SUCHE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Druckversion
Kultur und Wissen
Interview mit Professor Ulrich Kutschera:
„Unsere Art hat, evolutionär betrachtet, noch einige Zeit vor sich.“
Von Tanja Krienen
Tanja Krienen: Wie viele Menschen können in Deutschland etwa zu den Kreationisten, wie viele zu den Evolutionisten gezählt werden und wie stark ist ungefähr die Gruppe derjenigen, deren Weltinterpretation ein Sowohl-Als-Auch-Denken beinhaltet?
Prof. Kutschera: Ihre Frage basiert auf dem verbreiteten Irrtum, es gäbe neben dem Kreationismus (wörtlich verstandener, auf biologische Phänomene übertragener biblischer Schöpfungsglaube) eine weitere dogmatische Ideologie, die man als "Evolutionismus" bezeichnen könnte. Dies ist unzutreffend. Moderne Evolutionsforscher bemühen sich darum, die Stammesgeschichte ausgewählter Organismengruppen zu rekonstruieren und die Antriebskräfte für den Artenwandel zu ergründen. Die Evolutionsbiologie ist kein Glaubenssystem, sondern ein zentrales Teilgebiet der modernen "Life Sciences". In Deutschland können wir mit 20 bis 30 % Kreationisten rechnen. Die Zahl der aktiven Evolutionsbiologen ist gering; Untersuchungen zum Thema "Weltinterpretation" in der Allgemeinbevölkerung sind in den letzten Jahren in zahlreichen Zeitschriften erschienen und aktuelle Meinungsumfragen zum Thema "Kreationismus" wurden z.B. im „SPIEGEL“, der Zeitschrift „Zeitwissen“ und anderswo veröffentlicht.
Wie sind Sie zu Ihrer Auffassung gelangt?
Ich vertrete keine subjektive "Ansicht", sondern habe als Fachvertreter für Physiologie und Evolutionsbiologie meine Gebiete auf aktuellem Stand in Lehre und Forschung zu vertreten.
Im Zentrum der Argumentation der streng biblisch argumentierenden Personen steht die Auffassung, alle Lebewesen seien schon in ihrem jetzigen Zustand vorhanden gewesen. Was wäre ihr Einwand?
Die deutschen Kreationisten sind Anhänger eines so genannten "Grundtypen-Schöpfungsmodells". Dieses Dogmen-System basiert auf der biblischen Aussage, alle Lebewesen seien "nach ihrer Art" in Form zur Variation fähiger "Schöpfungseinheiten" vor einigen tausend Jahren erschaffen worden (Adam- und Eva-Schema).Dieses "Grundtypen-Modell" habe ich in meinem aktuellen Lehrbuch dargestellt und sachlich überlegt.
Sind die Ursachen der aktuellen Diskussionen aus ihrer Sicht rein philosophischer oder doch eher politischer Natur?
Der Mensch hat, bedingt durch seine Stammesgeschichte, im Gegensatz zu den anderen Tieren, ein Todesbewusstsein. Die moderne Synthetische Evolutionstheorie, die weit über das Thesengebäude von Charles Darwin (1859) hinausgeht, sagt u. a. aus, dass die Organismen in genetisch umgruppierter Version in ihren Nachkommen weiterleben. Übernatürliche, nicht nachweisbare Wesenheiten, wie z. B. eine "von Gott erschaffene Seele" kennen Evolutionsforscher nicht. Weltanschauliche wie auch politische Motivationen spielen in der populären Debatte sicher eine Rolle. So wollen z. B. viele Kreationisten die wissenschaftliche Denk- und Arbeitsweise umdefinieren und ihren subjektiven Glauben in die Theorienbildung einbringen. Dies hätte für den Wissen- und Wirtschaftsstandort Deutschland gravierend negative Folgen.
Die Rolle der katholischen Kirche scheint doch in diesem Streit eher gemäßigt. Warum unterstützt sie die radikalen Kräfte aus den Vereinigten Staaten nicht? Es wäre doch eine gute Gelegenheit um Darwin aus der Welt zu schaffen, und den Spruch „Gott ist tot“ zu widerlegen!?
Wie ich am 7. Dezember 2006 im Wissenschaftsmagazin Nature dargelegt habe, gibt es leider auch katholische Kreationisten, die sich der aktuellen Dogmatik einer "theistischen Evolution", wie sie u. a. vom verstorbenen Papst vertreten wurde, widersetzen. Das Artenbuch von Darwin wird in der aktuellen englischsprachigen Fachliteratur auf dem Gebiet der Evolutionsbiologie nur noch selten zitiert. Insofern ist ihre Aussage, "Darwin sei heute aus der Welt geschafft", teilweise korrekt. Unser modernes Bild vom evolutionären Artenwandel hätte Darwin kaum geteilt, da er – bedingt durch den Wissensstand seiner Zeit – Lamarckist war und auch z. B. das von Konstantin Merezhkowsky etablierte Konzept der "Zell-Evolution durch Kooperation und Integration" nicht kannte. Diese Aussagen sind Inhalte der modernen Evolutionstheorie.
