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Literatur
Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück – Folge 22
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
5.
Himmel über Wien. Dolores. Erna. Flughafen. Meerhofer. Dokumentationsarchiv. Punkt acht, wenn's da schon ausgeschlafen hast. Langsam kam die Erinnerung an den gestrigen Tag zurück.
Felix schaute auf die Uhr, fluchte laut und sprang aus dem Bett. Er duschte
und nahm sich Zeit dabei, auch beim Frühstück. Jetzt kam er sowieso zu spät…
Schon gestern Abend hatte er Kekse, Zwieback, Konfitüre, Tee entdeckt. Kein Luxus, aber er wurde satt.
Er packte seinen Rucksack, schloss die Tür, warf wie abgesprochen den Schlüssel in den Briefkasten und lief zur Bahn.
Im Archiv saß ein unbekannter alter Mann auf Meerhofers Stuhl. »Der Chef
musste dringend zum Zahnarzt. Ich heiße Franz Bodner. Wenn du mit mir Vorlieb nehmen willst … ich war auch in Spanien …«
Felix ließ sich seine Enttäuschung nicht anmerken. »Ja … kein Problem, im
Gegenteil …«
»Du und dein Mithörgerät lässt die Menschen ausreden, hat mir Horst gesagt, egal, was sie daherreden?«
»Ja, klar … ich und mein Aufnahmegerät …« Felix nahm es aus dem Rucksack.
»Eine Tasse Tee?«
Bodner lief aus dem Zimmer, kam mit zwei vollen Tassen zurück und stellte sie vorsichtig neben die Akten auf dem Schreibtisch. Er setzte sich und zeigte auf den Hocker für Felix. Ohne Aufforderung begann er zu reden, leise und schnell.
»Aufgewachsen bin ich in einem Armenbezirk von Wien, mit viel Arbeitslosigkeit, das Leben spielte sich auf der Straße ab. Meine Eltern haben sich nicht verstanden, ich war froh, wenn ich raus konnte. Zu anderen Familien hatte ich mehr Kontakt als zu meiner. Dann kam ich in Kreise, die gestohlen haben und wurde verhaftet. Der Psychiater hat während des Prozesses gesagt, das Beste wäre für mich eine Erziehungsanstalt, aber ich würde eh abhauen. Nein, habe ich geantwortet, wenn's mir gefällt, flüchte ich nicht.
Also bin ich dorthin gekommen und hab mich nicht gefreut, wenn Ferien
waren und ich nach Hause fahren konnte. Ich wäre lieber bei den Freunden
geblieben, wir haben Fußball gespielt, Tischtennis …
Später kam ich zu den Roten Falken, da traf sich die sozialistische Jugend. Sie sind verboten worden in den dreißiger Jahren.«
Er trank einen Schluck Tee.
»Sagt dir der 12. Februar 1934 was? Nein, na ja, wird auch nicht mehr viel
drüber gredet. Kurz vor Mittag gingen in Wien die Lichter aus. Aufruf zum
Generalstreik. Und ich nahm ein Gewehr in die Hand. Aber der Bürgerkrieg
dauerte nur zwei Tage … Doch wir waren stolz drauf … Zum ersten Mal auf der Welt hatten sich Arbeiter gegen die drohende Machtergreifung der Faschisten zur Wehr gesetzt … Einem unserer Bataillone gaben wir in Spanien den Namen 12. Februar!«
Bodner schaute nachdenklich vor sich hin. »Über 70 Jahre ist's her …«
Er holte tief Luft und setzte sich aufrecht.
»1935 wurde ich Mitglied der Kommunistischen Partei, ja und erwischt beim
Vertrieb illegaler Zeitungen. Einen Monat in Polizeihaft, in einer Jugendzelle.
Als ich wieder raus kam, waren bereits welche von uns nach Spanien. Natürlich wollte ich auch fahren.«
»Natürlich?«, fragte Felix.
Bodner hielt verwundert inne. »Warum – willst du wissen? Du findest das
nicht natürlich? Nun, weil ich die Welt mit verändern wollte. Zum Besseren.
