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Literatur
Spaniens Himmel breitet seine Sterne... oder
Ein Lied kehrt zurück – Folge 29
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
6.
Im Kreise von Erwachsenen sehnte Felix meist den Zeitpunkt herbei, wo er endlich „tschüss“ sagen konnte. Was die Alten erboste oder zum Lachen brachte, war einfach nicht „sein Ding“. Georg Silbermanns Wohnzimmer erreichte trotz der großen Fenster längst kein Sonnenstrahl mehr, und die Balkonblumen verloren langsam ihre Farbe. Felix langweilte sich immer noch nicht. Der alte Mann berichtete aus seinem Leben und vergangenen Zeiten. Seine Stimme verlor dabei nur selten ihren ruhigen gleichmäßigen Klang. Deutschland 1933, Belgien, Palästina, Spanien, Frankreich, Auschwitz... Länder und Städte bekamen Gesichter und Konturen, menschliche Schicksale verwoben sich untrennbar mit politischen Ereignissen. Kein einziges Mal strich Georg Silbermann eigene Verdienste besonders heraus, immer sprach er von den Internationalen Brigaden oder „wir Antifaschisten“.
„Und nach der Befreiung, wie lebten Sie dann?“, fragte Felix als der Redner eine Pause einlegte.
„Zunächst einmal ungeheuer auf. Du kannst dir nicht vorstellen, wie. Wir schliefen so wenig wie möglich, um ja nichts von dem zu verpassen, was uns solange verwehrt worden war. In Freiheit, Felix, fühlt man sich wie ein Vogel.“
„Und Sie wollten in den Osten Deutschlands fliegen?“
„Wohin sonst? Etwa nach Westdeutschland, wo die alten Nazis scharenweise rehabilitiert wurden, und wieder zu Ansehen und Macht gelangten!“
„Aber die Freiheit und sein Vogel?“, fragte Felix nach einer Weile.
Georg Silbermanns Augen irrten einen Moment ziellos im Raum umher, hefteten sich aber dann fest auf seinen Gast. „Ich habe dieses ostdeutsche Land geliebt, verstehst du, so wie es war, trotz seiner Fehler und Schwächen. Es bestand nicht nur aus Mauern, Stacheldraht und Staatssicherheit. Es gab im Gegenteil vieles, dem ich heute … ja, ich gebe es zu, sehr nachtraure. Der Arbeit für alle zum Beispiel. Es gab ein Recht auf Arbeit, gleiche Bildungschancen für alle, kostenlose gesundheitliche Versorgung … Und vieles mehr was gut war. Und das Geld war nicht das Maß aller Dinge …“
„Die Aluchips … Entschuldigung … Sind Sie … immer noch Kommunist?“
„Ja, und überzeugt, dass eines Tages, ich werde das sicher nicht mehr erleben, die Menschen, ich meine die Völker …“
Silbermann verhaspelte sich ein bisschen, und Felix erntete missbilligende Blicke von Frau Lukowschik. Er hob beide Hände. „Nur eine Frage noch. Wie wurden die ehemaligen Spanienkämpfer in der DDR behandelt?“
„Na wie schon!“
„Lass mal, Viola!“ Silbermann gab Frau Lukowschik ein Zeichen zu schweigen.
„Für ihren Einsatz in Spanien erhielten die Interbrigadisten in beiden deutschen Staaten die eigens für sie gestiftete Hans-Beimler-Medaille.“
„Walter Ulbricht auch?“
Silbermann lachte. „Wie kommst du ausgerechnet auf den? Ja, der erhielt auch diese Medaille, obwohl er nur drei Tage in Spanien gewesen war.“
„Im Mai oder im Dezember?“
„Ist das so wichtig?“
„Ja.“
Felix erzählte von seinem Gespräch mit Dr. Gärtner über Ulbricht. Der alte Mann zog die Stirn in Falten und zuckte mit den Schultern. Dafür erntete er dieses Mal missbilligende Blicke von Frau Lukowschik.
