SUCHE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Druckversion
Kultur und Wissen
Markante deutsche Lebensläufe – Buch-Vorwort statt Buch-Rezension
„Ich mische mich ein“
Von Wolfgang Bittner und Mark vom Hofe
Da die Fragen und als unwesentlich erachtete Abschweifungen hinterher herausgeschnitten werden, ergeben sich ausnahmslos spannende Lebenserinnerungen von jeweils etwa 25 Minuten. Menschen, die etwas zu sagen haben, berichten über ihre Erlebnisse, Erfahrungen und Einsichten. Auf diese Weise – und das ist nicht zu hoch gegriffen – ist im Laufe der Jahre mit mehr als 600 Sendungen ein Spektrum gesellschaftlichen Lebens – so genannte „oral history“ – über fast ein Jahrhundert entstanden: Tiefgründige soziale, psychologische, politische oder auch philosophische Einblicke. Es erschien angebracht, diesen Erfahrungsschatz in schriftlicher Form festzuhalten und als Buch zu veröffentlichen.
Von den bisher interviewten Persönlichkeiten sind in dem Buch „Ich mische mich ein“ einige versammelt, die sich in besonderer Weise gesellschaftlich engagiert haben, und die aus unterschiedlichen Perspektiven berichten: Der Kabarettist Dieter Hildebrandt zum Beispiel über seine Schulzeit in Bunzlau/Schlesien und den Neubeginn im Westen; der Sozialphilosoph Oskar Negt und die Frauenrechtlerin Frigga Haug über ihre Erfahrungen in der 68er-Bewegung; die ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgericht, Jutta Limbach, über Frauenemanzipation und von ihrer Kindheit während der kriegsbedingten Evakuierung in den Spreewald. Max von der Grün gibt Auskunft, wie er Schriftsteller geworden ist; die Sängerin Katja Ebstein, der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch und der Liedermacher Dieter Süverkrüp gewähren Einblick in ihre künstlerische Entwicklung.
Auffällig ist, dass viele der Zeitzeugen noch die Kriegs- oder Nachkriegszeit thematisieren. Bundesinnenminister a.D. Gerhart-Rudolf Baum, der im Februar 1945 den Bombenangriff auf Dresden miterlebt hat, spricht von einem Trauma; der Grafiker und Plakatkünstler Klaus Staeck erzählt detailreich, unter welchen Bedingungen er in Bitterfeld in der DDR aufgewachsen ist; Josef Angenfort, ehemaliger Landtagsabgeordneter der KPD in Nordrhein-Westfalen, berichtet von seiner Gefangennahme durch die Russen, von der Arbeit des Nationalkomitees Freies Deutschland und von der Kommunistenverfolgung in den fünfziger und sechziger Jahren; der Friedensaktivist und Minister a.D. Erhard Eppler irrte nach Kriegsende wochenlang durch Deutschland, bis er endlich zu seiner Familie fand.
Manche der Interviewten haben Probleme mit dem militanten westdeutschen und US-amerikanischen Antikommunismus gehabt, beispielsweise, Günter Wallraff, Oskar Negt, Joseph Weizenbaum, Helmut Prieß, Frigga Haug, Dieter Süverkrüp, Josef Angenfort oder der Trotzkist und Gewerkschafter Jakob Moneta. Andere sind aus der DDR geflüchtet, so Klaus Staeck oder Wilhelm Knabe. Der Computerexperte und Medienkritiker Joseph Weizenbaum musste als Jude bereits in jungen Jahren in die USA emigrieren und kehrte erst im Alter nach Deutschland zurück. Zivilcourage ist allen gemeinsam, dabei sind die Ausdrucksformen sehr verschieden.
So offenbart der Theaterregisseur Peter Palitzsch seine politischen Auffassungen und er berichtet von der Arbeit mit Bertolt Brecht und von dessen Frauen; Marianne Fritzen, Wilhelm Knabe und auch Konrad Tempel haben sich in der Umwelt- und Friedensbewegung exponiert; Günter Wallraff hat aufgrund seiner investigativen Arbeit zahlreiche Prozesse durchstehen müssen; Helmut Prieß beschreibt seine Schwierigkeiten als pazifistisch orientierter Offizier in der Bundeswehr; Michael Preute (alias Jacques Berndorf) hat in den achtziger Jahren trotz enormer Behinderungen den Regierungsbunker im Ahrtal erforscht. Der Steuerfahnder Klaus Förster deckte die Flick-Spendenaffäre auf und der Polizeihauptkommissar Hans Weide verweigerte den Befehl zur Räumung des Bauplatzes für das seinerzeit in Wyhl geplante Atomkraftwerk.
Das Buch enthält also Beiträge mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen, Betrachtungsweisen und Reflexionen, so dass in der Gesamtschau ein Mosaik deutscher Wirklichkeit des 20. Jahrhunderts entsteht. Weitere Bände zu anderen Themenschwerpunkten mit Interviews von Zeitzeugen aus dem Fundus der WDR-Sendereihe Erlebte Geschichten sollen folgen.

