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Literatur
Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück - Folge 14
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
13.
Von vielen Fenstern des Hotels hatten die Gäste an diesem Morgen einen wunderschönen Blick auf den Ebro, auf das in der Sonne glitzernde Wasser, auf Boote und die Bäume an seinen Ufern.
Die beiden jungen Leute saßen im Restaurant und guckten nur unruhig und vergrämt aneinander vorbei. Felix hatte in der Nacht sehnsüchtig auf Dolores gewartet. Angst an ihre Zimmertür zu klopfen war ebenso wenig im Spiel gewesen, wie die Sorge, in ihrem Bett nicht richtig »drauf« zu sein. Nein, er bereute nichts und hatte immer noch alles im Griff. Nur seinen Gesichtsausdruck nicht.
Dolores hatte auch gewartet. Wer den ersten Schritt tun musste, war für sie keine Frage. Das heißt, bevor sie unter die Bettdecke gekrochen war, ganz kurz doch. Aber dann hatte sie der feste Schlaf nach der unruhigen Nacht in der Pampa einer Antwort enthoben.
Jetzt war das alles sowieso kein Problem mehr für sie. Auch so unterscheiden sich Tag und Nacht.
Felix zwang sich erfolglos mit Appetit zu frühstücken. Auch Dolores brachte kaum einen Bissen hinunter. Sie war immer noch im Ungewissen wegen der Bezahlung. Was hatte Felix bloß ausgehandelt? Ihr Stolz verbot ihr zu fragen. Ruckartig stand sie auf. Felix nahm an, dass sie sich noch etwas vom Büfett holen wollte. Als er später verwundert nach ihr Ausschau hielt, war sie bereits mit ihren Sachen auf dem Weg zum Auto.
Die Straße von Mora nach Corbera d'Ebre folgt einem natürlichen Tal. Rechts und links rücken die Berge der Sierra Pandols immer näher heran.
Corbera selbst breitet sich um einen Hügel aus, mit weithin sichtbarem Kirchturm auf dessen Spitze. Er schien nicht viel zu bieten, keine mittelalterlichen Gebäude, die Hauptstraße führte schnurgerade und fast menschenleer durch den Ort, vorbei an verschlafen wirkenden Häusern mit kleinen Fenstern oder zugeklappten Läden.
Dolores und Felix hatten schweigend nebeneinander gesessen. Kann sie nicht wenigstens fragen, wie's im Hotel gelaufen ist, dachte Felix verärgert und die junge Frau fand ihn im Gegenzug schrecklich überheblich. Alles im Griff. Alles im Griff!
Ein Schild wies ihnen den Weg. Dolores bog nach rechts und schaltete gerade noch rechtzeitig in den ersten Gang, weil die Straße steil nach oben führte. Ein Baufahrzeug versperrte ihnen die Weiterfahrt. Dolores stieg wütend aus und gab dem Fahrer unmissverständliche Zeichen auszuweichen. Der dachte aber nicht daran.
»So sind sie in Katalonien!«, schimpfte Dolores wieder im Auto.
Felix freute sich, dass endlich das Schweigen zwischen ihnen zu Ende war.
Er bemühte sich so zu sprechen, als hätten sie gerade ein Gespräch unterbrochen. »Was meinst du damit?«, fragte er.
»Sieh doch selbst! Ihre Sturheit! Sie bleiben einfach mitten auf der Straße stehen und lassen dich nicht vorbei. Das wäre in Madrid unmöglich.«
»Genau!«, ergänzte Felix. »Sturheit ist für die Bürger von Madrid ein absolutes Fremdwort! Sie bleiben nie einfach vor der Tür stehen.«
Einen Moment schien es, als wäre das Echo von Felix Worten, der Anfang einer neuen Schweigeserie, aber dann lachte Dolores und erklärte ihm das Problem der Katalanen.
»Die Republik hatte ihnen die Autonomie gewährt. Franco, im Gegensatz dazu sogar die Zeitungen in katalanischer Sprache verboten. Als er starb, drohte fast ein neuer Bürgerkrieg. Unser König, Juan Carlos, hielt in Barcelona eine Rede auf katalanisch. Danach hörten die Krawalle vorerst auf. Aber ihr Geschrei nach Autonomie noch lange nicht. Sie wollen zum Beispiel eine eigene Nation sein und nicht nur eine Nationalität.«
»Du würdest sie am liebsten auf den Mond schießen.«
»Richtig. So wie dich!« Dolores lachte wieder.