Für Gerechtigkeit kämpfen. Den Reichen nehmen, den Armen geben. Ja, ein
kleiner Robin Hood! Das wollte ich sein. Und die neue Regierung in Spanien
unterstützte die Armen, das hatte sich bis zu uns herumgesprochen.« Er straffte seinen Oberkörper, holte aus der Schublade eine Brieftasche, zog ein Bild hervor und hielt es Felix stolz hin.
Ein junger gut aussehender Mann schaute Felix vom Bild an: mit dichten
welligen, nach hinten gekämmten Haaren, hoher Denkerstirn, dunklen neugierig blitzenden Augen und vollen Lippen, die ein Lächeln andeuteten. Felix konnte sich vorstellen, dass der früher ein leichtes Spiel bei den Mädchen hatte.
»Fesch sahen Sie aus«, sagte er anerkennend und gab das Foto zurück. Bodner ließ es auf dem Schreibtisch liegen und erzählte, immer mal draufschauend, weiter.
»Zu sechst wollten wir dann in der Nacht bei Basel über die Grenze. Wollten
…von dem französischen Gardemobile wurden wir aber geschnappt. Prügel
und Gefängnis. Durchs Gitter haben wir Zettel geworfen: Hier sitzen Österreicher, die nach Spanien wollen. Und man schob uns wirklich von draußen Brot und Wurst durch. Nach ein paar Wochen haben uns die Franzosen wieder über die Grenze zurückgejagt. Aber aufgeben wollte keiner von uns. Wir waren zäh, gesund und willensstark. Wir sind dann über die Pyrenäen. 280 Antifaschisten. In einer Reihe aufgestellt. Vorn ein Katalane, hinten einer.«
»280?« fragte Felix ungläubig.
»Jedenfalls sehr viele! Ich hatte zum Glück Skischuhe an, die meisten trugen
Halbschuhe, überhaupt nicht zum Klettern geeignet. Wir mussten über reißende Bäche springen, manchmal mitten hinein, durchnässt weiter. Keiner durfte den Vordermann verlieren.
Als es dunkel wurde, waren wir so hoch, wo nur noch Schnee lag. Wir rutschen aus, schlugen uns die Beine und Hände auf. Ja, die meisten waren zwar jung und zäh, aber irgendwann auch mit der Kraft am Ende. Zwei Engländer und zwei Amerikaner stürzten ab … Erst am Morgen haben wir die Höhe des Gebirgspasses und damit die spanische Grenze erreicht. Nacheinander berührte jeder einen Stein, als wir die Grenze übertraten.«
Bodner steckte das Foto umständlich wieder zurück in die Brieftasche. Währen der weitererzählte, blickte er aus den schmutzigen Fenstern des kleinen Büros. »Der Sonnenaufgang über dem Mittelmeer bleibt für mich unvergesslich.
Ich hatte die Sonne noch nie in so vielfältigen Farben gesehen. Später
habe ich natürlich noch viele prächtige Sonnenaufgänge erlebt. Aber den, hoch oben, auf spanischer Erde, den vergesse ich nicht.« Er drehte sich wieder zu Felix um.
»Beim Abstieg rutschten wir auf dem Hosenboden und bremsten mit Händen
und Füßen. Wie gefährlich das war, sahen wir erst, als es richtig hell wurde.
Beide Seiten des schmalen Weges säumten tiefe Schluchten, so dass einem schon beim Hinunterschauen schwindlig werden konnte.« Er holte tief Luft.
»Wo kommst eigentlich her, Bub? Gibt's bei euch auch Berge? Bist schon mal in Alpen herumgeklettert? Dann kannst dir's vielleicht vorstellen. Aber die Kämpfe, die Front, das wirst du dir nicht vorstellen können … Hab ein Glück gehabt, verwundet wurde ich nicht.«
Auch der, dachte Felix, hat Glück gehabt. Alle, mit denen er bisher gesprochen hatte, behaupten das. Silbermann, Sanders, der Vater von Miguel … Aber Hans Beimler nicht, Edgar Andre nicht, Lorca nicht, General Kleber also Manfred Stern nicht, fast 1700 Menschen in Guernica nicht, die Toten von Madrid und Barcelona nicht, die Bewohner von Corbera nicht … Bodner hatte mit seiner monotonen, leisen Stimme weiterberichtet, aber Felix hörte erst wieder bei »Malaga war gefallen«, zu.
