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Kultur und Wissen
Spaniens Himmel breitet seine Sterne...oder
Ein Lied kehrt zurück - Folge 21
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch

Schüler des Gymnasiums St. Martin beschließen, eine Geschichtsarbeit über den Spanischen Bürgerkrieg zu schreiben, der 1936 begann. Sie führen Gespräche mit ehemaligen Interbrigadisten aus verschiedenen Ländern und einem »Condorflieger« der faschistischen deutschen Luftwaffe. Felix besucht außerdem gemeinsam mit der jungen Spanierin Dolores die historischen Orte der Kämpfe zwischen Madrid und Barcelona.

Sie hatten Erna zurückgebracht, Peppis Briefe in Empfang genommen und waren gleich weiter Richtung Wiener Wald gefahren.
Dolores schnitt Kurven, überholte vorm Berg und trat das Gaspedal durch,
als gelte es, Michael Schuhmacher nachzueifern. Erst als sie die Höhenstraße erreicht hatten, drosselte sie das Tempo. Felix stand der Sinn nicht nach Blicken, sondern nach einer echten Entschuldigung. So war er eben.
Sie stiegen an einem Aussichtspunkt aus, sahen auf die Stadt hinunter, und
Felix bekam endlich zu hören, worauf er die ganze Zeit gewartet hatte. »Mensch, es tut mir leid, war verdammt fies, ich weiß, aber hier«, sie hielt ihm ihr Handy hin, »ich hab's jetzt ausgeschaltet. Kannst es in deine Hosentasche packen. Nun guck nicht so deppert. Hast ja gehört, was Erna gesagt hat: Das bringt nichts, gaffen wie ein Ochs vorm Schlachter.« Dolores begann zu lachen. »Ich fahr dich jetzt nämlich in den Himmel.«
»In den Himmel? In den siebenten?«
»Tal vez mas tarde.«
»Verstehe ich nicht.«
»Vielleicht werde ich es dir … übersetzen.«
Vor dem Restaurant »Zum Cobenzl« parkte sie, stieg aus, nahm ein mit roter
Schleife verschlossenes Päckchen vom Rücksitz und führte Felix auf einen schmalen Waldweg, der vor einem Wiesenhügel endete. Darauf waren in einem Kreis junge Bäume gepflanzt. Dolores setzte sich abseits ins Gras und zog Felix zu sich herunter. Der dachte natürlich … Jedenfalls nicht dasselbe wie Dolores.
Die öffnete ungerührt das Päckchen.
»Briefe! Sehr interessant!«
»Das sind sie ganz sicher, Felix! Lies vor. Du kriegst 15 Punkte, wenn du schön mit Betonung liest.«
»Danke, Frau Lehrerin.«

