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Literatur
Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück – Folge 27
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
4.
Frau Vester saß an der Nähmaschine im Fischerhaus und schien sich durch nichts von ihrer Arbeit an einer neuen Puppe ablenken zu lassen. Auch nicht von Sophie, die ihr über die Schulter blickte und schließlich vorwurfsvoll fragte: „Was soll das schon wieder werden? Ein Rechtsanwalt? Davon schlummern doch bereits zwei in deiner Kiste vor sich hin.“
Die Mutter drehte sich nun doch um. „Na und? Davon kann man nie genug kriegen!“
Sophie seufzte: „Im richtigen Leben vielleicht. Vor Gericht werden deine Typen kaum was ausrichten. Aber wir sind trotzdem auf der sicheren Seite.“
„Auf der sicheren Seite?“ Frau Vester stieg das Blut in den Kopf. „Zwanzig Jahre habe ich einmal pro Monat im Kindergarten ‚Frecher Spatz’ gespielt. Weißt du, was mir die Leiterin heute angeboten hat? Versuchen Sie's doch mal in Altersheimen… Der Klobitzer wird uns die Räumungsklage …“
„Wird er nicht, Mama. Er kriegt seine Kohle.“
„Wir haben noch 100 Euro auf dem Konto!“
„Dann leg ich's ihm eben wieder bar auf den Tisch. Wie beim letzten Mal.“
„Wir müssen uns eine billigere Wohnung suchen, Sophie!“
Frau Vester stand auf. Sie sah schlecht aus, nicht nur weil sie seit Tagen keine kosmetischen Hilfsmittel mehr benutzt hatte. Ihre Augen begrenzten tiefe Schatten, die farblosen Lippen waren nur noch zwei schmale Striche, die Mundwinkel hingen hilflos herunter. Innerhalb weniger Wochen hatte sie außerdem ihren Lebensmut total verloren. „Woher hast du eigentlich das Geld?“, fragte sie jetzt.
„Ehrlich verdient, Mama! Ich helfe zwei alten Frauen.“
„Zwei alten Frauen? Und wie heißen die?“
„Frau Müller und Frau Schulze.“ Sophie antwortete ohne eine Spur von Unsicherheit.
„Müller und Schulze?“
„Sind das etwa keine Namen?“ Das Mädchen umarmte die Mutter. „Mach dir keinen Stress. Wart nur mal das Ende der Ferien ab, dann wollen plötzlich alle wieder deine Puppen tanzen sehen.“ Sie nahm den Kaspar aus dem Regal, schob ihn über ihre rechte Hand.
„Lirum, larum, lut
Kaspar macht euch Mut
Lirum, larum lut
Dann wird alles gut.
Nun lach doch mal, Mama!“
Sophie umarmte die Mutter erneut und stieg die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf. Dort blieb sie länger als gewöhnlich vor dem Schrank stehen. Alexander legte viel Wert auf ihre Kleidung. Die kurze grüne Hose und das orangefarbene Spitzentop mit den Spaghettiträgern gefielen ihm am besten.
„Tschüss, Mama!“
„Gehst du zu Frau Müller oder Frau Meier?“
„Heute ist Tante Meier an der Reihe!“
„Hab ich mir gedacht.“
Meier? Sophie fasste sich an den Kopf. Scheiße!
Im Süden der Stadt fehlt dem Fluss die Lust, einfach schnurstracks geradeaus weiter zu fließen. Er nimmt sich Zeit, schickt die eine Hälfte des Wassers in die Wiesen und sammelt es erst wieder hinter den letzten Häusern ein. Hier kann wachsen, was will, wodurch „Paradiese“ für Liebespaare und Angler entstehen. Alexander wartete an der Brücke, über die vor Jahren noch eine Eisenbahn gerollt war und zeigte auf den schmalen Kiesweg, der in eines der „Paradiese“ führte. Sophie hielt sich unschlüssig an ihrem Fahrrad fest.