Auf krummen und riskant schmalen Umwegen erreichten sie den Parkplatz, stiegen aus und liefen zum Platz vor der Kirche. Dort blickten sie sich betroffen um. Der schönste Teil des Ortes hier auf der Höhe, war so erhalten, wie ihn Bomben und Geschütze zugerichtet hatten. Nur was die Natur hervor brachte, Bäume, Büsche, Pflanzen war gewachsen oder verblüht.

Die Ruinen von Corbera heute,
Fotos dem Buch entnommen, S. 89

Schief hingen verkohlte Balken aus geborstenen Mauern, andere Gebäude schienen gerade im Begriff einzustürzen, Reste der Behausungen lagen kreuz und quer übereinander. Auch der Kirchturm war mehrfach getroffen worden, hatte aber schwer verwundet standgehalten, und ragte als weithin sichtbares Zeichen sinnlosen menschlichen Handelns in den Himmel. Die Kirche selbst wirkte ohne Dach mit den Einschusslöchern in ihrer Fassade hilflos und bot nur Vögeln eine Bleibe. Ihre Tür war fest verschlossen, durch den unteren gläsernen Teil entzifferte Felix Schilder mit Namen von Ländern, in denen heute noch Kriege geführt wurden: Angola, Algerien, Haiti, Sri Lanka, Palästina, Ruanda, Nepal …
Zwei ältere Herren kamen ihnen entgegen. Einer trug einen Strohhut. Dolores rempelte Felix an und zeigte auf die näher Kommenden.
»Zeitzeugen!«
»Sehr witzig.« Felix verdrehte die Augen. Dolores ging den beiden Männern entgegen.
»Schwand aus Würzburg«, stellte sich der Ältere vor, »emeritierter Geschichtsprofessor. « Er nahm jovial lächelnd den Strohhut vom Kopf. »Ich interessiere mich für den Spanischen Bürgerkrieg und dieser Herr«, er wies auf seinen Begleiter, »ist der Bürgermeister von Corbera, Jose-Luis Gamero.«
Es folgte ein allgemeines Händeschütteln. »Und was suchen Sie hier oben?« Dolores griff spontan nach Felix Hand. Ihre Stimmung hatte völlig die Richtung gewechselt.
»Wir sind auf Hochzeitreise.«
»Auf Hochzeitsreise?« Der Mund des Professors blieb sekundenlang offen. »Hier in Corbera?«
»Studienreise mit anschließender Hochzeit«, ging Felix abschwächend sofort auf das Spiel ein. »Wir machen sozusagen die Reise vor der Hochzeit. Wir studieren Geschichte, ich in Deutschland und meine … zukünftige Frau in Madrid. Wir beschäftigen uns gegenwärtig auch mit dem Spanischen Bürgerkrieg. Die Folgen haben wir ja hier oben direkt vor Augen. Soll das in diesem Zustand etwa bis ins nächste Jahrtausend so bleiben?« Dolores stöhnte, blickte Felix befremdet an und dachte: Fragen kann der stellen.
Der Professor nickte. »Aber das kann euch Senor Gamero viel besser erklären als ich.«
Der Aufgeforderte war sofort dazu bereit. Dolores übersetzte.
»Unsere Gemeinde leistet eine große Arbeit, um die historischen Orte der Kämpfe am Ebro zu erhalten.« Er zeigte auf die Kirche. »Auch Ruinen zerfallen. Die Kirche, in deren Turm eine Bombe statt einer Glocke hängt, wird rekonstruiert und in Zukunft als Ausstellungsraum und Begegnungsstätte genutzt werden. Die Ruinenstadt Corbera soll ewig eine Mahnung bleiben.«
Felix fuhr sich mit der Hand durch die Haare. »Ich finde das natürlich auch sehr …, sehr … lobenswert. Nur … wer interessiert sich dafür?«
Der Bürgermeister zog nach Dolores Übersetzung die Stirn kraus. »Wir arbeiten mit der Universität Barcelona zusammen, um mit Hilfe der DNA-Analysen die Identität der geborgenen Leichen zu ermitteln. Und nächste Woche beginnt hier wieder ein Jugendcamp mit Teilnehmern aus vielen Ländern. Sie interessieren sich und reden zu Hause davon. Sie arbeiten nicht nur«, Senior Gamero hob die Stimme, »mit Schaufeln und Spaten, sondern auch daran, dass in Spanien und der ganzen Welt endlich erkannt wird, was hier geschah. Und ich bin sicher, dass das viele Menschen interessiert.«
»Mich natürlich auch!«, beeilte sich Felix zuzustimmen. »Ja klar! Wer das hier sieht, schreit beim nächsten Krieg vielleicht nicht Hurra. Meine … meine Frau und ich leisten dafür ja auch einen kleinen Beitrag.«
Dolores erzählte dem Bürgermeister von ihren Arbeiten. Dessen Miene entspannte sich.