»Am 8. Februar 1937. Kampflos. Auf der Küstenstraße nach Almeria, die
Stadt war 220 km entfernt«, Bodner hob die Stimme, »wälzten sich riesige
Flüchtlingstrecks. Ungefähr 250 000 Menschen. Frauen, Schwangere, die im
Straßengraben, meist zu früh entbanden, Kinder ohne Schuhe, müde, hungrig, matt, Greise auf Karren, Pferden und Eseln, und über den Köpfen Bomber- und Jagdflugzeuge… vom Meer Granaten der Kriegsschiffe. Die Straße ein Massengrab…
Vierzigtausend kamen am Abend des 12. Februar im Hafen von Almeria an,
erschöpft und doch froh, eine, so hofften sie, sichere Bleibe gefunden zu haben.
Da warfen deutsche und italienische Flugzeuge zehn große Bomben ab …
Ich, ja ich hatte wieder Glück … Aber dann bekam ich hohes Fieber. Im Spital stellten sie Diphtherie fest. Wenn ich etwas essen wollte, musste ich mir die Nase zuhalten, sonst wäre alles aus der Nase rausgekommen. Selbst Maiskörner. Es war alles gelähmt. Noch als ich entlassen wurde, waren meine Beine wie taub und ich konnte schlecht laufen. So wie heute.«
Bodners rechte Hand fing an zu zittern und er legte seine linke darüber.
»Nun hab ich genug erzählt und tät dich gern was fragen.«
»Über den Bürgerkrieg?«
»Ja. Du schreibst also eine Arbeit für die Schule. Natürlich freut das einen wie mich. Weil, manchmal denken wir schon, das alles interessiert niemanden mehr.
Aber nun du. Nimmst auch was für dich mit, oder ist alles bloß für die Schule?«
»Zu deutsch, ob ich schon was gelernt habe durch meine Recherchen, sozusagen fürs Leben?«
Der alte Mann nickte lebhaft. Felix presste die Augenlider zusammen.
Sollte er von Peppis Gedichten erzählen und wie gut ihm »Das Leben ist rund« gefiel, oder ehrlich »Eigentlich nicht« antworten?
»Die Interbrigadisten sind große Vorbilder für uns junge Menschen«, sagte er
schließlich. Es klang nicht besonders überzeugend, und er wunderte sich, wie sehr sein Gegenüber sich trotzdem über diesen Satz zu freuen schien.
»Sieh, dass was Gescheites dabei rauskommt«, bat er, »und schick's mir zum Lesen, wenn ich bitten darf. Und wenn's halt Fragen hast oder mehr wissen willst, kommst wieder.«
Damit war Felix verabschiedet. Er schüttelte kräftig die dargebotene Hand und steckte vorsichtig das Diktiergerät in seinen Rucksack, als sein Handy klingelte.
»Ja«, sagte er gedehnt. »Ja, mir geht es gut. Nein, Mama, du musst dich nicht sorgen. Ich hatte mein Handy verlegt. Ja verlegt. Wien. Ja, Wien, Hauptstadt von Österreich. Du hast richtig gehört. Ich habe gerade einen ehemaligen Interbrigadisten interviewt.« Er lächelte Bodner zu. »Weiß ich noch nicht. Vielleicht übermorgen.
Weiß ich auch nicht. Habe noch fast zehn Euro. Wird sich finden. Nun
reg dich doch nicht auf. Unkraut vergeht nicht. Sagst du doch immer. Bis bald.«
Er holte tief Luft und lächelte noch einmal etwas verlegen zu Bodner. Der
holte aus seiner Brieftasche einen 50 Euro-Schein und schob ihn Felix über den Schreibtisch. »Hier, mit 10 Euro kommt man heutzutage nicht weit. Kannst's ruhig nehmen. Geld ist mir nicht wichtig. Ich komm gut aus. Brauch halt nicht viel. Und wenn du unbedingt willst, schickst mir's halt zurück, wenn du zu Hause bist.«
Online-Flyer Nr. 96 vom 23.05.2007
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Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück – Folge 22
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
5.
