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Lokales
Interview mit Katlen Peter vom Kölner Gleichstellungsamt
"Gewalt kommt nicht in die Tüte"
Von Marilena Thanassoula

Im Gegensatz zu anderen internationalen Gedenktagen ist der 25. November, der "Tag gegen Gewalt an Frauen", eher unbekannt. Deshalb macht das Kölner Amt für die Gleichstellung von Frauen und Männern die Bürger mit einer Aktion auf der Schildergasse am 24. November darauf aufmerksam - aus gutem Grund. Dazu das folgende Interview mit Katlen Peter vom Kölner Gleichstellungsamt.
NRhZ: Frau Peter, was hat das Kölner Amt für Gleichstellung zum internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen geplant?

Katlen Peter: Am Freitag, dem Tag vorher, werden wir zusammen mit dem Arbeitskreis "Gegen Gewalt an Frauen und Kindern" mit einem Informationsstand auf der Schildergasse vor dem Kaufhof stehen. Da haben wir auch letztes Jahr gestanden, und wir wollen es wiederholen, um auf diesen Gedenktag aufmerksam zu machen. Im Arbeitskreis engagieren sich mehr als 20 Einrichtungen der autonomen Frauenprojekte, der Frauenhilfe, verschiedener Verbände und Institutionen. Ebenfalls vertreten ist dort die Polizei und das Land- und Amtsgericht Köln. Wir, das Amt für Gleichstellung von Frauen und Männern, koordinieren den Arbeitskreis.

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Foto: NRhZ-Archiv

Bei unserer Aktion werden wir Brötchentüten verteilen, mit der Aufschrift " Gewalt kommt nicht in die Tüte". Mit dieser Aktion wollen wir PassantInnen ansprechen und sie auf die vielen Beratungs- und Hilfsangebote, die in Köln existieren, aufmerksam machen und darüber informieren. Dazu verteilen wir Flyer mit einem kurzen Überblick über die Hilfsangebote. Auch haben wir eine Kurzübersicht (Orientierungshilfe) über die Hilfsangebote erstellt. Ziel ist, Betroffene und Helfende in die Lage zu versetzen, mühelos die richtige Anlaufstelle ausfindig zu machen. Wir stellen auch Material zu den einzelnen Institutionen und Beratungsstellen zur Verfügung, z. B über die Frauenhäuser in Köln. Auch in der KVB werden Plakate aufgehängt, um auf den 25.November aufmerksam zu machen.

Ist immer noch die eigene Familie und das eigene Haus die gefährlichste Umgebung für Frauen in Deutschland?

Diese Frage muss ich leider eindeutig mit "Ja" beantworten. Gewalt gegen Frauen tritt zwar in unterschiedlichen Lebensbereichen auf, also im häuslichen Bereich, am Arbeitsplatz, im Sportverein und im öffentlichen Raum. Überwiegend wird aber Gewalt gegen Frauen im häuslichen Bereich ausgeübt und zwar durch nahe stehende Männer, also durch den Ehepartner oder Lebensgefährten, leider aber auch durch Brüder, Söhne, Väter. Ganz klar ist der gefährlichste Raum für Frauen der häusliche Bereich.

Leider gehört die Konfrontation mit verschiedenen Gewaltformen zur Alltagsrealität vieler Frauen und Mädchen. Es hat dazu 2004 eine erste repräsentative Studie des Bundesministeriums für Familie gegeben. Die hat sich mit der Lebenssituation, der Sicherheit und Gesundheit der Frauen in Deutschland befasst und ganz erschreckende Ergebnisse gebracht. Man muss sich vorstellen: zwei von fünf Frauen haben in ihrem Leben sexuelle oder körperliche Gewalt erlebt, jede vierte Frau wird von ihrem Partner misshandelt und 80 Prozent der Vergewaltigungsopfer kennen den Täter. Diese Zahlen muss man sich erst mal wirklich bewusst machen. Sie zeigen ganz eindeutig: im häuslichen Bereich, im sozialen Nahraum findet Gewalt überwiegend gegen Frauen statt. Dies ist erwiesen.

