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Kultur und Wissen
Wie ein Theaterstück in Afrika Geschichte schrieb
Brecht in Tansania
Von Marilena Thanassoula

Kinjeketile ist ein Mann gewesen. Ein Kämpfer, ein Prophet oder vielleicht das Symbol eines Kampfes, einer Botschaft. In Tansania. Auf jeden Fall ist der Name "Kinjeketile" mittlerweile eine Legende, die der hier in Deutschland unbekannte Autor Ibrahim Husseyn in seinem Theaterstück 1968/69 wieder aufgenommen hat, womit er selber Geschichte schrieb. Omar Babu Marjam, der Swahili-Lektor an der Universität Köln spricht über die Beziehung des Autors Ibrahim Husseyn zu Bert Brecht und über die Rolle dieses Theaterstücks für die Standardisierung und offizielle Anerkennung des Swahili gleich ein Jahr nach seiner Premiere.

Kunst und Geschichte

Das Stück spielt vor dem Hintergrund des so genannten "Maji-Maji Aufstandes" in Tanganjika, das heute Tansania heißt, der von den deutschen Kolonialtruppen niedergeschlagen wurde. Der Name "Maji-Maji" ist zwar in historischen Büchern etabliert. Trotzdem haben die Einheimischen diese Bewegung nie so genannt; er wurde von den deutschen Kolonialherren an die deutschen Historiker jener Zeit überliefert und später einfach immer wieder übernommen.

Obwohl die historischen Ereignisse von 1905 bis 1908 als Hintergrund dienen, und trotz der Tatsache, dass Kinjeketile, die Hauptfigur, eine historische Persönlichkeit war, sind die Handlung als auch die Figur Kinjeketile im Theaterstück fiktiv: "Ich musste meine Figur den Bedürfnissen der Kunst anpassen, ich habe mit Phantasie frei erfunden, wenn die historischen Ereignisse nicht zu meinen Absichten passten. Nicht die Kriterien der Geschichte sollten den Erfolg oder Misserfolg dieses Stückes beeinflussen, sondern die Regeln, die für ein Kunstwerk gelten", schreibt Husseyn 1970 in der Einleitung für die Ausgabe der Oxford University Press.

Omar Babu Marjam beschreibt den historischen Zusammenhang so: "Die Kolonialisierung Afrikas wurde mit der Berliner Konferenz offiziell etabliert. Die Europäer wissen vielleicht nicht mehr, was diese Konferenz bedeutete: der afrikanische Kontinent wurde unter den großen europäischen Mächten aufgeteilt. Die Grenzen hatten nichts mit der afrikanischen Realität zu tun, mit seiner Sprach- und Kulturvielfalt. "Deutsch-Ostafrika" erstreckte sich über ein Gebiet, auf dem heute Länder wie Tansania, Kenia, Burundi, Uganda... befinden. Die koloniale Ordnung sollte "zivilisatorischen" Charakter haben, bestand aber lediglich aus wirtschaftlichen Regelungen, welche die Bevölkerung ins Elend stürzten."

Vor allem die Politik zwischen 1870 und 1904 führte zur so genannten "Maji-Maji- Rebellion": Die Bauern durften nicht mehr ihre eigene Felder bewirtschaften, sondern mußten in den deutschen Plantagen arbeiten und Güter produzieren, die nach Deutschland verschifft wurden. Dieser Zwang sowie ein von den Kolonialherren erlassenes Jagdverbot führte zur Hungersnöten. Im Süden des damaligen Tanganjika führte diese Situation ethnische Gruppen zusammen, die bis dahin verfeindet waren. Sie wollten gemeinsam gegen die Kolonialherren  kämpfen.

Kinjeketile, ein Mann der Ethnie der Wamatumbi, hat die Leute mit heiligem Wasser, auf Swahili "Maji", gesegnet. Das sollte sie vor den Kugeln der deutschen Soldaten schützen. Die  Revolte breitete sich aus und konnte von den deutschen Truppen erst vier Jahre später endgültig besiegt werden, nachdem Sondertruppen aus Deutschland geschickt worden waren. Es war das erste Mal, dass die Bevölkerung Ostafrikas vereint gegen den Kolonialstaat Widerstand leistete. Kinjeketile, der während des Krieges als Prophet galt, wurde zum Märtyrer.

Theater und Sprache

Husseyns Theaterstück "Kinjeketile" erhielt breite Zustimmung und wurde zum nationalen Meisterwerk gekürt - mit ausgesprochen positiven Folgen für die Anerkennung und die Standardisierung der Sprache Swahili. Genau dies war eine erklärte Absicht des Dichters. Die innovative Idee des Autors, die das Swahili so effektiv promovierte, war, wie alle guten Ideen, einfach: Er benutzte vier unterschiedliche Varianten der Sprache, vier Register, je nach dem Ansprechpartner der Hauptfigur.

