihn nach Vorderasien, Mexiko und Kanada. Er hat mehr als 50 Bücher für Erwachsene, Jugendliche und Kinder geschrieben, darunter die Romane »Marmelsteins Verwandlung«, »Die Fährte des Grauen Bären«, »Die Lachsfischer vom Yukon« und »Narrengold« sowie das Sachbuch »Beruf: Schriftsteller«. 
www.wolfgangbittner.de



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