Nicht sehr motiviert begann Felix zu lesen:
»17.10.1936
Liebe Mutter, lieber Vater,
ich habe es geschafft, bin in Barcelona und Milizionär in der Centuria.
Seid mir nicht böse, dass ich Euch nicht die volle Wahrheit gesagt habe. Ich
bin wirklich per Autostop bis Marseille, hätte ich euch aber gesagt, was ich dann vorhabe, wäre ich vermutlich nie hier angekommen.
Unsere Kaserne befindet sich in einem ehemaligen Nonnenkloster. Wir sind
elf Österreicher, aber auch mit den anderen verstehe ich mich gut, besonders
mit einem Hamburger Studenten der Volkswirtschaft und einem Maler aus
Hannover. Vierzehn Tage werden wir nun ausgebildet. Ich bin stolz, eine Waffe und Uniform zu tragen. In mir brennt noch die Schmach der kampflosen Niederlage in Italien und Deutschland vor dem Faschismus. In Österreich hat es wenigstens ein paar Tage Widerstand zur Verteidigung der Demokratie gegeben.
Wir haben oft darüber diskutiert und ich weiß, Ihr versteht mich.
Habt keine Angst, Euer Peppi passt auf sich auf.«
Felix gab Dolores den Brief zurück. »Und diese Briefe sollen angekommen
sein?«
»Sie wurden ja nicht dem normalen Postweg anvertraut. In Albacete gab's eine
zentrale Poststelle. Für die Absender verwendete man Deckadressen in Paris.«
»Bist du mit 12 Punkten zufrieden?«
»Zufrieden? Seit wann interessiert dich, ob ich zufrieden bin?«
Dolores antwortete nicht, sondern griff nach einem zweiten Brief. »Peppi hat
ihn, Moment, am zweiten Weihnachtsfeiertag 1936 abgeschickt.
›Liebe Mutter, lieber Vater,
ich schreibe Euch aus einer riesigen Halle im Gelände der Weltausstellung
von 1929. Hunderte Betten sind hier aufgestellt, nur ein winziger Kanonenofen
brennt. Es ist kalt und regnerisch, kein Weihnachtswetter, keine Weihnachtstimmung.
Ich muss an die schönen Weihnachten denken, die wir immer zu Hause
gefeiert haben. Wir bekommen zu den Mahlzeiten Rotwein, mit dem ich meinen Kummer runterspüle. Ich kann auch noch zu wenig spanisch, um mich mit den anderen zu unterhalten, denn ich bin der einzige Ausländer unter lauter Katalanen und Spaniern. Diese Halle ist die Sammelstelle für Spitalsentlassene Milicianos. Vorher war ich in der Nervenabteilung des St. Peter und Paul-Hospitals in Barcelona, denn die chirurgische Abteilung war überfüllt. Leider wurde ich bei meinem ersten Angriff in der Centurio Thälmann gleich verletzt. Ein Granatsplitter traf meine Hand und ein englischer Medizinstudent amputierte meinen Mittel- und Zeigefinger.
Ich hatte noch Glück, denn es gab bei diesem Angriff 19 Tote. Und viele
Schwerverletzte.
Wir sollten die Eremitage Santa Criteria in einem Nachtangriff nehmen. Es
war eiskalt. Wir waren dicht bei den Pyrenäen. Besonders vor den Moros hatte man uns gewarnt. Die schneiden euch die Kehle durch und den Frauen die Brüste ab.
Auf Francos Seite kämpfen nämlich hunderttausend Mann marokkanische
Truppen. Eine Waffe kann ich nun nicht mehr halten, aber vielleicht mache ich mich als Sanitäter nützlich.
Ihr seid hoffentlich gesund und bekommt auch meinen Brief.
Ich umarme Euch
Euer Peppi‹«
»Diese Moros müssen ja Monster gewesen sein. Frauen Brüste abschneiden.«
»Das war kein Stichwort, Felix!«
»Ich will ja nicht schneiden …«
Aber das, was er wollte, war auch nicht möglich.

Ein Ehepaar kam den Waldweg entlang. Ihre kleine Tochter stürmte voran,
blieb vor Dolores und Felix stehen, und blickte neugierig auf das Päckchen mit der roten Schleife.
»Liebesbriefe«, sagte Felix bedeutsam. »Die hat er alle mir geschrieben«, ergänzte Dolores.
»Oh, so viele«, staunte die Kleine, »und warum küsst du ihn dann nicht?«
»Das frage ich mich auch.« Felix stand auf und zog Dolores hoch. Das Mädchen rannte wieder zurück und rief »tausend Liebesbriefe mit einer roten Schleife und kein Kuss« ihren Eltern zu.
»Weil du mir keinen Liebesbrief oder kein Liebesgedicht geschrieben hast«,
sagte Dolores plötzlich.
»Was soll das denn jetzt?«
»Ich beantworte nur die Frage des kleinen Mädchens.«
Dann wurde sie wieder stadtführerisch. »Wir stehen hier unmittelbar vor dem
Himmel. So heißt diese Anhöhe. Die vierzig im Kreis gepflanzten jungen Bäume dort bilden den Lebensbaumkreis. Vor jedem steht eine Tonsäule.«
Felix verzog das Gesicht.
»Wahnsinn! Schöner Himmel! Ist aus den Lautsprechern die Stimme Gottes
zu hören?«
Dolores ließ sich nicht auf diesen Ton ein.
»Nenn mir das Sternbild, unter dem du geboren wurdest.«
»Stier, was sonst.«
»Dann bist du ein Nussbaummensch!«
»Schwer zu knacken, wie?«
»Das nun gerade nicht. Komm.«
Sie führte ihn zu einem kleinen Nussbaum, und eine melodische Stimme aus
der davor stehenden Tonsäule begann zu erzählen:
»Ich bin der Baum der Gegensätze. Ich vertreibe: Meinen Umkreis meiden
andere Pflanzen und auch, was durchaus angenehm ist, Insekten. Ich ziehe an:
meine Früchte, herb und doch voll Wohlgeschmack, gehören zu den köstlichsten Gaben der Natur. Der Nuss-Mensch, geboren zwischen 21. und 30. April in seinem Wesen voll Gegensätze. Er stößt ab, weil er so schwierig ist; er zieht magisch an, weil er so viel zu bieten hat. Angriffslust, Tiefgang, Würze und Freude – damit kann rechnen, wer sich mit einem Nuss-Menschen zusammentut.
Langweilig ist der Nuss-Mensch gewiss nicht. Man muss sich auf ihn einlassen, nur dann öffnet er sich. Dass es die Nuss-Menschen gibt, mit all ihren Gegensätzen – insgesamt sind wir drüber froh!«
»Und?«, fragte Felix. »Bist du auch insgesamt froh?«
Dolores lachte nur und zog Felix weiter zu einem Ahorn.
»Hier, der gehört zu mir.«
Die melodische Stimme kannte sich auch hier aus.
»Meine Blätter sind wie Sterne. Aus den Zacken sprüht Energie. Sie fließt
feurig hinüber zu dir. Spürst du sie schon … Und die Liebe …
Bist du eine Ahornfrau? Aus Ahornsaft wird der köstlichste Sirup bereitet –
Ahornsirup ist süß wie die Liebe. Das ist die Botschaft des Ahorns: Sei frei, sei kühn und liebe.«

