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Medien
Über die Versuche das Ende des kubanischen Sozialismus herbei zu schreiben
„Castrologie“
Von Ingo Niebel

Chavez und Castro – am liebsten beide aus dem Amt schreiben
Foto: NRhZ-Archiv
In der Wissenschaftsgeschichte müsste die Castrologie direkt neben der Kremllogie stehen, die sich unter gleichen Voraussetzungen ausschließlich mit der Befasstheit des politischen Systems der UdSSR und deren Führung auseinandersetzte. Mit der Castrologie haben sich deutsche und internationale Medien ein neues Fachgebiet geschaffen, auf dem sie sich seit August 2006 profilieren.
Die Contras in Miami packten schon die Koffer
Am 1. August 2006 übergab Fidel Castro entsprechend der kubanischen Verfassung die Amtsgeschäfte vorübergehend an seinen Stellvertreter, weil er sich einer Darmoperation unterziehen musste. Das westliche Ausland, allen voran die USA, sahen in diesem Schritt das biologische Ende ihres Erzfeindes und verbanden mit seiner abnehmenden Gesundheit den Zusammenbruch des politischen Systems auf der Insel. In Deutschland las sich das so: „Das System Castro bringt Kuba in Bedrängnis“ oder „Fidel Castros Zeit ist abgelaufen“.[1] Die Contras in Miami gingen gar so weit, dass sie auf den Straßen den Tod des gehassten Revolutionärs feierten und mal wieder auf gepackten Koffern warteten, um auf die Insel zurückzukehren.
In der europäischen Presselandschaft übernahm die spanische Tageszeitung El País erneut die Meinungsführerschaft, um den Regimewechsel herbeizuschreiben. „El relevo en Cuba“ – „Die Ablösung auf Kuba“ nannte das Blatt seine Rubrik mit den aktuellen Berichten über die Ereignisse auf der Insel. El País hat Erfahrung, wenn es darum geht, seine europäische Leserschaft auf Umstürze mental vorzubereiten. Ein Beispiel ist die Venezuela-Berichterstattung aus den Jahren 2001/2002, als die USA und ihre venezolanischen Handlanger sich anstrengten, Präsident Hugo Chávez aus dem Amt zu putschen.[2]
Vorbild „Orangene Revolution“
Im August 2006 ergab sich für die USA und ihre westlichen Helfer scheinbar die seit Jahrzehnten herbeigesehnte Möglichkeit, das in der Ukraine erfolgreiche Modell der „Orangenen Revolution“ auf Kuba zu wiederholen. Nach dem westlichen Drehbuch hätten die Kubaner, wie in Europa und in den USA üblich, Heerscharen von Medienleuten ins Land lassen müssen. Wie das Ganze dann abgelaufen wäre, konnte man am Fall des sterbenden Papstes Johannes Paul II. in Rom studieren: CNN, TVE und andere große internationale TV-Sender hätten generalstabsmäßig Hotels besetzt und von dort einen Desinformations-Tsunami losgetreten, um den gewaltbereiten Kräften in Miami den Weg an die Macht zu ebnen. Diese Schlacht wäre verloren gewesen, hätte sich der Medien-David Havanna auf dieses Feld führen lassen. Aber die kubanische Führung machte genau das, was die revolutionäre Guerrilla-Tradition lehrt, falls man nicht angreifen kann: den organisierten Rückzug.
Anstatt sich der Medienschlacht zu stellen, beschloß Havanna, sie zu verhindern, indem es die Einreise von Journalisten beschränkte und keine offiziellen Nachrichten über den Gesundheitszustand von Fidel Castro herausgab. So fiel der Medienkrieg aus: Die westlichen Korrespondenten mussten aus Havanna berichten, dass es nichts zu berichten gab. Diese Nicht-Nachricht kann ein Mal interessant sein, aber aus Sicht der auf Einschaltquoten fixierten Privatsender wie CNN lässt sich darauf keine längerfristige Berichterstattung aufbauen. Nicht Kuba brach zusammen, sondern die Medienkampagne des Westens: Auf der Insel blieb alles beim Alten; in Regierung und Partei zeigten sich keine Brüche, die Bevölkerung wartete ab, die Demonstrationen der Regierungsgegner beschränkten sich auf Pflichtübungen für ihre westlichen Geldgeber.