„Lass uns erst mal reden, Alex.“
„Okay. Reden wir. Gib das Thema vor und fang an. Hast du Probleme?“
„Nein. Das heißt ja. Felix ist wieder da.“
„Ich weiß.“
„Er hat mich angerufen.“
„Mich auch.“
„Wegen Spanien. Wir müssen uns abstimmen mit ihm.“
„Genau! Das hat Dr. Gärtner auch gemeint. Er will bei der Arbeit helfen.“
„Das weiß ich.“
„Der Gärtner hat total mehr Ahnung als wir.“
„Fragt sich nur wovon?“
„Wie viel Seiten hast du denn schon?“
„Einige.“
„Einige?“ Alexander schnaufte. „Einige klingt nicht gut.“
Sophie dachte nach. „Okay“, meinte sie nach einer Weile, „angenommen wir nehmen Gärtner mit ins Boot …“
„Der schiebt das Boot doch höchstens ab, Sophie. Diktiert ein paar Sätze, keine Sau wird das mitbekommen.“
„Aber …“, Sophie biss sich auf die Lippen.
„Was aber?“
„Was der Gärtner von den Kommunisten und so erzählt.“
„Stimmt Punkt genau, Sophie!“
„Ich weiß nicht. Und Felix?“
„Müssen wir überzeugen.“
Sophie biss wieder auf ihrer Lippe herum.
„Okay, fahren wir endlich?“ Alexander zeigte ungeduldig in Richtung Kiesweg.
„Im Moment geht mir nämlich der Spanische Bürgerkrieg total am Arsch vorbei.“ Er schwang sich auf sein Fahrrad.
Sophie zögerte. „Ich brauche einfach Zeit, verstehst du?“
Alexanders Blick verdunkelte sich. „Zeit brauchst du? Schon wieder? Ich höre Zeit, immer nur Zeit, Zeit. Zeit vergeht, verstehst du? Zeit ist keine konstante Größe wie die Erdbeschleunigung. Aber wie du willst.“
Er trat in die Pedale. „Time is money! Vergiss das bitte nicht.“
Sophie hätte am liebsten laut losgeheult. So ein Scheißkerl! Einmal hatte er ihr das Geld für die Miete schon gegeben und versprochen … Jetzt schreit er Zeit ist Geld. Will er mich kaufen? Kapiert er denn nicht endlich, dass ein Mädchen kein Waschautomat ist, den man nach Lust und Laune programmieren kann?
Online-Flyer Nr. 103 vom 11.07.2007
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Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück – Folge 27
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
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Frau Vester saß an der Nähmaschine im Fischerhaus und schien sich durch nichts von ihrer Arbeit an einer neuen Puppe ablenken zu lassen. Auch nicht von Sophie, die ihr über die Schulter blickte und schließlich vorwurfsvoll fragte: „Was soll das schon wieder werden? Ein Rechtsanwalt? Davon schlummern doch bereits zwei in deiner Kiste vor sich hin.“
Die Mutter drehte sich nun doch um. „Na und? Davon kann man nie genug kriegen!“
Sophie seufzte: „Im richtigen Leben vielleicht. Vor Gericht werden deine Typen kaum was ausrichten. Aber wir sind trotzdem auf der sicheren Seite.“
„Auf der sicheren Seite?“ Frau Vester stieg das Blut in den Kopf. „Zwanzig Jahre habe ich einmal pro Monat im Kindergarten ‚Frecher Spatz’ gespielt. Weißt du, was mir die Leiterin heute angeboten hat? Versuchen Sie's doch mal in Altersheimen… Der Klobitzer wird uns die Räumungsklage …“
„Wird er nicht, Mama. Er kriegt seine Kohle.“
„Wir haben noch 100 Euro auf dem Konto!“
„Dann leg ich's ihm eben wieder bar auf den Tisch. Wie beim letzten Mal.“
„Wir müssen uns eine billigere Wohnung suchen, Sophie!“
Frau Vester stand auf. Sie sah schlecht aus, nicht nur weil sie seit Tagen keine kosmetischen Hilfsmittel mehr benutzt hatte. Ihre Augen begrenzten tiefe Schatten, die farblosen Lippen waren nur noch zwei schmale Striche, die Mundwinkel hingen hilflos herunter. Innerhalb weniger Wochen hatte sie außerdem ihren Lebensmut total verloren. „Woher hast du eigentlich das Geld?“, fragte sie jetzt.
„Ehrlich verdient, Mama! Ich helfe zwei alten Frauen.“
„Zwei alten Frauen? Und wie heißen die?“
„Frau Müller und Frau Schulze.“ Sophie antwortete ohne eine Spur von Unsicherheit.
