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Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

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Globales
Unterwegs mit der Farmarbeitergewerkschaft in Namibia
„Das Leid des einzelnen ist das Leid aller“
Von Gabi Pehle

Die Straße vom Hosea Kutako Airport nach Windhoek ist mit Portraits des namibischen Präsidenten Hifikepunye Pohamba und seinem zimbabweschen Kollegen Robert Mugabe beflaggt. Einen Tag vor meiner Ankunft in Namibia war er zum Staatsbesuch hier. Mugabe soll einmal abfällig gesagt haben, Windhoek sei keine afrikanische Stadt: Die City ist ein Konglomerat aus Banken- und Verwaltungsgebäuden, großen Shoppingzentren und Bauten der deutschen Kolonialzeit. Nach Sonnenuntergang ist sie menschenleer.

Die Weißen bleiben dann in ihren Wohngebieten, in denen sich die Pflanzen üppig über breite Grundstücksmauern oder durch doppelt gezogenen Stacheldraht winden. Die Schwarzen kehren nach der Arbeit auf den Ladeflächen von LKWs, mit Sammeltaxis oder zu Fuß ins zehn Kilometer entfernte Katutura zurück, ein Township aus der Zeit der südafrikanischen Besatzung. Auch wir fahren weiter nach Katutura. In seinen Randbezirken, dort, wo die Straßen noch Namen haben, liegt die Mungunda Street mit der namibischen Gewerkschaftszentrale (NUNW) und dem Büro der Namibian Farm Workers Union (NaFWU).


In den Arbeitsräumen der NaFWU
Foto: Gabi Pehle

Die beiden Räume der Farmarbeitergewerkschaft sind klein. Die technische Ausstattung der 1994 gegründeten Gewerkschaft besteht aus zwei älteren PCs, einem Telefon und einem Internetanschluss. Als Alfred Angula ihre Leitung übernahm, war er der Einzige im Büro. Jackie, die die NaFWU heute bei Verhandlungen und Kontakten vertritt, hat er vor fünf Jahren auf der Straße angesprochen und eingearbeitet. Leslie hat vor vier Jahren seinen Job auf einer „Gästefarm“ [2] verloren. Damals mussten alle Arbeiter gehen. Alle waren Gewerkschaftsmitglieder. Leslie glaubt, das könnte der Grund für ihre Entlassung gewesen sein. Leslie selbst arbeitet seitdem wohl ehrenamtlich im Büro der NaFWU.

Weiter an den Rand gedrängt

Die NaFWU hat 3.000 zahlende Mitglieder und etwa 2.000 weitere, von denen bisher noch keine Beiträge eingegangen sind. Sie arbeiten und leben manchmal tausend Kilometer von Windhoek entfernt auf abgelegenem, privatem Farmgelände, abgeschnitten von jedem öffentlichen Leben. Die Mitgliedsbeiträge erreichen das Büro, wenn jemand aus Windhoek zu Verhandlungen kommt oder wenn einer der Arbeiter in die Hauptstadt fährt und die eingesammelten Beiträge mitbringt. Ein Abkommen mit Farmern, die sich kooperativ zeigen und das Geld an die Gewerkschaft weiterleiten, gibt es nur selten.

Der vor einiger Zeit von NaFWU ausgehandelte Mindestlohn für Farmarbeiter beträgt monatlich 430 namibische Dollar, das sind etwa 45 Euro. Tatsächlich aber liegt der Durchschnittslohn bei 350 N$ (etwa 38 €). Ein großer Teil der Bevölkerung Namibias arbeitet im ländlichen Bereich und lebt auch nach achtzehn Jahren Unabhängigkeit weiter in Armut – das schlägt sich auch im Budget der Gewerkschaft nieder.

Wohnen und Arbeit

Auf der Fahrt zurück nach Windhoek macht mich Angula auf eine improvisierte Unterkunft und einige Kühe aufmerksam, die auf dem schmalen Streifen zwischen der Straße und dem angrenzenden Zaun grasen. Hier lebt Asser Hendriks, Mitglied des NaFWU-Vorstands, seit vier Jahren. Früher hatte er viele Jahre auf der anderen Seite des Zauns gewohnt. Bei den politisch aufgeschlossenen und engagierten Erben der 8.000 ha großen Farm war er als eine Art Vorarbeiter eingestellt. Doch dann gab es Probleme – ein neuer deutscher Miteigentümer veranlasste Umstrukturierungsmaßnahmen, die das bisherige Zusammenleben aus den Fugen geraten ließen, und Asser Hendriks musste die Farm verlassen.


