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Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

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Kultur und Wissen
Nachbetrachtung photokina und Internationale Photoszene in Köln
Streiflicht  2
Von Anneliese Fikentscher

Wenn im Herbst die Blätter fallen, scheinen in praller Erwartung die Sehnsucht und die Sehsucht auf. Dann wird den KölnerInnnen und einem internationalen Publikum beschert, sich diesen ausgewählten Süchten in schier unbegrenztem Ausmaß hinzugeben. Alle zwei Jahre wieder treffen die süchtigen (Bild-)Produzenten auf die nicht minder süchtigen Konsumenten im Rahmen der `weltgrößten Messe des Bildes´, der photokina, und im Rahmen des Kunstprogramms der Internationalen Photoszene Köln.

Streift man die Geräte- und sonstige Technikumgebung der photokina mit allem Werberummel einmal ab (ca. 98 Prozent) verbleiben immerhin noch fette zwei Prozent ernstzunehmendes, nicht zweckgebundenes Bildangebot - also das, wofür der aus aller Welt aufgefahrene Klapperatismus schließlich - wenn auch nur in Ausnahmefällen - gut sein soll.

Eintritt frei hieß es dann bei der Visual Gallery - dem Rahmenprogramm zur photokina in Halle eins, welches - der Idee der photokina-Bilderschauen des 2005 verstorbenen L.Fritz Gruber folgend - die Fotografie über die Fotografie erhebt. Wer in den Olymp der `Visual Gallery´ aufsteigt, darf sich gewissermaßen geadelt vorkommen. Neben einer traditionellen Schau der Preisträger und NachwuchspreisträgerInnen - zusammengetragen aus einem über die Jahre fest integriertem Förderprogramm von BFF (Bund freischaffender Fotodesigner) und Kodak - bildet der Erich-Salomon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Photografie DGPh den Höhepunkt der Würdigung für ein besonders herausragendes Werk, nicht selten ein Lebenswerk.

Erich-Salomon-Preis an Martin Parr

In diesem Jahr ging dieser Preis an Martin Parr, Mitglied der legendären Agentur Magnum (Cartier-Bresson, Capa, Salgado...) mit Sitz in Paris. Der britische Meister des in kräftige Farben verpackten Humors deftiger Art rückt seinen sich unbeobachtet wähnenden menschlichen Objekten dicht auf´s Fell und erwischt sie - oder ihre Spuren - als grelle Zeitnotiz gesellschaftlicher Konvention.

Weitere Teilnehmer mit einer Einzelschau - ausgewählt vom Direktor der Kölner Kunstmesse Art Cologne, Gérard Goodrow - locken in Ansichten dunkler `Stille Berge´. Der als `Shooting Star´ gehandelte Michael Schnabel präsentiert nächtens entstandene finstere Landschaftsaufnahmen, die von einer gewissen Reiselust und Freude an der Einsamkeit zeugen - Gegenstücke zu dem Meister der Landschaftsfotografie und Erfinder des Graukeils: Ansel Adams. Irgendwie erinnert die Arbeit an eine vergleichbare, vor vielen Jahren auf dem schottischen `Fotofeis´ rund um Edinbourgh präsentierte Nacht-Nummer von (fluchtartig vor der Kamera) geräumten Schlafplätzen, `Where Deer sleeps´. Wo Freier `schlafen´ oder was Mann so nennt, durfte sich das geneigte Publikum in einer Serie von Patric Fouad  anschauen, wenn es sich denn nicht gelangweilt - weil allenthalben abgelichtet und abgefilmt - von den `Frauenzimmern - Bordelle in Deutschland´ abwandte. Auch hier bietet sich eine weltweite Serienbetrachtung an...