Felix, obwohl kein Ahornmensch, war dazu bereit. Wurde aber wieder einmal
ausgebremst.
Eine junge Frau, mit Kind an der Hand, stand plötzlich hinter ihnen.
»Servus Dolores, was treibt dich denn schon wieder nach Wien? Wie schaut's aus, bist endlich fertig mit dem komischen Krieg in Spanien? Und wie geht's Christoph. Seid ihr noch zusammen?«
Dolores schien keineswegs verlegen.
»Nein«, beantwortete sie die eine Frage. »So schnell geht's mit dem Krieg nicht.
Und verrat mir mal, was an ihm komisch sein soll. Das ist übrigens der Felix aus Deutschland. Wir recherchieren gemeinsam im Dokumentationsarchiv bei meinem Großvater. Felix schreibt eine Hausarbeit über den Spanischen Bürgerkrieg.«
»Aha, der Felix, der Glückliche. Eine Hausarbeit, aha! Na dann, is schad, aber ich muss weiter, der Bus kommt gleich. Servus miteinand und grüß den Christoph ganz liab.«
Sie zerrte ihr Kind an der Hand hinter sich her quer über die Wiese.
Dolores hatte die Lust auf Weisheiten aus sprechenden Bäumen verloren. Sie
lief an Eiche, Linde und Tanne einfach vorbei. Letztere schien sich für diese
Nichtachtung rächen zu wollen. Dolores stürzte zu Boden, schrie vor Schmerz auf und konnte angeblich keinen Fuß mehr vor den anderen setzen.
»Du musst mich zum Auto tragen.«
»Tragen?« In Felix Erinnerung wurde der Waldweg immer länger.
»Stell dir vor, du wärst ein Interbrigadist und ich dein verletzter Kamerad.«
»Und was ist der Preis für diese Mühe? Liest du mir dann noch einen Brief
von Peppi vor?«
»Nein. Ich werde dir Tal vez mas tarde übersetzen. Es heißt … Nein. Erst
tragen.«
Dolores sah leichter aus als sie war.
Doch die Hoffnung auf die Übersetzung trieb Felix vorwärts und Schweiß
auf die Stirn.
»Stop!« Dolores löste sich von ihm und zeigte nach rechts, wo die Bäume von dicken Buschgardinen umgeben waren. Sie humpelte voran. Hinter den Büschen wucherte Moos zwischen großen Steinen. Felix blickte zurück. Vom Weg war nichts mehr zu sehen. »Du wolltest in den siebten Himmel geführt werden …
Tal vez mas tarde heißt übersetzt: vielleicht später. Später ist jetzt …Komm«,
flüsterte sie. Felix zögerte. Jetzt ging es ihm plötzlich zu schnell.
»Magst du, magst du, ein Gedicht hören?«, fragte er unsicher.
»Jetzt? Ein Gedicht?«
»Na ja.«
»He, brauchst du das immer vorher?«
»Nur bei dir, Dolores.«

„Ich möchte dich küssen, und fern ist dein Mund,
doch ich will mein Geschick nicht verdammen,
denn das Leben ist rund und die Erde ist rund
und am Ende kommt alles zusammen.
Herzliebste versteh, es zittert der Grund,
denn die halbe Welt steht in Flammen,
denn das Leben ist rund und die Erde ist rund
und am Ende kommt alles zusammen.“