Hier wohnt seit einiger Zeit Asser Hendriks
Foto: Gabi Pehle
 

Die Mehrheit der Farmarbeiter lebt mit ihren Familien auf dem Grundbesitz ihrer Arbeitgeber, manche schon seit Generationen. In Ermangelung gesetzlicher Vorschriften hängt der Standard der Unterbringung vom Gutdünken der Farmer ab und reicht von Steinhäuschen bis zu winzigen Blechverschlägen. In vielen Fällen ist den Arbeitern die Haltung von Vieh – Schafen, Ziegen, Hühnern, manchmal Kühen – zur Selbstversorgung gestattet. Die Kündigung des Arbeitsplatzes bedeutet meist, dass der Arbeiter mit seiner Familie und seinem Vieh das Farmgelände innerhalb kurzer Zeit verlassen muss und buchstäblich auf der Straße landet.

Während meines Besuchs im NaFWU-Büro bittet ein Mann die Gewerkschaft um Unterstützung für seinen Vater, der 30 Jahre auf derselben Farm gearbeitet hatte. Doch dann starb sein Arbeitgeber und dessen Erben hatten ihn aufgefordert, seine beiden Kühe zu nehmen und die Farm binnen vier Wochen zu verlassen.

Ein Modellprojekt?

Meatco, der größte Fleischproduzent in Namibia, ist ein riesiger Trust. Seine Manager werben in Medienkampagnen mit sozialverantwortlicher Konzernpolitik. Als ein Teil von Meatcos Farmbesitz verkauft wurde, vereinbarten Gewerkschaft und Management, dass die gekündigten Arbeiter ein Stück Land erhalten sollten, auf dem sie sich ansiedeln könnten.

Als ich das Buschland von Okahandja sehe, kann ich mir nur schwer vorstellen, dass hier in einem Monat vierzig Arbeiter mit ihren Familien leben sollen. Bislang gibt es die Umzäunung, eine Wasserleitung und ein gemauertes Gebäude, das einmal das soziale und kommerzielle Zentrum werden soll. Ein paar Kilometer weiter arbeitet jemand an der Errichtung einer Blechhütte.

Trotzdem könnte das ein Modellprojekt werden. Zum ersten Mal besitzen die Arbeiter eigenes Land. Mit Unterstützung der Gewerkschaft gründeten sie eine Genossenschaft. Geplant ist Subsistenzwirtschaft sowie der Anbau von Blumen und Gemüse. Die Vermarktung soll der Finanzierung der Genossenschaft dienen.

Auf dem Trans-Kalahari-Highway

Ich fahre mit Angula, Leslie und Barth, dem Vertreter einer belgischen NGO, zu einem Gebiet mit mehreren riesigen Traubenplantagen an der Grenze zu Südafrika. Auf dem Trans-Kalahari-Highway sind hauptsächlich südafrikanische Trucks unterwegs. Die wenigen Orte, an der wir auf der tausend Kilometer langen Strecke vorbei kommen, bestehen zumeist im Wesentlichen aus einer großen Tankstelle, die zugleich die einzige Einkaufsmöglichkeit bietet. Hin und wieder stehen Schilder an den Zufahrtswegen der „Gästefarmen“.


Mancher Farmer hofft auf die Entdeckung von Bodenschätzen
Foto: Gabi Pehle


Ich habe keine Vorstellung, wo die Menschen, die vereinzelt am Straßenrand Kunsthandwerk aus Fell oder Holz anbieten, leben. Bis zum Horizont kann ich keine Anzeichen menschlicher Behausung erkennen, sondern nur karge, steinige Wüstenlandschaft, deren Formation sich immer wieder ändert. Aber auch hier ist das Land eingezäunt, offenbar Privatbesitz, wobei mir seine kommerzielle landwirtschaftliche Nutzung nur schwer vorstellbar ist. Die Landschaft ist karg, trocken und voller Geröll. Doch einige Gebiete sind wegen ihrer Bodenschätze von Interesse, mancher Farmer hofft auf bislang unentdeckte Bodenschätze unter dem Wüstenboden.

Im Grape Valley

Nach siebenstündiger Fahrt kommen wir gegen zehn Uhr abends an unserem Ziel an. Erst am nächsten Morgen sehe ich, dass sich mitten durch die steinige Wüstenlandschaft ein breiter leuchtend grüner Streifen zieht. Die Traubenpflanzen werden mit dem Wasser des Oranjeflusses versorgt. Wir sind mit dem Manager einer der großen Farmen verabredet, einem jüngeren, freundlich-zurückhaltenden, weißen Südafrikaner, gekleidet in der „weißen Nationaltracht“: kurze Hosen, blasse Beine, Herrensöckchen. Leslie erzählt mir, dass sie ihn bei ihrem letzten Besuch in verstörtem Zustand vorgefunden haben. Er hatte gerade eine Auseinandersetzung mit einigen Arbeitern hinter sich und empfing die Gewerkschafter gleichsam als seine Retter. Die NaFWU hat hier eine Organisationsquote von 100 Prozent. Der Umgangston ist entsprechend freundlich und konziliant.