„Ich glaube nicht, Georg, dass es für Walter Ulbricht einen Grund gab, Dezember zu schreiben, wenn er im Mai in Barcelona war.“
„Glaube“, lächelte Silbermann, „ist die eine Seite. Unser junger Freund hier will aber nicht für die Katholische Kirche schreiben. Walter Ulbricht war im Dezember 1936 in Barcelona, das ist aktenkundig. Ich möchte noch etwas sagen. Oder besser zu erklären versuchen. Wie lebten und arbeiteten wir ehemaligen Spanienkämpfer in der DDR? Das wolltest du doch eigentlich wissen, nicht wahr?“
Georg Silbermann blickte an Felix vorbei zum Fenster.
„Wir waren ein Teil dieses Landes. Wir haben es mit aufgebaut. Und so lange es unsere Gesundheit zuließ, haben wir in Schulen, in Arbeitskollektiven, vor Jugendlichen über unsere Erlebnisse und Erfahrungen berichtet. Wir wollten, dass die Menschen sich für Frieden, Freiheit und Solidarität engagieren. Der Schwur von Buchenwald ›Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!‹ sollte Lebensmaxime der Menschen werden. Wenn ich heute zurück blicke, muss ich eingestehen, dass wir auch vieles falsch gemacht haben.“
„Ich höre das oft von älteren Menschen, aber niemand sagt warum. Warum diese Fehler?“
„Du stellst unbequeme Fragen, Felix. Das gefällt mir. Warum? War es falsch verstandene Parteidisziplin oder die Angst, dem Gegner unfreiwillig Munition gegen uns in die Hand zu geben? Der Kampf gegen den Faschismus hatte uns wahrlich nicht als Feiglinge gesehen. Aber wo war unser Mut, als unsere eigenen Kameraden verfolgt wurden? Die Journalisten Michael Kolzow und Maria Osten wurden in der Sowjetunion erschossen, mit Laslo Rajk fielen in Ungarn viele Interbrigadisten dem Wahn zum Opfer, André Simone und Franz Fatz und andere im Slansky-Prozeß in der CSSR, unser Willi Kreikemeier starb im Gefängnis. Franz Dahlem und Wilhelm Zeisser litten unter falschen Anschuldigungen. Die Liste der unschuldigen Opfer ist sehr lang, Felix. Warum haben wir zu allem geschwiegen? Und manche von uns tragen entsprechend ihren verantwortlichen Funktionen, die sie bekleideten, schwere moralische Schuld.“

Offiziersschule in Pozo Rubio
„Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück"/Pahl-Rugenstein Verlag
Der alte Mann bedeckte seine Augen mit der Hand.
„Hätten Sie denn den Mund aufmachen können?“
„Ich habe in der DDR beim Rundfunk gearbeitet. War sogar eine zeitlang Chefredakteur.“
Felix wiederholte seine Frage nicht. Ein paar Minuten herrschte Schweigen im Raum. Frau Lukowschik hatte in der Küche ein kleines Abendbrot vorbereitet. Während sie Teller und Bestecke auf dem Tisch verteilte, erkundigte sich Felix, wie sie in diesen Verein gekommen sei.
„Warum ich hier sitze? Das ist eine lange Geschichte.“
„Mich interessieren auch lange Geschichten.“
„Dolores Ibarruri hatte 1938 in Barcelona den Interbrigadisten zum Abschied zugerufen: Kommt wieder, wenn einst …“
Frau Lukowschik blickte Herrn Silbermann hilfesuchend an.
„Wenn einst die Blumen des Friedens verflochten mit den Siegeslorbeeren der spanischen Republik erblühen“, vollendete der den Satz und fügte nach kurzer Überlegung, „hier werdet ihr ein Vaterland finden“ hinzu.
