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Kultur und Wissen
Der Fern-Seher - Folge 20
von Autos und Politik
von Ekkes Frank

Und wieder einmal passiert es: ich lese die sehr informative italienische Tageszeitung La Repubblica und merke plötzlich, dass ich im Grunde nichts verstehe. Nicht, weil mir die Vokabeln fehlen; sondern weil ich so viele Abkürzungen nicht kenne und von so wenigen der genannten Politiker weiß, wen und welche Meinung sie vertreten. Das war doch ganz anders in Deutschland, seufze ich stoß.

Und da blitzt ein plötzlicher Verdacht durch mein Hirn: könnte es sein, dass ich mir das nur einbilde? Ist es vielleicht so wie... wie...- ich suche und finde einen Vergleich: seit über vier Jahrzehnten fahre ich fast jeden Tag Auto, mit einer stattlichen Zahl sehr unterschiedlicher Marken und Modelle bin ich gut klar gekommen, manche fand ich Klasse, ein paar ziemlich grauenhaft, die meisten soso lala. In der Fahrschule hatte ich gelernt, wie ein Motor funktioniert, ich ahne auch heute noch verschwommen, was eine Pleuelstange ist und soll und dass irgendwelche Kolben geschmiert werden müssen, damit sie richtig und auf Dauer funktionieren. Aber zu behaupten, ich wüsste wirklich, was sich unter der geschlossenen Kühlerhaube eines modernen Autos abspielt, wenn ich damit fahre, das wäre einfach gelogen.

Fern-SeherUnd so ähnlich, denke ich mir, könnte das auch mit der deutschen Politik sein. Seit über vierzig Jahren beschäftige ich mich fast täglich damit. Es war im Lauf der Zeit eine ganz schöne Zahl sehr unterschiedlicher Regierungen und Koalitionen, die meisten fand ich eher grässlich, eine oder zwei ganz gut, und den Rest - naja... Ich hatte in der Schule gelernt, dass durch Wahlen ein Parlament zustande kommt, ich weiß, was die Kanzler-Mehrheit ist und dass auch mal ein Politiker geschmiert werden muss, damit er richtig und auf Dauer spurt. Aber weiß ich denn wirklich, was sich hinter den hermetisch verschlossenen Türen abspielt, zwischen Lobbyisten, Pressure-Groupies und abgehobenen Abgeordneten? Obwohl ich täglich, gefüttert durch Medien aller Art, damit umgehe und mich ganz selbstverständlich dazu verhalte so wie im Straßenverkehr, also blinke und hupe und wilde Gesten mit allen Fingern forme und mir ständig irgendwie einbilde, mich auszukennen.

Und wahrscheinlich ist das mit der italienischen Politik so, als hätte ich mir jetzt einen Ferrari zugelegt - na, bleiben wir bescheiden: einen FIAT Multipla. Nach einiger Zeit werde ich mich damit vertraut gemacht haben und wie selbstverständlich mit den ganzen Schaltern, Hebeln, Abkürzungen und Namen umgehen und damit klarkommen. Obwohl ich im Grunde keinen blassen Schimmer davon habe, was sich da wirklich abspielt. Und weiter: geht es vielleicht nicht nur mir so, sondern allen Bürgerinnen und Bürgern? Weil anders nichts wirklich funktionieren würde, bei einem modernen Auto wie in der aktuellen Politik?


Unser Fern-Seher
Unser Fern-Seher
Foto: NRhZ-Archiv



Online-Flyer Nr. 68  vom 31.10.2006

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