Nach mehreren Wochen des Schweigens wechselte Havanna in die Offensive: Fidels Gesundheitszustand hatte sich so weit gebessert, dass er wieder mit Chávez im Fernsehen erscheinen konnte. Damit war die westliche Strategie, sein Ableben mit dem Ende des sozialistischen Systems auf Kuba zu verbinden, nicht nur gescheitert, sondern richtete sich jetzt gegen ihre Macher. Letztere haben sich der neuen Situation angepasst.
Anpassung an die neue Situation
Die deutschen Mainstreammedien geben weiterhin die Marschrichtung vor, die Politik trottet hinterher. Da Totgesagte auch auf Kuba länger leben und sich weder Fidels Ableben noch der Systemwechsel herbeischreiben lassen, geht die Berichterstattung seit Anfang 2007 dahin, auf vielfältige Weise Unsicherheit zu säen. Symptomatisch hierfür sind der Focus-Bericht „Castros langer Abschied“ und die SZ-Reportage „Auf der Insel des Wartens“.[3] Die Frankfurter Allgemeine Zeitung nahm sich der Aufgabe an, am Mythos des Che zu kratzen. Bertrand de la Grange und Maite Rico durften in ihrem Artikel „Operation Che“ schreiben, dass die Überführung der sterblichen Überreste des Guerrilleros nach Kuba eine „Staatslüge“ war. De la Grange arbeitet für die französische Tageszeitung Le Monde, Rico für El País. Beide haben bereits den Comandante Marcos und den Aufstand von Chiapas „entmythifiziert“ und erhielten dafür Applaus von Mario Vargas Llosa, dem neoliberalen Intellektuellen Lateinamerikas und Chávez-Hasser („Der Spinner muß weg“) par excellance.[4]

Che Guevara – durch die FAZ “entmythifiziert“
Foto: NRhZ-Archiv
Als einen weiteren Versuch, die bisher geschlossen auftretende kubanische Führung aus der Tiefe des europäischen Raumes zu sprengen, muß man den SZ-Artikel über den Vizepräsidenten des Staatsrates Carlos Lage sehen. Das Münchner Blatt präsentiert ihn als den „Gorbatschow Kubas und Nachfolgekandidat für Castro“.[5] Der Part seines innerkubanischen Gegenspielers wird dem Außenminister Felipe Pérez Roque zugedacht, den man wegen seiner Haltung als „Taliban“ darstellt. Mit Verweis auf eine exilkubanische Zeitung schreibt der SZ-Autor im besten Stile der Castrologie: „Wenn also der greise Raúl Castro der Juri Andropow Kubas ist, [...] dann hat Lage das Zeug, der Gorbatschow der Zuckerinsel zu werden.“ Diese Ansicht, so die SZ weiter, teile auch der ehemalige Präsident der Deutschen Industrie Hans-Olaf Henkel.
Auch die Kuba-Solidarität im Visier
Im August 2006 stellte die deutsche Presse mehrfach fest, dass die kubanische Opposition zu zersplittert und hierzulande zu wenig bekannt sei. Dem möchte die CDU abhelfen. Die ihr nahestehende Konrad-Adenauer-Stiftung organisierte am 29. August 2006 eine Veranstaltung unter dem programmatischen Titel „Castros Abgang“, wo die von ihr gesponsorten Oppositionsgruppen ihr Programm vorstellten. Für Ende April 2007 hat sie jetzt eine weiter reichende Veranstaltung organisiert, an der auch Vertreter der Bundesregierung teilnehmen sollen. Mit Blick auf die zukünftige Haltung der Bundesrepublik und auch der EU gegenüber Kuba, Venezuela und Bolivien lässt das nur Schlimmes erahnen.
Ins Visier haben die hiesigen Castro-Gegner auch die Kuba-Solidarität genommen. Die Zielrichtung ist klar: Die Linkspartei soll politisch auf die westliche Linie gegen Havanna gebracht werden, die Kuba-Solidarität ist zu isolieren und wenn möglich, bei ihrer Gegeninformation zu behindern. Dazu greift man einerseits auf eine entsprechende Berichterstattung zurück, die die bekannten Klischees bedient, indem sie die Aktivisten als Ewiggestrige aus der DDR präsentiert, die „im wiedervereinigten Deutschland nicht recht heimisch geworden sind.“[6] Andererseits wird die Menschenrechtskarte gespielt. Das dient auch als Druckmittel gegen die Linkspartei, deren EU-Parlamentarier im Februar 2006 gezeigt haben, dass sie mehrheitlich bereit sind, mit dem Strom gegen die Insel zu schwimmen. Nach der Konstituierung der neuen Partei und ihren zu erwartenden Wahlerfolgen wird der Druck auf sie noch stärker werden.