Omar Babu Marjam erklärt, was damit gemeint ist: "Kinjeketile spricht elliptisch und verschlüsselt zu sich selbst, er benutzt einen Dialekt des Swahili, wenn er sich an seinen Dorf-Genossen wendet, und, wenn seine Worte dem ganzen Volk im damaligen Deutsch-Ostafrika gelten, verwendet er das Swahili, das später als Standard ("Hoch-Swahili") anerkannt wurde. Das vierte Register benutzen die Frauen im Stück - untypischer Weise sprechen sie mehr über Politik als die Männer. Zudem verwenden sie einen kumpelhaften Jargon und äußern sich sehr direkt, ohne die Metaphern, die die Männer verwenden".

Omar Babu Marjam interpretiert dahinter die Absicht des Autors, ein neues Vorbild für die Frauen zu schaffen, das einerseits der Stellung der Frau in der traditionellen Gesellschaft vor der Kolonisierung entspreche, andererseits aber auch den feministischen Ideen, die in den ´60ern und ´70ern verbreitet wurden.

Karikatur: Kostas Koufogiorgos
Karikatur: Kostas Koufogiorgos
www.koufogiorgos.de



"Kinjeketile" im Werk von Ibrahim Husseyn

Husseyns Theaterstück "Kinjeketile" hatte von Anfang an große Bedeutung für die Entwicklung des Theaters in Ostafrika. Es ist das erste Theaterstück, das eine Alternative zur Tradition europäisch orientierter Erzähl- und Drama-Strategien bietet, die sich auf die reiche Tradition der afrikanischen Theater- und Erzählkunst stützt. Omar Babu Marjam erläutert: "Bis dahin war das Theater in Afrika entweder ganz nach den europäischen dramaturgischen Regeln gemacht, oder, als Reaktion, genau das Gegenteil: viele afrikanische Autoren lehnten die aristotelische Dramaturgie und die europäische Tradition ab und arbeiteten an "wirklich afrikanischen" Traditionen".

Ibrahim Husseyn hat in Dar es Salaam und Berlin studiert, lange in Berlin gelebt und in der Universität gelehrt. Die Idee von Brecht, dass das Theater als Schule für das Volk dienen soll, hat ihn sehr inspiriert. "Kinjeketile" hat eine Botschaft für die Zuschauer, die Botschaft der Einigung. Der tansanische Autor erfindet das epische Theater von Brecht neu, und er benutzt die Mittel von Brecht kreativ, um das tansanische Publikum anzusprechen.

Omar Babu Marjam erzählt über frühere Werke des Autors: "Alikiona" ("Sie wurde bestraft"), und "Wakati Ukuta" ("Zeit ist eine Wand"). Diese ersten Stücke sind kürzer als "Kinjeketile" und handeln mehr von der Verzweiflung der Menschen wegen sozialer Umbrüche. Marjam betont, dass im Werk Husseyns eine Kontinuität zu erkennen sei: er befasse sich mit den politischen und sozialen Problemen seines Volkes und untersucht deren historische Ursachen und deren Folgen. "Kinjeketile" habe er geschrieben, als er noch Student war,

"Kinjeketile" und die Brecht´sche Tradition

"Kinjeketile" ist eine klassische Parabel: es gibt die Bildebene der historischen Handlung und die Sachebene der Begriffe, die die Einigung, das nationale Bewusstsein und die gemeinsame Sprache betreffen. So wie bei Brecht, finden wir auch im "Kinjeketile" keine Adligen, keine herausragenden Persönlichkeiten, sondern ein Stück Alltag.

Hunger, Zwangsarbeit und Erschöpfung eröffnen die Handlung. Auf der Bühne finden verschiedene alltägliche Diskussionen statt, die die grausame Realität der Unterdrückten abspiegeln. Die Raumverteilung erlaubt, wie auch bei Brecht, dass sich die Handlung gleichzeitig an vielen Orten abspielen kann.

Die Charaktere sind einfache Menschen, die während des Stückes immer mehr mit bestimmten Eigenschaften oder sozialen Typen assoziiert werden: es gibt den Kämpfer, den Angsthasen, den sklavischen Diener, den arroganten Machthaber, den Weisen, den Pseudo-Helden, den Demagogen. Diese Figuren werden langsam aufgebaut. Aus Bauern werden Soldaten, aus Unterdrückten Helden, aber auch Verräter. Am Ende kehren alle wieder zurück zum Zustand des Sklaven, ihr Widerstand ist gescheitert, sie sind besiegt.

