NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

zurück  
Druckversion

Krieg und Frieden
Israelischer Kriegsdienstverweigerer in Köln:
Der Widerstand wächst
Von Elvira Högemann

Ein junger Mann aus Tel Aviv, schmal, blond, 23 Jahre alt, berichtet in Köln aus seinem Leben: Er hat in Israel den Wehrdienst verweigert. Normalerweise bringt einem das zwei Monate Haft ein - er hat, als Totalverweigerer, zwei Jahre gesessen. "Ich wollte ein politisches Statement abgeben", sagt Haggai Matar.

Harte Strafen für Totalverweigerer

Er ist nicht der einzige: Die Deutsche Friedensgesellschaft/Vereinigte KriegsgegnerInnen veranstaltet zur Zeit an mehreren Orten solche Abende mit Menschen, die in Israel den Wehrdienst verweigert haben. Die Zahl dieser jungen Männer und Frauen wächst, obwohl es in Israel nicht einfach ist, sich dem Dienst mit der Waffe zu entziehen. Es gibt Kompromisse: man muss nicht in die besetzten Gebiete der Palästinenser gehen; was die Armee dort treibt, leuchtet vielen Wehrdienstleistenden nicht mehr ein, und um Konflikte zu vermeiden, lässt die Armeeführung unter Umständen mit sich handeln. Man kann sich vielleicht sogar hinter einem Schreibtisch verschanzen - aber wenn jemand sagt: Ich will überhaupt nicht mitmachen, ich lehne die Kriegspolitik der Regierung ganz und gar ab, diese entschiedene Haltung, das "statement" eben, wird hart bestraft.

Armee omnipräsent

Israelische Jugendliche wachsen mit einem durch und durch positiven Bild der omnipräsenten Armee auf: Soldaten kommen in die Schulen, die Kinder schicken ihnen Briefe und Geschenke, Nationalbewusstsein wird als Verfolgungsgeschichte, ununterbrochen bis auf den heutigen Tag, gelehrt; in der 12. Klassen gehen die SchülerInnen in ein Militärcamp, und es ist selbstverständlich, dann die regulären drei Jahre Wehrdienst abzuleisten. Bis zum Alter von 45 Jahren schließt sich daran jedes Jahr ein Monat Reservedienst an. Im Berufsleben spielt es eine nicht geringe Rolle, ob und wo man gedient hat (womit auch etwas über die soziale Stellung der Araber mit israelischem Pass gesagt ist, die man bei der Armee nicht haben will). Die Medien pflegen das Bild eines Landes, das von gefährlichen Feinden umringt ist und von seiner tapferen Armee beschützt wird, Kriegshelden sind prominent, und es wird gesellschaftlich gern akzeptiert, wenn prominente Generäle in die Politik gehen. Nur wer in der Armee war, habe überhaupt ein Recht, Israel zu kritisieren. Der Grad der Militarisierung der Gesellschaft wird in Haggai Matars Bericht nachvollziehbar, ebenso lässt sich ahnen, wie schwer es sein muss, sich aus diesem Denk- und Verhaltenssystem herauszuarbeiten.

Demo von Gush Shalom
Demo von Gush Shalom
Foto: Wikipedia



Hilfsaktionen werden behindert

Hinzu kommt, dass die Kinder der 80er Jahre keine Chance mehr hatten, Palästinenser zu treffen; seit der ersten Intifada wurden die Grenzen mehr und mehr dicht gemacht. Menschen in Haggai Matars Alter haben in der Regel nur Palästinenser gesehen, die Israelis angreifen. Er selbst hatte Glück: ein Lehrer arbeitete in Sommercamps für Jugendliche beider Seiten, eine Seltenheit, aber so bekam er die Möglichkeit, die "Feinde" anders zu sehen, mit ihnen zu sprechen, Freund zu werden. Als mit der zweiten Intifada die Grenzen total abgeschottet wurden, hat er sich an Konvois beteiligt, die Lebensmittel und Wasser in die besetzten palästinensischen Gebiete brachten, bzw. bringen wollten. Sie wurden oft genug behindert, manchmal hat die Armee die Lebensmittel konfisziert. Nach solchen Erfahrungen hat er sich entschlossen, etwas gegen die Kriegspolitik der Regierung zu unternehmen.

Heute muss nicht mehr jeder zur Armee, eine Million Einwanderer aus der früheren Sowjetunion haben die Lage verändert: sie wollen dienen, um "richtige", anerkannte Staatsbürger zu werden. Damit hat sich die Personalfrage für die Armee entspannt: Ein Viertel eines Jahrgangs wird nicht mehr eingezogen, ein weiteres Viertel beendet den Wehrdienst nach einem Jahr. Es spricht sich langsam herum, dass insbesondere Kinder reicher Leute um den Wehrdienst herumkommen.