Andererseits versuchen interessierte Kreise, die Linke von innen heraus zu lähmen. Die Auseinandersetzung innerhalb der PDS wegen des Abstimmungsverhaltens ihrer EU-Parlamentarier zur interventionistischen EU-Resolution hat im Frühjahr 2006 gezeigt, dass die Partei mit erheblichem Widerstand von der Basis rechnen muss. Deshalb stehen andere Truppenteile bereit, um einzugreifen, falls die Parteiführung versagen sollte.
Dabei ist festzustellen, dass sich mit Blick auf Kuba ähnliche Konturen abzeichnen, wie sie der Journalist Jürgen Elsässer in seinem aktuellen Buch „Angriff der Heuschrecken“ für den Umgang mit dem Iran in diesem Land ausgemacht hat.[7] Auch im Fall von Kuba entwickelt sich eine ideologieübergreifende Phalanx von anti-castristischen, anti-kubanischen Kräften.
Den Part, den die Antideutschen in der antiarabischen und antiiranischen Politik spielen, übernimmt mit Blick auf Kuba die trotzkistische Sozialistische Alternative (SAV). Im Februar 2007 ging sie in ihrem sozialismus.info der Frage nach „Kuba: Was kommt nach Castro?“ Die Antwort gab der Generalsekretär der Socialist Party in England und Wales, Peter Taffe: „Wie Trotzki es vorgeschlagen hat, müssen MarxistInnen einen auf festen Grundsätzen basierenden Block mit dieser letztgenannten Schicht innerhalb der kubanischen Führung und Bürokratie bilden und versuchen, die kubanischen Massen zum Widerstand gegen jede Bedrohung einer Rückkehr zum Kapitalismus zu bewegen.“[8] Weiter heißt es: „Die Ablösung einer privilegierten Kaste, welche ohne Zweifel in Kuba existiert, durch Arbeiterdemokratie muss nicht zwangsläufig auf gewaltsame Weise vonstatten gehen.“
Damit schließt Taffe die Anwendung von Gewalt nicht grundsätzlich aus – im Gegenteil: er nimmt die Destabilisierung des politischen Systems in Kauf. Sein Vorschlag entspricht dem der Contras in Florida: „Die Kubanisch-Amerikanische Nationalstiftung mit ihrem Wortführer Jorge Mas Santos rief die kubanische Armee dazu auf, gemeinsam mit Zivilisten eine provisorische Regierung auf der Insel zu bilden.“[9] Beide Aufrufe stiften, wenn auch aus unterschiedlichen Blickwinkeln, zum Staatsstreich an – und der wird bekanntlich in allen politischen Systemen geahndet.
Die Castrologie beinhaltet also nicht nur das Schreiben ohne gesicherten Informationen über Kuba, seine Regierung und Zukunft, sondern sie geht einher mit jenen Bestrebungen, die in letzter Konsequenz den kubanischen Sozialismus vernichten wollen.
[1] SZ, 3.8.2006; Der Spiegel, 7.8.2006
[2] Niebel, Ingo. Venezuela not for sale. Berlin: Kai Homilius Verlag, 2006: 112-116, 145-203 3 Focus, 5.2.2007; SZ, 14.3.2007 4 FAZ, 9.3.2007; http://www.sololiteratura.com/var/laotracara.html.
Zur Kritik an De la Grange und Roca bzgl. ihrer Darstellung der Menschenrechtsverletzungen in Guatemala s. http://www.rebelion.org/internacional/040520giraldi.htm
[5] SZ, 4.9.2006
[6] SZ, 11.8.2006
[7] Elsässer, Jürgen. Angriff der Heuschrecken. Zerstörung der Nationen und globaler Krieg. Bonn: Pahl-Rugenstein, 2007: 84ff.