»Findet im nächsten Jahr wieder so ein Jugendcamp statt?«, erkundigte sich Felix.
Als der Bürgermeister nickte, zögerte er nicht. »Okay. Geben Sie mir die Formulare. Ich möchte teilnehmen und vielleicht kann ich noch ein paar aus meiner … meiner Umgebung motivieren.«
Nachdem der Bürgermeister sich verabschiedet hatte, stellte Felix dem Professor noch eine Frage. »Herrscht denn inzwischen Einigkeit über den Spanischen Bürgerkrieg unter den Gelehrten?«
Schmand lächelte. »Einigkeit unter Professoren, so was gibt's doch nur auf den Friedhöfen. Aber seit das sozialistische Lager nicht mehr existiert, kommt man sich langsam näher. Wir verständigen uns darauf, dass es sich im Wesentlichen um einen innerspanischen Konflikt handelte, dessen Dauer, Verlauf und Ausgang aber maßgeblich dadurch bestimmt wurde, dass ausländische Mächte eingriffen. Wir aus dem Westen – ich übrigens schon immer – erkennen mittlerweile den kriegsentscheidenden Charakter der deutschen und italienischen Einmischung an, auf dem unsere kommunistischen Kollegen immer schon bestanden haben. Hitler hatte ja von Franco ein Denkmal für seine Legion Condor verlangt.«
»Und worüber streiten die Gelehrten noch?«
»Ich fahre nachher nach Gandesa, ins Museum. Wie wär's, wenn Sie mich begleiten würden?«
Felix nickte Dolores zu. »Klar, kommen wir mit. Aber, wenn Sie schon alles wissen, warum …?«
»Ich diese Reise unternommen habe?«
»Ja. Glauben Sie wirklich, noch viel Neues zu erfahren?«
»Ganz gewiss, junger Freund. Vor allem in Gesprächen. Spanien beginnt sich langsam zu erinnern oder besser ausgedrückt, seine Vergangenheit auf zu arbeiten. Das ist sehr spannend für mich.«
Online-Flyer Nr. 88 vom 28.03.2007
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Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück - Folge 14
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
13.
Von vielen Fenstern des Hotels hatten die Gäste an diesem Morgen einen wunderschönen Blick auf den Ebro, auf das in der Sonne glitzernde Wasser, auf Boote und die Bäume an seinen Ufern.
Die beiden jungen Leute saßen im Restaurant und guckten nur unruhig und vergrämt aneinander vorbei. Felix hatte in der Nacht sehnsüchtig auf Dolores gewartet. Angst an ihre Zimmertür zu klopfen war ebenso wenig im Spiel gewesen, wie die Sorge, in ihrem Bett nicht richtig »drauf« zu sein. Nein, er bereute nichts und hatte immer noch alles im Griff. Nur seinen Gesichtsausdruck nicht.
Dolores hatte auch gewartet. Wer den ersten Schritt tun musste, war für sie keine Frage. Das heißt, bevor sie unter die Bettdecke gekrochen war, ganz kurz doch. Aber dann hatte sie der feste Schlaf nach der unruhigen Nacht in der Pampa einer Antwort enthoben.
Jetzt war das alles sowieso kein Problem mehr für sie. Auch so unterscheiden sich Tag und Nacht.
Felix zwang sich erfolglos mit Appetit zu frühstücken. Auch Dolores brachte kaum einen Bissen hinunter. Sie war immer noch im Ungewissen wegen der Bezahlung. Was hatte Felix bloß ausgehandelt? Ihr Stolz verbot ihr zu fragen. Ruckartig stand sie auf. Felix nahm an, dass sie sich noch etwas vom Büfett holen wollte. Als er später verwundert nach ihr Ausschau hielt, war sie bereits mit ihren Sachen auf dem Weg zum Auto.
Die Straße von Mora nach Corbera d'Ebre folgt einem natürlichen Tal. Rechts und links rücken die Berge der Sierra Pandols immer näher heran.
Corbera selbst breitet sich um einen Hügel aus, mit weithin sichtbarem Kirchturm auf dessen Spitze. Er schien nicht viel zu bieten, keine mittelalterlichen Gebäude, die Hauptstraße führte schnurgerade und fast menschenleer durch den Ort, vorbei an verschlafen wirkenden Häusern mit kleinen Fenstern oder zugeklappten Läden.