Hinzu kommt: diese Aussagen beschränken sich auf die sexuelle und körperliche Gewalt. Es gibt aber auch noch ganz andere Gewaltformen. Zu den Erfahrungen von Frauen und Mädchen gehören auch die unterschiedlichsten Formen von psychischer und emotionaler Gewalt, wie z.B. Ausgrenzung, Missachtung, ungleiche Behandlung oder auch ökonomische Gewalt, wenn Männer ihren Frauen den Zugriff auf gemeinsame Konten wegnehmen. Das sind auch Gewalttaten. Gewalttaten haben immer etwas mit Ausübung von Macht zu tun.

Man stellt sich vielleicht vor, so etwas findet nur in untersten Schichten der Gesellschaft statt. Stimmt aber nicht! Die genannte Studie beweist das Gegenteil: Gewalt findet unabhängig von Bildung, Einkommen, und Schichtenzugehörigkeit statt. Es geht eigentlich immer um Ausübung von Macht. Risikofaktoren sind Trennung und Trennungsabsichten, aber auch Gewalterfahrungen der Frauen in der Kindheit, z.B. zwischen oder durch die Eltern. Dann empfinden die Frauen die Gewalt ein Stück weit als Normalität und bleiben vielleicht viel länger in einer Gewaltbeziehung, weil Gewalt für sie ja eben "normal" ist.

Wie könnte man diese Situation ändern?

Durch ganz viel Aufklärungs-,Öffentlichkeits- und Informationsarbeit. Die erwähnte Studie des Bundesministeriums hat u.a. gezeigt, dass viel zu wenig Frauen über Hilfsangebote informiert sind. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, dass es seit 2002 das Gewaltschutzgesetz gibt - ein Gesetz zur Verbesserung des zivilrechtlichen Schutzes bei Gewalttaten und Nachstellungen. Seitdem ist die Polizei in der Lage, Wohnungsverweisungen auszusprechen. Früher war es so: die Frau musste die Wohnung verlassen, wenn sie Gewalt entgehen wollte. Das ist heute anders: Nach dem Prinzip "Wer schlägt muss gehen" kann die Polizei den Täter aus der Wohnung verweisen. Seit diesem Gesetz sind auch hier in Köln die Anzeigen wegen häuslicher Gewalt sprunghaft angestiegen. Es hat 2005 2.387 Fälle gegeben und die Polizei konnte 1.246 Wohnungsverweisungen aussprechen. Allerdings muss man sagen: Es gibt immer noch eine große Dunkelziffer, denn gezählt werden ja nur die Fälle, die zur Anzeige gebracht werden. Das Gesetz hat die Situation der Betroffenen zweifellos verbessert, aber es ist noch viel zu tun, und es müssen viel mehr Frauen ermutigt werden, Gewalt nicht einfach hinzunehmen, sondern Gewalttaten anzuzeigen. Und : es muss auch für eine angemessene finanzielle Ausstattung der Beratungsstellen gesorgt werden.

Möchten Sie von sich aus, aufgrund Ihrer Erfahrungen noch etwas sagen?

Ich würde gerne sagen, dass dafür gesorgt werden muss, dass es keine weiteren Kürzungen bei den wichtigen Institutionen, wie z.B. bei den Frauenhäusern oder der Mädchenberatungsstelle "Lobby für Mädchen", geben darf. Die in diesem Jahr vorgenommene Kürzungen des Landes sind sehr beunruhigend: Frauenhäuser sind trotz des Gewaltschutzgesetzes notwendig. Sie sind meistens ausgebucht und oft der letzte Ausweg für Frauen, einer Gewaltbeziehung zu entkommen. Durch die Kürzungen ist in jedem Frauenhaus - in Köln gibt es zwei - eine Sozialarbeiterinnenstelle weggefallen. Das bedeutet eingeschränkte Beratung, eingeschränkte Hilfe für die Frauen und ihre Kinder.

Die Statistik und der tägliche Bedarf zeigen, dass wir uns eine Reduktion der Beratungs- und Zufluchtsmöglichkeiten nicht leisten können. Wir müssen bedenken, die Kürzungen haben nicht nur für die Betroffenen Folgen, sondern sie haben für uns alle gesellschaftspolitische Folgen. Daher darf es keine weiteren Kürzungen bei den Frauenhäusern und bei den Beratungsstellen geben.

Online-Flyer Nr. 71  vom 21.11.2006

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