NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

zurück  
Druckversion

Wirtschaft und Umwelt
Dritte Welt - Erste Welt = Eine Welt   -   Deine Welt - Meine Welt? Oder nur Handelsobjekt?
Fairer Handel zwischen Marke und Siegel
Von Elmar Klevers

"Fairer Handel ist eine Handelspartnerschaft, die auf Dialog, Transparenz und Respekt beruht und nach mehr Gerechtigkeit im internationalen Handel strebt. Durch bessere Handelsbedingungen und die Sicherung sozialer Rechte für benachteiligte ProduzentInnen und ArbeiterInnen - insbesondere in den Ländern des Südens - leistet der Faire Handel einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung." Dies ist das Postulat vom "Eine Welt Netz NRW - Projekt für fairen Handel". Es ist eine Landesstiftung des Landes NRW und wird zurzeit noch von der Landesregierung getragen. Eine Welt Netz hatte zum 22. November nach Oberhausen ins Zentrum Altenberg eingeladen. Diese Einladung der am "Fair-Handelsmarkt" Beteiligten diente zur Diskussion der derzeitigen Situation.

Grundlage für die Arbeit Der Begriff "Fairer Handel" ist bis jetzt weder geschützt, noch durch eine europäische Richtlinie geregelt. Allerdings bildet ein weltweit anerkanntes und definiertes "Fair Trade"-Siegel zurzeit den einzig verlässlichen Maßstab. Das EU-Parlament forderte im Sommer 2006 die Kommission auf, eine klare Empfehlung zugunsten des Fairen Handels herauszugeben und die Definition der Fair-Trade-Bewegung zu übernehmen. Bis jetzt aber wird alles ungeregelt auf freiwilliger Basis abgewickelt.

Als eine politische und humanitäre Bewegung entstand die "Fair-Handels-Bewegung" in den siebziger Jahren aus kleinsten Anfängen auf der Basis örtlicher Partnerschaftsbeziehungen, beispielsweise einer deutschen Eine-Welt-Gruppe und einem Dorf in Afrika. Heute agieren fünf international kooperierende (oder konkurrierende) Organisationen. Es sind: Efta, ein Zusammenschluss von elf europäischen Handels-Importeuren; FLO, ein Zusammenschluss nationaler Siegelinitiativen; IFAT, ein Verbund der Fair-Handels-Organisationen sowie "News und Netzwerk der europäischen Weltläden" und "Rapunzel Naturkost AG - Hand in Hand".

Arbeitsweise   

Trotz des guten Willens, den alle Beteiligten an den Tag legen, um dem guten Zweck zu dienen, versucht doch jeder Marktteilnehmer, sein "eigenes Süppchen" zu kochen. Nach neoliberalen Wertvorstellungen ist ein scharfer Wettbewerb nichts Schädliches, aber für das Ziel einer solidarischen Hilfe für die Menschen in den "Ländern des Südens" kann Wettbewerb abträglich sein. Auf den Begriff "Länder des Südens" hat man sich verständigt, um nicht dauernd von der "Dritten Welt" zu sprechen.

Die oben genannten Organisationen wenden unterschiedliche Handels- und Zertifizierungsgrundsätze an. Diese sind für die Produkte, soweit sie durch europäische Organisationen formuliert wurden, nicht einheitlich. Dagegen wenden die US-amerikanischen Organisationen strengere und vor allem einheitliche Standards an.

In Deutschland werden die Dinge noch komplizierter, weil sie bei einigen Organisationen zusätzlich mit ökologischen Grundsätzen angereichert werden. Der Verband "Rapunzel Naturkost AG - Hand in Hand" handelt nach eigenen Angaben nur fair und ökologisch angebaute Produkte. Die Kontrollen der Partner werden vom Firmenchef weltweit restriktiv durchgeführt. Ein anderer Firmenverbund stellt dem "Fair Trade"-Siegel das Markenzeichen des Hauses "gepa" entgegen und will mit seinem Firmennamen "Fair Handelshaus GmbH" eine Garantie für fairen Handel bieten. Andere Marktteilnehmer vertreiben über Großkunden, z.B. Lidl, Air Berlin, Kaisers Kaffee - Tengelmann ihre Produkte. Diese Großkunden arbeiten mit geringeren Preis-Aufschlägen als die Weltläden, wodurch letztere sich in die Ecke gedrängt fühlen. Die Karstadt Warenhaus GmbH vertreibt seit langer Zeit "Fair Produkte", ist aber mitunter auch gezwungen, diese mit in Sonderangeboten anzusetzen. Die Weltläden mischen ihr Angebot an Fair-Produkten aus ökologischen und auf herkömmliche Weise produzierten Waren mit heimischen, aber ökologisch hergestellten Waren inklusive Frischprodukten.