„Danke Georg. Das spanische Parlament, die Cortes, beschloss einstimmig, den noch lebenden Interbrigadisten die spanische Staatsbürgerschaft anzutragen. Im November 1996 lud die spanische Regierung zu diesem Staatsakt ein. Auch mein Vater hat in den Reihen der Internationalen gekämpft. Weil er schon tot war, fuhren meine Mutter, mein Mann und ich nach Spanien. Was wir in Spanien damals erlebt haben … In den überfüllten Sporthallen von Madrid und Barcelona wurden wir mit Sprechchören empfangen, aber nicht nur dort schlug uns eine unvorstellbare Begeisterung entgegen. Tiefbewegt erlebten wir den Staatsakt in der Cortes. Die begeisternde Danksagung vieler Spanier für die Interbrigadisten motivierten uns. Das trug mit dazu bei, den Verein zu gründen.“
„Um regelmäßig in Spanien gefeiert zu werden? Sollte ein Scherz sein. Entschuldigung.“
„Das war kein guter Scherz.“ Silbermann ergriff wieder das Wort. „Nein, Felix, bestimmt nicht deshalb. Wir haben uns die Aufgabe gestellt, die Erinnerungen an die Ereignisse 1936-1939 wach zu halten und Verfälschungen aufzudecken. Ja, zum Beispiel solchen Verleumdungen, wie sie dieser Gärtner offenbar plant.“
Silbermann schlug sich gegen die Brust. „Denn wir waren dabei.“
Wenn man irgendwo dabei war, fragte sich Felix, kennt man dann die ganze Wahrheit? Er stellte diese Frage nicht, sondern wandte sich an Frau Lukowschik.
„Erzählen Sie bitte von ihrem Vater.“
„Zier dich nicht, Viola“, ermunterte sie Herr Machner.
„Na gut. Mein Vater lebte 1936 in Reichenberg. Diese Stadt lag in der damaligen Tschechoslowakei. Er war tschechoslowakischer Staatsbürger deutscher Nationalität und“, Frau Lukowschik betonte das besonders, „Kommunist. Seine Partei beschloss, der Spanischen Republik zu helfen. Eine Gruppe junger Genossen meldete bei einem tschechischen Reisebüro eine Fahrt nach Paris an, angeblich zum Besuch der Weltausstellung. Bei einer Kontrolle an der deutschfranzösischen Grenze mussten diejenigen, in deren Pass bei Nationalität deutsch stand, den Bus verlassen. Nach Protest des tschechoslowakischen Konsuls wurden sie freigelassen. Sie warteten nicht auf den nächsten Zug, sondern überschritten die Grenze zu Fuß und schlugen sich durch bis Paris.“
„Sprach Ihr Vater französisch?“
„Nein. Er war Kraftfahrer und konnte nur deutsch – und ein bisschen tschechisch.“
„Ich versuche mir das vorzustellen. Sie schlugen sich durch. Ohne Sprachkenntnisse...?“
Felix schüttelte ungläubig den Kopf.
Silbermann legte ihm freundschaftlich eine Hand auf die Schulter. „Ich glaube, dass ihr euch vieles nicht vorstellen könnt. Nicht, was die internationale Solidarität damals bedeutete. Wir haben sie täglich buchstäblich an Händen und Füßen gefühlt. Sie half nicht nur, alle Strapazen zu überwinden, sie beflügelte uns auch. Aber red weiter, Viola.“
„Von Paris ging es für meinen Vater nach Spanien, über Albacete direkt in die Schlacht am Jarama. Dort wurde er verwundet, kam ins Lazarett und besuchte anschließend eine Offiziersschule der republikanischen Armee. Ja, so was gab es. Dann zog er wieder in den Kampf. Bis zur Demobilisierung der Internationalen Brigaden im Oktober 1938. Zum 2. Einsatz im Januar 1939 hat er sich freiwillig gemeldet. Und als Frankreich endlich Ende Januar die Grenze für Flüchtlinge und später auch für Militärangehörige öffnete, kam er mit anderen Interbrigadisten in die französische Internierung. Von dort ließ man ihn scheinheilig in seine Heimatstadt ausreisen. Dort wurde er bereits auf dem Bahnhof verhaftet und anschließend von einem Gefängnis ins andere verschleppt. Seine Reise endete schließlich im KZ Sachsenhausen. Als die Befreiung des Lagers durch die Rote Armee bevorstand, schickte die SS die Lagerinsassen auf den Todesmarsch.“
„Darüber habe ich gelesen.“
„Viele starben unterwegs vor Hunger und durch die schießwütigen SS-Bestien. Meinem Vater aber gelang kurz vor Schwerin die Flucht.“
Online-Flyer Nr. 105 vom 25.07.2007
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Literatur
Spaniens Himmel breitet seine Sterne... oder
Ein Lied kehrt zurück – Folge 29
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
6.