Hoffnungen enttäuscht - Amir Peretz
Hoffnungen enttäuscht - Amir Peretz
Foto: Wikipedia



Siegeszug des Neoliberalismus

Ein Seitenblick auf die ökonomische Situation zeigt, dass auch das nicht bedeutungslos ist: die sozialen Gegensätze im traditionellen Wohlfahrtsstaat Israel nehmen zu. Der Siegeszug des Neoliberalismus hat auch hier zur Bereicherung Weniger und zur verstärkten Belastung der breiten Bevölkerung geführt. Bei den jüngsten Wahlen standen die sozialen Fragen im Vordergrund, die Sicherheitslage sei allgemein als "gar nicht so schlecht" empfunden worden. Die Stimmen für Amir Peretz waren Ausdruck einer Hoffnung, die in kürzester Zeit enttäuscht wurde. Allerdings ist es perfekt gelungen, mit dem Einmarsch in den Libanon allen Unmut doch wieder im Gemeinschaftsgefühl der sich gegen alle Feinde behauptenden Nation aufgehen zu lassen.

Dennoch nimmt die Zahl der Wehrdienstverweigerer zu. Waren es im Jahr 2000 wenige Dutzend, kann man heute von einigen Hundert sprechen. Nicht mehr nur Männer, wie früher, sondern auch Frauen. Daran haben Haggai und seine Freunde, die 2001 mit einem Offenen Brief an den Premier den Armeedienst verweigerten, einen wesentlichen Anteil. Der Brief erregte großes Aufsehen, die meisten Parteien, bis auf die Kommunisten, stellten sich gegen die Unterzeichner; die Armee drehte durch und wollte unbedingt ein Exempel statuieren, was dann zu den langen Haftstrafen führte. Immerhin kamen ihre Argumente an die Öffentlichkeit: wie entsetzlich die Lage in den besetzten Gebieten ist, dass dort Kriegsverbrechen geschehen - Dinge, die dem israelischen Normalbürger unbekannt sind ... oder die er nicht wissen will.

Jeden Freitag eine Protestaktion

Haggai Matar ist überzeugt, dass Aktionen wie die ihre sich auch in der palästinensischen Gesellschaft auswirken: sie stehen der verbreiteten Meinung entgegen, dass man mit Israelis nicht reden könne. Da fast jede palästinensische Familie einen Verwandten unter den 10.000 Palästinenserhäftlingen in israelischen Gefängnissen hat, muss es Eindruck machen, wenn nun auch Israelis in den Knast gehen. Auch wenn das die reale und dramatisch sich verschlimmernde Lage in den palästinensischen Gebieten, insbesondere in Gaza, nicht aufwiegt und schon gar nicht die Erfahrung des jüngsten Libanonkrieges.

Optimistisch besteht der Referent darauf, dass es Widerstand gegen die Kriegspolitik in Israel gibt. Als Beispiel führt er ein palästinensisches Dorf im Westjordanland an, dass viel Land  an die Siedler verlor und durch die Mauer jetzt ganz davon abgeschnitten ist. Jeden Freitag gibt es hier eine gemeinsame Protestaktion von Palästinensern, internationalen Friedensaktivisten und Leuten der israelischen Friedensbewegung. Es ist gelungen, diese gewaltfreie Aktion zwei Jahre hindurch aufrecht zu erhalten. Die Organisatoren haben sich einiges einfallen lassen: mal hat ein Pianist, ein Überlebender des Holocaust, hier ein Konzert gegeben, mal haben sie mit überdimensionalen Pappschlangen (Kriegsdrachen?) demonstriert. Die bewaffnete Staatsmacht reagiert, wenn sie kann, brutal: neun Palästinenser wurden im Laufe dieser gewaltfreien Aktion erschossen.

Werbung für politische Unterstützung

Damit ist das Problem benannt: nur die Anwesenheit einer ausreichenden Zahl internationaler und israelischer Aktivisten kann die teilnehmenden Palästinenser schützen. Für dieses wie für andere Kooperationsprojekte ist internationale Unterstützung im Wortsinne lebenswichtig. Die Reise der israelischen Kriegsdienstverweigerer durch die Bundesrepublik soll helfen, für politische Unterstützung zu werben, damit in den europäischen Ländern der Druck auf die Regierungen wächst, endlich etwas Konkretes gegen die unhaltbare Situation in den palästinensischen Gebieten zu unternehmen.  

Darüber hinaus zeigen sie Möglichkeiten für Einzelne, auf die sie in einem Extrablatt an diesen Abenden hinweisen:
(Download Extrablatt als Pdf - 200Kb)


Online-Flyer Nr. 71  vom 21.11.2006

Druckversion     



Startseite           nach oben

KÖLNER KLAGEMAUER


Für Frieden und Völkerverständigung
FILMCLIP
FOTOGALERIE