In der Region leben ständig tausend Arbeiter, während der Erntesaison 15.000. Barth fragt nach der medizinischen Versorgung. Das nächste staatliche Krankenhaus ist 300 Kilometer entfernt in Karasburg. Die Leute erzählen, es habe einmal eine NGO gegeben, die Mitarbeiter in Erster Hilfe geschult habe, und es gäbe eine sehr engagierte Ärztin, die die Arbeiter aufsuchen könnten. Sie müsse allerdings privat bezahlt werden. Die Rechnungen können im Firmenbüro eingereicht werden und werden dann vom zukünftigen Lohn abgezogen.

Das Projekt „The Village"

Auf all diesen riesigen Ländereien gibt es keine öffentliche Infrastruktur, weder Krankenhäuser, Schulen, noch öffentliche Verkehrsmittel. Der Staat hat keinen Zugang zum Privatbesitz. Barths Frage, ob die Grape Valley Company irgendwelche Pläne hat, die medizinische Versorgung zu verbessern, verneint der Manager. Das sei Aufgabe des Staates. Im Übrigen verweist er auf das Projekt „The Village“, über das er aber nichts Genaueres berichten kann.

Sam Nujoma
NRhZ-Archiv 


Unser nächster Gesprächspartner, der General-Manager der Grape Valley Management Company, weiß darüber mehr. Sein Büro wird neben mehreren Fotos, die ihn mit Sam Nujoma, dem großen Mann des namibischen Unabhängigkeitskampfs [2], mit George W. Bush und mit Kofi Annan zeigen, von einem Stadtentwicklungsplan geschmückt – Straßenzüge mit Gemeinschaftsgebäuden, Krankenhaus und Schule. In Namibia gibt es vom sechsten bis zum sechzehnten Lebensjahr gesetzliche Schulpflicht. Die nächste weiterführende Schule liegt aber – wie auch das Krankenhaus – 300 Kilometer weit entfernt, und keine Arbeiterfamilie kann die Unterbringung ihrer Kinder dort bezahlen.

Diverse Farm-Trusts haben den Plan ins Leben gerufen, um – wie sie sagen – die Lebensbedingungen ihrer Arbeiter zu verbessern. Doch seit Jahren existiert der Plan ausschließlich auf dem Papier. Und von seiner Umsetzung würden auch nur die Arbeiter mit Festverträgen profitieren, denn nur sie hätten zugleich das Recht in „The Village“ zu leben. Ihr Leben könnte tatsächlich leichter werden – allerdings um den Preis weiterer Abhängigkeiten von den Farmgesellschaften.

Auf dem Weg zu wahrer Unabhängigkeit

Bevor wir uns auf den Rückweg nach Windhoek machen, besuchen wir eine Versammlung von zwei-dreihundert NaFWU-Mitgliedern vor einer Lagerhalle. Es stehen Lohnverhandlungen an, und alle sind verunsichert, weil es unter den Farmgesellschaften Umstrukturierungen und Verkäufe gegeben hat und die neuen Besitzverhältnisse und Verhandlungspartner unklar sind. Wie sollen sie vorgehen, was können sie verlangen? Welche Strategien wären erfolgversprechend? Es sind vor allem Arbeiterinnen, die sich in der lebhaften Diskussion zu Wort melden. Sie wollen sichergehen, dass auch wirklich die Interessen der Landarbeiter bei den Verhandlungen im Vordergrund stehen.


Farmarbeiter auf dem Weg zur Arbeit
Foto: Gabi Pehle


Dass das Leid des Einzelnen gleichzeitig auch das Leid Aller ist [3], haben sie in jahrzehntelangen Kämpfen gegen das Apartheid-System erfahren. Namibia wurde im Jahre 1990 unabhängig. Seine Menschen werden wohl noch einige steinige Wege zurücklegen müssen, bis sie zu wahrer und wirtschaftlicher Unabhängigkeit gelangen. (YH)

Eine erste Fassung des Artikels wurde in der „Soz“ veröffentlicht.

[1] Ehemals landwirtschaftlich genutzte Gebiete werden von ihren Besitzern heute häufig in der Hoffnung auf effektivere Vermarktung als Wildfarmen für den Safari-Tourismus angeboten.

[2] Nujoma war Führer der namibischen Unabhängigkeitsbewegung SWAPO und nach der Unabhängigkeit bis 2004 Staatspräsident Namibias

[3] „The injury of one is the injury of all“ ist der Slogan der NaWFU





Online-Flyer Nr. 101  vom 27.06.2007

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