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Kultur und Wissen
Ausstellung über Wuppertal in der Welt des Jazz
"Sounds like Whoopataal"
Von Heiner Bontrup
Für Nick Dmitriev, den vor einem Jahr verstorbenen Organisator der sowjetischen Jazz-Szene war Wuppertal eine Stadt "kultureller Helden". Und dabei dachte er - jedenfalls nicht zuerst - an die wunderbare schräg-verrückte Dichterin Else Lasker-Schüler, nicht an den expressionistischen Arbeiterdichter Paul Zech oder den todesmutigen Schriftsteller Armin T. Wegner, der die unglaubliche Chuzpe hatte, unmittelbar nach Hitlers Machtergreifung den Diktator in einem offenen Brief zur Revision seiner Judenpolitik aufzurufen. Er dachte auch nicht an Pina Bausch, die den 70er Jahren mit ihrer Compagnie die Tanzkunst revolutioniert hatte.
Nein, Nick Dmitriev dachte an Peter Kowald und Peter Brötzmann. Die beiden Wuppertaler hatten ihre Heimatstadt seit Mitte der 60er Jahre zu einem Metazentrum des Free Jazz und der Improvisierten Musik gemacht. Als der Wind der der Veränderungen in den 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts über das sowjetische Riesenreich fegte, als "Glasnost" und "Perestroika" den "eisernen Vorhang" durchlässiger machten, da waren es die beiden Peter des Wuppertaler Jazz, die die musikalische Idee der Freiheit, die Idee von der unmittelbaren Fertigung des musikalischen Ausdrucks im Augenblick des Entstehens, nach Russland transportierten. Zwar kursierten dort in interessierten Kreisen schon Platten des Berliner Free Jazz-Labels "Free Music Production", doch die unmittelbare Begegnung mit den Musikern aus der bergischen Metropole bedeutete für die russische Jazz-Szene eine Initialzündung. Zuerst fand in Moskau das erste "Internationale Jazz-Festival" statt, fast unmittelbar darauf folgte in Zürich das "Festival des Sowjetischen Neuen Jazz". Spätestens da war der "Sound of Whoopataal" global.
Dass das, was der Saxophonist Peter Brötzmann mit seiner Kaputtspielweise, mit seinem frenetisch überblasenen, hochenergetischen Saxophonspiel als Jazz-Rebell im Reich der Klänge in den frühen 60er Jahren begonnen hatte, zu einem Markenzeichen des "Wuppertaler Jazz" wurde, dass "Free Jazz" und Wuppertal - jedenfalls in deutschem Raum - zu Synonymen mutierten, ist vor allem das Verdienst des Bassmanns Peter Kowald. Kowald hatte seit den 70er Jahren weltweit ein globales Netzwerk geknüpft aus Musikern, bildenden Künstlern, Tänzern und Schriftstellern. Konzertreisen hatten ihn nicht nur nach Russland, sondern auch nach Afrika, in die Mongolei, nach China und Japan und in den letzten Lebensjahren vor allem in die USA geführt. Der Jazzer war ein Menschenfischer, der in seinem Netz die unterschiedlichsten Künstler in den verschiedensten Ländern einfing und in Kulturprojekten zusammenführte. Patricia Parker, die New Yorker Tänzerin und langjährige Freundin, die Kowald in seinen letzten Stunden, auf seiner letzten Reise begleitet hat, schreibt über ihn: "Wo immer er auftauchte, wurde er zu einem wichtigen und kritischen Teil dieses Ortes. Er war ein Macher, ein Mensch mit einem sehr starken Sinn für die Bedeutsamkeit einer Gemeinschaft, einer, der eine Vision hatte und davon getrieben war, diese zu verwirklichen. Wuppertal war seine Heimat, und von dort aus baute er Brücken zu anderen Kulturen und Künsten."