Welche Seite geht gestärkt aus diesem Disput hervor? Sieht sich der Materialismus nicht angesichts des weltweiten Erstarkens der Religionen im Allgemeinen in der Defensive?
Es gibt keinen rationalen Disput zwischen den in der Forschung aktiven Evolutionsbiologen, die große Mühe haben, die laufende Fachliteratur Monat für Monat zu verarbeiten, und naturwissenschaftlichen Laien, die nicht einmal die Titel unserer Fachzeitschriften kennen. Insofern kommt es zu einer immer stärkeren Spaltung unserer Gesellschaft. Auf der einen Seite haben wir die in englischsprachigen Journalen gemäß dem strengen "Peer-review-system" arbeitenden Naturwissenschaftler, auf der anderen Seite stehen jene immer größer werdenden Personenkreise, die sich in religiöse Dogmensysteme und Mythen flüchten. Auf Dauer wird das nicht gut gehen.
Wohin steuert die Menschheit? Ist sie imstande eine qualitative Verbesserung ihrer Intelligenz, vielleicht gar eine Mutation herbei zu führen? Spielt die Technik dabei eine Rolle?
Wie Sie der aktuellen Literatur auf dem Gebiet der Evolutionsbiologie entnehmen können, hat sich unsere Spezies seit ca. 150 000 Jahren anatomisch kaum verändert. Bei einer Wirbeltier-Speziesdauer von etwa 1 – 2 Millionen Jahren hat unsere Art, evolutionär betrachtet, noch einige Zeit vor sich. Diese Aussagen beziehen sich allerdings auf im Westen frei lebende Populationen in einem gesunden Habitat (Naturvölker). Unser selbst domestizierter Zustand (sinkende Geburtenraten bei bester, auf naturwissenschaftlicher Forschung basierender Gesundheit; Anwachsen der Weltbevölkerung in anderen Teilen der Erde usw.) ist ein Unikat in der Stammesgeschichte unserer Spezies. In meinem aktuellen Lehrbuch habe ich eine auf wissenschaftlichen Fakten basierende "evolutionäre Ethik" umrissen, in der diese Thematik vertiefend dargestellt ist.
Literatur: Kutschera, U. (2006) Evolutionsbiologie. 2. Auflage. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart.
Kutschera, U. (Hg.) (2007) Kreationismus in Deutschland. Fakten und Analysen. Lit-Verlag, Münster.
Online-Flyer Nr. 98 vom 06.06.2007
Druckversion
Kultur und Wissen
Interview mit Professor Ulrich Kutschera:
„Unsere Art hat, evolutionär betrachtet, noch einige Zeit vor sich.“
Von Tanja Krienen
Tanja Krienen: Wie viele Menschen können in Deutschland etwa zu den Kreationisten, wie viele zu den Evolutionisten gezählt werden und wie stark ist ungefähr die Gruppe derjenigen, deren Weltinterpretation ein Sowohl-Als-Auch-Denken beinhaltet?
Prof. Kutschera: Ihre Frage basiert auf dem verbreiteten Irrtum, es gäbe neben dem Kreationismus (wörtlich verstandener, auf biologische Phänomene übertragener biblischer Schöpfungsglaube) eine weitere dogmatische Ideologie, die man als "Evolutionismus" bezeichnen könnte. Dies ist unzutreffend. Moderne Evolutionsforscher bemühen sich darum, die Stammesgeschichte ausgewählter Organismengruppen zu rekonstruieren und die Antriebskräfte für den Artenwandel zu ergründen. Die Evolutionsbiologie ist kein Glaubenssystem, sondern ein zentrales Teilgebiet der modernen "Life Sciences". In Deutschland können wir mit 20 bis 30 % Kreationisten rechnen. Die Zahl der aktiven Evolutionsbiologen ist gering; Untersuchungen zum Thema "Weltinterpretation" in der Allgemeinbevölkerung sind in den letzten Jahren in zahlreichen Zeitschriften erschienen und aktuelle Meinungsumfragen zum Thema "Kreationismus" wurden z.B. im „SPIEGEL“, der Zeitschrift „Zeitwissen“ und anderswo veröffentlicht.Wie sind Sie zu Ihrer Auffassung gelangt?
Ich vertrete keine subjektive "Ansicht", sondern habe als Fachvertreter für Physiologie und Evolutionsbiologie meine Gebiete auf aktuellem Stand in Lehre und Forschung zu vertreten.
Im Zentrum der Argumentation der streng biblisch argumentierenden Personen steht die Auffassung, alle Lebewesen seien schon in ihrem jetzigen Zustand vorhanden gewesen. Was wäre ihr Einwand?
Die deutschen Kreationisten sind Anhänger eines so genannten "Grundtypen-Schöpfungsmodells". Dieses Dogmen-System basiert auf der biblischen Aussage, alle Lebewesen seien "nach ihrer Art" in Form zur Variation fähiger "Schöpfungseinheiten" vor einigen tausend Jahren erschaffen worden (Adam- und Eva-Schema).Dieses "Grundtypen-Modell" habe ich in meinem aktuellen Lehrbuch dargestellt und sachlich überlegt.