Himmel über Wien. Dolores. Erna. Flughafen. Meerhofer. Dokumentationsarchiv. Punkt acht, wenn's da schon ausgeschlafen hast. Langsam kam die Erinnerung an den gestrigen Tag zurück.
Felix schaute auf die Uhr, fluchte laut und sprang aus dem Bett. Er duschte
und nahm sich Zeit dabei, auch beim Frühstück. Jetzt kam er sowieso zu spät…
Schon gestern Abend hatte er Kekse, Zwieback, Konfitüre, Tee entdeckt. Kein Luxus, aber er wurde satt.
Er packte seinen Rucksack, schloss die Tür, warf wie abgesprochen den Schlüssel in den Briefkasten und lief zur Bahn.
Im Archiv saß ein unbekannter alter Mann auf Meerhofers Stuhl. »Der Chef
musste dringend zum Zahnarzt. Ich heiße Franz Bodner. Wenn du mit mir Vorlieb nehmen willst … ich war auch in Spanien …«
Felix ließ sich seine Enttäuschung nicht anmerken. »Ja … kein Problem, im
Gegenteil …«
»Du und dein Mithörgerät lässt die Menschen ausreden, hat mir Horst gesagt, egal, was sie daherreden?«
»Ja, klar … ich und mein Aufnahmegerät …« Felix nahm es aus dem Rucksack.
»Eine Tasse Tee?«
Bodner lief aus dem Zimmer, kam mit zwei vollen Tassen zurück und stellte sie vorsichtig neben die Akten auf dem Schreibtisch. Er setzte sich und zeigte auf den Hocker für Felix. Ohne Aufforderung begann er zu reden, leise und schnell.
»Aufgewachsen bin ich in einem Armenbezirk von Wien, mit viel Arbeitslosigkeit, das Leben spielte sich auf der Straße ab. Meine Eltern haben sich nicht verstanden, ich war froh, wenn ich raus konnte. Zu anderen Familien hatte ich mehr Kontakt als zu meiner. Dann kam ich in Kreise, die gestohlen haben und wurde verhaftet. Der Psychiater hat während des Prozesses gesagt, das Beste wäre für mich eine Erziehungsanstalt, aber ich würde eh abhauen. Nein, habe ich geantwortet, wenn's mir gefällt, flüchte ich nicht.
Also bin ich dorthin gekommen und hab mich nicht gefreut, wenn Ferien
waren und ich nach Hause fahren konnte. Ich wäre lieber bei den Freunden
geblieben, wir haben Fußball gespielt, Tischtennis …
Später kam ich zu den Roten Falken, da traf sich die sozialistische Jugend. Sie sind verboten worden in den dreißiger Jahren.«
Er trank einen Schluck Tee.
»Sagt dir der 12. Februar 1934 was? Nein, na ja, wird auch nicht mehr viel
drüber gredet. Kurz vor Mittag gingen in Wien die Lichter aus. Aufruf zum
Generalstreik. Und ich nahm ein Gewehr in die Hand. Aber der Bürgerkrieg
dauerte nur zwei Tage … Doch wir waren stolz drauf … Zum ersten Mal auf der Welt hatten sich Arbeiter gegen die drohende Machtergreifung der Faschisten zur Wehr gesetzt … Einem unserer Bataillone gaben wir in Spanien den Namen 12. Februar!«
Bodner schaute nachdenklich vor sich hin. »Über 70 Jahre ist's her …«
Er holte tief Luft und setzte sich aufrecht.
»1935 wurde ich Mitglied der Kommunistischen Partei, ja und erwischt beim
Vertrieb illegaler Zeitungen. Einen Monat in Polizeihaft, in einer Jugendzelle.
Als ich wieder raus kam, waren bereits welche von uns nach Spanien. Natürlich wollte ich auch fahren.«
»Natürlich?«, fragte Felix.
Bodner hielt verwundert inne. »Warum – willst du wissen? Du findest das
nicht natürlich? Nun, weil ich die Welt mit verändern wollte. Zum Besseren.
