Kultur und Wissen
Auszeichnung für die Verbindung uralter irakischer Musik mit Jazz
„Ahoar“
Von Birgit Ellinghaus und Peter Kleinert
Die Kunst des Maqam geht im Irak unter
Ahoar nennt man auch das Sumpfland im südlichen Irak, im gemeinsamen Delta von Euphrat und Tigris. So wie im Delta durch den Zusammenfluss beider Gewässer fruchtbarer Boden entsteht, entsteht hier aus dem Zusammenfluss westlicher Jazzklänge und klassischer irakischer Maqam-Musik eine reiche Klangwelt. Der irakische Maqam ist eine uralte Musikform, deren Struktur sich in den letzten Jahrhunderten kaum verändert hat. Maqam ist die Kunst der Melodie, die sich aus festgelegten Tetrachorden (Vierer-Tonfolgen) entwickelt. In ihrer ursprünglichen Form gibt es keine Harmonien. Die Musik erhält ihren Glanz erst durch die melodisch-rhythmische Erfindungskraft, die Virtuosität und Intensität des Sängers und der Instrumentalisten. Unter den Lebensbedingungen im heutigen Irak ist die Kunst des Maquam fast gänzlich untergegangen.

Mitgebracht nach Europa haben diese Kunst der in Bonn lebende Saad Thamir, der außerdem Darbouka, Daf, Riq spielt, und der in Köln lebende Bassem Hawar, der Djoze, die irakische Kniegeige spielt. Der Belgier Free Desmyter ist Jazzpianist und lebt in Antwerpen und Kontrabassist Dietmar Fuhr in Köln.
Am Anfang standen ein Familienfest…
Saad Thamir stammt aus Bagdad, studierte dort Musikwissenschaften und Piano, war Dozent für Piano und Musikgeschichte am Bagdader Institut für schöne Künste, gründete in Europa die Gruppe Lagash und wurde 1998 mit dem holländischen Kompositionspreis „New Colors For Piano“ ausgezeichnet. Bassem Hawar, ebenfalls in Bagdad geboren, studierte klassische arabische Musik, Djoze und Violine, war Dozent am Konservatorium Bagdad und lebt seit 2000 in Deutschland. Free Desmyter studierte Jazzpiano an der Amsterdamer Kunsthochschule, ist dort seit 2001 Dozent und Träger des Nicolas-D’Or-Preises und des Preises „Der goldene Flügel“. Dietmar Fuhr kommt aus der schwäbischen Alp und studierte Jazz- Kontrabass an der Musikhochschule Köln.
Nach zahlreichen Auftritten mit verschiedenen Gruppen in ihrer Heimat und in Europa fanden vor drei Jahren Free Desmyter und Saad Thamir auf einem Familienfest musikalisch zusammen. Die Kombination von Desmyters lyrischem Jazzspiel und Thamirs arabischer Gesänge erschien, wie Thamir erzählt, beiden so viel versprechend und interessant, dass sie Ahoar gründeten, Thamirs alten Freund Bassem hinzu holten und gemeinsam nach Wegen suchten, die beiden Musikstile miteinander zu verbinden, ohne deren jeweilige Eigenheiten aufzugeben.
…und ein Gemüseladen
„Rund aber wurde alles erst, als Dietmar Fuhr zu uns stiess“, sagt Saad Thamir. „Ich kannte Dietmar , weil er in dem Gemüseladen, in dem ich damals arbeitete, einkaufte. Nur durch Zufall erfuhr ich, dass er Musiker ist. Als ich eines schönen Tages vor dem Gemüseladen stand, um eine Zigarette zu rauchen, bat er mich, ihm dabei zu helfen, ein Sofa in den Kofferraum seines Autos zu laden. Dabei entdeckte ich einen Notenständer und erfuhr so, dass er Kontrabassist ist und lud ihn ein, mit uns proben zu kommen. Seitdem ist Ahoar vollständig.“

Fotos: Silvia Salingre
Seitdem spielen die vier Musiker expressive Musik, die Zuhörer in ihrer Intensität tief berührt. Ihre überragende musikalische Darbietung lässt vergessen, dass die Stilmischung aus Jazz und irakischem Maqam vollkommen einzigartig und praktisch ohne Vorbilder ist.
Auf dem Kölner Label "Heaven and Earth" wurde zwischen Februar/ März die erste Ahoar-CD eingespielt, die im September veröffentlicht und am 8. September mit einer CD Release Party in der Brotfabrik, Bonn der Öffentlichkeit und den Medien vorgestellt wird. Weiterer Konzerttermin am 6. Oktober in der Kulturwerkstatt, Paderborn.
Online-Flyer Nr. 97 vom 30.05.2007
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