Arbeiterfotografie-Jahresthema 2006 'Ein bißchen Spaß muß sein'  - Heute noch ein König, morgen schon Hartz 4
Arbeiterfotografie-Jahresthema 2006 'Ein bißchen Spaß muß sein'  - Heute noch ein König, morgen schon Hartz 4
Foto: Hans-Dieter Hey



Jürgen Escher - in der Visual Gallery

Unter dem Siegel der Dokumentarfotografie wird ein Werkzyklus des Fotografen der Bielefelder Schule Jörg Boströms, Jürgen Escher, präsentiert. Eine derartige Einstufung in `Dokumentarfotografie´ aus dem Munde des Kurators, der um den Verkaufswert von Fotografie auf Kunstmessen weiß, lässt die Frage aufkommen, wo die Grenze in diesem Genre genau zu ziehen ist. Escher und das Projekt `Cap Anamur´, das er seit über zwanzig Jahren begleitet, bewerten seine Tätigkeit als die eines Fotografen und Dokumentaristen. Eindrucksstarke schwarz-weiß Fotografien konfrontieren in dichten Portraits den Betrachter Auge in Auge mit Flüchtlingen und gejagten Kriegsopfern dieser Welt, sofern der `Geist´ der Cap Anamur dahin vorzudringen vermag. Zu den Minenopfern in Angola beispielsweise. Doch lang - über 25 Jahre - ist es her, dass die erste Cap Anamur ins südchinesische Meer auslief, um vietnamesische Boatpeople aufzunehmen. Am 1. Juli 2004 hat das Rettungsschiff im Mittelmeer 36 Bootsflüchtlinge aus Afrika aufgenommen. "Kurze Zeit später", schildert Escher, "ist unser Boot umzingelt von italienischen Kriegsschiffen, Turboschnellbooten der Guardia Finanzia und verschiedenen Polizeibooten inklusive der Einwanderungsbehörde."

Jürgen Escher - Portrait mit Flüchtling 2004, Lampedusa: 'Aufrüstung im Mittelmeer statt ernsthaften Bemühens um Lösungen? Ich schäme mich in diesem Moment, Europäer zu sein.'
Jürgen Escher - Portrait mit Flüchtling 2004, Lampedusa: "Aufrüstung im Mittelmeer statt ernsthaften Bemühens um Lösungen? Ich schäme mich in diesem Moment, Europäer zu sein."
Foto: Anneliese Fikentscher



Bilder werden auch für Kriege mißbraucht

Flüchtlinge und insbesondere identifikationsstarke Fotos von ihnen haben einen ungeahnten politischen Wert. Da gibt es solche Flüchtlinge, die zu nichts zu gebrauchen sind und die in ihr Elend zurückgestoßen werden. Und es gibt solche, die kriegerisches Eingreifen rechtfertigen - falls sie den geeigneten politischen Wert darstellen. "Drei Monate lang bombardierte die NATO unter deutscher Beteiligung 1999 Ziele in ganz Jugoslawien", schreibt Elias Bierdel, ehemaliger Vorsitzender der Cap Anamur ungeniert in die Begleitbroschüre zur Ausstellung `Leben helfen´. Wen oder was bombardierte die NATO? Überwiegend zivile Einrichtungen!

Genau das ist das immerwährende Problem eines Fotografen. Es ist zu bedenken, dass Bilder auch für Kriege werben oder für solche Zwecke mißbraucht werden. Gleich mehrfach wurde in jüngster Vergangenheit der World Press Fotopreis vergeben - für Flüchtlingselend beispielsweise zum Thema Kosovo. Für Fotos der Opfer von NATO-Bombardements gab es keine Preise mehr.

Welcher Philosophie folgt das Projekt Cap Anamur? `Aufbau nach dem Krieg´ sind im begleitenden Bildband `Leben Helfen´ die Gedanken des jungen Einsatzhelfers Georg Rossmair zu einem Einsatz in Bagdad übertitelt. `Nach´ dem Krieg?