Im Kreise von Erwachsenen sehnte Felix meist den Zeitpunkt herbei, wo er endlich „tschüss“ sagen konnte. Was die Alten erboste oder zum Lachen brachte, war einfach nicht „sein Ding“. Georg Silbermanns Wohnzimmer erreichte trotz der großen Fenster längst kein Sonnenstrahl mehr, und die Balkonblumen verloren langsam ihre Farbe. Felix langweilte sich immer noch nicht. Der alte Mann berichtete aus seinem Leben und vergangenen Zeiten. Seine Stimme verlor dabei nur selten ihren ruhigen gleichmäßigen Klang. Deutschland 1933, Belgien, Palästina, Spanien, Frankreich, Auschwitz... Länder und Städte bekamen Gesichter und Konturen, menschliche Schicksale verwoben sich untrennbar mit politischen Ereignissen. Kein einziges Mal strich Georg Silbermann eigene Verdienste besonders heraus, immer sprach er von den Internationalen Brigaden oder „wir Antifaschisten“.
„Und nach der Befreiung, wie lebten Sie dann?“, fragte Felix als der Redner eine Pause einlegte.
„Zunächst einmal ungeheuer auf. Du kannst dir nicht vorstellen, wie. Wir schliefen so wenig wie möglich, um ja nichts von dem zu verpassen, was uns solange verwehrt worden war. In Freiheit, Felix, fühlt man sich wie ein Vogel.“
„Und Sie wollten in den Osten Deutschlands fliegen?“
„Wohin sonst? Etwa nach Westdeutschland, wo die alten Nazis scharenweise rehabilitiert wurden, und wieder zu Ansehen und Macht gelangten!“
„Aber die Freiheit und sein Vogel?“, fragte Felix nach einer Weile.
Georg Silbermanns Augen irrten einen Moment ziellos im Raum umher, hefteten sich aber dann fest auf seinen Gast. „Ich habe dieses ostdeutsche Land geliebt, verstehst du, so wie es war, trotz seiner Fehler und Schwächen. Es bestand nicht nur aus Mauern, Stacheldraht und Staatssicherheit. Es gab im Gegenteil vieles, dem ich heute … ja, ich gebe es zu, sehr nachtraure. Der Arbeit für alle zum Beispiel. Es gab ein Recht auf Arbeit, gleiche Bildungschancen für alle, kostenlose gesundheitliche Versorgung … Und vieles mehr was gut war. Und das Geld war nicht das Maß aller Dinge …“
„Die Aluchips … Entschuldigung … Sind Sie … immer noch Kommunist?“
„Ja, und überzeugt, dass eines Tages, ich werde das sicher nicht mehr erleben, die Menschen, ich meine die Völker …“
Silbermann verhaspelte sich ein bisschen, und Felix erntete missbilligende Blicke von Frau Lukowschik. Er hob beide Hände. „Nur eine Frage noch. Wie wurden die ehemaligen Spanienkämpfer in der DDR behandelt?“
„Na wie schon!“
„Lass mal, Viola!“ Silbermann gab Frau Lukowschik ein Zeichen zu schweigen.
„Für ihren Einsatz in Spanien erhielten die Interbrigadisten in beiden deutschen Staaten die eigens für sie gestiftete Hans-Beimler-Medaille.“
„Walter Ulbricht auch?“
Silbermann lachte. „Wie kommst du ausgerechnet auf den? Ja, der erhielt auch diese Medaille, obwohl er nur drei Tage in Spanien gewesen war.“
„Im Mai oder im Dezember?“
„Ist das so wichtig?“
„Ja.“
Felix erzählte von seinem Gespräch mit Dr. Gärtner über Ulbricht. Der alte Mann zog die Stirn in Falten und zuckte mit den Schultern. Dafür erntete er dieses Mal missbilligende Blicke von Frau Lukowschik.