Dolores und Felix hatten schweigend nebeneinander gesessen. Kann sie nicht wenigstens fragen, wie's im Hotel gelaufen ist, dachte Felix verärgert und die junge Frau fand ihn im Gegenzug schrecklich überheblich. Alles im Griff. Alles im Griff!
Ein Schild wies ihnen den Weg. Dolores bog nach rechts und schaltete gerade noch rechtzeitig in den ersten Gang, weil die Straße steil nach oben führte. Ein Baufahrzeug versperrte ihnen die Weiterfahrt. Dolores stieg wütend aus und gab dem Fahrer unmissverständliche Zeichen auszuweichen. Der dachte aber nicht daran.
»So sind sie in Katalonien!«, schimpfte Dolores wieder im Auto.
Felix freute sich, dass endlich das Schweigen zwischen ihnen zu Ende war.
Er bemühte sich so zu sprechen, als hätten sie gerade ein Gespräch unterbrochen. »Was meinst du damit?«, fragte er.
»Sieh doch selbst! Ihre Sturheit! Sie bleiben einfach mitten auf der Straße stehen und lassen dich nicht vorbei. Das wäre in Madrid unmöglich.«
»Genau!«, ergänzte Felix. »Sturheit ist für die Bürger von Madrid ein absolutes Fremdwort! Sie bleiben nie einfach vor der Tür stehen.«
Einen Moment schien es, als wäre das Echo von Felix Worten, der Anfang einer neuen Schweigeserie, aber dann lachte Dolores und erklärte ihm das Problem der Katalanen.
»Die Republik hatte ihnen die Autonomie gewährt. Franco, im Gegensatz dazu sogar die Zeitungen in katalanischer Sprache verboten. Als er starb, drohte fast ein neuer Bürgerkrieg. Unser König, Juan Carlos, hielt in Barcelona eine Rede auf katalanisch. Danach hörten die Krawalle vorerst auf. Aber ihr Geschrei nach Autonomie noch lange nicht. Sie wollen zum Beispiel eine eigene Nation sein und nicht nur eine Nationalität.«
»Du würdest sie am liebsten auf den Mond schießen.«
»Richtig. So wie dich!« Dolores lachte wieder.
Auf krummen und riskant schmalen Umwegen erreichten sie den Parkplatz, stiegen aus und liefen zum Platz vor der Kirche. Dort blickten sie sich betroffen um. Der schönste Teil des Ortes hier auf der Höhe, war so erhalten, wie ihn Bomben und Geschütze zugerichtet hatten. Nur was die Natur hervor brachte, Bäume, Büsche, Pflanzen war gewachsen oder verblüht.

Die Ruinen von Corbera heute,
Fotos dem Buch entnommen, S. 89

Schief hingen verkohlte Balken aus geborstenen Mauern, andere Gebäude schienen gerade im Begriff einzustürzen, Reste der Behausungen lagen kreuz und quer übereinander. Auch der Kirchturm war mehrfach getroffen worden, hatte aber schwer verwundet standgehalten, und ragte als weithin sichtbares Zeichen sinnlosen menschlichen Handelns in den Himmel. Die Kirche selbst wirkte ohne Dach mit den Einschusslöchern in ihrer Fassade hilflos und bot nur Vögeln eine Bleibe. Ihre Tür war fest verschlossen, durch den unteren gläsernen Teil entzifferte Felix Schilder mit Namen von Ländern, in denen heute noch Kriege geführt wurden: Angola, Algerien, Haiti, Sri Lanka, Palästina, Ruanda, Nepal …
Zwei ältere Herren kamen ihnen entgegen. Einer trug einen Strohhut. Dolores rempelte Felix an und zeigte auf die näher Kommenden.
»Zeitzeugen!«
»Sehr witzig.« Felix verdrehte die Augen. Dolores ging den beiden Männern entgegen.
»Schwand aus Würzburg«, stellte sich der Ältere vor, »emeritierter Geschichtsprofessor. « Er nahm jovial lächelnd den Strohhut vom Kopf. »Ich interessiere mich für den Spanischen Bürgerkrieg und dieser Herr«, er wies auf seinen Begleiter, »ist der Bürgermeister von Corbera, Jose-Luis Gamero.«
Es folgte ein allgemeines Händeschütteln. »Und was suchen Sie hier oben?« Dolores griff spontan nach Felix Hand. Ihre Stimmung hatte völlig die Richtung gewechselt.
