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Globales
Tagebuch einer Auswanderin – Folge 1
PROLOG
Von Anna Bachmann

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich – geschützt vor der heißen Mittagssonne – auf meiner Veranda in Süditalien. Der Sturm wirbelt durch die weit ausladenden Feigenbäume, die elastischen Zweige biegen sich bald hierhin, bald dorthin. Nur das Rauschen des Windes und das muntere Zwitschern der Vögel durchbrechen die Stille. Eine andere Welt. Eine neue Welt. Ohne Hektik, ohne Jagen. Zeit. Viel Zeit. Zum Abschalten, zum Denken und Nachdenken. Zeit, die mir in Deutschland abhanden gekommen war.

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich – geschützt vor der heißen Mittagssonne – auf meiner Veranda in Süditalien. Der Sturm wirbelt durch die weit ausladenden Feigenbäume, die elastischen Zweige biegen sich bald hierhin, bald dorthin. Nur das Rauschen des Windes und das muntere Zwitschern der Vögel durchbrechen die Stille. Eine andere Welt. Eine neue Welt. Ohne Hektik, ohne Jagen. Zeit. Viel Zeit. Zum Abschalten, zum Denken und Nachdenken. Zeit, die mir in Deutschland abhanden gekommen war.


Unsere Veranda – hier wollen wir leben

In Seit sieben Wochen lebe ich nun hier, in Puglia, in Apulien, am Rande eines kleinen Ortes, nur wenige hundert Meter vom Meer entfernt. Bin eine von rund 170.000 bis 250.000 deutschstämmigen Auswanderern, die Jahr für Jahr Deutschland verlassen. Tendenz steigend.


"Auswandern". Ein magisches Wort. Es impliziert Neubeginn, Chance, Befreiung. Es vermittelt einen Hauch von Romantik und Abenteuer. In meinem Geist formt sich sofort die Gestalt eines Wanderburschens mit Rucksack, Stock und Hut. "Hänschen klein, ging allein …" und "vom Tellerwäscher zum Millionär" sind Fragmente, die mir durch den Kopf schießen. Australien, Neuseeland, Kanada, die USA – beliebte Ziele, nach wie vor. Länder und Kontinente, die immer noch für Freiheit und unbegrenzte Möglichkeiten stehen. Ein Märchen. Ein trauriges Märchen.

Auswandern, hinauswandern, etwas verlassen. Es bedeutet immer Trennung. Trennung von etwas Gewohntem, etwas Geliebtem. Ja, ich habe Deutschland einmal geliebt. Bis vor einigen Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, dauerhaft in einem anderen Land zu leben. Doch es kam anders. Nicht plötzlich. Schleichend. Wie ein Gift, das den Körper ganz langsam absterben lässt. Körper und Seele vernichtet. 

Zum ersten Mal schoss mir der Gedanke vor rund fünf Jahren durch den Kopf. Aus heiterem Himmel. "Ich möchte hier weg, weg aus Deutschland! Mit diesem Land kann ich mich nicht mehr identifizieren." Ein unglaublicher, fast ruchloser Gedanke. Ich sollte meine Heimat verlassen? Für immer? Aber empfand ich Deutschland überhaupt noch als Heimat? Als heimischen Ort, an dem ich mich aufgehoben und geborgen fühlte?

Meine ehrliche Antwort lautet eindeutig: Nein! Die wachsende Ungerechtigkeit, die Lügen der Regierenden, die Manipulationen von Presse und Wirtschaft – eine Linie, die mir immer weniger behagte, mir zunehmend Angst machte. Wenigstens für einige Wochen oder Monate im Jahr wollte ich Abstand bekommen, Ruhe finden, abschalten. Luft holen. Atmen können! Die Luft begann, immer dünner zu werden.

Mir schwebte eine kleine Finca im Süden vor, einsam gelegen mit kleinem Gärtchen. Ich sah mich dort an einer Schreibmaschine zwischen blühenden Sträuchern sitzen, träumen und schreiben. Allein, ohne Zeitdruck, zeitlos. Den Kopf frei – frei für mich und meine Gedanken.



Wir haben sogar einen Brot- und Pizzaofen im Garten

Es sollte anders kommen. Den Ausschlag für meinen entscheidenden Schritt gab die Demonstration gegen Sozialabbau am 3. Juni 2006 in Berlin. Dreimal musste ich hautnah miterleben, wie eine Polizeitruppe sich grundlos auf friedliche Demonstranten stürzte, sie zu Boden riss, auf sie eindrosch, sie trat, jungen Leuten Pfefferspray in die Augen sprühte und einer Teilnehmerin sogar die Hand brach. Vor den entsetzten Augen von Kindern, die gerade noch dem Angriff ausweichen konnten. Ich war fassungslos.


Einige Tage danach erstattete ich Anzeige, wurde auch als Zeugin vernommen. In der Nähe meines damaligen Heimatortes. Der verhörende Kriminalhauptkommissar drangsalierte mich über eine Stunde lang, versuchte meine Aussage ständig zu manipulieren, ich stellte sie immer wieder richtig. Schließlich hatte ich die Nase voll, brach das Gespräch ab und ging. Allerdings fand ich noch heraus, dass besagter Kommissar meine kompletten Daten vorliegen hatte – von der Geburt bis zum Vernehmungstag. Das war zwar strafbar – aber das war und ist Deutschland. Gesetze zählen nicht mehr. Um vermeintliche "Gegner" – oder soll ich besser "Terroristen" sagen? – auszuschalten, ist jedes Mittel recht. Grundgesetz hin, Grundgesetz her – das ist nur noch Makulatur.

So überlegten meine Freundin und ich intensiv, wo wir leben wollten und könnten. Bis zu diesem Zeitpunkt war uns die Türkei als Möglichkeit erschienen. Doch wir verwarfen diesen Gedanken wieder, weil uns die politische Lage dort ebenfalls zu unsicher war.



Drum herum Feigenbäume, Obst- und Gemüsefelder
Fotos: Mary Ann Christen-Meyer

Zufällig kamen wir mit einem Nachbarn ins Gespräch, einem Deutschen, dessen Vorfahren aus Süditalien stammten und zum Teil auch hier in der Nähe leben. Er schwärmte in den höchsten Tönen, wir lauschten fasziniert. Wir waren begeistert, aber noch etwas skeptisch. Sofort bestellte ich mir Bücher über die Region, las im Internet nach, informierte mich bei Konsulat und Botschaft. Von Woche zu Woche wurde das Bild klarer. Das Ergebnis: Hier wollten wir leben.


Die Autorin, von der wir schon einige Gedichte, Glossen und Artikel gebracht haben, ist in Berlin aufgewachsen. Nach einem Studium an der Kölner Uni war sie zunächst zehn Jahre Gymnasiallehrerin, studierte dann einige Semester Journalistik an der Uni Dortmund. Danach Leitung der Sportredaktionen ITT Medienverlag Düsseldorf und Thüringer Tagespost Erfurt, Redakteurin beim Mitteldeutschen EXPRESS und EXPRESS Düsseldorf.

Inzwischen ist sie freie Journalistin. "Gedichte und Kurzgeschichten", sagt sie, habe ich vor der NRhZ eigentlich mehr für mich geschrieben." Seit April 2007 lebt und arbeitet sie in Süditalien.


Online-Flyer Nr. bitte eintragen!  vom 30.05.2007

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