„Ich glaube nicht, Georg, dass es für Walter Ulbricht einen Grund gab, Dezember zu schreiben, wenn er im Mai in Barcelona war.“
„Glaube“, lächelte Silbermann, „ist die eine Seite. Unser junger Freund hier will aber nicht für die Katholische Kirche schreiben. Walter Ulbricht war im Dezember 1936 in Barcelona, das ist aktenkundig. Ich möchte noch etwas sagen. Oder besser zu erklären versuchen. Wie lebten und arbeiteten wir ehemaligen Spanienkämpfer in der DDR? Das wolltest du doch eigentlich wissen, nicht wahr?“
Georg Silbermann blickte an Felix vorbei zum Fenster.
„Wir waren ein Teil dieses Landes. Wir haben es mit aufgebaut. Und so lange es unsere Gesundheit zuließ, haben wir in Schulen, in Arbeitskollektiven, vor Jugendlichen über unsere Erlebnisse und Erfahrungen berichtet. Wir wollten, dass die Menschen sich für Frieden, Freiheit und Solidarität engagieren. Der Schwur von Buchenwald ›Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!‹ sollte Lebensmaxime der Menschen werden. Wenn ich heute zurück blicke, muss ich eingestehen, dass wir auch vieles falsch gemacht haben.“
„Ich höre das oft von älteren Menschen, aber niemand sagt warum. Warum diese Fehler?“
„Du stellst unbequeme Fragen, Felix. Das gefällt mir. Warum? War es falsch verstandene Parteidisziplin oder die Angst, dem Gegner unfreiwillig Munition gegen uns in die Hand zu geben? Der Kampf gegen den Faschismus hatte uns wahrlich nicht als Feiglinge gesehen. Aber wo war unser Mut, als unsere eigenen Kameraden verfolgt wurden? Die Journalisten Michael Kolzow und Maria Osten wurden in der Sowjetunion erschossen, mit Laslo Rajk fielen in Ungarn viele Interbrigadisten dem Wahn zum Opfer, André Simone und Franz Fatz und andere im Slansky-Prozeß in der CSSR, unser Willi Kreikemeier starb im Gefängnis. Franz Dahlem und Wilhelm Zeisser litten unter falschen Anschuldigungen. Die Liste der unschuldigen Opfer ist sehr lang, Felix. Warum haben wir zu allem geschwiegen? Und manche von uns tragen entsprechend ihren verantwortlichen Funktionen, die sie bekleideten, schwere moralische Schuld.“

Offiziersschule in Pozo Rubio
„Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück"/Pahl-Rugenstein Verlag
Der alte Mann bedeckte seine Augen mit der Hand.
„Hätten Sie denn den Mund aufmachen können?“
„Ich habe in der DDR beim Rundfunk gearbeitet. War sogar eine zeitlang Chefredakteur.“
Felix wiederholte seine Frage nicht. Ein paar Minuten herrschte Schweigen im Raum. Frau Lukowschik hatte in der Küche ein kleines Abendbrot vorbereitet. Während sie Teller und Bestecke auf dem Tisch verteilte, erkundigte sich Felix, wie sie in diesen Verein gekommen sei.
„Warum ich hier sitze? Das ist eine lange Geschichte.“
„Mich interessieren auch lange Geschichten.“
„Dolores Ibarruri hatte 1938 in Barcelona den Interbrigadisten zum Abschied zugerufen: Kommt wieder, wenn einst …“
Frau Lukowschik blickte Herrn Silbermann hilfesuchend an.
„Wenn einst die Blumen des Friedens verflochten mit den Siegeslorbeeren der spanischen Republik erblühen“, vollendete der den Satz und fügte nach kurzer Überlegung, „hier werdet ihr ein Vaterland finden“ hinzu.