Bekannt sind dagegen zahlreiche Einsätze der `Ärzte ohne Grenzen´. Im Gegensatz zu den Aktionen von `Cap Anamur´ dienten sie als Vorwarnung vor einem kriegerischen Überfall der USA auf die irakische Bevölkerung, deren Säuglinge und Kinder in Folge von UN-Sanktionen zu hunderttausenden dahinstarben, unzählige an Krebs infolge uranverseuchter Munition - festgehalten in anrührenden Fotografien der Berliner Fotografin Gabriele Senft oder des Mediziners Siegwart-Horst Günther. Cap Anamur aber kommt `nach´ dem Krieg ("nach dem Einmarsch der Alliierten im März 2003"). Derartige Betrachtungen haben für Georg Rossmair, der heute in Afghanistan wirkt, keine Geltung.

August 2006 - Barmer Viertel
August 2006 - Barmer Viertel
Foto: arbeiterfotografie.com



Arbeiterfotografie - unbequeme Fotos

Gabriele Senft ist Ehrenmitglied des Bundesverbandes Arbeiterfotografie. Ihre Fotoarbeit mit Interviews über die Opfer des NATO-Bombardements auf die serbische Kleinstadt Varvarin (eingeflossen in ein Buch und eine Ausstellung) unterstützte die mittellosen BewohnerInnen in der Publizität mit ihrer Zivilklage auf Schadensersatz vor bundesdeutschen Gerichten. Dritter Verhandlungsort ist am 19. Oktober, 10 Uhr, der Bundesgerichtshof in der Herrenstraße, Karlsruhe.

Bundesverband und Galerie Arbeiterfotografie waren auf der photokina im Bereich `Meet the Professionals´ mit einem Stand vertreten. Täglich offerierte `die Arbeiterfotografie´ im Bühnenprogramm eine Facette ihres vielschichtigen Wirkens: Reportagefotografie und Agenturbetrieb im Gespräch mit dem Werbefachmann Volker Pannemann - historische Rückblende in die 20er Jahre und Ausblick auf das 80jährige Bestehen 2007 - Galerie und künstlerische Fotografie im Gespräch mit der Kölner Künstlerin Karin Richert - Ausschreibung von Jahresthemen, hier `ein bißchen Spaß muß sein´ - Vorstellung der Arbeitsweise des Filmemachers Martin Keßler (`Neue Wut´ und Ausschnitt/Vorpremiere von `Kick it like Frankreich, der Aufstand der Studenten´) - und schließlich: Bildungsarbeit, Workshop und Projektarbeit, exemplarisch vorgeführt an der parallel laufenden Ausstellung `Abriß des Barmer Viertels - Nicht in unserem Namen´.

Und wenn der Verband ein Jahresthema ausschreibt, das den Titel trägt `Ein bißchen Spaß muß sein´, dann steckt der Wunsch dahinter, die EinsenderInnen mögen mit ihren Bildkonzepten nicht an der Oberfläche bleiben. Dann darf der Bissen im Halse stecken bleiben, wie bei Hans-Dieter Heys Serie zur Arbeitslosigkeit. Italienischer Abend? Aber ja doch - mit einer Dose Ölsardinen. Makaber bis englisch schwarz wird´s in der Inszenierung `Gestern noch ein König und heute schon Hartz IV´.

photoszene.de

Wenn die `Weltmesse´ auch längst ihre Tore geschlossen hat - die Bilder wirken nach. Die weit größte Menge wandert auf den Bilderberg. Einige Ausstellungen im Rahmen der 18. Internationalen Photoszene Köln (www.photoszene.de) sind noch bis Januar 2007 geöffnet, Martin Parr in der Galerie Sabine Schmidt noch bis 21. Oktober. Die Ausstellung mit Fotos der israelischen Fotografin Rachel Avnery in der Galerie Arbeiterfotografie ist verlängert und auf Vereinbarung zu besuchen (0221-727 999).

In Streiflicht 3  wird das neue Filmprojekt von Martin Keßler `Kick it like Frankreich - vereinzelter Protest oder neue soziale Bewegung´ beleuchtet. (Premiere am 15. November, 20 Uhr im CineStar Metropolis in Frankfurt)

Siehe auch: Streiflicht - Teil 1


Online-Flyer Nr. 66  vom 17.10.2006

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