„Ich mische mich ein – Markante deutsche Lebensläufe“, Horlemann Verlag, Bad Honnef, 216 Seiten, 12,90 €. Herausgegeben von Wolfgang Bittner und Mark vom Hofe im Horlemann Verlag, Bad Honnef, in Zusammenarbeit mit dem WDR
Online-Flyer Nr. 78 vom 17.01.2007
Druckversion
Kultur und Wissen
Markante deutsche Lebensläufe – Buch-Vorwort statt Buch-Rezension
„Ich mische mich ein“
Von Wolfgang Bittner und Mark vom Hofe
Da die Fragen und als unwesentlich erachtete Abschweifungen hinterher herausgeschnitten werden, ergeben sich ausnahmslos spannende Lebenserinnerungen von jeweils etwa 25 Minuten. Menschen, die etwas zu sagen haben, berichten über ihre Erlebnisse, Erfahrungen und Einsichten. Auf diese Weise – und das ist nicht zu hoch gegriffen – ist im Laufe der Jahre mit mehr als 600 Sendungen ein Spektrum gesellschaftlichen Lebens – so genannte „oral history“ – über fast ein Jahrhundert entstanden: Tiefgründige soziale, psychologische, politische oder auch philosophische Einblicke. Es erschien angebracht, diesen Erfahrungsschatz in schriftlicher Form festzuhalten und als Buch zu veröffentlichen.
Von den bisher interviewten Persönlichkeiten sind in dem Buch „Ich mische mich ein“ einige versammelt, die sich in besonderer Weise gesellschaftlich engagiert haben, und die aus unterschiedlichen Perspektiven berichten: Der Kabarettist Dieter Hildebrandt zum Beispiel über seine Schulzeit in Bunzlau/Schlesien und den Neubeginn im Westen; der Sozialphilosoph Oskar Negt und die Frauenrechtlerin Frigga Haug über ihre Erfahrungen in der 68er-Bewegung; die ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgericht, Jutta Limbach, über Frauenemanzipation und von ihrer Kindheit während der kriegsbedingten Evakuierung in den Spreewald. Max von der Grün gibt Auskunft, wie er Schriftsteller geworden ist; die Sängerin Katja Ebstein, der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch und der Liedermacher Dieter Süverkrüp gewähren Einblick in ihre künstlerische Entwicklung.
Auffällig ist, dass viele der Zeitzeugen noch die Kriegs- oder Nachkriegszeit thematisieren. Bundesinnenminister a.D. Gerhart-Rudolf Baum, der im Februar 1945 den Bombenangriff auf Dresden miterlebt hat, spricht von einem Trauma; der Grafiker und Plakatkünstler Klaus Staeck erzählt detailreich, unter welchen Bedingungen er in Bitterfeld in der DDR aufgewachsen ist; Josef Angenfort, ehemaliger Landtagsabgeordneter der KPD in Nordrhein-Westfalen, berichtet von seiner Gefangennahme durch die Russen, von der Arbeit des Nationalkomitees Freies Deutschland und von der Kommunistenverfolgung in den fünfziger und sechziger Jahren; der Friedensaktivist und Minister a.D. Erhard Eppler irrte nach Kriegsende wochenlang durch Deutschland, bis er endlich zu seiner Familie fand.
Manche der Interviewten haben Probleme mit dem militanten westdeutschen und US-amerikanischen Antikommunismus gehabt, beispielsweise, Günter Wallraff, Oskar Negt, Joseph Weizenbaum, Helmut Prieß, Frigga Haug, Dieter Süverkrüp, Josef Angenfort oder der Trotzkist und Gewerkschafter Jakob Moneta. Andere sind aus der DDR geflüchtet, so Klaus Staeck oder Wilhelm Knabe. Der Computerexperte und Medienkritiker Joseph Weizenbaum musste als Jude bereits in jungen Jahren in die USA emigrieren und kehrte erst im Alter nach Deutschland zurück. Zivilcourage ist allen gemeinsam, dabei sind die Ausdrucksformen sehr verschieden.
So offenbart der Theaterregisseur Peter Palitzsch seine politischen Auffassungen und er berichtet von der Arbeit mit Bertolt Brecht und von dessen Frauen; Marianne Fritzen, Wilhelm Knabe und auch Konrad Tempel haben sich in der Umwelt- und Friedensbewegung exponiert; Günter Wallraff hat aufgrund seiner investigativen Arbeit zahlreiche Prozesse durchstehen müssen; Helmut Prieß beschreibt seine Schwierigkeiten als pazifistisch orientierter Offizier in der Bundeswehr; Michael Preute (alias Jacques Berndorf) hat in den achtziger Jahren trotz enormer Behinderungen den Regierungsbunker im Ahrtal erforscht. Der Steuerfahnder Klaus Förster deckte die Flick-Spendenaffäre auf und der Polizeihauptkommissar Hans Weide verweigerte den Befehl zur Räumung des Bauplatzes für das seinerzeit in Wyhl geplante Atomkraftwerk.
Das Buch enthält also Beiträge mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen, Betrachtungsweisen und Reflexionen, so dass in der Gesamtschau ein Mosaik deutscher Wirklichkeit des 20. Jahrhunderts entsteht. Weitere Bände zu anderen Themenschwerpunkten mit Interviews von Zeitzeugen aus dem Fundus der WDR-Sendereihe Erlebte Geschichten sollen folgen.

„Ich mische mich ein – Markante deutsche Lebensläufe“, Horlemann Verlag, Bad Honnef, 216 Seiten, 12,90 €. Herausgegeben von Wolfgang Bittner und Mark vom Hofe im Horlemann Verlag, Bad Honnef, in Zusammenarbeit mit dem WDR
Online-Flyer Nr. 78 vom 17.01.2007
Druckversion
NEWS
KÖLNER KLAGEMAUER
FILMCLIP
FOTOGALERIE






