Für Gerechtigkeit kämpfen. Den Reichen nehmen, den Armen geben. Ja, ein
kleiner Robin Hood! Das wollte ich sein. Und die neue Regierung in Spanien
unterstützte die Armen, das hatte sich bis zu uns herumgesprochen.« Er straffte seinen Oberkörper, holte aus der Schublade eine Brieftasche, zog ein Bild hervor und hielt es Felix stolz hin.
Ein junger gut aussehender Mann schaute Felix vom Bild an: mit dichten
welligen, nach hinten gekämmten Haaren, hoher Denkerstirn, dunklen neugierig blitzenden Augen und vollen Lippen, die ein Lächeln andeuteten. Felix konnte sich vorstellen, dass der früher ein leichtes Spiel bei den Mädchen hatte.
»Fesch sahen Sie aus«, sagte er anerkennend und gab das Foto zurück. Bodner ließ es auf dem Schreibtisch liegen und erzählte, immer mal draufschauend, weiter.
»Zu sechst wollten wir dann in der Nacht bei Basel über die Grenze. Wollten
…von dem französischen Gardemobile wurden wir aber geschnappt. Prügel
und Gefängnis. Durchs Gitter haben wir Zettel geworfen: Hier sitzen Österreicher, die nach Spanien wollen. Und man schob uns wirklich von draußen Brot und Wurst durch. Nach ein paar Wochen haben uns die Franzosen wieder über die Grenze zurückgejagt. Aber aufgeben wollte keiner von uns. Wir waren zäh, gesund und willensstark. Wir sind dann über die Pyrenäen. 280 Antifaschisten. In einer Reihe aufgestellt. Vorn ein Katalane, hinten einer.«
»280?« fragte Felix ungläubig.
»Jedenfalls sehr viele! Ich hatte zum Glück Skischuhe an, die meisten trugen
Halbschuhe, überhaupt nicht zum Klettern geeignet. Wir mussten über reißende Bäche springen, manchmal mitten hinein, durchnässt weiter. Keiner durfte den Vordermann verlieren.
Als es dunkel wurde, waren wir so hoch, wo nur noch Schnee lag. Wir rutschen aus, schlugen uns die Beine und Hände auf. Ja, die meisten waren zwar jung und zäh, aber irgendwann auch mit der Kraft am Ende. Zwei Engländer und zwei Amerikaner stürzten ab … Erst am Morgen haben wir die Höhe des Gebirgspasses und damit die spanische Grenze erreicht. Nacheinander berührte jeder einen Stein, als wir die Grenze übertraten.«
Bodner steckte das Foto umständlich wieder zurück in die Brieftasche. Währen der weitererzählte, blickte er aus den schmutzigen Fenstern des kleinen Büros. »Der Sonnenaufgang über dem Mittelmeer bleibt für mich unvergesslich.
Ich hatte die Sonne noch nie in so vielfältigen Farben gesehen. Später
habe ich natürlich noch viele prächtige Sonnenaufgänge erlebt. Aber den, hoch oben, auf spanischer Erde, den vergesse ich nicht.« Er drehte sich wieder zu Felix um.
»Beim Abstieg rutschten wir auf dem Hosenboden und bremsten mit Händen
und Füßen. Wie gefährlich das war, sahen wir erst, als es richtig hell wurde.
Beide Seiten des schmalen Weges säumten tiefe Schluchten, so dass einem schon beim Hinunterschauen schwindlig werden konnte.« Er holte tief Luft.
»Wo kommst eigentlich her, Bub? Gibt's bei euch auch Berge? Bist schon mal in Alpen herumgeklettert? Dann kannst dir's vielleicht vorstellen. Aber die Kämpfe, die Front, das wirst du dir nicht vorstellen können … Hab ein Glück gehabt, verwundet wurde ich nicht.«
Auch der, dachte Felix, hat Glück gehabt. Alle, mit denen er bisher gesprochen hatte, behaupten das. Silbermann, Sanders, der Vater von Miguel … Aber Hans Beimler nicht, Edgar Andre nicht, Lorca nicht, General Kleber also Manfred Stern nicht, fast 1700 Menschen in Guernica nicht, die Toten von Madrid und Barcelona nicht, die Bewohner von Corbera nicht … Bodner hatte mit seiner monotonen, leisen Stimme weiterberichtet, aber Felix hörte erst wieder bei »Malaga war gefallen«, zu.