„Müller und Schulze?“
„Sind das etwa keine Namen?“ Das Mädchen umarmte die Mutter. „Mach dir keinen Stress. Wart nur mal das Ende der Ferien ab, dann wollen plötzlich alle wieder deine Puppen tanzen sehen.“ Sie nahm den Kaspar aus dem Regal, schob ihn über ihre rechte Hand.
„Lirum, larum, lut
Kaspar macht euch Mut
Lirum, larum lut
Dann wird alles gut.
Nun lach doch mal, Mama!“
Sophie umarmte die Mutter erneut und stieg die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf. Dort blieb sie länger als gewöhnlich vor dem Schrank stehen. Alexander legte viel Wert auf ihre Kleidung. Die kurze grüne Hose und das orangefarbene Spitzentop mit den Spaghettiträgern gefielen ihm am besten.
„Tschüss, Mama!“
„Gehst du zu Frau Müller oder Frau Meier?“
„Heute ist Tante Meier an der Reihe!“
„Hab ich mir gedacht.“
Meier? Sophie fasste sich an den Kopf. Scheiße!
Im Süden der Stadt fehlt dem Fluss die Lust, einfach schnurstracks geradeaus weiter zu fließen. Er nimmt sich Zeit, schickt die eine Hälfte des Wassers in die Wiesen und sammelt es erst wieder hinter den letzten Häusern ein. Hier kann wachsen, was will, wodurch „Paradiese“ für Liebespaare und Angler entstehen. Alexander wartete an der Brücke, über die vor Jahren noch eine Eisenbahn gerollt war und zeigte auf den schmalen Kiesweg, der in eines der „Paradiese“ führte. Sophie hielt sich unschlüssig an ihrem Fahrrad fest.
„Lass uns erst mal reden, Alex.“
„Okay. Reden wir. Gib das Thema vor und fang an. Hast du Probleme?“
„Nein. Das heißt ja. Felix ist wieder da.“
„Ich weiß.“
„Er hat mich angerufen.“
„Mich auch.“
„Wegen Spanien. Wir müssen uns abstimmen mit ihm.“
„Genau! Das hat Dr. Gärtner auch gemeint. Er will bei der Arbeit helfen.“
„Das weiß ich.“
„Der Gärtner hat total mehr Ahnung als wir.“
„Fragt sich nur wovon?“
„Wie viel Seiten hast du denn schon?“
„Einige.“
„Einige?“ Alexander schnaufte. „Einige klingt nicht gut.“
Sophie dachte nach. „Okay“, meinte sie nach einer Weile, „angenommen wir nehmen Gärtner mit ins Boot …“
„Der schiebt das Boot doch höchstens ab, Sophie. Diktiert ein paar Sätze, keine Sau wird das mitbekommen.“
„Aber …“, Sophie biss sich auf die Lippen.
„Was aber?“
„Was der Gärtner von den Kommunisten und so erzählt.“
„Stimmt Punkt genau, Sophie!“
„Ich weiß nicht. Und Felix?“
„Müssen wir überzeugen.“
Sophie biss wieder auf ihrer Lippe herum.
„Okay, fahren wir endlich?“ Alexander zeigte ungeduldig in Richtung Kiesweg.
„Im Moment geht mir nämlich der Spanische Bürgerkrieg total am Arsch vorbei.“ Er schwang sich auf sein Fahrrad.
Sophie zögerte. „Ich brauche einfach Zeit, verstehst du?“
Alexanders Blick verdunkelte sich. „Zeit brauchst du? Schon wieder? Ich höre Zeit, immer nur Zeit, Zeit. Zeit vergeht, verstehst du? Zeit ist keine konstante Größe wie die Erdbeschleunigung. Aber wie du willst.“
Er trat in die Pedale. „Time is money! Vergiss das bitte nicht.“
Sophie hätte am liebsten laut losgeheult. So ein Scheißkerl! Einmal hatte er ihr das Geld für die Miete schon gegeben und versprochen … Jetzt schreit er Zeit ist Geld. Will er mich kaufen? Kapiert er denn nicht endlich, dass ein Mädchen kein Waschautomat ist, den man nach Lust und Laune programmieren kann?
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