Felix stand stocksteif da. »Hat dir … das Gedicht gefallen? Steht in dem Buch, das mir Erna geschenkt hat.«
Süß ist er immer noch, dachte Dolores. Süß wie in Spanien. Aber dieses Mal …
»Die letzte Zeile hat mir am besten gefallen. Sagst du sie mir noch einmal.«
»Am Ende kommt alles zusammen.«
»Ja, alles zusammen, Felix. Und nun komm … end … lich.«
Als sie später eng umschlungen den Parkplatz vor der Gaststätte »Cobenzl«
erreichten, dämmerte es bereits. Über Wien lag ein grauer Schleier unter dem
tausende Lichter glitzerten. Dolores Fuß schien wundersam geheilt. »Durch
dich«, flüsterte sie Felix ins Ohr.
Auf der Terrasse der Gaststätte zündeten Kellner Kerzen an. Ihr Lichtschein
breitete sich von den Tischen bis auf die Kieswege aus und flackerte in den
Fensterspiegeln.
Felix zog Dolores an einen freien Tisch. Sie wollte eine Grüne Wiesen und
von Felix ihr Handy.
Er zog das Telefon bereitwillig aus der Tasche. Dolores drückte auf die Einschalttaste.
Als hätte das Handy nur darauf gewartet, meldete es unverzüglich
einen Anruf.
»Servus, Christoph. Nun reg dich ab. Natürlich komme ich. Nun sei doch
nicht so aufgebracht. Und deine Zahnschmerzen? Das erklär ich dir später …
Ba, ba, bis gleich.« Sie knallte das Telefon auf den Tisch.
»Hast du's mitgekriegt?«
»Natürlich, natürlich, komme ich«, äffte Felix nach. »Und die Grüne Wiese?«
»Noch nicht bestellt. Komm, erheb dich!«
Im Auto wusste Felix nicht, was er denken sollte. Und an welches Mädchen
schon überhaupt nicht.

Dolores setzte ihn in der Wilhelminestraße ab und fuhr allein weiter zum
Fortuna-Park. Kein Abschiedskuss. Nur kurzer Gruß. Kleines Glück bei spanischen Frauen …
»Nimm dir aus den Regalen und Kühlschrank, was du willst«, hatte Erna
freigiebig angeboten. Felix entschied sich für Makkaroni mit Ketchup. Danach
wusste er, an welches Mädchen er denken sollte.
Er rief Sophie an. Die saß im Fischerhaus mit ihrer Mutter beim Abendessen,
aber stand nicht auf und lief aus dem Zimmer, um ungestört reden zu können.
Sie sagte sowieso nur Ja und Nein.
Der Spanische Bürgerkrieg ist für mich momentan das Wichtigste, versuchte
Felix sich anschließend einzureden. Er ging in Peppis Zimmer und holte am
Schreibtisch sein Notizbuch aus dem Rucksack. Er schlug langsam ein Blatt nach dem anderen auf. Wenn er nicht täglich hier alles festgehalten hätte …
Madrid und Pierre Sanders, Dolores und Lorca, Casa de Campo und Hans
Beimler, der Manzanares und das Bataillon Edgar Andre, Morata und Miguel
Lorenzo, das Dorf und der Viertelstundenkrieg, Frau Gallardio und das Kinderheim, Kilometer 83, und Professor Schwand, Senior Gamero und die Kirche mit der Bombe, der letzte Kampf am Ebro und das Museum in Gandesa, die Höhe 481 und Holzer gegen Naumann, Barcelona und Jose, Carlos und Isabella …
Er blickte aus dem Fenster. Die Nacht war dunkel, aber der Himmel sternenübersät.
Kein Himmel zum Fotografieren, kein Himmel für Erna. Aber ein Himmel
für Verliebte.
Was sollte er aufschreiben? Nussbaumann und Ahornfrau …Nur mit Mühe
konnte er sich davon losreißen.
Meerhofers Interview, Ernas Erzählungen über Peppi, seine Briefe und Gedichte … Später im Bett schaltete er noch einmal das Licht an und holte den Lyrikband hervor.
Ich möchte dich küssen, und fern ist dein Mund …
Er lernte auch die dritte Strophe auswendig, schloss die Augen und versuchte
herauszufinden, wen er nun eigentlich küssen wollte. Isabella, Dolores oder
Sophie? Alle drei? Seine Gedanken und Träume blieben bei Sophie hängen. Ja
… Nein … Ja … Nein … Ihr würde er auch einen Liebesbrief schreiben. Würde … Hätte er es nur getan!

Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück", Bestell-Nr. 60146,2006, 206 S., zahlr. Abb., 2 Karten, geb., 14.90
Euro Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger GmbH,
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Online-Flyer Nr. 95  vom 16.05.2007

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