»Am 8. Februar 1937. Kampflos. Auf der Küstenstraße nach Almeria, die
Stadt war 220 km entfernt«, Bodner hob die Stimme, »wälzten sich riesige
Flüchtlingstrecks. Ungefähr 250 000 Menschen. Frauen, Schwangere, die im
Straßengraben, meist zu früh entbanden, Kinder ohne Schuhe, müde, hungrig, matt, Greise auf Karren, Pferden und Eseln, und über den Köpfen Bomber- und Jagdflugzeuge… vom Meer Granaten der Kriegsschiffe. Die Straße ein Massengrab…
Vierzigtausend kamen am Abend des 12. Februar im Hafen von Almeria an,
erschöpft und doch froh, eine, so hofften sie, sichere Bleibe gefunden zu haben.
Da warfen deutsche und italienische Flugzeuge zehn große Bomben ab …
Ich, ja ich hatte wieder Glück … Aber dann bekam ich hohes Fieber. Im Spital stellten sie Diphtherie fest. Wenn ich etwas essen wollte, musste ich mir die Nase zuhalten, sonst wäre alles aus der Nase rausgekommen. Selbst Maiskörner. Es war alles gelähmt. Noch als ich entlassen wurde, waren meine Beine wie taub und ich konnte schlecht laufen. So wie heute.«
Bodners rechte Hand fing an zu zittern und er legte seine linke darüber.
»Nun hab ich genug erzählt und tät dich gern was fragen.«
»Über den Bürgerkrieg?«
»Ja. Du schreibst also eine Arbeit für die Schule. Natürlich freut das einen wie mich. Weil, manchmal denken wir schon, das alles interessiert niemanden mehr.
Aber nun du. Nimmst auch was für dich mit, oder ist alles bloß für die Schule?«
»Zu deutsch, ob ich schon was gelernt habe durch meine Recherchen, sozusagen fürs Leben?«
Der alte Mann nickte lebhaft. Felix presste die Augenlider zusammen.
Sollte er von Peppis Gedichten erzählen und wie gut ihm »Das Leben ist rund« gefiel, oder ehrlich »Eigentlich nicht« antworten?
»Die Interbrigadisten sind große Vorbilder für uns junge Menschen«, sagte er
schließlich. Es klang nicht besonders überzeugend, und er wunderte sich, wie sehr sein Gegenüber sich trotzdem über diesen Satz zu freuen schien.
»Sieh, dass was Gescheites dabei rauskommt«, bat er, »und schick's mir zum Lesen, wenn ich bitten darf. Und wenn's halt Fragen hast oder mehr wissen willst, kommst wieder.«
Damit war Felix verabschiedet. Er schüttelte kräftig die dargebotene Hand und steckte vorsichtig das Diktiergerät in seinen Rucksack, als sein Handy klingelte.
»Ja«, sagte er gedehnt. »Ja, mir geht es gut. Nein, Mama, du musst dich nicht sorgen. Ich hatte mein Handy verlegt. Ja verlegt. Wien. Ja, Wien, Hauptstadt von Österreich. Du hast richtig gehört. Ich habe gerade einen ehemaligen Interbrigadisten interviewt.« Er lächelte Bodner zu. »Weiß ich noch nicht. Vielleicht übermorgen.
Weiß ich auch nicht. Habe noch fast zehn Euro. Wird sich finden. Nun
reg dich doch nicht auf. Unkraut vergeht nicht. Sagst du doch immer. Bis bald.«
Er holte tief Luft und lächelte noch einmal etwas verlegen zu Bodner. Der
holte aus seiner Brieftasche einen 50 Euro-Schein und schob ihn Felix über den Schreibtisch. »Hier, mit 10 Euro kommt man heutzutage nicht weit. Kannst's ruhig nehmen. Geld ist mir nicht wichtig. Ich komm gut aus. Brauch halt nicht viel. Und wenn du unbedingt willst, schickst mir's halt zurück, wenn du zu Hause bist.«
Online-Flyer Nr. 96 vom 23.05.2007
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