Karikatur: Kostas Koufogiorgos
Karikatur: Kostas Koufogiorgos
www.koufogiorgos.de


Eine weitere Variante kam in heftiger Form in die Diskussion, als einige Lidl-Beschäftigte lautstark ihren Unmut über die Zustände und den wahnsinnigen Arbeitsdruck in ihrem Unternehmen  zur Sprache brachten. Sie verlangten, dass fairer Handel nicht nur für die Menschen in den Ländern des Südens unter menschenwürdigen Zuständen erfolgen sollte, sondern sich auch bei uns in menschwürdiger Behandlung der Beschäftigten niederschlagen  müsste. Die Vertreter der Handelsverbände bedauerten die sich immer weiter verschlechternden Arbeitsverhältnisse im hiesigen Bereich, verwiesen aber gleichzeitig darauf, man könne nicht die Arbeitnehmer-Vertretung in den Betrieben ablösen und deren Verpflichtungen übernehmen.

Volumen des Fairen Handels in Deutschland im Vergleich zu Europa  
In Deutschland liegt der Anteil der fair gehandelten Waren bei einem Prozent des Gesamtumsatzes im Handel. Hierin sind auch die ökologisch produzierten Waren enthalten. Die Menge ist optisch gesehen sehr klein. Aber um das zu erreichen, bedurfte es großer Anstrengungen. In Großbritannien sind es bereits vier Prozent des Gesamtumsatzes und die Schweiz liegt bei 19 Prozent.

Es bleibt also noch viel zu tun, um einen effektiven Beitrag für die Partner in den überseeischen Gebieten zu leisten. Für den relativ geringen deutschen Umsatz und die damit verbundene bescheidene Hilfe gibt es einen wichtigen Grund im Vergleich zu anderen Ländern. Es sei, so hieß es auf der Tagung, der rasante Sozialabbau und die Bedrohung der Mittelschicht in ihrer Existenz. In den Vergleichsländern sei das Tal der Tränen vor langer Zeit durchschritten worden, und sie befänden sich wieder im Aufwind. Die fair gehandelten Waren sind teurer als die Produkte vom subventionierten Weltmarkt, und abgeben in diesem Sinne kann nur der, der nicht so sehr auf den Cent zu schauen braucht.

Nach Aussagen der Verbandsvertreter und anderer Fachleute sind derzeit etwa 750 Produkte im fairen Handel. Dabei machen die Lebensmittel den größten Einzelposten aus. Es sind vor allem Kaffee, Zucker, Süßwaren, Obstsäfte, Schokolade, Weine, Erdnussprodukte, Bananen, Öle, Tee und viele andere. Zu einer weiteren Sparte gehören hochwertige Hölzer, Bauholz, Möbel und andere Baumaterialien. Die Sportbranche zählt zu den wichtigen Abnehmern fair gehandelter Waren: Bälle, Schuhe, Trikots. Textilien aller Art gehören auch dazu, wobei dieses Segment unter den asiatischen Schleuderpreisen erheblich leidet.
Ausblick 

Abschließend waren alle Teilnehmer über die Verbandsgrenzen hinweg doch darüber einig, dass man beim Erreichten nicht stehen bleiben kann. Mit der Faust in der Tasche ließen sich die Weltläden-Vertreter davon überzeugen, dass es noch vieler großer Marktteilnehmer bedarf, die mit einzelnen Artikeln des fairen Handels Aktionen durchführen und diese dadurch bekannt machen. Da die Großen nur ein gewisses, aber kleines Sortiment aufnehmen, werden einmal von der guten Qualität dieser Produkte überzeugte Kunden diese und andere  fair gehandelte Waren in den Weltläden suchen und kaufen.

Damit kein falscher Eindruck über die Leistung des Fairen Handels und die entwicklungspolitische Wirkung entsteht, muss man berücksichtigen, dass hier auf freiwilliger Basis trotz allem "Gemenschelten" ein Umsatzvolumen von einem Prozent erreicht wurde. Im Gegensatz dazu gibt die deutsche Bundesregierung nur 0,7 Prozent für Entwicklungshilfe aus, und damit fördert man noch durch gezielten Mitteleinsatz die eigene Wirtschaft.

Online-Flyer Nr. 74  vom 12.12.2006

Druckversion     



Startseite           nach oben

KÖLNER KLAGEMAUER


Für Frieden und Völkerverständigung
FILMCLIP
FOTOGALERIE