Der Held - lange ein ganz normaler Mensch

Omar Babu Marjam beschreibt die Hauptperson: "Kinjeketile war lange ein ganz normaler Mensch, hatte das Leben und die Sorgen seiner Nachbarn, bis ihm ein traumatisches Ereignis die Welt der Geister eröffnete. Kinjeketile wird zum Vermittler, er ruft eine Revolution hervor, er vereinigt mit seinen Worten und mit dem magischen Wasser  "Maji" die Leute, die bis dahin unterdrückt ihr Schicksal hingenommen haben. Die Nachricht des Widerstands verbreitet sich wie Feuer, als Kinjeketile schon die Niederlage ahnt: denn die Leute sind nur oberflächlich geeinigt und streiten aus jedem Anlass. Sie glauben mehr an die Magie als an sich selbst, sie sind ihrer Aufgabe und der technischen Überlegenheit ihres Feindes nicht gewachsen. Noch nicht gewachsen: Kinjeketile ist derjenige, der mit seiner letzten Vorausschau und seinem letzten Opfer die künftige Freiheit vorbereitet. Er stirbt, damit Kinder und Enkel den Weg der Einigkeit wieder aufnehmen können. "Ein Wort ist geboren und verbreitet sich, auch wenn es den Menschen, der es geboren hat, zerstört", wie Kinjeketile sagt".

Die religiösen Vorstellungen der Dorfbewohner spielen sowohl in der Handlung an sich, wie auch für die Zuschauer eine große Rolle Den religiösen Kontext, den Kinjeketile mit seinen symbolischen Worten erschafft, benutzen die Leute, als sie ihre revolutionären Pläne schmieden, wie einen Schutzschild gegen Spione und Fremde. Gleichzeitig haben Träume, Wahnsinnsvorstellungen, Vorsehungen und Ängste direkten Zugang zur Bühne - in Form von Gedichten, Gesang und Tanz.

Dabei hat die Religion im Stück mehrere Funktionen: sie schafft Raum für die traditionelle Erzählkunst, sie beschleunigt die Handlung und sie gibt den Rahmen für das brecht´sche Spiel von Nähe und Entfremdung. Der religiöse Kontext erinnert den Zuschauer an seine eigene Tradition - vor der Zeit der Europäer. Gleichzeitig ermöglicht er die Betrachtung auf zwei Ebenen, der Bild- und der Sachebene.

Religiöse Elemente wie natürlich die Charaktere selbst erlauben dem Zuschauer, sich mit dem Geschehen auf der Bühne zu identifizieren. Ibrahim Husseyn schafft es auf der anderen Seite aber auch, die sozialen Rollen, die er seinen Figuren zuteilt, ein bisschen zu karikieren, so dass sie der Zuschauer, trotz seiner Nähe zu ihnen, auch kritisch betrachten kann.

Dabei verfehlt Ibrahim Husseyn nicht sein eigentliches Ziel: Die Zuschauer erkennen deutlich die Analogien des historischen Theaterstücks zu ihrer eigenen Gegenwart.
 
Fiktion und Realität

Omar Babu Marjam fasst zusammen: "Als am Ende der ´60er Tanganjika und Sansibar das Land Tansania bilden, steht die neue Republik vor einer schwierigen Entscheidung: welche Sprache sollte die offizielle werden? Die Bewohner dieses Landes, sprechen 150 unterschiedliche Sprachen, jede mit zahlreichen Dialekten. Swahili, Arabisch, und Englisch gehören zu den wichtigsten Verkehrssprachen, sie dienen also, neben anderen, der überregionalen Kommunikation. Jedoch ist Swahili mit der Küste, Englisch mit dem Kolonialstaat und Arabisch mit dem Islam assoziiert, so, dass viele Leute sich mit guten Gründen für oder gegen eine dieser Sprachen äußern.

Die Einigung, die in den Jahren von 1905 bis 1908 scheiterte, verwirklicht sich in der Entscheidung des Volkes für eine einheimische, von der Mehrheit gesprochene Sprache. Dies ist die Sprache, die Ibrahim Husseyn durch sein Theaterstück so beliebt gemacht hat. Nach "Kinjeketile" gilt Swahili als Sprache der Einigung und der Zukunft. Das Wort, das eine fiktive Figur auf der Bühne spricht, erreicht die Strasse, erobert das Land. Die öffentliche Meinung vereinigt sich, die Debatte wird beendet zugunsten von Swahili".

Heute zählt Kinjeketiles Sprache mit mehr als 30.000.000 Sprechern in der ersten und zweiten Sprache zu den bedeutendsten Sprachen in Afrika. Swahili ist Nationalsprache in Tanzania und Kenya - was in Afrika immer noch eine Ausnahme ist, weil die meisten Länder des Kontinents eine ex-koloniale Sprache als Nationalsprache anerkennen, auch wenn die Mehrheit der Bevölkerung sie gar nicht oder nur wenig beherrscht. - Oder gerade deswegen?


Online-Flyer Nr. 66  vom 17.10.2006

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