Foto: www.jazzbuch-wuppertal.de
Einmal aber, es war im Jahre 1994, entschied sich der Weltenbummler, für 365 Tage auf das Reisen zu verzichten. Der Lebensradius sollte nur soweit messen wie ihn sein Dreirad trug, mit dem er seinen Bass zu den Konzertorten in Wuppertal transportierte. Dieses Dreirad steht nun symbolisch am Beginn einer Retrospektive, die der Geschichte des Wuppertaler Jazz in der Zentrale der Stadtparkasse Wuppertal gewidmet ist. Vielleicht war jenes Jahr, als Kowald "vor Ort" blieb, für Wuppertal eines der kulturell fruchtbarsten überhaupt. "All die kreativen Menschen, die Kowald nach Wuppertal geholt hat, haben die Kultur dieser Stadt reicher gemacht und vielen Menschen hier `vor Ort´ wunderbare Stunden geschenkt. Wenn es einen ganz eigenen, ganz unverwechselbaren `Wuppertaler Sound´ gibt, dann ist es der multikulturelle, interkulturelle Klang der improvisierten Musik, des Free Jazz, in den sich so viele Stimmen aus aller Frauen und Herren Länder mischen", sagt Ausstellungsmacher E. Dieter Fränzel, der folgerichtig den Schwerpunkt dieser (Rück-)Schau auf die Zeit der jungen Wilden gelegt hat. "Sounds like Whoopataal" lautet der Titel der Ausstellung, die nicht nur regionale Kulturgeschichte, sondern auch die Bedeutung der bergischen Metropole in der Welt des Jazz dokumentiert. Wuppertal in der Perspektive der Jazz-Welt; die Welt des Jazz von Wuppertal aus betrachtet. "Think globaly - act localy!" könnte das Ausstellungsmotto lauten. Für Dr. Wolfram Knauer, Direktor des Jazzinstituts Darmstadt, ist Wuppertal daher "neben Berlin und Frankfurt das wichtigste Zentrum dieser Musikform."

Foto: www.jazzbuch-wuppertal.de
Photographien von Konzerten, Portraits der musikalischen Protagonisten und Plakate nehmen den Besucher mit auf eine Reise in jene bewegte Zeit, als "Saxophone klingen wie intensiviertes weißes Rauschen, Posaune wie Ausspuckgeräusche an den laufenden Bändern der Bergwerke, Trompeten wie unter atmosphärischem Druck zerplatzende Stahlkörper, Vibraphone wie Wind der in metallenen Zweigen geistert" (Joachim E. Behrendt).
Erfreulicherweise bleibt der Blick der Ausstellung nicht allein auf das rein musikalische Geschehen fokussiert, sondern öffnet sich für auch für die politischen Zusammenhänge. Etwa, wenn das Plakat zu dem Stück "Fick Nam" des amerikanischen Underground-Poeten Tuli Kupferberg gezeigt wird. Dessen apokalyptische Vision des Vietnam-Kriegs ging einst im legendären Kultur-Club "impuls" unter den psychedelischen Klängen der Wiesbadener Rock-Jazz-Gruppe "Xhol Caravan" über die Bühne und zeigte, wie US-amerikanische GI´s symbolisch ein nacktes vietnamesisches Kind verspeisen. Am nächsten Tag demonstrierte die Junge Union für die Absetzung des Stückes "Denken statt Ficken" stand auf ihren Plakaten.
Doch werden nicht allein die 60er Jahre mit ihrer Aufbruchsstimmung in den Blick genommen. Insgesamt bildet die Ausstellung 80 Jahre Wuppertaler Jazzgeschichte ab, von Hot und Swing in den 20er Jahren über die NS-Zeit, in der Jazz zur "entarteten Musik" erklärt und "Swingtanzen verboten!" wird. Dargestellt werden die Nachkriegszeit, als der Jazz als US-Import ein Gefühl der Freiheit vermittelte, sowie die jüngsten Entwicklungen dieser Musikform.
Dankenswerterweise wurde dabei ein fast vergessenes Kapitel deutscher, ja europäischer Jazzgeschichte wieder entdeckt: Das Leben Ernst Höllerhagens, des deutschen "King of Swing". Benny Goodman war angeblich so begeistert vom Spiel Höllerhagens, dass er ihm seine Klarinette zum Spielen gab. Eine Art Ritterschlag unter Musikern. Ob das nun eine Legende ist oder nicht: Sicherlich sagt diese Geschichte sehr viel über die herausragende Qualität des Barmer Jazzmusikers aus, der mit nur 20 Jahren zum besten Saxophonisten Deutschlands gekürt wurde. Während der 30er Jahre spielte Höllerhagen in den besten deutschen Unterhaltungsorchestern in den sagenumwobenen Amüsiertempeln Berlins. Als 1939 der Krieg ausbrach, entschied sich Ernst, "Erni" Höllerhagen, der sich gerade in der Schweiz aufhielt, dort zu bleiben. Höllerhagen war kein Widerstandkämpfer, aber mit Hitlers Wölfen swingen und Göbbels den Marsch blasen, das mochte, das konnte er nicht. "Lieber mit Benny Goodmans Musik sterben als mit Marschmusik leben", hat er einmal gesagt und so blieb er im Schweizer Exil. Bis zu seinem Freitod im Jahre 1956 bleibt er an der Seite seines Freundes und musikalischen Wegbegleiters und Freundes Hazy Osterwald.