[8] Sozialismus.info, 16.2.2007
[9] SZ, 9.8.2006
Ingo Niebel hat diesen Beitrag in der Zeitschrift GEHEIM 1/07 veröffentlicht. Mehr unter www.geheim-magazin.de
Online-Flyer Nr. 91 vom 18.04.2007
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Über die Versuche das Ende des kubanischen Sozialismus herbei zu schreiben
„Castrologie“
Von Ingo Niebel

Chavez und Castro – am liebsten beide aus dem Amt schreiben
Foto: NRhZ-Archiv
In der Wissenschaftsgeschichte müsste die Castrologie direkt neben der Kremllogie stehen, die sich unter gleichen Voraussetzungen ausschließlich mit der Befasstheit des politischen Systems der UdSSR und deren Führung auseinandersetzte. Mit der Castrologie haben sich deutsche und internationale Medien ein neues Fachgebiet geschaffen, auf dem sie sich seit August 2006 profilieren.
Die Contras in Miami packten schon die Koffer
Am 1. August 2006 übergab Fidel Castro entsprechend der kubanischen Verfassung die Amtsgeschäfte vorübergehend an seinen Stellvertreter, weil er sich einer Darmoperation unterziehen musste. Das westliche Ausland, allen voran die USA, sahen in diesem Schritt das biologische Ende ihres Erzfeindes und verbanden mit seiner abnehmenden Gesundheit den Zusammenbruch des politischen Systems auf der Insel. In Deutschland las sich das so: „Das System Castro bringt Kuba in Bedrängnis“ oder „Fidel Castros Zeit ist abgelaufen“.[1] Die Contras in Miami gingen gar so weit, dass sie auf den Straßen den Tod des gehassten Revolutionärs feierten und mal wieder auf gepackten Koffern warteten, um auf die Insel zurückzukehren.
In der europäischen Presselandschaft übernahm die spanische Tageszeitung El País erneut die Meinungsführerschaft, um den Regimewechsel herbeizuschreiben. „El relevo en Cuba“ – „Die Ablösung auf Kuba“ nannte das Blatt seine Rubrik mit den aktuellen Berichten über die Ereignisse auf der Insel. El País hat Erfahrung, wenn es darum geht, seine europäische Leserschaft auf Umstürze mental vorzubereiten. Ein Beispiel ist die Venezuela-Berichterstattung aus den Jahren 2001/2002, als die USA und ihre venezolanischen Handlanger sich anstrengten, Präsident Hugo Chávez aus dem Amt zu putschen.[2]
Vorbild „Orangene Revolution“
Im August 2006 ergab sich für die USA und ihre westlichen Helfer scheinbar die seit Jahrzehnten herbeigesehnte Möglichkeit, das in der Ukraine erfolgreiche Modell der „Orangenen Revolution“ auf Kuba zu wiederholen. Nach dem westlichen Drehbuch hätten die Kubaner, wie in Europa und in den USA üblich, Heerscharen von Medienleuten ins Land lassen müssen. Wie das Ganze dann abgelaufen wäre, konnte man am Fall des sterbenden Papstes Johannes Paul II. in Rom studieren: CNN, TVE und andere große internationale TV-Sender hätten generalstabsmäßig Hotels besetzt und von dort einen Desinformations-Tsunami losgetreten, um den gewaltbereiten Kräften in Miami den Weg an die Macht zu ebnen. Diese Schlacht wäre verloren gewesen, hätte sich der Medien-David Havanna auf dieses Feld führen lassen. Aber die kubanische Führung machte genau das, was die revolutionäre Guerrilla-Tradition lehrt, falls man nicht angreifen kann: den organisierten Rückzug.
Anstatt sich der Medienschlacht zu stellen, beschloß Havanna, sie zu verhindern, indem es die Einreise von Journalisten beschränkte und keine offiziellen Nachrichten über den Gesundheitszustand von Fidel Castro herausgab. So fiel der Medienkrieg aus: Die westlichen Korrespondenten mussten aus Havanna berichten, dass es nichts zu berichten gab. Diese Nicht-Nachricht kann ein Mal interessant sein, aber aus Sicht der auf Einschaltquoten fixierten Privatsender wie CNN lässt sich darauf keine längerfristige Berichterstattung aufbauen. Nicht Kuba brach zusammen, sondern die Medienkampagne des Westens: Auf der Insel blieb alles beim Alten; in Regierung und Partei zeigten sich keine Brüche, die Bevölkerung wartete ab, die Demonstrationen der Regierungsgegner beschränkten sich auf Pflichtübungen für ihre westlichen Geldgeber.