Sind die Ursachen der aktuellen Diskussionen aus ihrer Sicht rein philosophischer oder doch eher politischer Natur?
Der Mensch hat, bedingt durch seine Stammesgeschichte, im Gegensatz zu den anderen Tieren, ein Todesbewusstsein. Die moderne Synthetische Evolutionstheorie, die weit über das Thesengebäude von Charles Darwin (1859) hinausgeht, sagt u. a. aus, dass die Organismen in genetisch umgruppierter Version in ihren Nachkommen weiterleben. Übernatürliche, nicht nachweisbare Wesenheiten, wie z. B. eine "von Gott erschaffene Seele" kennen Evolutionsforscher nicht. Weltanschauliche wie auch politische Motivationen spielen in der populären Debatte sicher eine Rolle. So wollen z. B. viele Kreationisten die wissenschaftliche Denk- und Arbeitsweise umdefinieren und ihren subjektiven Glauben in die Theorienbildung einbringen. Dies hätte für den Wissen- und Wirtschaftsstandort Deutschland gravierend negative Folgen.
Die Rolle der katholischen Kirche scheint doch in diesem Streit eher gemäßigt. Warum unterstützt sie die radikalen Kräfte aus den Vereinigten Staaten nicht? Es wäre doch eine gute Gelegenheit um Darwin aus der Welt zu schaffen, und den Spruch „Gott ist tot“ zu widerlegen!?
Wie ich am 7. Dezember 2006 im Wissenschaftsmagazin Nature dargelegt habe, gibt es leider auch katholische Kreationisten, die sich der aktuellen Dogmatik einer "theistischen Evolution", wie sie u. a. vom verstorbenen Papst vertreten wurde, widersetzen. Das Artenbuch von Darwin wird in der aktuellen englischsprachigen Fachliteratur auf dem Gebiet der Evolutionsbiologie nur noch selten zitiert. Insofern ist ihre Aussage, "Darwin sei heute aus der Welt geschafft", teilweise korrekt. Unser modernes Bild vom evolutionären Artenwandel hätte Darwin kaum geteilt, da er – bedingt durch den Wissensstand seiner Zeit – Lamarckist war und auch z. B. das von Konstantin Merezhkowsky etablierte Konzept der "Zell-Evolution durch Kooperation und Integration" nicht kannte. Diese Aussagen sind Inhalte der modernen Evolutionstheorie.
Welche Seite geht gestärkt aus diesem Disput hervor? Sieht sich der Materialismus nicht angesichts des weltweiten Erstarkens der Religionen im Allgemeinen in der Defensive?
Es gibt keinen rationalen Disput zwischen den in der Forschung aktiven Evolutionsbiologen, die große Mühe haben, die laufende Fachliteratur Monat für Monat zu verarbeiten, und naturwissenschaftlichen Laien, die nicht einmal die Titel unserer Fachzeitschriften kennen. Insofern kommt es zu einer immer stärkeren Spaltung unserer Gesellschaft. Auf der einen Seite haben wir die in englischsprachigen Journalen gemäß dem strengen "Peer-review-system" arbeitenden Naturwissenschaftler, auf der anderen Seite stehen jene immer größer werdenden Personenkreise, die sich in religiöse Dogmensysteme und Mythen flüchten. Auf Dauer wird das nicht gut gehen.
Wohin steuert die Menschheit? Ist sie imstande eine qualitative Verbesserung ihrer Intelligenz, vielleicht gar eine Mutation herbei zu führen? Spielt die Technik dabei eine Rolle?
Wie Sie der aktuellen Literatur auf dem Gebiet der Evolutionsbiologie entnehmen können, hat sich unsere Spezies seit ca. 150 000 Jahren anatomisch kaum verändert. Bei einer Wirbeltier-Speziesdauer von etwa 1 – 2 Millionen Jahren hat unsere Art, evolutionär betrachtet, noch einige Zeit vor sich. Diese Aussagen beziehen sich allerdings auf im Westen frei lebende Populationen in einem gesunden Habitat (Naturvölker). Unser selbst domestizierter Zustand (sinkende Geburtenraten bei bester, auf naturwissenschaftlicher Forschung basierender Gesundheit; Anwachsen der Weltbevölkerung in anderen Teilen der Erde usw.) ist ein Unikat in der Stammesgeschichte unserer Spezies. In meinem aktuellen Lehrbuch habe ich eine auf wissenschaftlichen Fakten basierende "evolutionäre Ethik" umrissen, in der diese Thematik vertiefend dargestellt ist.
Literatur: Kutschera, U. (2006) Evolutionsbiologie. 2. Auflage. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart.
Kutschera, U. (Hg.) (2007) Kreationismus in Deutschland. Fakten und Analysen. Lit-Verlag, Münster.
Online-Flyer Nr. 98 vom 06.06.2007
Druckversion
NEWS
KÖLNER KLAGEMAUER
FILMCLIP
FOTOGALERIE






