Neben diesen großen Linien würdigt die bis ins Detail liebevoll gestaltete Schau auch die Zeit der Clubs in den 50er und 60er Jahren. Ohne das Engagement unzähliger Helfer hätte der Jazz in Wuppertal seine Wirkung nicht entfalten können.

Foto: www.jazzbuch-wuppertal.de
Hör- und Videostationen sowie eine Dia-Schau laden den Besucher zu einer multimedialen Zeitreise durch 80 Jahre Musik und Zeitgeschichte ein. Dass die Geschichte des Jazz auch die Geschichte seiner Tonträger ist, wurde nicht vergessen. So fehlen die Kofferradios aus den 50er Jahren, die "Schneewittchensarg" getaufte Braun-Kompaktanlage ebenso wenig wie der im Volksmund "Göbbels-Schnauze" genannte "Deutsche Volksempfänger" aus der Nazi-Zeit. Am letzteren hatte der Wuppertaler Sänger und Pianist Wolfgang Sauer heimlich auf den englischen und amerikanischen Soldatensendern BBC bzw. AFN Jazz und Swing gelauscht und so seine Liebe zu dieser Musik entdeckt.
Was die Ausstellung "Sounds like Whoopataal" aber zu einem überregional ausstrahlenden Ereignis werden lässt, ist vor allem die Qualität der Bildenden Kunst, die hier zusammen getragen wurde. Das ist kein Zufall; denn die Grenzüberschreitungen des Jazz zu den anderen Künsten, zu Literatur, Tanz und Theater gehören zu den großen Besonderheiten in Wuppertal. Der junge Werkkunst-Student Peter Brötzmann war bereits bekannt mit Fluxus-Künstlern wie Nam June Paik und Wolf Vostell. Brötzmanns musikalische Ideen entstanden auch im Dunstkreis der legendären Happenings in der Wuppertaler Galerie Parnass, an denen neben Letztgenannten auch Joseph Beuys teilnahm. So verwundert es nicht, dass die Liaison zwischen Jazz und Bildender Kunst in der Schau zum tragenden Element geworden ist. Selbst von den elegant geformten Holzbrettchen des Wuppertaler Daxophon-Erfinders und Musikers Hans Reichel, die jene surreal menschlich-singende Stimmlage imitieren können, geht ein starker ästhetischer Reiz aus: Das Daxophon selbst erscheint im Kontext dieser Ausstellung als eine Mischung aus Musikinstrument und Objekt-Kunst.
In Retrospektive sind Bilder und Objekte von Künstlern zu sehen, die sich vom Jazz in Wuppertal oder seinen Protagonisten haben beeinflussen bzw. inspirieren lassen: Werke u.a. von Tony Cragg, A.R. Penck, Helge Leiberg, Eugen Egner und Wolf Erlbruch. Das Wirken und die Präsenz von Peter Brötzmann und Peter Kowald werden durch Objekte des Wuppertaler Kulturpreisträgers Gerd Hanebeck auf magische Weise gewürdigt. Am Ende des Rundganges wartet dann noch ein Höhepunkt auf den Besucher: James Rogers´ großformatiges und -artiges Bild "Birdland", eine Reminiszenz an den legendären Jazz-Club, in dem Charlie "Bird" Parker Hof hielt. Jener Charlie Parker, auf den einst der Wuppertaler Ernst Höllerhagen in Paris getroffen war. "Birdland" ist abstrakter Bebop auf Leinwand - in dem Bild ist auf geheimnisvolle Weise "all that Jazz" eingefangen: sein Swing, seine spontane innere Bewegung - seine Freiheit.
