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Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

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Lokales
Ratschlag an Fans aus Hamburg und Gelsenkirchen:  
Jammert mir nichts vor, ich bin Kölner!  
Von Hermann

Letzte Saison saß ich einmal mit meinem Freund DJ Frucht im Zug einem nicht mehr ganz jungen Schalker Ehepaar gegenüber. Dieses nahm die Situation zum Anlass, uns von ihrer Sorge über das Nichterreichen der Champions League zu erzählen. Die Königsklasse würde viel schöne Reiseziele mit sich bringen, doch so wie die Tabellensituation aussah, würden sie wohl wieder mit Fahrten in den Osten statt in den Süden vorlieb nehmen müssen.

Doch während sie eine lange Liste der bereits besuchten ehemaligen jugoslawischen und GUS-Staaten aufzählten, fiel ihnen auf, dass die Reisen in den Ostblock wohl allesamt ausgesprochen nett waren. Als die beiden daraufhin in Erinnerungen schwelgten, bemerkte der Mann plötzlich, dass es wohl mehr als taktlos, ja  beinahe pietätlos ist, sich in Anwesenheit zweier Kölner über das Erreichen des UEFA-Pokals zu beschweren. In der Tat sahen wir uns mit weitaus größeren Problemen konfrontiert: Unser Verein stand schon wieder an dem Abgrund, der landläufig als zweite Liga bekannt ist.

Die beiden Schalker blieben nicht die einzigen, die mich in der Vergangenheit mit ihren Luxusproblemen behelligten. Zwei mir gut bekannte HSV-Fans waren ebenfalls der Ansicht, dass ich die richtige Person zum Abladen der Enttäuschung über Tabellenplatz drei in der vergangenen Saison sei. Mein Einwurf, dass sie sich mal etwas zusammenreißen sollten, mir hätte der Fußballgott übler mitgespielt, wurde damit abgetan, dass das im Abstiegsfalle ja sonnenklar sei. Darüber müsse man kein weiteres Wort verlieren.

Muss ich das also so verstehen, dass offensichtliche Schicksalsschläge der Bedauerung nicht wert sind, weil man sich unschwer die Tragweite ausmalen kann? Aber sollten Schalke- und HSV-Fans nicht lieber in Anwesenheit von Bayern jammern, weil diese sich viel eher die Enttäuschung über eine UEFA-Cup-Qualifikation vorstellen können? Ich erzähle auch keinem Obdachlosen davon, wenn ich Schwierigkeiten habe, meine Miete zu bezahlen. Seine Antwort wäre vermutlich: "Ach, wie gerne hätte ich eine Wohnung, deren Miete mir Probleme bereitet". Und würde ich dann erwidern: "Jammer nicht, es sieht doch jeder, dass es dir noch schlechter geht"? Eher nicht. Wahrscheinlich würde der Obdachlose auch mit "Ach, halt doch die Fresse" antworten, was zugegebenermaßen die einzig richtige Reaktion wäre. Auch auf des Jammern von Hamburgern und Gelsenkirchenern.

Foto: Hermann
Foto: Hermann


Apropos Jammern: Zu Zeiten der rot-grünen Bundesregierung war bei einem speziellen Schlag Mensch ein Autoaufkleber mit der Aufschrift "Jammert mir nichts vor, ich hab CDU gewählt" in Mode. Vielleicht würde mich ein ähnliches Modell mit dem Satz "Jammert mir nichts vor, ich bin Kölner" in Zukunft schützen. Grade Hamburger neigen ja zurzeit wegen des drohenden Abstiegskampfes erneut zu verstärktem Jammern. Auch gegenüber Kölnern. Die glauben wohl, im Unterhaus um den Aufstieg zu spielen, wäre irgendwie befriedigender, als in der ersten Liga gegen den Abstieg. Liebe Hamburger, ihr könnt es nicht wissen, aber das Gegenteil ist der Fall. Lieber würde ich die nächsten fünf Jahre auf dem fünfzehnten Platz der Bundesliga verbringen, als auch nur einen Spieltag Spitzenreiter der zweiten Liga zu sein.

Denn der Horizont ist eng im Unterhaus. Es gibt fünfzehn Tabellenplätze, auf denen es sich nicht lohnt, die Saison zu beenden, bei elf davon passiert nämlich gar nichts und die vier untersten Plätze machen alles noch schlimmer. Lediglich die Positionen eins bis drei sind erstrebenswert. Wenn man als Absteiger in die zweite Liga kommt, kann kein Trainer ungestraft einen `Platz im Mittelfeld´ oder einen `einstelligen Tabellenplatz´ als Saisonziel formulieren. In der Bundesliga hingegen könnte man mit einer solchen Platzierung gespannt auf die kommende Saison blicken, denn dann werden die Karten wieder neu gemischt und Überraschungen sind nie unmöglich.

Doch so unverständlich Enttäuschungen manchmal für Außenstehende sind, so unverständlich kann auch Euphorie für Betroffene sein. Natürlich freute ich mich über ein Pokal-Heimspiel, denn die kommen in Köln nicht häufig vor, aber dass plötzlich die Kartennachfrage das Fassungsvermögen des Stadions bei Weitem überstieg, war mir unbegreiflich. Alle vierzehn Tage öffnet das Stadion seine Pforten, um dem geneigten Zuschauer Fußballsport anzubieten, doch dann kündigt sich plötzlich der FC Schalke 04 an, und die ganze Stadt gerät aus dem Häuschen. Unangenehm war es natürlich nicht, besagten Verein mit einer Niederlage nach Hause zu schicken. Aber was haben wir damit wirklich gewonnen? Die Berechtigung im Achtelfinale des DFB-Pokals anzutreten (das heißt, es stehen vor einem möglichen Titelgewinn vier weitere Begegnungen, die allesamt gewonnen werden müssen, denn mit Bremen und Schalke haben zwei Champions League-Aspiranten bereits den Wettbewerb verlassen, wodurch eine Finalteilnahme nicht unbedingt für den UEFA Cup qualifiziert), sowie die beinahe bittere Erkenntnis, dass man, mit einer Mannschaftsleistung wie der gegen Schalke, aus Ligaspielen in Jena oder Paderborn mit Sicherheit als Sieger hervorgegangen wäre.

Ich will aber keine Spaßbremse sein und niemandem den Pokalsieg madig machen. Zeigt dieser doch, womit auch die Bayern einem nicht ganz gelungenen Saisonstart die Brisanz nehmen: Die Anderen sind schon bei hundert Prozent angelangt, wir können uns noch steigern. Und falls nicht, malen wir uns doch mal einem schlimmen Fall aus: Hamburg steigt ab, Köln steigt nicht auf, holt aber den DFB-Pokal (oder erreicht das Finale gegen die Bayern, denn die werden das mit der Bundesliga mal wieder bei Zeiten in den Griff bekommen). Dann könnte ich wenigstens in Hamburg anrufen und ein wenig über mein schweres Schicksal jammern. Von dort käme dann die Antwort: "Ach wie gern würden auch wir im UEFA Cup spielen, aber uns bleibt nur die zweite Liga". Ich würde entgegnen: "Letzte Saison hattet ihr eine Zukunft in der ersten Liga, einen UEFA-Pokalplatz schon sicher und euch obendrauf noch für die Champions League qualifiziert und trotzdem habt ihr gejammert". Spätestens hier würde der Hamburger mit "Ach, halt doch die Fresse" das Thema beenden. Ich tue das auch.



Online-Flyer Nr. 69  vom 07.11.2006

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