NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

zurück  
Druckversion

Wirtschaft und Umwelt
Gefahr von Grillunfällen wird unterschätzt
Sommerzeit – Grillzeit
Von Gisela Segieth

Mit den ersten Sonnenstrahlen zieht es viele Menschen ins Freie, wo sie – wie schon ihre Vorfahren in der Steinzeit – das Essen am offenen Feuer zubereiten. Denn Grillen kann sooo schön sein und ist deshalb weltweit eins der beliebtesten Hobbys. Allein in Deutschland werden in der Grillzeit rund 100 Millionen Grillfeuer entfacht. Doch dabei passieren jährlich ca. 2.000 bis 3.000 Unfälle mit schlimmen Folgen – nicht nur für die Opfer.

Bis zu 3.000 Menschen verunglücken jährlich

Ein aktuelles Beispiel dafür ist ein vom Kölner Stadt-Anzeiger am 4. Juni unter dem Titel „Drama beim Grillen“ geschilderter Unfall. Dabei wurde auf dem Gelände der „Christlichen Gemeinde“ in Niehl ein Dreijähriger lebensgefährlich verletzt. Ein 23jähriger Mann aus Siegburg hatte sich als Grillmeister versucht und die Gefahr von Brandbeschleunigern unterschätzt. Denn er versuchte, indem er Spiritus auf glühende Kohlen goss, das Grillfeuer neu zu entfachen, anstatt ein bisschen Luft zu fächeln oder zu pusten. Laut Polizei schlug dabei eine Stichflamme in die Spiritusflasche und verursachte einen enormen Feuerball, der mehrere Personen verletzte.


Grillen kann sooo schön sein – auf dem Hinterhof, am Rheinufer…
Foto: Paula Schäfer

Der dreijährige Junge aus Bergisch Gladbach stand in der Nähe des Grills. Binnen Sekunden stand seine Kleidung in Flammen. Weil fast der Hälfte seiner Haut Verbrennungen zweiten Grades erlitt, schwebte das Kind zunächst sogar in Lebensgefahr. Mit einem Rettungshubschrauber wurde er in die Klinik geflogen. Auch der 23jährige „Grillmeister“ erlitt Verbrennungen im Gesicht und an den Armen und mußte ebenfalls ins Krankenhaus. Die Mutter des Jungen und ein Geistlicher wurden von den Flammen erfasst und leicht verletzt. Nun ermittelt die Polizei gegen den Grillmeister wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung.

75 Prozent der Unfälle wären vermeidbar

Der Unfall wäre vermeidbar gewesen, denn die Gefahren durch Brandbeschleuniger sind seit Jahren bekannt. Trotzdem erleiden jedes Jahr etwa 500 Menschen so schwere Brandverletzungen, dass sie ein Leben lang von den Folgen gezeichnet sind, sofern sie sie überhaupt überleben. Betroffen sind vor allem die Körperbereiche, die den Flammen am nächsten sind: der Kopf, die Arme, der Oberkörper aber auch die Füße. Ist das Gesicht betroffen, muss immer mit einem zusätzlichen Inhalationstrauma durch das Einatmen giftiger heißer Gase gerechnet werden, was häufig zum Tod führen oder lebenslange Folgen haben kann. Denn über die Atemwege gelangen die Brandgase bis in die Lungen.

Bei 75 Prozent aller Grillunfälle ist Ursache der Einsatz von Brandbeschleunigern wie Benzin und Brennspiritus. Dabei reichen bei Benzin bereits 42,8 Grad Celsius, um zum Unglück zu führen. Durch die schlagartige Verbrennung kommt es zu einer Benzindampf-Glocke, mit einem Durchmesser von bis zu drei Metern. Eine riesige, bis zu zehn Meter lange Stichflamme kann entstehen, um sich greifen und zu einer riesigen Feuerwand mit Temperaturen von 1000 bis 1800 Grad werden. Die Folgen sind meist katastrophal für alle, die sich in ihrer Reichweite befinden.


…oder auf dem Soli-Fest der NRhZ im Juni vor einem Jahr.
Foto: H-D Hey, Arbeiterfotografie

Wird Brennflüssigkeit in die Glut oder das Feuer gegossen, kann durch den Rückschlag der Flammen der Flüssigkeitsbehälter explodieren und aus der Hand gerissen werden. Gelartige Grillanzünder auf Alkoholbasis, die in der Werbung oft als „sichere Alternative“ angeboten werden, sind ebenfalls riskant, werden im Geschäft aber üblicherweise gleich neben der Holzkohle angeboten. Denn bei hochsommerlichen Temperaturen heizt Holzkohle sich bis zu 80 Grad Celsius auf. Dabei verflüssigt sich die Grillpaste und es entsteht auch hier ein explosives Gemisch, das sich entzünden und schwerste Brandverletzungen verursachen kann.