Die Ausstellung im Sparkassenforum Wuppertal-Elberfeld, Islandufer, ist noch bis
zum 12. Januar 2007 zu sehen. Ein umfangreiches Begleitprogramm mit Konzerten und Zeitzeugengesprächen ergänzt die Retrospektive. Das Programm finden Sie unter www.jazzbuch-wuppertal.de
Online-Flyer Nr. 71 vom 21.11.2006
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Kultur und Wissen
Ausstellung über Wuppertal in der Welt des Jazz
"Sounds like Whoopataal"
Von Heiner Bontrup
Für Nick Dmitriev, den vor einem Jahr verstorbenen Organisator der sowjetischen Jazz-Szene war Wuppertal eine Stadt "kultureller Helden". Und dabei dachte er - jedenfalls nicht zuerst - an die wunderbare schräg-verrückte Dichterin Else Lasker-Schüler, nicht an den expressionistischen Arbeiterdichter Paul Zech oder den todesmutigen Schriftsteller Armin T. Wegner, der die unglaubliche Chuzpe hatte, unmittelbar nach Hitlers Machtergreifung den Diktator in einem offenen Brief zur Revision seiner Judenpolitik aufzurufen. Er dachte auch nicht an Pina Bausch, die den 70er Jahren mit ihrer Compagnie die Tanzkunst revolutioniert hatte.
Nein, Nick Dmitriev dachte an Peter Kowald und Peter Brötzmann. Die beiden Wuppertaler hatten ihre Heimatstadt seit Mitte der 60er Jahre zu einem Metazentrum des Free Jazz und der Improvisierten Musik gemacht. Als der Wind der der Veränderungen in den 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts über das sowjetische Riesenreich fegte, als "Glasnost" und "Perestroika" den "eisernen Vorhang" durchlässiger machten, da waren es die beiden Peter des Wuppertaler Jazz, die die musikalische Idee der Freiheit, die Idee von der unmittelbaren Fertigung des musikalischen Ausdrucks im Augenblick des Entstehens, nach Russland transportierten. Zwar kursierten dort in interessierten Kreisen schon Platten des Berliner Free Jazz-Labels "Free Music Production", doch die unmittelbare Begegnung mit den Musikern aus der bergischen Metropole bedeutete für die russische Jazz-Szene eine Initialzündung. Zuerst fand in Moskau das erste "Internationale Jazz-Festival" statt, fast unmittelbar darauf folgte in Zürich das "Festival des Sowjetischen Neuen Jazz". Spätestens da war der "Sound of Whoopataal" global.
Dass das, was der Saxophonist Peter Brötzmann mit seiner Kaputtspielweise, mit seinem frenetisch überblasenen, hochenergetischen Saxophonspiel als Jazz-Rebell im Reich der Klänge in den frühen 60er Jahren begonnen hatte, zu einem Markenzeichen des "Wuppertaler Jazz" wurde, dass "Free Jazz" und Wuppertal - jedenfalls in deutschem Raum - zu Synonymen mutierten, ist vor allem das Verdienst des Bassmanns Peter Kowald. Kowald hatte seit den 70er Jahren weltweit ein globales Netzwerk geknüpft aus Musikern, bildenden Künstlern, Tänzern und Schriftstellern. Konzertreisen hatten ihn nicht nur nach Russland, sondern auch nach Afrika, in die Mongolei, nach China und Japan und in den letzten Lebensjahren vor allem in die USA geführt. Der Jazzer war ein Menschenfischer, der in seinem Netz die unterschiedlichsten Künstler in den verschiedensten Ländern einfing und in Kulturprojekten zusammenführte. Patricia Parker, die New Yorker Tänzerin und langjährige Freundin, die Kowald in seinen letzten Stunden, auf seiner letzten Reise begleitet hat, schreibt über ihn: "Wo immer er auftauchte, wurde er zu einem wichtigen und kritischen Teil dieses Ortes. Er war ein Macher, ein Mensch mit einem sehr starken Sinn für die Bedeutsamkeit einer Gemeinschaft, einer, der eine Vision hatte und davon getrieben war, diese zu verwirklichen. Wuppertal war seine Heimat, und von dort aus baute er Brücken zu anderen Kulturen und Künsten."