Nach mehreren Wochen des Schweigens wechselte Havanna in die Offensive: Fidels Gesundheitszustand hatte sich so weit gebessert, dass er wieder mit Chávez im Fernsehen erscheinen konnte. Damit war die westliche Strategie, sein Ableben mit dem Ende des sozialistischen Systems auf Kuba zu verbinden, nicht nur gescheitert, sondern richtete sich jetzt gegen ihre Macher. Letztere haben sich der neuen Situation angepasst.
Anpassung an die neue Situation
Die deutschen Mainstreammedien geben weiterhin die Marschrichtung vor, die Politik trottet hinterher. Da Totgesagte auch auf Kuba länger leben und sich weder Fidels Ableben noch der Systemwechsel herbeischreiben lassen, geht die Berichterstattung seit Anfang 2007 dahin, auf vielfältige Weise Unsicherheit zu säen. Symptomatisch hierfür sind der Focus-Bericht „Castros langer Abschied“ und die SZ-Reportage „Auf der Insel des Wartens“.[3] Die Frankfurter Allgemeine Zeitung nahm sich der Aufgabe an, am Mythos des Che zu kratzen. Bertrand de la Grange und Maite Rico durften in ihrem Artikel „Operation Che“ schreiben, dass die Überführung der sterblichen Überreste des Guerrilleros nach Kuba eine „Staatslüge“ war. De la Grange arbeitet für die französische Tageszeitung Le Monde, Rico für El País. Beide haben bereits den Comandante Marcos und den Aufstand von Chiapas „entmythifiziert“ und erhielten dafür Applaus von Mario Vargas Llosa, dem neoliberalen Intellektuellen Lateinamerikas und Chávez-Hasser („Der Spinner muß weg“) par excellance.[4]

Che Guevara – durch die FAZ “entmythifiziert“
Foto: NRhZ-Archiv
Als einen weiteren Versuch, die bisher geschlossen auftretende kubanische Führung aus der Tiefe des europäischen Raumes zu sprengen, muß man den SZ-Artikel über den Vizepräsidenten des Staatsrates Carlos Lage sehen. Das Münchner Blatt präsentiert ihn als den „Gorbatschow Kubas und Nachfolgekandidat für Castro“.[5] Der Part seines innerkubanischen Gegenspielers wird dem Außenminister Felipe Pérez Roque zugedacht, den man wegen seiner Haltung als „Taliban“ darstellt. Mit Verweis auf eine exilkubanische Zeitung schreibt der SZ-Autor im besten Stile der Castrologie: „Wenn also der greise Raúl Castro der Juri Andropow Kubas ist, [...] dann hat Lage das Zeug, der Gorbatschow der Zuckerinsel zu werden.“ Diese Ansicht, so die SZ weiter, teile auch der ehemalige Präsident der Deutschen Industrie Hans-Olaf Henkel.
Auch die Kuba-Solidarität im Visier
Im August 2006 stellte die deutsche Presse mehrfach fest, dass die kubanische Opposition zu zersplittert und hierzulande zu wenig bekannt sei. Dem möchte die CDU abhelfen. Die ihr nahestehende Konrad-Adenauer-Stiftung organisierte am 29. August 2006 eine Veranstaltung unter dem programmatischen Titel „Castros Abgang“, wo die von ihr gesponsorten Oppositionsgruppen ihr Programm vorstellten. Für Ende April 2007 hat sie jetzt eine weiter reichende Veranstaltung organisiert, an der auch Vertreter der Bundesregierung teilnehmen sollen. Mit Blick auf die zukünftige Haltung der Bundesrepublik und auch der EU gegenüber Kuba, Venezuela und Bolivien lässt das nur Schlimmes erahnen.
Ins Visier haben die hiesigen Castro-Gegner auch die Kuba-Solidarität genommen. Die Zielrichtung ist klar: Die Linkspartei soll politisch auf die westliche Linie gegen Havanna gebracht werden, die Kuba-Solidarität ist zu isolieren und wenn möglich, bei ihrer Gegeninformation zu behindern. Dazu greift man einerseits auf eine entsprechende Berichterstattung zurück, die die bekannten Klischees bedient, indem sie die Aktivisten als Ewiggestrige aus der DDR präsentiert, die „im wiedervereinigten Deutschland nicht recht heimisch geworden sind.“[6] Andererseits wird die Menschenrechtskarte gespielt. Das dient auch als Druckmittel gegen die Linkspartei, deren EU-Parlamentarier im Februar 2006 gezeigt haben, dass sie mehrheitlich bereit sind, mit dem Strom gegen die Insel zu schwimmen. Nach der Konstituierung der neuen Partei und ihren zu erwartenden Wahlerfolgen wird der Druck auf sie noch stärker werden.