Persönliche Schicksale und horrende Kosten

Werden bei Grillunfällen neben dem Verursacher auch Gäste verletzt, wird der „Grillmeister“ später oft an die Geschädigten ein hohes Schmerzensgeld zahlen müssen. Doch abgesehen von den persönlichen Schicksalen bei Grillunfällen ist auch der wirtschaftliche Schaden für das Gesundheitssystem enorm. Ein Behandlungstag auf einer Intensivstation für Brandopfer kostet im Durchschnitt 2.000 bis 2.500 Euro. Nach der Erfahrung der MHH (Medizinischen Hochschule Hannover) dauert eine intensive medizinische Behandlung normalerweise 15 bis 68 Tage.


Aber wenn man unvorsichtig Brandbeschleuniger einsetzt…
Foto: www.feuerwehr-weblog.de

Mit den Folgekosten im medizinischen und außermedizinischen Bereich kann ein Grillunfall am Ende bis zu 250.000 Euro kosten. Insgesamt rechnet man in Deutschland jährlich mit einem Schaden, der den dreistelligen Millionen-Euro-Bereich erreicht.

Vorsichtsmaßnahmen beim Grillen

Nicht selten kommt es beim Unfall zu einer erheblich verlängerten Hitzeeinwirkung, wenn etwa minutenlang nach einem Wassereimer gesucht wird, anstatt die brennende Person sofort durch Überwerfen einer Decke oder Wälzen am Boden zu löschen. Allerdings darf dabei nie brennende Kleidung vom Körper des Verletzten gerissen werden. Die verbrannten Stellen müssen sofort für 10 Minuten mit Wasser (nicht kälter als 15°C) gekühlt werden. Ein Notarzt muß sofort gerufen werden, denn hier zählt jede Minute. Löschmittel, in Form von Wasser oder Sand, eine Löschdecke oder ein Feuerlöscher sollten beim Grillen immer in greifbarer Nähe sein. Doch Fett sollte nicht mit Wasser sondern durch Abdecken gelöscht werden.

Auch nach einer gut ausgegangenen Grillparty ist die Gefahr noch nicht gebannt. Erst müssen Feuer und Glut vollständig gelöscht und ausgekühlt werden. Damit das schneller geht nicht einfach Wasser, sondern Sand darauf schütten, weil bei Wasser eine Verbrühungsgefahr besteht. Bis die Glut völlig ausgekühlt ist, muss der Grillplatz beobachtet werden.

Vorsicht bei Kindern!

Kinder sind beim Grillen besonders gefährdet, weil Feuer die meisten von ihnen fasziniert. Es ist eben etwas nicht Alltägliches: das Knistern, die Flammen und die Farbe. Und Kinder können die große Gefahr noch schlechter einschätzen als Erwachsene. Häufig spielen sie besonders gern in der Nähe des Grills, wo sie von den Flammen erfasst werden können. Unter den Folgen leiden sie dann ihr Leben lang. Am besten lenkt man Kinder in der Zeit des Grillens mit Spielen ab. Sie sollten, ebenso wie Gäste, einen Abstand von drei Metern vom Feuer einhalten, denn dieser Abstand garantiert eine relative Sicherheit.

Fazit:
Grillen kann sooo schön sein, wenn man die erwähnten einfachen Vorsichtsmaßnahmen beachtet. Am besten, man verzichtet ganz auf Brandbeschleuniger und nimmt sich die nötige Zeit, um Holzkohle oder Holz zum Glühen zu bringen, mal abgesehen davon, dass das Fleisch ohne Brandbeschleuniger sehr viel besser schmeckt. Schließlich soll eine Grillparty ja ein Feierabend- oder Wochenendvergnügen sein und nicht im Krankenhaus oder auf dem Friedhof enden.

Online-Flyer Nr. 100  vom 20.06.2007

Druckversion     



Startseite           nach oben

KÖLNER KLAGEMAUER


Für Frieden und Völkerverständigung
FILMCLIP
FOTOGALERIE