Foto: www.jazzbuch-wuppertal.de
Einmal aber, es war im Jahre 1994, entschied sich der Weltenbummler, für 365 Tage auf das Reisen zu verzichten. Der Lebensradius sollte nur soweit messen wie ihn sein Dreirad trug, mit dem er seinen Bass zu den Konzertorten in Wuppertal transportierte. Dieses Dreirad steht nun symbolisch am Beginn einer Retrospektive, die der Geschichte des Wuppertaler Jazz in der Zentrale der Stadtparkasse Wuppertal gewidmet ist. Vielleicht war jenes Jahr, als Kowald "vor Ort" blieb, für Wuppertal eines der kulturell fruchtbarsten überhaupt. "All die kreativen Menschen, die Kowald nach Wuppertal geholt hat, haben die Kultur dieser Stadt reicher gemacht und vielen Menschen hier `vor Ort´ wunderbare Stunden geschenkt. Wenn es einen ganz eigenen, ganz unverwechselbaren `Wuppertaler Sound´ gibt, dann ist es der multikulturelle, interkulturelle Klang der improvisierten Musik, des Free Jazz, in den sich so viele Stimmen aus aller Frauen und Herren Länder mischen", sagt Ausstellungsmacher E. Dieter Fränzel, der folgerichtig den Schwerpunkt dieser (Rück-)Schau auf die Zeit der jungen Wilden gelegt hat. "Sounds like Whoopataal" lautet der Titel der Ausstellung, die nicht nur regionale Kulturgeschichte, sondern auch die Bedeutung der bergischen Metropole in der Welt des Jazz dokumentiert. Wuppertal in der Perspektive der Jazz-Welt; die Welt des Jazz von Wuppertal aus betrachtet. "Think globaly - act localy!" könnte das Ausstellungsmotto lauten. Für Dr. Wolfram Knauer, Direktor des Jazzinstituts Darmstadt, ist Wuppertal daher "neben Berlin und Frankfurt das wichtigste Zentrum dieser Musikform."

Foto: www.jazzbuch-wuppertal.de
Photographien von Konzerten, Portraits der musikalischen Protagonisten und Plakate nehmen den Besucher mit auf eine Reise in jene bewegte Zeit, als "Saxophone klingen wie intensiviertes weißes Rauschen, Posaune wie Ausspuckgeräusche an den laufenden Bändern der Bergwerke, Trompeten wie unter atmosphärischem Druck zerplatzende Stahlkörper, Vibraphone wie Wind der in metallenen Zweigen geistert" (Joachim E. Behrendt).
Erfreulicherweise bleibt der Blick der Ausstellung nicht allein auf das rein musikalische Geschehen fokussiert, sondern öffnet sich für auch für die politischen Zusammenhänge. Etwa, wenn das Plakat zu dem Stück "Fick Nam" des amerikanischen Underground-Poeten Tuli Kupferberg gezeigt wird. Dessen apokalyptische Vision des Vietnam-Kriegs ging einst im legendären Kultur-Club "impuls" unter den psychedelischen Klängen der Wiesbadener Rock-Jazz-Gruppe "Xhol Caravan" über die Bühne und zeigte, wie US-amerikanische GI´s symbolisch ein nacktes vietnamesisches Kind verspeisen. Am nächsten Tag demonstrierte die Junge Union für die Absetzung des Stückes "Denken statt Ficken" stand auf ihren Plakaten.
Doch werden nicht allein die 60er Jahre mit ihrer Aufbruchsstimmung in den Blick genommen. Insgesamt bildet die Ausstellung 80 Jahre Wuppertaler Jazzgeschichte ab, von Hot und Swing in den 20er Jahren über die NS-Zeit, in der Jazz zur "entarteten Musik" erklärt und "Swingtanzen verboten!" wird. Dargestellt werden die Nachkriegszeit, als der Jazz als US-Import ein Gefühl der Freiheit vermittelte, sowie die jüngsten Entwicklungen dieser Musikform.
Dankenswerterweise wurde dabei ein fast vergessenes Kapitel deutscher, ja europäischer Jazzgeschichte wieder entdeckt: Das Leben Ernst Höllerhagens, des deutschen "King of Swing". Benny Goodman war angeblich so begeistert vom Spiel Höllerhagens, dass er ihm seine Klarinette zum Spielen gab. Eine Art Ritterschlag unter Musikern. Ob das nun eine Legende ist oder nicht: Sicherlich sagt diese Geschichte sehr viel über die herausragende Qualität des Barmer Jazzmusikers aus, der mit nur 20 Jahren zum besten Saxophonisten Deutschlands gekürt wurde. Während der 30er Jahre spielte Höllerhagen in den besten deutschen Unterhaltungsorchestern in den sagenumwobenen Amüsiertempeln Berlins. Als 1939 der Krieg ausbrach, entschied sich Ernst, "Erni" Höllerhagen, der sich gerade in der Schweiz aufhielt, dort zu bleiben. Höllerhagen war kein Widerstandkämpfer, aber mit Hitlers Wölfen swingen und Göbbels den Marsch blasen, das mochte, das konnte er nicht. "Lieber mit Benny Goodmans Musik sterben als mit Marschmusik leben", hat er einmal gesagt und so blieb er im Schweizer Exil. Bis zu seinem Freitod im Jahre 1956 bleibt er an der Seite seines Freundes und musikalischen Wegbegleiters und Freundes Hazy Osterwald.