»Wir sind auf Hochzeitreise.«
»Auf Hochzeitsreise?« Der Mund des Professors blieb sekundenlang offen. »Hier in Corbera?«
»Studienreise mit anschließender Hochzeit«, ging Felix abschwächend sofort auf das Spiel ein. »Wir machen sozusagen die Reise vor der Hochzeit. Wir studieren Geschichte, ich in Deutschland und meine … zukünftige Frau in Madrid. Wir beschäftigen uns gegenwärtig auch mit dem Spanischen Bürgerkrieg. Die Folgen haben wir ja hier oben direkt vor Augen. Soll das in diesem Zustand etwa bis ins nächste Jahrtausend so bleiben?« Dolores stöhnte, blickte Felix befremdet an und dachte: Fragen kann der stellen.
Der Professor nickte. »Aber das kann euch Senor Gamero viel besser erklären als ich.«
Der Aufgeforderte war sofort dazu bereit. Dolores übersetzte.
»Unsere Gemeinde leistet eine große Arbeit, um die historischen Orte der Kämpfe am Ebro zu erhalten.« Er zeigte auf die Kirche. »Auch Ruinen zerfallen. Die Kirche, in deren Turm eine Bombe statt einer Glocke hängt, wird rekonstruiert und in Zukunft als Ausstellungsraum und Begegnungsstätte genutzt werden. Die Ruinenstadt Corbera soll ewig eine Mahnung bleiben.«
Felix fuhr sich mit der Hand durch die Haare. »Ich finde das natürlich auch sehr …, sehr … lobenswert. Nur … wer interessiert sich dafür?«
Der Bürgermeister zog nach Dolores Übersetzung die Stirn kraus. »Wir arbeiten mit der Universität Barcelona zusammen, um mit Hilfe der DNA-Analysen die Identität der geborgenen Leichen zu ermitteln. Und nächste Woche beginnt hier wieder ein Jugendcamp mit Teilnehmern aus vielen Ländern. Sie interessieren sich und reden zu Hause davon. Sie arbeiten nicht nur«, Senior Gamero hob die Stimme, »mit Schaufeln und Spaten, sondern auch daran, dass in Spanien und der ganzen Welt endlich erkannt wird, was hier geschah. Und ich bin sicher, dass das viele Menschen interessiert.«
»Mich natürlich auch!«, beeilte sich Felix zuzustimmen. »Ja klar! Wer das hier sieht, schreit beim nächsten Krieg vielleicht nicht Hurra. Meine … meine Frau und ich leisten dafür ja auch einen kleinen Beitrag.«
Dolores erzählte dem Bürgermeister von ihren Arbeiten. Dessen Miene entspannte sich.
»Findet im nächsten Jahr wieder so ein Jugendcamp statt?«, erkundigte sich Felix.
Als der Bürgermeister nickte, zögerte er nicht. »Okay. Geben Sie mir die Formulare. Ich möchte teilnehmen und vielleicht kann ich noch ein paar aus meiner … meiner Umgebung motivieren.«
Nachdem der Bürgermeister sich verabschiedet hatte, stellte Felix dem Professor noch eine Frage. »Herrscht denn inzwischen Einigkeit über den Spanischen Bürgerkrieg unter den Gelehrten?«
Schmand lächelte. »Einigkeit unter Professoren, so was gibt's doch nur auf den Friedhöfen. Aber seit das sozialistische Lager nicht mehr existiert, kommt man sich langsam näher. Wir verständigen uns darauf, dass es sich im Wesentlichen um einen innerspanischen Konflikt handelte, dessen Dauer, Verlauf und Ausgang aber maßgeblich dadurch bestimmt wurde, dass ausländische Mächte eingriffen. Wir aus dem Westen – ich übrigens schon immer – erkennen mittlerweile den kriegsentscheidenden Charakter der deutschen und italienischen Einmischung an, auf dem unsere kommunistischen Kollegen immer schon bestanden haben. Hitler hatte ja von Franco ein Denkmal für seine Legion Condor verlangt.«
»Und worüber streiten die Gelehrten noch?«
»Ich fahre nachher nach Gandesa, ins Museum. Wie wär's, wenn Sie mich begleiten würden?«
Felix nickte Dolores zu. »Klar, kommen wir mit. Aber, wenn Sie schon alles wissen, warum …?«
»Ich diese Reise unternommen habe?«
»Ja. Glauben Sie wirklich, noch viel Neues zu erfahren?«
»Ganz gewiss, junger Freund. Vor allem in Gesprächen. Spanien beginnt sich langsam zu erinnern oder besser ausgedrückt, seine Vergangenheit auf zu arbeiten. Das ist sehr spannend für mich.«
Online-Flyer Nr. 88 vom 28.03.2007
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