„Danke Georg. Das spanische Parlament, die Cortes, beschloss einstimmig, den noch lebenden Interbrigadisten die spanische Staatsbürgerschaft anzutragen. Im November 1996 lud die spanische Regierung zu diesem Staatsakt ein. Auch mein Vater hat in den Reihen der Internationalen gekämpft. Weil er schon tot war, fuhren meine Mutter, mein Mann und ich nach Spanien. Was wir in Spanien damals erlebt haben … In den überfüllten Sporthallen von Madrid und Barcelona wurden wir mit Sprechchören empfangen, aber nicht nur dort schlug uns eine unvorstellbare Begeisterung entgegen. Tiefbewegt erlebten wir den Staatsakt in der Cortes. Die begeisternde Danksagung vieler Spanier für die Interbrigadisten motivierten uns. Das trug mit dazu bei, den Verein zu gründen.“
„Um regelmäßig in Spanien gefeiert zu werden? Sollte ein Scherz sein. Entschuldigung.“
„Das war kein guter Scherz.“ Silbermann ergriff wieder das Wort. „Nein, Felix, bestimmt nicht deshalb. Wir haben uns die Aufgabe gestellt, die Erinnerungen an die Ereignisse 1936-1939 wach zu halten und Verfälschungen aufzudecken. Ja, zum Beispiel solchen Verleumdungen, wie sie dieser Gärtner offenbar plant.“
Silbermann schlug sich gegen die Brust. „Denn wir waren dabei.“
Wenn man irgendwo dabei war, fragte sich Felix, kennt man dann die ganze Wahrheit? Er stellte diese Frage nicht, sondern wandte sich an Frau Lukowschik.
„Erzählen Sie bitte von ihrem Vater.“
„Zier dich nicht, Viola“, ermunterte sie Herr Machner.
„Na gut. Mein Vater lebte 1936 in Reichenberg. Diese Stadt lag in der damaligen Tschechoslowakei. Er war tschechoslowakischer Staatsbürger deutscher Nationalität und“, Frau Lukowschik betonte das besonders, „Kommunist. Seine Partei beschloss, der Spanischen Republik zu helfen. Eine Gruppe junger Genossen meldete bei einem tschechischen Reisebüro eine Fahrt nach Paris an, angeblich zum Besuch der Weltausstellung. Bei einer Kontrolle an der deutschfranzösischen Grenze mussten diejenigen, in deren Pass bei Nationalität deutsch stand, den Bus verlassen. Nach Protest des tschechoslowakischen Konsuls wurden sie freigelassen. Sie warteten nicht auf den nächsten Zug, sondern überschritten die Grenze zu Fuß und schlugen sich durch bis Paris.“
„Sprach Ihr Vater französisch?“
„Nein. Er war Kraftfahrer und konnte nur deutsch – und ein bisschen tschechisch.“
„Ich versuche mir das vorzustellen. Sie schlugen sich durch. Ohne Sprachkenntnisse...?“
Felix schüttelte ungläubig den Kopf.
Silbermann legte ihm freundschaftlich eine Hand auf die Schulter. „Ich glaube, dass ihr euch vieles nicht vorstellen könnt. Nicht, was die internationale Solidarität damals bedeutete. Wir haben sie täglich buchstäblich an Händen und Füßen gefühlt. Sie half nicht nur, alle Strapazen zu überwinden, sie beflügelte uns auch. Aber red weiter, Viola.“
„Von Paris ging es für meinen Vater nach Spanien, über Albacete direkt in die Schlacht am Jarama. Dort wurde er verwundet, kam ins Lazarett und besuchte anschließend eine Offiziersschule der republikanischen Armee. Ja, so was gab es. Dann zog er wieder in den Kampf. Bis zur Demobilisierung der Internationalen Brigaden im Oktober 1938. Zum 2. Einsatz im Januar 1939 hat er sich freiwillig gemeldet. Und als Frankreich endlich Ende Januar die Grenze für Flüchtlinge und später auch für Militärangehörige öffnete, kam er mit anderen Interbrigadisten in die französische Internierung. Von dort ließ man ihn scheinheilig in seine Heimatstadt ausreisen. Dort wurde er bereits auf dem Bahnhof verhaftet und anschließend von einem Gefängnis ins andere verschleppt. Seine Reise endete schließlich im KZ Sachsenhausen. Als die Befreiung des Lagers durch die Rote Armee bevorstand, schickte die SS die Lagerinsassen auf den Todesmarsch.“
„Darüber habe ich gelesen.“
„Viele starben unterwegs vor Hunger und durch die schießwütigen SS-Bestien. Meinem Vater aber gelang kurz vor Schwerin die Flucht.“
Online-Flyer Nr. 105 vom 25.07.2007
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