Neben diesen großen Linien würdigt die bis ins Detail liebevoll gestaltete Schau auch die Zeit der Clubs in den 50er und 60er Jahren. Ohne das Engagement unzähliger Helfer hätte der Jazz in Wuppertal seine Wirkung nicht entfalten können.

Foto: www.jazzbuch-wuppertal.de
Hör- und Videostationen sowie eine Dia-Schau laden den Besucher zu einer multimedialen Zeitreise durch 80 Jahre Musik und Zeitgeschichte ein. Dass die Geschichte des Jazz auch die Geschichte seiner Tonträger ist, wurde nicht vergessen. So fehlen die Kofferradios aus den 50er Jahren, die "Schneewittchensarg" getaufte Braun-Kompaktanlage ebenso wenig wie der im Volksmund "Göbbels-Schnauze" genannte "Deutsche Volksempfänger" aus der Nazi-Zeit. Am letzteren hatte der Wuppertaler Sänger und Pianist Wolfgang Sauer heimlich auf den englischen und amerikanischen Soldatensendern BBC bzw. AFN Jazz und Swing gelauscht und so seine Liebe zu dieser Musik entdeckt.
Was die Ausstellung "Sounds like Whoopataal" aber zu einem überregional ausstrahlenden Ereignis werden lässt, ist vor allem die Qualität der Bildenden Kunst, die hier zusammen getragen wurde. Das ist kein Zufall; denn die Grenzüberschreitungen des Jazz zu den anderen Künsten, zu Literatur, Tanz und Theater gehören zu den großen Besonderheiten in Wuppertal. Der junge Werkkunst-Student Peter Brötzmann war bereits bekannt mit Fluxus-Künstlern wie Nam June Paik und Wolf Vostell. Brötzmanns musikalische Ideen entstanden auch im Dunstkreis der legendären Happenings in der Wuppertaler Galerie Parnass, an denen neben Letztgenannten auch Joseph Beuys teilnahm. So verwundert es nicht, dass die Liaison zwischen Jazz und Bildender Kunst in der Schau zum tragenden Element geworden ist. Selbst von den elegant geformten Holzbrettchen des Wuppertaler Daxophon-Erfinders und Musikers Hans Reichel, die jene surreal menschlich-singende Stimmlage imitieren können, geht ein starker ästhetischer Reiz aus: Das Daxophon selbst erscheint im Kontext dieser Ausstellung als eine Mischung aus Musikinstrument und Objekt-Kunst.
In Retrospektive sind Bilder und Objekte von Künstlern zu sehen, die sich vom Jazz in Wuppertal oder seinen Protagonisten haben beeinflussen bzw. inspirieren lassen: Werke u.a. von Tony Cragg, A.R. Penck, Helge Leiberg, Eugen Egner und Wolf Erlbruch. Das Wirken und die Präsenz von Peter Brötzmann und Peter Kowald werden durch Objekte des Wuppertaler Kulturpreisträgers Gerd Hanebeck auf magische Weise gewürdigt. Am Ende des Rundganges wartet dann noch ein Höhepunkt auf den Besucher: James Rogers´ großformatiges und -artiges Bild "Birdland", eine Reminiszenz an den legendären Jazz-Club, in dem Charlie "Bird" Parker Hof hielt. Jener Charlie Parker, auf den einst der Wuppertaler Ernst Höllerhagen in Paris getroffen war. "Birdland" ist abstrakter Bebop auf Leinwand - in dem Bild ist auf geheimnisvolle Weise "all that Jazz" eingefangen: sein Swing, seine spontane innere Bewegung - seine Freiheit.
Die Ausstellung im Sparkassenforum Wuppertal-Elberfeld, Islandufer, ist noch bis
zum 12. Januar 2007 zu sehen. Ein umfangreiches Begleitprogramm mit Konzerten und Zeitzeugengesprächen ergänzt die Retrospektive. Das Programm finden Sie unter www.jazzbuch-wuppertal.de
Online-Flyer Nr. 71 vom 21.11.2006
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