Andererseits versuchen interessierte Kreise, die Linke von innen heraus zu lähmen. Die Auseinandersetzung innerhalb der PDS wegen des Abstimmungsverhaltens ihrer EU-Parlamentarier zur interventionistischen EU-Resolution hat im Frühjahr 2006 gezeigt, dass die Partei mit erheblichem Widerstand von der Basis rechnen muss. Deshalb stehen andere Truppenteile bereit, um einzugreifen, falls die Parteiführung versagen sollte.
Dabei ist festzustellen, dass sich mit Blick auf Kuba ähnliche Konturen abzeichnen, wie sie der Journalist Jürgen Elsässer in seinem aktuellen Buch „Angriff der Heuschrecken“ für den Umgang mit dem Iran in diesem Land ausgemacht hat.[7] Auch im Fall von Kuba entwickelt sich eine ideologieübergreifende Phalanx von anti-castristischen, anti-kubanischen Kräften.
Den Part, den die Antideutschen in der antiarabischen und antiiranischen Politik spielen, übernimmt mit Blick auf Kuba die trotzkistische Sozialistische Alternative (SAV). Im Februar 2007 ging sie in ihrem sozialismus.info der Frage nach „Kuba: Was kommt nach Castro?“ Die Antwort gab der Generalsekretär der Socialist Party in England und Wales, Peter Taffe: „Wie Trotzki es vorgeschlagen hat, müssen MarxistInnen einen auf festen Grundsätzen basierenden Block mit dieser letztgenannten Schicht innerhalb der kubanischen Führung und Bürokratie bilden und versuchen, die kubanischen Massen zum Widerstand gegen jede Bedrohung einer Rückkehr zum Kapitalismus zu bewegen.“[8] Weiter heißt es: „Die Ablösung einer privilegierten Kaste, welche ohne Zweifel in Kuba existiert, durch Arbeiterdemokratie muss nicht zwangsläufig auf gewaltsame Weise vonstatten gehen.“
Damit schließt Taffe die Anwendung von Gewalt nicht grundsätzlich aus – im Gegenteil: er nimmt die Destabilisierung des politischen Systems in Kauf. Sein Vorschlag entspricht dem der Contras in Florida: „Die Kubanisch-Amerikanische Nationalstiftung mit ihrem Wortführer Jorge Mas Santos rief die kubanische Armee dazu auf, gemeinsam mit Zivilisten eine provisorische Regierung auf der Insel zu bilden.“[9] Beide Aufrufe stiften, wenn auch aus unterschiedlichen Blickwinkeln, zum Staatsstreich an – und der wird bekanntlich in allen politischen Systemen geahndet.
Die Castrologie beinhaltet also nicht nur das Schreiben ohne gesicherten Informationen über Kuba, seine Regierung und Zukunft, sondern sie geht einher mit jenen Bestrebungen, die in letzter Konsequenz den kubanischen Sozialismus vernichten wollen.
[1] SZ, 3.8.2006; Der Spiegel, 7.8.2006
[2] Niebel, Ingo. Venezuela not for sale. Berlin: Kai Homilius Verlag, 2006: 112-116, 145-203 3 Focus, 5.2.2007; SZ, 14.3.2007 4 FAZ, 9.3.2007; http://www.sololiteratura.com/var/laotracara.html.
Zur Kritik an De la Grange und Roca bzgl. ihrer Darstellung der Menschenrechtsverletzungen in Guatemala s. http://www.rebelion.org/internacional/040520giraldi.htm
[5] SZ, 4.9.2006
[6] SZ, 11.8.2006
[7] Elsässer, Jürgen. Angriff der Heuschrecken. Zerstörung der Nationen und globaler Krieg. Bonn: Pahl-Rugenstein, 2007: 84ff.
[8] Sozialismus.info, 16.2.2007
[9] SZ, 9.8.2006
Ingo Niebel hat diesen Beitrag in der Zeitschrift GEHEIM 1/07 veröffentlicht. Mehr unter www.geheim-magazin.de
Online-Flyer Nr. 91 vom 18.04.2007
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